Last.fm Das Geschmacks-verstärkte Radio

Immer mehr Menschen leiden am Programm der Radiosender, die höchst limitierte Playlists massenkompatibler Liedchen in Endlosschleifen totdudeln. Das Kontrastprogramm: Webdienste wie Last.fm, die nicht die Masse, sondern individuellen Geschmack bedienen.

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Bei Last.fm ist der Name Programm. Wer diesen Sender hört, will uns das sagen, der braucht nie wieder ein anderes Radio. Schätzungen zufolge sehen das derzeit zwischen 15 und 20 Millionen Internet-Nutzer genau so, Tendenz steigend: Last.fm gilt als größte und erfolgreichste europäische Web-2.0-Community überhaupt. Denn der Dienst ist einerseits Radio, andererseits ein soziales Netzwerk von Musikinteressierten, der Jedermann zum DJ seines Nachbarn macht.

Das funktioniert so: In der Suchmaske der Seite gibt man einen Künstler vor. Das System liefert ein Lied dazu, wenn entsprechende Lizenzen vorliegen. Das gelingt fast immer, denn Last.fm verfügt im Augenblick über rund eine Million Lizenzen für Major-Musik und circa 150.000 Independent-Titel. Es weiß aber noch weit mehr über Musik: Lücken füllt Last.fm mit Vorschlägen "ähnlicher" Musik, so wie das System auf der ersten Auswahl basierend nonstop weitere Lieder vorschlägt.

Hier beginnt die Sache, so richtig Spaß zu machen, denn Last.fm erweist sich als außerordentlich treffsicher. Wer die Gruppe A hört, weiß Last.fm, mag in der Regel auch Gruppe B. Was nicht gefällt, lässt sich wegzappen - und der nächste Songvorschlag wird serviert.

Dazu macht Last.fm noch Vorschläge, die an die Buchempfehlungen bei Amazon erinnern: "Entdecke neue Künstler", steht da unter dem Radio-Player-Plugin, "finde heraus, wann sie Konzerte geben und lade Freunde dazu ein." Und dann: "Wenn du XYZ magst, gefällt dir vielleicht auch:" - es folgt eine Liste, und auch die erweist sich zumeist als überraschend treffsicher.

Das alles summiert sich zu einem Radio-Erlebnis, wie man es heute meistens nur vermisst: Da wird sehr gezielt der eigene Geschmack bedient und zudem sehr viel Neues entdeckt. Statt immer die gleichen Ohrwürmer um die Ohren gehauen zu bekommen, hört man vieles zum ersten Mal und doch passt das Programm zumeist.

Dieser DJ ist nicht doof

Denn Last.fm ist ein geschmacksgesteuertes Radio, wenn man so will. Die Software lernt von den Usern, was für eine Playlist zu was für einer Art Hörer passt. Dafür sorgt das Verhalten der Nutzer: Jedes Wegklicken eines Songs geht in die Datenbank ein, jede Weiterempfehlung, jede Aufnahme in die Liste der Lieblingslieder, jedes "Titel nie, nie wieder spielen". Dazu kommt die Möglichkeit, "Tags" zu den gespielten Titeln einzugeben und diese so im musikalischen Spektrum nach subjektiven Kriterien immer präziser zu verorten. Der Grundgedanke dahinter ist wie so oft im Web 2.0 der von der Schwarmintelligenz: Was der Einzelne nicht genau kennt, weiß oder beurteilen kann, dass können die 15 bis 20 Millionen anderen vielleicht.

So lernt das Programm, dass wer die Decemberists hört, auch bei Yo La Tengo, The Shins, Iron & White oder Sufjan Stevens keine Pusteln treiben wird. Wer dagegen bei den Shins einsetzt, mag all das auch irgendwann präsentiert bekommen, aber immer wieder aufgepeppt durch lebhaftere Nummern von Gruppen wie den Franz Ferdinand, The Strokes, den Yeah Yeah Yeahs oder Klassikern wie The Smiths. So scheidet Last.fm seine Hörer sogar noch anhand von Nuancen: Will dieser Typ immer nur rauhe, krumme, langsame Musik oder vielleicht nur ab und zu?

Man kann Last.fm also als Radio sehen, das jedem Hörer einen für ihn angenehm temperierten Musik-Pool bietet. Die Vernetzung der Userschaft geht über diesen automatisierten Ansatz aber noch hinaus.

Wer ein Nutzerprofil an- und dort seine Vorlieben offenlegt, den lernt das Programm ganz persönlich kennen. Dem werden "musikalische Nachbarn" vorgestellt, allerdings erst, wenn das Programm genügend über ihn gelernt hat: Für diese erweiterten Funktionen braucht Last.fm eine eigene Client-Software, in die man sich einloggt. Im Anfang ist darin nicht viel zu finden. Irgendwann aber wächst die Zahl der Nachbarn - und auch die Zahl der Inhalte auf der automatisch generierten "Meine Last.fm-Seite".

Web-Anwendung und Software: zwei Paar Schuhe

Die eigentliche Stärke des proprietären Programms Last.fm ist dabei seine Neugier, über die man sich im Klaren sein muss: Das Programm erfasst auch alle Musik von sämtlichen verfügbaren Laufwerken, indem es "mithört" und die gespeicherten Lieder protokolliert. Der Vorgang nennt sich "scrobeln" und sorgt für eine schnelle Vernetzung der Nutzer - er erleichtert die Suche nach musikalischen Seelenverwandten. Wer seine Musik grundsätzlich nur klaut, wird das nicht gut finden. Vorsichtigere Naturen können über die Optionen des Programms einschränken, auf welche Verzeichnisse es zugreifen darf. Das werden auch Arbeitgeber zu schätzen wissen, denn auch auf Netzwerklaufwerke nimmt Last.fm keck Zugriff.

Unter dem Strich aber steht hier eine Anwendung, die eine äußerst attraktive Alternative zum konventionellen Radio darstellt. Last.fm ist Radio, aber in individualisierter Form. Die per Flash-Plugin gestreamten Lieder sind ein bisschen on-demand, ein bisschen Radiosendung - das Beste beider Welten.

Die Firma verbindet das mit der Promotion von Konzertterminen und (über die Software) auch mit dem Direktverkauf von Musik via Amazon, weshalb auch die CD-Branche wenig Probleme mit dem Angebot hat. Prinzipiell, so die Theorie, soll Last.fm die Verkäufe nicht behindern, sondern beflügeln. Unwahrscheinlich ist das nicht, denn viele nutzen das Angebot tatsächlich, um zu "schnüffeln", neue Gruppen oder Songs zu entdecken.

Dem US-Mediengiganten CBS war all das am 30. Mai satte 280 Millionen Dollar wert .

Die ursprünglich deutsche, in London ansässige Gründung Last.fm machte das zur bisher profitablesten Web-2.0-Erfolgsgeschichte Europas. Der Deal dürfte die Aussichten des Unternehmens, Zugriff auf noch mehr Musik zu bekommen, steigern: Zuletzt hatte Warner Music seinen gesamten Katalog zur Sendung via Last.fm freigegeben.



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