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Lach- und Sachgeschichte: Zu doof zum Wählen?

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"Die mündigen Bürger", glaubt Jirka S., "werden von denen, die uns regieren, nicht ernst genommen." Das ist ihm klar, seit die Webseite des Bundestags dem deutschen Wähler erklärt, wie Wählen eigentlich geht - per Link hin zur "Sendung mit der Maus". Ein Skandal! Ein Skandal?

Maus und Bundestag: Darf zusammengehen, was nicht zusammengehört?
[M] Bundestag, WDR

Maus und Bundestag: Darf zusammengehen, was nicht zusammengehört?

Eigentlich will man nicht wirklich in exponierter Stellung für eine Behörde arbeiten. Man kann dabei nur verlieren: Geht man sachlich und nüchtern mit dem Souverän um, bekommt man schnell den Vorwurf serviert, preußisch bis gefühlskalt amtsschimmelig und bürgerfern zu agieren. Gibt man sich locker-flockig, gar humorig, fühlt sich der Bürger hingegen auf die Schippe genommen.

Ein Beispiel: Da wählt die Redaktion der Webseite des Deutschen Bundestags "Informationen zur Bundestagswahl 2005" zum "Thema der Woche". Mit dem Bundeswahlgesetz braucht man dem Bürger nicht zu kommen: Kredenzt man ihm juristisches Kauderwelsch, fühlt er sich doch sofort wieder abgebügelt. Nein, den Bürger allgemeinverständlich zu informieren ist da Pflicht!

Da steckt man dann die Köpfe zusammen und überlegt. Wo haben wir schon was, was können wir als Link anbieten, was gibt es schon, so dass wir es nicht nochmal produzieren müssen?

Man muss ja schließlich nicht alles doppelt moppeln! Schließlich müssen wir alle den Gürtel enger schnallen, Sparen ist erste Bürgerpflicht. Und mediengerecht, weil "webbig" ist es auch: So landen auch auf den redaktionellen Seiten des Bundestags statt trockener Gesetzes- und Erklärtexte Links zu aussagekräftigen Quellen unter dem kleinen Text-Appetizer.

An diesem Punkt platzt zum Beispiel Jirka S. der Kragen. Er sieht, was ihm da geboten wird und haut empört in die Tasten: Die E-Mail geht an den Deutschen Bundestag - und damit sie nicht ungehört verhallt, an die "tagesschau" und SPIEGEL ONLINE.

"Sehr geehrte Damen/Herren der Webseiten von Bundestag.de,
seit heute weiß ich warum in Deutschland nichts mehr voran geht. Wir sind einfach zu blöd. Nicht nur dass das deutsche Volk im PISA Test seit Jahren auf den letzten Plätzen landet und die Bildungsdisparitäten zwischen Nord- (Bremen) und Süddeutschland (Bayern/Sachsen) in ihrer Größe denen von sogenannten Entwicklungsländern entsprechen, nein wir sind sogar zu doof zum wählen."

Harte Töne, doch das ist auch kein Wunder. Jirka S. fühlt sich virtuell auf den Schlips getreten, zumindest aber in seiner Bürgerehre verletzt. Als verletzend empfindet er die Art und Weise, wie dem Bürger vermittelt werden soll, wie das eigentlich geht mit der Wahl.

Der Beweis: Der Link auf der Bundestagsseite verweist auf die "Sendung mit der Maus"

Der Beweis: Der Link auf der Bundestagsseite verweist auf die "Sendung mit der Maus"

"Das ist der Eingang einer ganz normalen Schule. Normalerweise ist diese Schule am Wochenende geschlossen", hebt die Erklärung hinter dem Link an. Und weiter: "Alle 4 Jahre finden an einem Sonntag die Bundestagswahlen statt. Dann gehen viele Erwachsene in die Schule. Denn etliche Schulen werden bei den Bundestagswahlen zu Wahllokalen."

So allgemeinverständlich fängt das an, und so geht es auch weiter bei der "Sendung mit der Maus": Schließlich ist das eine der bewährten "Lach- und Sachgeschichten". Und genau dahin schickt der Link auf Bundestag.de den Bürger. Da sehen wir dann den lieben Armin bei der Qual der Wahl, und alles, alles wird ganz genau erklärt.

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Maus und Bundestag: Bestens erklärt

Und damit wir auch wirklich alles begreifen und zugleich keine Werbung für irgendwelche Parteien gemacht wird, tritt bei dieser Wahl natürlich Kapitän Blaubär gegen die Maus, die Ente gegen Hein Blöd und der süße kleine blaue Elefant gegen alle an. Am Ende gewinnt zum Beispiel der Elefant ein Direktmandat, weil er wie Joschka Fischer ganz fürchterlich beliebt ist, obwohl seine Partei nur 5 Prozent holt. Die kleine unauffällige Maus mag dagegen kaum einer, gewählt wird sie aber trotzdem.

