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Kulturschätze: Europa öffnet die Archive

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Mit viel Tamtam geht am Donnerstag das europäische digitale Archiv Europeana online. Das Projekt führt die Bestände von Nationalbibliotheken, zahllosen Museen und Archiven zusammen und will vor allem eines: Der Googelisierung der Kultur im Web etwas entgegensetzen.

Als im Oktober 2004 die Google-Gründer Sergey Brin und Larry Page auf der Frankfurter Buchmesse eine Pressekonferenz gaben, sorgten sie nicht nur bei Verlegern für reichlich Nervosität, sie weckten auch anderenorts schlafende Hunde: Ihr Plan, durch das Einscannen von Millionen Büchern auch die kulturellen Reichtümer der gedruckten Welt zu vergoogeln, rief umgehend Warner auf den Plan. Insbesondere in Frankreich und Deutschland wurden Befürchtungen laut, die drohende Allgegenwart englischsprachiger Quellen könne die akademischen wie kulturellen Errungenschaften aus anderen Sprachen schlicht ersticken.

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Ungewöhnlich schnell reagierte die Europäische Gemeinschaft auf diese vermeintliche Bedrohung. Bereits seit Anfang des Millenniums hatte sie das sogenannte TEL-Projekt mitfinanziert ("The European Library"), das irgendwann die Katalogschnittstellen von 47 Nationalbibliotheken integrieren sollte. Jeder Europäer sollte von überall her und jederzeit in den Katalogen der Bestände stöbern können.

Jetzt wurde klar, dass das kaum genug sein würde. Die European Library bot und bietet nicht viel mehr als eine zentrale Schnittstelle zu den bekannten Opac-Katalogen. Im Gegensatz zu den im gleichen Jahr öffentlich gemachten Google-Angeboten, die den unkomplizierten Sofort-Zugriff auf Quellen möglich machen, sah man dort nur, dass es irgendwo etwas gab, was man sich vielleicht mal anschauen könnte. Im günstigsten Fall konnte man solche Quellen dann bestellen, im ungünstigsten Fall auch noch gegen Zahlung. Ein toller Service für Studenten, Forscher und andere Akademiker - nicht aber für Otto Normalsurfer.

Im Juli 2007 hob die EU-Kommission ein weit ambitionierteres Projekt aus der Taufe. Die Europeana soll Europas kulturelle Schätze endlich in Web- und zeitgerechter Form erschließen - durch einen direkten digitalen Zugriff. Heute soll EU-Kommissarin Viviane Reding den symbolischen Knopf drücken und damit den Zugriff freigeben auf bisher rund drei Millionen digitale Dokumente - von Faksimiles historisch bedeutender Musiknotationen aus Komponistenhand über frühe filmische Meilensteine und Tonaufnahmen, berühmte Fotografien, über Buchklassiker bis hin zur "Mona Lisa". Der, sagt Reding, könne nun auch der irische Kunstliebhaber nahe kommen, "ohne im Louvre anstehen zu müssen".

Boskoop-Äpfel gegen Weintrauben

Das alles, zeigen sich EU-Vertreter überzeugt, sei Klassen besser als das Google-Scan-Fast-Food. Schließlich fließen hier die Sammlungen aus über tausend Museen vom Louvre bis zum Rijksmuseum in Amsterdam in den Fundus ein, schließlich bedient Europeana seine Besucher gleich in 23 Sprachen.

Darauf darf man gespannt sein - auch wenn der Vergleich zwischen dem, was via Google und Co. frei über das Web verfügbar ist und den Beständen der Europeana letztlich reichlich schräg ist. Europeana ist der Klasse verpflichtet, Google der Masse. Die aber hat das EU-Projekt trotz der so mächtig erscheinenden Zahl ihrer bereits digitalisierten Bestände noch nicht zu bieten: Die Europeana wird ein Work in Progress, sie ist ein respektabler Rumpf, nicht mehr.

Denn drei Millionen Werke entsprechen gerade einmal einem Prozent der Bestände der teilnehmenden Partner, in vier Jahren will man vier Prozent erfasst haben. Mehr dürfte kaum drin sein: Die Europeana verfügt über ein Jahresbudget von gerade einmal 2,5 Millionen Euro, 14 Vollzeitkräfte arbeiten daran, Europas Kulturschätze ins digitale Zeitalter zu heben. Jeder Vergleich mit Google verbietet sich da von selbst: 2,5 Millionen Euro entsprechen da wahrscheinlich gerade dem täglichen Zinsaufkommen aus der Kaffeekasse. Bisher sollen laut Google allein in der Book Search rund sieben Millionen Bücher vollständig erfasst sein.

Das alles schmälert die Verdienste des europäischen Versuchs nicht. Wenn man darauf verzichtet, fette Boskoop-Äpfel (Google) mit zierlichen Weintrauben (Europeana) zu vergleichen, dann wird das klar. Google digitalisiert alles, was von den Verlagen nicht verweigert wird. Die Europeana will Schätze heben. Das ist wie der Vergleich von Youtube-Teenie-Clips mit den filmhistorischen Schätzen bei Archive.org. Es ist U- versus E-Kultur, Unterhaltung gegen Anspruch. Natürlich mit mitunter fließenden Grenzen, weil bei Google eben auch Herman Melville neben Muriel Maddox steht.

Das aber macht den Wesensunterschied klar: Google und Co. bieten bunte Wundertüten, aus denen man eigenen Kriterien folgend auswählt. Europeana aber will Sammlungen erschließen, denen definierten Kriterien folgend Wert zugemessen wird. Inzwischen sagen auch EU-Vertreter, es gehe nicht um Konkurrenz, sondern darum, mit Europeana das zu ergänzen, was das Web zu bieten habe.

Wie gesagt: Man darf gespannt sein.

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