Projekt Edge Effect: Zwei Landschaften, ein Foto

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Buschland, wuchtige Josua-Palmlilien, graue Einöde: Im kalifornischen Joshua-Tree-Nationalpark treffen ganz unterschiedliche Ökosysteme aufeinander. Der Fotograf Daniel Kukla hat die Kontraste mit einem einfachen Hilfsmittel festgehalten: Er lief mit Staffelei und Spiegel durch die Wüste.

Landschaftsfotografie: Die besten Fotos aus dem Joshua Tree Nationalpark Fotos
Daniel Kukla

Wie erfasst man in wenigen Aufnahmen angemessen einen 3000 Quadratkilometer großen Nationalpark mit zwei ganz unterschiedlichen Ökosystemen? Darüber grübelte Fotograf Daniel Kukla an einem kühlen Märzabend in seinem Auto. Er fuhr durch den kalifornischen Joshua Tree National Park, zu seiner Hütte am nordwestlichen Rand des Gebiets. Einen Monat lang wohnte er dort, war als Künstler zu Gast. Den Tag hatte Kukla in der Wüste verbracht, Josua-Palmlilien, Kakteen, Buschland und Fächerpalmen angeschaut, auf der Suche nach einer Bildidee. Wie kann man diese Landschaften abbilden?

Kukla schaute in den Rückspiegel seines Wagens, da kam der Geistesblitz: Vor sich sah der Fotograf die Nacht, die Hügelkämme der Mojave-Wüste verschwanden in der Dunkelheit. Im Rückspiegel sah er einen feurigen Sonnenuntergang. Zwei ganz unterschiedlich beleuchtete Landschaften in einem Bild - Kukla hatte seine Idee. Er erinnert sich heute: "Ich wollte diese Schichtung der Landschaften reproduzieren, zunächst experimentierte ich mit mehreren kleinen Spiegeln, doch das kleine Format schränkte die Gestaltungsmöglichkeiten zu sehr ein."

Die kleinen Spiegel zeigten nicht genug von den gegenüberliegenden Panoramen. In rechteckigen, großen Spiegeln wirkte die reflektierte Landschaft auf der Staffelei wie ein Gemälde oder ein Foto im Foto. Kukla entschied sich nach vielen Versuchen für einen großen, quadratischen Spiegel. Den stellte der Fotograf im Nationalpark auf einer Staffelei auf und hielt so zwei Landschaften in einer Aufnahme fest.

Weiße Wolken, stachelige Palmen

Die Fotos aus der Serie vereinen sehr unterschiedliche Landschaftsdetails. Auf einem Bild steht die Staffelei vor Felsen, hinter denen absolute Dunkelheit liegt, im Spiegel sieht man einen Sonnenuntergang und dunkelblauen Himmel. In einer Aufnahme reflektiert der Spiegel eine weiße Wolkenfront am Himmel, während im Hintergrund hinter der Staffelei ein ganz düsterer, dunkelgrauer Streifen Himmel zu sehen ist.

Die Aufnahmen zeigen, wie vielfältig die auf den ersten Blick eintönige Wüstenlandschaft tatsächlich ist. Fächerpalmen und Wacholderbüsche stehen im Hintergrund, die gut einen Meter langen Blätter der Pflanze Nolina parryi ragen vom Boden in alle Richtungen, wie die Stacheln eines langhaarigen Igels.

So fotografiert ein Biologe

"Edge Effect" nennt der 28-jährige Fotograf die Fotoserie. Der Wortwahl merkt man an, dass Kukla fünf Jahre lang Biologie studiert hat, vor seiner Fotografenausbildung in New York. Als Randeffekte bezeichnen Biologen die Wechselwirkung an der Grenze zweier Ökosysteme. Durch den Joshua-Tree-Nationalpark verläuft eine solche Grenze.

Ein Teil des gut 200 Kilometer östlich von Los Angeles gelegenen Nationalparks gehört zur Mojave-Wüste, dieses Gebiet liegt über 900 Höhenmetern. Hier wachsen die Josua-Palmlilien, Agavengewächse mit wuchtigen, verschlungenen Zweigen, an deren Enden grüne Blätter wie Stacheln abstehen. Diese Pflanzen gaben dem Nationalpark seinen Namen. Tiefer gelegen ist ein Teil der Colorado-Wüste, der in den Nationalpark hineinragt. Dort wachsen Kakteen und Büsche.

Kukla hat nach den ersten Versuchen alle Fotos seiner Serie im Grenzgebiet der beiden Wüsten aufgenommen - er war im Auto und zu Fuß unterwegs, ohne Mobilfunkanbindung, ohne Internet. Kukla hat nicht vorab recherchiert, er ist viel gelaufen, er hat genau hingesehen und mit dem Wind gekämpft. Oft ruinierte eine Windböe ein sorgsam komponiertes Landschaftsbild, weil sie den Spiegel leicht verrückte. Ein paar Mal hat der Wind Staffelei und Spiegel umgeweht, Kukla verbrachte Stunden damit, Glassplitter vom Wüstenboden aufzusammeln. Es erfordert manchmal viel Arbeit, damit die Natur wie Natur aussieht.

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