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Acht Kurzporträts: So sehen Blogger aus

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Im Netz zu Hause: Acht deutsche Blogger haben uns verraten, was sie antreibt, wie viel Zeit sie investieren und wie sie mit fiesen Kommentaren umgehen. Manche haben internationale Trends gesetzt, viele im Netz Freunde gewonnen - und einer kann vom Bloggen gut leben.

Anna Weiss, "Posters of Berlin"

Was in Berlin an Plakaten herumhängt, zeigt "Posters of Berlin" der Welt. Die Designerin Anna Weiss dokumentiert mit ihren Fotos seit einem Jahr das Stadtleben. Ursprünglich wollte Weiss die Poster nur als Designanregung für sich selbst sammeln - nun lässt sie sich vom Feedback ihrer Leser anspornen.

Fünf bis zehn Stunden in der Woche nimmt das Blog in Anspruch, vom Fotografieren über das Bearbeiten bis hin zum Kontakt mit der Community. "Andere Blogger kennenzulernen, ist eine tolle Erfahrung", sagt Weiss. Besonders freut sie sich über die Blogger, die ihre Idee auf andere Städte übertragen haben: "Mittlerweile gibt es 'Posters of Melbourne', 'Posters of Manchester' und 'Posters of Newcastle'!"

Ihre Lieblingsblogs: "Graphic Porn" zur Designinspiration, außerdem Einblicke in die Arbeit von zwei ihrer ehemaligen Kommilitonen: "Christowski Blog" und "Das Alltagsprotokoll".

Typische Einträge:

Carsten Knobloch, "Caschys Blog"

Mit rund 1,3 Millionen Besuchern im Monat ist Carsten Knobloch einer der erfolgreichsten deutschsprachigen Blogger. Seit acht Jahren schreibt er über neue Technik - unter der sehr untechnisch klingenden Adresse "stadt-bremerhaven.de". "Das Bloggen ist das Beste, was mir passiert ist", sagt Knobloch. "Ich habe den ganzen Tag mit spannenden Themen zu tun, darf zusätzlich in sozialen Netzwerken mit Menschen agieren - und dies alles von zu Hause, aus meinem Arbeitszimmer."

Für ihn ist das Bloggen ein Job: "Ein 14-Stunden-Tag ist keine Seltenheit", sagt Knobloch. Mittlerweile kann er von seinem Blog leben - und bezahlt außerdem zwei freie Mitarbeiter. Ärger hatte er mit einer Abmahnung, weil er das Urheberrecht bei einem Bild nicht beachtet hat. "Das ist natürlich eigene Doofheit. Es hätte mich wesentlich weniger geärgert, hätte es sich nicht um jemanden gehandelt, der Abmahnungen als Geschäftsfeld nutzt."

Seine Lieblingsblogs will er lieber nicht verraten, am Ende vergisst er noch jemanden. "Ich lese viele private Blogs gerne, weil ich Menschen mag, die etwas von sich preisgeben, die Aspekte ihres Lebens mit mir teilen."

Typische Einträge:

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Foto: Daniel Hischer

Teresa Bücker, "flannel apparel"

Schreiben über Herzensangelegenheiten, das macht für Teresa Bücker Blogs aus. Sie arbeitet bei der SPD-Bundestagsfraktion als Social-Media-Expertin, auf "flannel apparel" bloggt sie privat. Ihr geht es vor allem um den Dialog: Sie schreibt, um Gedanken zu teilen und gemeinsam weiterdenken zu können. Aktuell geht es vor allem um feministische Perspektiven und Politik in der digitalen Gesellschaft, früher auch viel um Mode, Fotografie und Musik. "Blogs bringen Sichtweisen ein, die in Mainstreammedien selten vorkommen", sagt Bücker.

Über das Schreiben hat sie ein großes Netzwerk geknüpft: "Ich habe über mein Blog viele andere Autorinnen kennengelernt, von denen ich heute einige zu meinen Freundinnen zähle, oder zu Verbündeten in der Sache." Auch der Kontakt zu ihrem ersten Arbeitgeber nach dem Studium kam so zustande. Feindselige Kommentare, die sie bei feministischen Themen abbekommt, löscht sie einfach - und freut sich dafür über lange und persönliche E-Mails von Leserinnen.

Ihre Lieblingsblogs: Das Musikblog "Neon Gold", das Modeblog von Fabian Hart, das Foodblog "Green Kitchen Stories" und das Gruppenblog "kleinerdrei". Seit drei Jahren bloggt sie außerdem für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung".

