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18. Januar 2007, 09:50 Uhr

Kunst und Kommerz

Kohle machen mit Netz-Videos

Von Helmut Merschmann

Es geht auch ohne die "MyVideo-Show" auf Sat1: Filmemacher entdecken Videoportale und lassen sich an den Werbeerlösen beteiligen. Die Einnahmen bleiben überschaubar: Werbetreibende mögen Videocommunites nicht besonders.

Anfang der achtziger Jahre mischte "Die Tödliche Doris" die Westberliner Kunstszene auf. Die Künstlertruppe produzierte avantgardistische Musik, schräge Performances und Super-8-Filme. Tödliche-Doris-Gründer Wolfgang Müller wirkte auch an einem Festival namens "Geniale Dilettanten" mit, durch das Musikzertrümmerer wie die Einstürzenden Neubauten, aber auch Love-Parade-Erfinder Dr. Motte und DJ Westbam bekannt wurden.

Heute, 25 Jahre später, hat sich vieles von dem verwirklicht, was "Die Tödliche Doris" schon damals propagiert und Neue-Welle-Bands wie Ideal besungen haben: "In meinem Film bin ich der Star". Statt eines elitären Künstlerzirkels stürmt nun allerdings eine breite Massenbewegung die Videoportale und platziert eigene Werke ins Regal. Ob genial oder dilettantisch – das liegt im Auge des Betrachters. Hauptsache eines stellt sich ein: die sprichwörtlichen fünfzehn Minuten Ruhm.

Bei YouTube finden sich auch alte Videos der "Tödlichen Doris". Ein Fan hat sie digitalisiert und ins Netz gestellt, manche sogar eigens nachvertont. "Ich will da kein Copyright beanspruchen", sagt Wolfgang Müller, "sondern finde es interessant, dass Zwanzigjährige heute die "Tödliche Doris" wieder entdecken." Das Remixen durch Dritte nimmt Müller gelassen, bietet sogar das komplette musikalische Œuvre zum kostenlosen Download an – allerdings nur für private Zwecke.

Hingegen ist es für unbekannte Filmemacher mit hoch fliegenden Ambitionen sehr schwierig, in der anonymen Masse bei YouTube, Google Video oder MyVideo aufzufallen. Zwar zeigen längst Kurzfilmfestivals Interesse an Filmen aus dem Internet. Doch erste Adresse sind die großen Portale für Filmemacher nicht. Zu viel Pleiten, Pech und Pannen. "Da gibt es zu viel Schrott", erklärt Eckhard M. Jäger, Organisator des Internetfestivals Webcuts. Viele wollten mit den Wackelfilmchen nicht in Verbindung gebracht werden. Infolgedessen bemüht sich sein Festival mithilfe von Jurys um eine möglichst gute Vorauswahl.

Mit den eigenen Streifen Geld verdienen

Auch Videoportale wie Revver, Blip.tv und Eefoof akzeptieren nicht jeden beliebigen Trash. Sie selektieren. Im Gegenzug beteiligen sie Filmemacher mit fünfzig Prozent an den Erlösen durch Werbung. Nicht die einzelne Sichtung, sondern direkte Clicks auf die Werbung am Ende eines Videos bringen das Geld ein. Die Videoplattform Panjea beteiligt Content-Lieferanten sogar mit 85 Prozent an den Erlösen. Dagegen verlangt Lulu.tv erst einmal 14,95 Dollar von den Filmern und schüttet achtzig Prozent aller Einnahmen unter der Top-10 der am meisten gesichteten Videos wieder aus.

Das kann sich lohnen. Als Fritz Grobe und Stephen Voltz letztes Jahr ihre "Diet Coke Mentos"-Videos statt bei Google Video bei Revver (Motto: Was, wenn Kreativität sich auszahlt?) platzierten, kam es zu einem netztypischen Hype. Tausende wollte die Streifen sehen, in denen die beiden mit Pfefferminz-Bonbons einige Cola-Flaschen zum Überschäumen bringen. Doch nicht nur das. Auf die beiden Künstler prasselte ein warmer Geldregen nieder. Nach Angaben von Revver wurden mehr als 30.000 Dollar eingenommem und mit den Filmemachern brüderlich geteilt.

Videonauten, die ihre Streifen bei Metacafé unterbringen, partizipieren ebenso am Gewinn. Werke, die "das gewisse Etwas haben, um Menschen zu unterhalten", verdienen pro tausend Sichtungen fünf Dollar. Im Gegenzug müssen die Produzenten den Plattformbetreibern erlauben, die Videos "ganz oder in Auszügen" zu Promotionszwecken nutzen zu dürfen. In der Top-Ten bei Metacafe rangiert momentan "Reel Stunts" auf Platz 1 mit über 25.000 Dollar Einspiel, gefolgt von "massagenerd" mit mehr als 22.000 Dollar.

Allzu viel Geld dürfte jedoch auch in Zukunft nicht an die Filmemacher fließen, denn die Werbebranche zeigt sich zurückhaltend gegenüber User generated Content. Laut einer Studie von Screen Digest werden Portale wie YouTube und MySpace nur einen relativ geringen Teil der Werbegelder kassieren, die für Online-Videowerbung insgesamt ausgegeben werden. Bis 2010 soll der Anteil lediglich 15 Prozent betragen, glauben die Analysten, und bei 875 Millionen Dollar liegen.

Fünfstellige Einspielergebnisse für Top-Videos hält Netzvideo-Spezialist Bertram Gugel für Ausnahmefälle. "Nur wenige verdienen viel Geld, die meisten gar nichts." Gugel betreibt ein News-Blog mit Neuigkeiten aus der Videoszene. Er ist überzeugt, dass sich die Bezahl-Portale mehr um das Mittelfeld kümmern sollten: "Es kommt darauf an, dass es den Portalen gelingt, eine Mittelschicht zu schaffen." Denn das Hauptproblem ist noch immer ungelöst: Wie schaffe ich es, dass möglichst viele Leute meine Clips sehen?

Eine Antwort scheint auch die Syndikations-Plattform Brightcove nicht parat zu haben. Dort kann jeder einen eigenen Web-Videokanal einrichten und vom großen professionellen Netzwerk profitieren, an dem zum Beispiel der Nachrichtendienst Reuters, MTV Networks und die Warner-Gruppe angeschlossen sind. Wie denen allerdings die eigenen Meisterwerke im ganzen Video-Wust auffallen sollen, ist weiterhin ungeklärt. Inzwischen klagt die Video-Community darüber, dass sich die Portale vor allem um Werbekunden kümmern, nicht aber um die Bewerbung der eigenen Inhalte. Filmemachern muss der Geniestreich gelingen, neben einem passablen Werk die interessierten Zuschauer gleich mitzuliefern.

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