Kritik an Rennspielen Drängeln, rammen, rasen

Illegale Straßenrennen, Tuning und spektakuläre Crashs - für diese Zutaten lieben Fans Rennspiele wie "Burnout" oder "Need for Speed Underground". Ein Münchner Psychologe fürchtet nun, die Games könnten Spieler auch auf realer Straße zu Rasern und Dränglern machen.


"Burnout": Crashs machen für viele die Faszination aus

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Shooter-Spiele stehen bei einigen Forschern schon lange unter Generalverdacht, aggressiv und dumm zu machen. Jetzt geraten auch Street Racing Games wie "Need for Speed Underground" oder "Burnout" in die Kritik. Die Rennen in virtuellen Städten, bei denen die Spieler rote Ampeln überfahren und Konkurrenten von der Straße drängen, könnten vor allem bei Jugendlichen einen Hang zu waghalsigen Fahrmanövern auslösen, fürchtet der Diplom-Psychologe Jörg Kubitzki vom Allianz Zentrum für Technik (AZT). Er fordert deshalb strengere Altersbeschränkungen.

"Die Philosophie dieser Spiele belohnt das Brechen von Regeln sowie ein zu Gewalt neigendes Verhalten. Sie sind daher kein Kinderspielzeug und sollten nicht an Jugendliche unter 16 Jahren verkauft werden", sagte Kubitzki in einem Interview mit der Deutschen Presseagentur. Der Psychologe hatte in einem Pilotprojekt 657 junge Männer zwischen 13 und 17 Jahren befragt. Mehr als drei Viertel von ihnen spielten Rennspiele, und viele waren besonders von hohen Geschwindigkeiten und spektakulären Crashs fasziniert.

Zwar betonte Kubitzki gegenüber SPIEGEL ONLINE den Pilotcharakter der Studie: Aufgrund der Ergebnisse könne man noch keine gesicherten Schlüsse ziehen. "Es gibt aber erste Hinweise, dass Jugendliche, die intensiv Rennspiele spielen, sich im Straßenverkehr eher unangepasst verhalten." Sozialpsychologen der Universität München wollen nun auf den Ergebnissen aufbauend weiterforschen.

Kubitzki sagte, er wolle mit seiner Studie auch eine öffentliche Debatte anstoßen: "Alle Welt redet von Shooter-Spielen. Es gibt auch Gewalt in Computerspielen, die sich subtiler darstellt." Als problematisch sieht er vor allem an, dass Rennspiele schon für viele zehnjährige Kinder die Hauptbeschäftigung in der Freizeit seien. In diesem Alter müsse man ihnen jedoch vielmehr die Grundlagen der Verkehrserziehung und defensives Fahren näherbringen. "Spiele wie 'Need for Speed Underground' tragen dazu bei, dass das soziale Klima auf der Straße kälter wird."

Strengere Altersgrenzen kontraproduktiv?

"Need for Speed Underground": Hang zur Raserei virtuell ausleben

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Johannes Fromme, Professor für erziehungswissenschaftliche Medienforschung an der Universität Magdeburg, bezweifelt, dass Street Racing Games tatsächlich zum aggressiven Fahren verleiten. "Das ist nur eine neue Variante der Diskussion, die um Shooter-Spiele geführt wird: Nimmt der Spieler aus der virtuellen Welt etwas mit, das ihn dazu bringen könnte, die Regeln in der Realität nicht einzuhalten?" Dass Computerspiele die Persönlichkeit langfristig verändern, sei aber noch nie empirisch bewiesen worden.

Eine strengere Altersfreigabe ist Frommes Ansicht nach allein schon deshalb kontraproduktiv, weil sie den Reiz des Verbotenen erhöht. "Viele Jugendliche finden es spannend, Regeln zu übertreten - zum normalen Prozess der Identitätsentwicklung gehört das oftmals dazu." Das erkläre möglicherweise auch die Begeisterung für die Crash-Games. Außerdem sei es allemal ungefährlicher, wenn die Spieler ihren Hang zur Raserei virtuell ausleben als in der Realität.

Skeptisch äußerte sich auch Peter Gerstenberger, Leiter des Vereins Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle (USK), der die Alterseinstufung von Computerspielen vornimmt. Gegenüber der dpa sagte er: "Was machen denn Kinder anders, die mit ihren Spielzeugautos auf dem Teppich Unfälle nachspielen? Das ist ein vergleichbares Verhalten."

Angelika Unger

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