Typische Einträge:

Martin Wolf, visuelleGedanken.de

Sein Fotoblog bezeichnet Martin Wolf als sein Zuhause: "Ich bin schlecht darin, online nur zuzusehen oder mitzulesen. Ich habe immer den Drang, selbst etwas zu produzieren - das kann in Bild-, aber auch in Textform passieren." Wolf arbeitet als Web-Entwickler von Hamburg aus, sein Blog befüllt er ohne festen Zeitplan. Rund 10.000 Besucher kommen im Monat vorbei.

Über das Blog lernt er neue Menschen kennen. "Aus vielen Bekanntschaften sind so über die Zeit sehr gute Freundschaften geworden, für die ich unglaublich dankbar bin", sagt Wolf. Manchmal stören ihn allerdings einzelne Kommentare, einmal hat er die Kommentarfunktion ganz abgeschaltet.

Seine Lieblingsblogs: Die Fotoblogs "StyleSpion", "Der Stilpirat", "When To Say Nothing" und das von Severin Koller, außerdem UARRR.org, knuspermagier.de und CSSWizardry.com.

Typische Einträge:

Achim Schaffrinna, "Design Tagebuch"

"Designer halten Design ja gerne für die wichtigste Sache der Welt", sagt Achim Schaffrinna. "Nicht-Designer hingegen empfinden Design, von konkreten Kaufentscheidungen einmal abgesehen, für vollkommen überflüssig und überbewertet. Irgendwo dazwischen liegt die Wahrheit, denke ich." Zwischen diesen Polen bewegt Schaffrinna sich seit sieben Jahren mit dem "Design Tagebuch", wo er Trends im Kommunikationsdesign vorstellt und Redesigns von Logos und Websites bespricht. Rund 81.000 Besucher im Monat lesen mit.

Eine Stunde am Tag widmet er dem "Design Tagebuch", wenn aktuelle Aufträge anliegen - ansonsten widmet er dem Blog seine volle Aufmerksamkeit, wie viele Selbständige ohne mitlaufende Stechuhr. "Die Möglichkeit, sich täglich neues Wissen aneignen zu können, empfinde ich als Privileg. Bloggen ist mein zweites Studium", sagt Schaffrinna. 2009 wurde das "Design Tagebuch" mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet. Von Abmahnungen und Rechtsstreitigkeiten ist er, anders als viele andere Blogger, bisher verschont geblieben: "Die ersten sieben Jahre waren alles andere als verflixt."

Seine Lieblingsblogs haben viel mit Design zu tun: "In meinen RSS-Reader befinden sich unter anderem 'Design made in Germany', 't3n', 'Lovely Package', 'The Verge', 'Fontblog', 'Brand New', auch 'Neusprech', 'Campaignwatchers' sowie einige von Agenturen betriebene Blogs."

Typische Einträge:

Milena Glimbovski, "Milenskaya"

Halbstarke Weisheiten von der Straße, halbgare Meinungen und irreführende Links: So beschreibt Milena Glimbovski, die in Berlin was mit Medien studiert, ihr Blog. "Mal so hingerotzt, mal recherchiert, mal eine sexistische Kampagne gerügt und dann wiederum selbstlos nur an die Leser gedacht und ihnen abwechslungsreiche NSFW-Tumblr empfohlen." Rund 10.000 Leser hat sie damit im Monat.

Meist zweimal die Woche diktiert sie ihrem Telefon neue Blogtexte. "Neben dem Kennenlernen und Austausch mit Menschen mit ähnlichen Interessen und Neigungen, dem ein oder anderen ausgegebenen Bier, zwei Zuckerwatten und multiplen Sarkasmen, konnte ich plötzlich stilsicher schreiben." Was so lange gutgeht, wie die Eltern das Geschriebene nicht für bare Münze nehmen und ihr Care-Pakete nach Berlin schicken.

Ihre Lieblingsblogs: Bei "Amy & Pink" schreibt sie selbst mit, dem Dr. Sommer für Erwachsene Malte Welding, dem feministischen Blog "Mädchenmannschaft" und dem Popkultur-Blog "kleinerdrei" ist sie freundschaftlich verbunden. "Am Liebsten bin ich auf Reddit und klicke da so lange rum, bis ich das Gefühl habe, das Internet leergelesen zu haben."

