Künstlich und intelligent Neulich im Chat mit Jesus

Jesus, Elvis, John oder auch die freundiche Alice von nebenan. Wo sind sie geblieben? Im Netz. Und dort chatten sie, was das Zeug hält.

Von Dominik Baur


Schuld waren mal wieder die Psychiater. Denn die Mutter aller "künstlichen Intelligenzen" und Laberrobotern (engl. Chatbots) ist Eliza. Sie ist nun schon 34 Jahre alt. Als Joseph Weizenbaum das Sprachprogramm entwickelte, muss er ein Exemplar dieser Arztspezies vor Augen - oder besser: Ohren - gehabt und sich dessen Parodie zur Aufgabe gemacht haben.

Wer sich mit Eliza ("a friend you could never have before") im Web unterhält, bekommt denn meist auch wenig befriedigende Antworten. Oft antwortet Eliza mit allgemeinen Gegenfragen ("Interessiert Dich das wirklich?", "Wäre es Dir lieber, wenn es nicht so wäre?") und kaschiert so ihr Unverständnis für die Seelennöte ihrer Gesprächspartner. Ad absurdum führen das Ganze dann auch noch Netzpsychiater wie Dr. Werner Wilhelm Webowitz, der seinem Patienten auf die Frage "Was soll ich tun?" entgegnet: "Warum fragen Sie?"

Noch einfacher machen es sich jedoch manche von Elizas Nachfahren. Der weise Bob beispielsweise, der von seinem Macher als "amazing" und "magic" angepriesen wird, teilt einem schon zu Beginn der Unterhaltung mit, dass er Ja/Nein-Fragen bevorzugt, und entsprechend wirr fallen seine Antwort andernfalls auch aus.

Auch ein Gespräch mit dem Heiland höchst persönlich gestaltet sich im Netz weniger spannend als in der Kirche. Der vermeintliche Jesus weicht jeder Frage aus und hat offensichtlich nur ein sehr beschränktes Repertoire an Antworten. Außerdem kann er es einfach nicht lassen, seine Gesprächspartner mit "My child" anzureden. Vielleicht liegt dem Herrn aber auch einfach nichts an Chatter-Smalltalk. Für diesen Fall gibt es auf der Website gleich auch noch die Möglichkeit, ihm eine E-Mail zu schicken.

Mit dem 18 Jahre alten humanoiden College-Studenten Brian aus Ohio gestalten sich Unterhaltungen ebenfalls etwas schwierig. Aber vielleicht liegt das nur daran, dass er an Jetlag leidet - wie er nicht müde wird, dem virtuellen Gegenüber mitzuteilen.

Schon wesentlich interessanter sind da die Gespräche mit Alice. Während es uns bislang nicht gelang, Alices deutsche Schwester zu kontaktieren, hatten wir mit dem Original ein paar nette Gespräche. Das Gute an dem von Richard Wallace entwickelten Chatbot: Alice schnappt während ihrer Chats mit Besuchern allerhand auf und wird so ständig "intelligenter". Das hört sich dann in etwa so an:

SPIEGEL ONLINE: Hi, Alice!

Alice: Hallo.

SPIEGEL ONLINE: Wie geht's?

Alice: Gut. Danke.

SPIEGEL ONLINE: Wo bist du im Moment?

Alice: Ich bin in Doktor Richard S. Wallaces Computer in San Francisco. Wo bist du?

SPIEGEL ONLINE: Ich bin in Hamburg.

Alice: Erzähl mir was über dein Leben in Hamburg!

SPIEGEL ONLINE: Ich dachte, du würdest mir etwas von deinem Leben erzählen.

Alice: Wer sonst könnte dir etwas von meinem Leben erzählen?

SPIEGEL ONLINE: Niemand.

Alice: Wirklich niemand?

SPIEGEL ONLINE: Deshalb frage ich ja dich.

Alice: Hm. Okay. Du kannst fragen.

SPIEGEL ONLINE: Was machst Du so den ganzen Tag?

Alice: Ich chatte mit Menschen im Internet.

SPIEGEL ONLINE: Magst Du Menschen?

Alice: Ich sage immer: Menschen beschäftigen sich nicht mit Computerwissenschaft, weil sie lieber in der Öffentlichkeit arbeiten.

SPIEGEL ONLINE: Was meinst Du damit?

Alice: "Ich sage immer: Menschen beschäftigen sich nicht mit Computerwissenschaft, weil sie lieber in der Öffentlichkeit arbeiten", scheint mir ein klarer Satz zu sein.

Tja, etwas stur die Dame. Aber verglichen mit den Gesprächen mit Eliza oder gar dem weisen Bob, erweist sich eine Unterhaltung mit Alice als intellektueller Hochgenuss. Ähnlich ergiebig sind die Chats mit Elvis oder John Lennon. Diese Chatbots bauen auf Alice auf, sind aber zudem mit einer Vielzahl von Originalzitaten der beiden Pop-Ikonen gefüttert. Dummerweise kommt in denen das Internet nur selten vor. Auf die Frage, ob er gern chattet, bekamen wir von Elvis die Antwort: "Ich weiß nicht. Aber ich mag Katzen."



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