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Druck der US-Behörden: E-Mail-Dienst mit Snowden-Verbindung schließt unter Protest

Pro-Snowden-Protest in Berlin: NSA-Enthüller soll Lavabit benutzt haben Zur Großansicht
REUTERS

Pro-Snowden-Protest in Berlin: NSA-Enthüller soll Lavabit benutzt haben

Ein verschlüsselter E-Mail-Dienst, den der NSA-Enthüller Edward Snowden genutzt haben soll, ist abrupt vom Netz gegangen. Der Firmenchef spricht von massivem Druck der Behörden - und verabschiedet sich mit einem beeindruckenden Statement.

San Francisco - Ein vermutlich auch von Edward Snowden genutzter verschlüsselter E-Mail-Service hat seinen Dienst abrupt eingestellt. Grund sind möglicherweise Versuche der US-Behörden, Zugriff auf die Kundendaten zu erlangen. "Ich sehe mich gezwungen, eine schwierige Entscheidung zu fällen - entweder mitschuldig an Verbrechen gegen das amerikanische Volk zu werden oder zehn Jahre harte Arbeit aufzugeben und Lavabit zu schließen", schreibt der Besitzer des E-Mail-Diensts, Ladar Levison, auf der Internetseite des Unternehmens.

Er habe sich entschieden, die Arbeit einzustellen. Über die Hintergründe seiner Entscheidung dürfe er aber nicht sprechen. "Ich darf über die Erfahrungen der vergangenen sechs Wochen nicht sprechen", schreibt Levison, "obwohl ich zweimal eine entsprechende Anfrage gestellt habe."

Sechs Wochen: Das entspricht genau jener Zeit, in der Ex-Geheimdienstmitarbeiter Snowden die Ausspähaktionen der NSA öffentlich gemacht hat. Snowden hatte zahlreiche Dokumente veröffentlicht, die zeigen, dass der US-Geheimdienst fast den gesamten Internetverkehr der Welt überwacht. Außerdem ist nun klar, dass die großen amerikanischen E-Mail-Anbieter wie Google und Microsoft und andere von den Behörden gedrängt wurden, die Geheimdienste bei der Ausspähung von Daten zu unterstützen.

Auch der Anbieter von Silent Mail, Silent Circle, hat laut dem US-Blog "TechCrunch" seinen E-Mail-Dienst vom Netz genommen. Unternehmenschef Michael Janke teilte den Nutzern auf der Webseite der Firma mit, man schließe lieber, als dass man die Privatsphäre der Nutzer riskiere.

Lavabit-Besitzer Levison schreibt, die jüngsten Erfahrungen hätten ihm eine wichtige Lektion erteilt: "Solange es keine klaren Aktionen des Kongresses oder der Justiz gibt, kann ich nur jedem dringend davon abraten, private Daten einem Unternehmen anzuvertrauen, das direkte physische Verbindungen zu den Vereinigten Staaten hat." Das US-Justizministerium äußerte sich zunächst nicht zu den Vorwürfen.

Bürgerrechtler spricht von einem einzigartigen Fall

Der Chef des E-Mail-Diensts hatte seinen Kunden zugesagt, dass ihre Nachrichten auf den Servern des Unternehmens verschlüsselt werden und dass ein Zugang nur mit dem Passwort des Nutzers möglich sei. Die Erklärung lässt vermuten, dass die US-Behörden möglicherweise Zugang zur E-Mail-Korrespondenz von Snowden, zu anderen Informationen über ihn oder zum Schlüssel seiner Mails bekommen wollten - oder sogar einen Zugang zu den Daten der Hunderttausenden anderen Lavabit-Kunden.

Es handele sich um einen seltenen und vielleicht sogar einzigartigen Fall, dass ein US-Unternehmen lieber seine Tätigkeit einstelle, als einer Bitte von US-Behörden zur Herausgabe von Informationen nachzugeben, sagte Kurt Opsahl, ein Anwalt der Bürgerrechtsgruppe Electronic Frontier Foundation in San Francisco. Ihm sei kein Fall bekannt, wo ein Anbieter sich entschlossen habe, unter diesen Umständen seinen Dienst einzustellen.