Hier und da erinnert das ans richtige Leben, aber ist es auch angemessen? Nein, meint Jirka S., so geht das nicht: "Welche Arroganz steckt dahinter? Nichts gegen Humor, an sich könnte ich sogar darüber lachen, aber muss man auch noch Ernsthaftigkeit vorgeben? Es wäre doch wenigsten angebracht, mal 'nen Smiley oder irgendein Zeichen des Humors dort anzubringen, oder glauben Sie wirklich, die Leute wissen nicht, wie gewählt wird?"

Würdiges Symbol: Kein Platz für Humor unter den Schwingen des Adlers?
DPA

Würdiges Symbol: Kein Platz für Humor unter den Schwingen des Adlers?

Da hat er nicht ganz unrecht - auch wenn natürlich keiner dazu gezwungen wird, sich die Erklärung eines Vorganges durchzulesen, für den er keine Erklärung braucht.

Und was sagt die Behörde dazu? Bärbel Schubert, eine der Sprecherinnen des Deutschen Bundestages: "Wir wollen alle Bürger zur Wahl ermuntern. Um so besser, wenn viele Menschen den Ablauf schon kennen. Die Erklärungen auf der Seite zur Sendung mit der Maus erscheinen uns so gelungen, dass alle Interessierten die Gelegenheit bekommen, sich zu informieren. Am 18. September ist Bundestagswahl. Gehen Sie wählen!"

Kennzeichnungspflicht!

Aber das ist ja gar nicht der Punkt, Frau Schubert! Natürlich weiß der Bürger, wie gewählt wird, aber weiß er auch immer, wo sich tückisch Humor verbirgt?

Ein wohlbekanntes Problem: Wie oft schon ist die Notwendigkeit von "Vorsicht Humor"-Kennungen in deutschen Medien diskutiert worden? Jeder Volontär lernt in seiner journalistischen Ausbildung schon in den ersten Wochen die ehernen Grundsätze "Humor wird nicht erkannt", "Ironie zieht nicht", "Sarkasmus muss gekennzeichnet werden" und "Das versteht der Leser nicht" - und zwar grundsätzlich. Einzelne Unkenrufe, da genau liege eine Wurzel der deutschen Medienkrise, verhallen zum Glück ungehört: So bleiben die meisten medialen Veröffentlichungen sachlich, korrekt, objektiv, humorfrei, unrecherchiert und unkommentiert. Wie sich das gehört.

Trotzdem mag dereinst die Geschichte eben diese Causa als größtes Versagen der noch regierenden Koalition vermerken: Dass eine Regierung, der immerhin die Umsetzung der von der CDU erdachten Dosenpfand-Regelung gegen den Widerstand der CDU gelang, daran scheiterte, endlich eine Kennzeichnungspflicht für Humor im öffentlichen Leben durchzusetzen. Vielleicht werden da Merkel, Stoiber und Co. mehr Erfolg haben.

Der Beweis, dass auch der einzelne Bürger etwas erreichen kann in unserem Staat: Textänderung auf der Seite des Bundestages

Der Beweis, dass auch der einzelne Bürger etwas erreichen kann in unserem Staat: Textänderung auf der Seite des Bundestages

Zumindest aber in einer Hinsicht irrt Jirka S. ganz mächtig: Von "Arroganz" kann auf Seiten der Web-Redaktion des Bundestages keine Rede sein. Auch die Kritik des Bürgers verhallt nicht ungehört auf den Fluren des Deutschen Bundestages. Nur wenige Stunden, nachdem Jirka S. seinen flammenden Protest abschickte, erschien eine erklärende Unterzeile unter dem anstößigen Link: "- einfach erklärt, nicht nur für Kinder -" steht da nun.

Immerhin, das ist doch schon mal was.

Der Behördenapparat erweist sich als bürgernah, lern- und einsichtsfähig und ganz und gar nicht immun gegen die Einwände des Bürgers, der somit auch als Einzelner durchaus noch etwas bewegen kann. Nur die webgerechte Humorkennzeichnung in Form eines "Smiley" fehlt, aber vielleicht kommt das ja noch.

P.S.: Auch diesem Artikel fehlte die Ironie-Kennzeichnung. Zur Klarstellung: Wir sind nicht gegen die "Sendung mit der Maus". Ja, die Erklärung dort ist sehr gut. Nein, wir finden auch nicht, dass die Redaktion von Bundestag.de da etwas Verwerfliches getan hätte.

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