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Foto: Elena Capra

Florian Reischauer, "Pieces of Berlin"

Das ist die Stadt: Der Fotograf Florian Reischauer betreibt seit 2010 das Blog "Pieces of Berlin", auf dem Menschen aus unterschiedlichen Bezirken vorgestellt werden. Mit den Porträts will er den Alltag dokumentieren, und wie sich die Kieze verändern. Ein Blog war die passende Form dafür: "Ein sozusagen endloses Puzzle zu beginnen, das Tag für Tag erweitert wird und für jeden erreichbar sein kann."

Das Feedback seiner Leser, rund 15.000 sind es im Monat, freut Reischauer. Als er einmal einen 57-jährigen Rentner in seinem Blog vorstellte, der aus Geldmangel noch nie auf dem Berliner Fernsehturm war, fand sich im Netz einen Sponsor. "Ein Leser hat sich gemeldet, wo er denn den Jürgen finden könnte, er würde ihn gern einladen." Auch auf Facebook gibt es "Pieces of Berlin". Manchmal kopieren andere seine Bilder ohne zu Fragen oder zu verlinken, das nervt Reischauer.

Seine Lieblingsblogs: "iGNANT", "The medium is the massage!", "Das Kraftfuttermischwerk", "fuck you very much" und "Have a Nice Book".

Typische Einträge:

Ada Blitzkrieg, "Textkrieg"

Ada Blitzkrieg heißt eigentlich Clara Hitzel und arbeitet als Journalistin und Autorin in Berlin. Seit 2010 schreibt sie auf "Textkrieg". "Erst twittert man und irgendwann bloggt man dann, weil zwar eine interessierte Leserschaft vorhanden ist, aber 140 Zeichen oder ein Facebook-Status eben nicht mehr reichen, um ein komplexeres Thema oder eine vielgestaltige Facette der eigenen Person zu kommunizieren", sagt Hitzel. Auf "Textkrieg" geht es um Wehwehchen, Ängste und Höhepunkte, um TV-Analysen und Dackelrennen bis hin zu politischen Themen.

"Wenn ich mich intensiv mit etwas beschäftige, dann verschriftliche ich es konsequent, weil ich damit einen Mehrwert für andere schaffen möchte", sagt Hitzel. Zwischen 3000 und 6000 Leser kommen im Monat vorbei. Im besten Fall findet sie mit ihren Texten Zuspruch oder es entwickelt sich eine Diskussion, die ihre Perspektive erweitert. Patzige Kommentare will sie sich nicht länger gefallen lassen und hat die Funktion deswegen lieber abgeschaltet.

Ihre Lieblingsblogs: "Fiona lernt Programmieren", "Popcorn Piraten" und TED.com.

Typische Einträge:


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insgesamt 21 Beiträge
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1.
muffelkopp 17.06.2013
Blogger sind egomane Leute mit hohem Sendungsbewusstsein. Manchmal (selten) wirklich mit klugen Gedanken, oftmals stellen sie nur ihre ?Weisheit? und, letztlich, Hobby zur Schau. So etwas wie binäre Umweltverschmutzung.
2.
derBuschmann 17.06.2013
Wie schön, dass Sie in Ihrer Mufelkoppwelt leben. Für mich sind Blogs eine Bereicherung der Informationswelt.
3.
elpepino 17.06.2013
Zitat von muffelkoppBlogger sind egomane Leute mit hohem Sendungsbewusstsein. Manchmal (selten) wirklich mit klugen Gedanken, oftmals stellen sie nur ihre ?Weisheit? und, letztlich, Hobby zur Schau. So etwas wie binäre Umweltverschmutzung.
Und was genau unterscheidet dann jetzt Ihren Kommentar von einem Blogeintrag?
4. @derBuschmann
muffelkopp 17.06.2013
Das ist ja auch gut für Sie, mir hingegen bringt das Geblogge wenig, obwohl ich kaum nach Ihnen im Internet aktiv war. Ich ziehe den direkten Kontakt vor. Wie Sie darauf kommen, meine Welt sei eine muffelkoppwelt, ist wohl eher Ihrer Gedankenwelt als meiner realen zuzuschreiben.
5. @elpepino
muffelkopp 17.06.2013
Es ist, gut beobachtet, ein Kommentar. Lesen Sie den Artikel nochmal, dann sehen Sie den Unterschied. Gerade das Löschen von Kommentaren oder verhindern solcher taucht im Artikel ein paar Mal auf. Ergo: Kommentar != Blog. :-)
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