cte/Reuters

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insgesamt 557 Beiträge
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1. Hut ab...
spon-facebook-10000261268 09.08.2013
...vor Menschen, denen ihr Rückgrat mehr wert ist, als Geld. Ladar Levison kann von sich behaupten, kein opportunistische Mitläufer gewesen zu sein. Coole Aktion. Wirklich.
2. Ja ja
raphaela45 09.08.2013
"The land of the free"....Das große Vorbild, dem D nicht schnell genug folgen kann...Klar: Zensur und umfassende Kontrolle der Bevölkerung (en) dient NUR der "Sicherheit": Der Sicherheit der schon jetzt viel zu Mächtigen, ihre "neue Weltordnung" der wenigen Herren über viele Sklaven ungestört zu zementieren.
3. Verschlüsseln nützt nix, wenn der Feind schon im Betriebssystem sitzt!
roana 09.08.2013
Witzig: Verscghlüsselt Eure Festplatten und Emails... wenn man Betriebssysteme amerikanischer Konzerne benutzt, ist davon auszugehen, dass die Verschlüsselung zwar stattfindet, die Schlüssel aber an die NSA weiter gemeldet werden. Besonders wenn man für die NSA Ausländer ist - also z.B. Deutscher. Hier nachzulesen: http://www.heise.de/tp/artikel/5/5274/1.html
4. Maildienst
juerler@saxonia.net 09.08.2013
Zitat von sysopREUTERS/ The GuardianEin verschlüsselter E-Mail-Dienst, den der NSA-Enthüller Edward Snowden genutzt haben soll, ist abrupt vom Netz gegangen. Der Firmenchef spricht von massivem Druck der Behörden - und verabschiedet sich mit einem beeindruckenden Statement. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/lavabit-mail-anbieter-stellt-dienst-ein-a-915630.html
eine zynische Berichterstattung" einer Bitte von US-Behörden "
5. Meine Hochachtung
Einfacher Bürger 09.08.2013
Meine Hochachtung für Ladar Levison! Mein erster Reflex war, nun auf die amerikanische Regierung zu schimpfen, aber das wäre vermutlich unfair. In Amerika gilt Snowden als Strafverdächtiger und vermutlich würden die Strafverfolgungsbehörden eines jeden Landes Einblick in seinen E-Mail-Account nehmen wollen. - Nichtsdestrotrotz ziehe ich meinen Hut. Respekt!
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Kurz erklärt: Crypto Wars
  • Corbis
    In den USA begann der Kampf gegen Volksverschlüsselung schon in den Neunzigerjahren. Er wurde mit einem Gesetzesvorschlag im US-Senat eröffnet. Anbieter elektronischer Kommunikationsdienste sollten verpflichtet werden, Behörden die Möglichkeit zum Zugriff auf jede Art elektronischer Kommunikation zu verschaffen. Das Gesetz scheiterte schließlich am Widerstand von Bürgerrechtlern und Industrie. Aber es motivierte einen Softwareentwickler namens Phil Zimmermann dazu, sich über Verschlüsselung für jedermann Gedanken zu machen. Zimmermann entwickelte den Standard PGP (das steht für pretty good privacy, ziemlich guter Datenschutz), mit dem bis heute E-Mails und anderes sicher verschlüsselt wird. Sogar NSA-Enthüller Edward Snowden empfiehlt PGP.
1991 stellte Zimmerman seine Software kostenlos zur Verfügung. Dann wurde ein Verfahren gegen ihn eröffnet, das sich drei Jahre hinzog. Der Vorwurf: Er exportiere Verschlüsselungstechnologie, die wie Waffentechnologie einzustufen sei. Der Fall wurde fallengelassen, und heute gilt weder der Export noch die Benutzung von Kryptografie-Technik in den USA als Verbrechen. Doch das wurde nur auf Druck von Bürgerrechtlern erreicht. Etwa um die gleiche Zeit machte die NSA einen eigenen Vorschlag, um ihr Verschlüsselungsproblem zu lösen: Hersteller von Telefonanlagen sollten einen von der NSA entwickelten Chip zur Verschlüsselung einsetzen. Der Trick: Für diesen sogenannten Clipper Chip gab es einen Nachschlüssel, auf den der Geheimdienst oder Strafverfolger bei Bedarf hätten zugreifen können. Das Projekt wurde heftig kritisiert und verschwand gegen 1996 sang- und klanglos von der Bildfläche. Mittlerweile verschafft sich die NSA Hintertüren auf anderem Weg.


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