Lehr- und Fachbücher Gratis-Angebote gefährden Verlagsgeschäft

Fachverlage bekommen zunehmend Konkurrenz aus dem Web - zum Beispiel kostenlose Übungsbögen für Führer- und Segelscheinprüfungen. Wie lange lässt sich mit Lehrbüchern überhaupt noch Geld verdienen?

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Führerschein: Übungsmaterial für Prüfung kostenlos im Netz
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Führerschein: Übungsmaterial für Prüfung kostenlos im Netz

Achterlich, achteraus, Achterliek - angehende Freizeitkapitäne müssen ordentlich Fachtermini pauken, bevor sie mit einer Zehn-Meter-Yacht in See stechen dürfen. Mindestens drei verschiedene Bootsführerscheine besitzt ein ambitionierter Segler in der Regel. Hinzu kommen häufig noch der "Knallschein" - offiziell Seenotsignalmittelprüfung genannt - und eine UKW-Funk-Lizenz. Die umfassende Ausbildung zum Ferienskipper kostet locker 1000 Euro - notwendige Fragebögen zur Prüfungsvorbereitung zum Preis von mindestens 70 Euro sind da noch nicht einmal eingerechnet.

Zumindest diese 70 Euro können sich künftige Seefahrer aber sparen, sofern sie das Surfen an Land bereits gut beherrschen. Unter der Webadresse tim-koester.de gibt's die Prüfungsbögen nämlich gratis. Und ein ausgezeichnetes Trainingsprogramm gleich noch dazu, das jene Fragen, die häufig falsch beantwortet werden, so lange wiederholt, bis die Antworten sitzen.

Tim Köster, ein begeisterter Segler aus Frankfurt am Main, hat die Prüfungstrainer für diverse Segel- und Motorbootscheine entwickelt und ins Netz gestellt. Wenn sich der amtliche Fragenkatalog ändert, passt er seine Online-Trainer schnell an.

"Möglicherweise nimmt uns das Kunden weg"

Ärger mit Verlagen, die Übungsbögen drucken und verkaufen, hatte Köster bislang nicht. Wie sollte er auch - die Prüfungsfragen dürfen frei im Web oder in gedruckter Form verwendet werden, wie das Bundesverkehrsministerium auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE bestätigte. Die Fragen seien im Verkehrsamtsblatt veröffentlicht, sagte Ministeriumssprecher Michael Zirpel, kein privater Verlag halte Rechte daran. Dies gelte nicht nur für Boots-, sondern auch für Pkw- und Motorradführerscheine. Nur für Fotos und Grafiken in den Fragebögen liege das Copyright unter Umständen bei den Verlagen.

"Ich kenne das Angebot auf tim-koester.de schon länger", sagt Hermann Ludewig, Vertriebsleiter vom Delius-Klasing-Verlag, der Freizeitkapitäne mit Schulungsmaterial, Karten und Fachliteratur beliefert. "Natürlich stört uns das", bekennt Ludewig. Sorgen bereite ihm vor allem, dass man rechtlich nichts dagegen machen könne. "Möglicherweise nimmt uns das Angebot ein paar Kunden weg, aber es motiviert uns auch, etwas dagegen zu setzen."

Trainer Sportbootführerschein See: "Natürlich stört uns das"
tim-koester.de

Trainer Sportbootführerschein See: "Natürlich stört uns das"

Köster wollte sein Gratis-Angebot sogar noch um einen Trainer für den Jüngstenschein erweitern, der Jugendlichen bis 17 Jahren das Segeln einer Jolle erlaubt. Doch da habe der Deutsche Seglerverband DSV interveniert, berichtet er, "die Erlaubnis wurde nicht erteilt". Ihm sei erklärt worden, dass die DSV-Vereine ja selbst ausbildeten und alle notwendigen Unterlagen dafür hätten, so dass ein Online-Trainer nicht notwendig sei.

Der Seglerverband besitzt übrigens eine eigene Verlagstochter, den DSV-Verlag, der ebenso wie der Delius-Klasing-Verlag Schulungsmaterial für Segler anbietet und auch Übungsbögen für Prüfungen.

Ein Mann lehrt zwei Verlage das Fürchten - so könnte man Geschichte von Tim Köster und seinen Prüfungstrainern sehen. Vor der Ära des Internets mussten sich Verlage höchstens voreinander fürchten. Jetzt, wo jedermann Inhalte zu extrem niedrigen Kosten im Web publizieren kann, ist das anders.

Neue Ära im Verlagsgeschäft?

Auch angehende Auto- und Motorradfahrer brauchen längst keine gedruckten Bögen mehr zu kaufen, wenn sie für die Prüfung büffeln wollen: Online-Trainer gibt es zuhauf. Die meisten kosten zwar Geld, doch es geht auch kostenlos, etwa unter der Adresse fuehrerschein.de. Der Betreiber Aral verlangt nur eine kurze Registrierung - danach stehen die Fragebögen zum freien Training zur Verfügung. Der Server merkt sich, welche Bögen der Fahrschüler beantwortet hat und welche Antworten falsch waren.

Die Handvoll kostenloser Prüfungsbögen im Netz dürften nur der Beginn eines gewaltigen Umbruchs im Verlagsgeschäft sein, wenn sich bewahrheitet, was Wikipedia-Gründer Jimmy Wales jüngst prophezeite. Spätestens im Jahr 2040 werde es sämtliche Lehrbücher von der Schule bis zum Studium als frei zugängliche Werke geben, schrieb er in seinem Blog. Ein entsprechendes Projekt mit dem Namen Wikibooks wurde bereits gestartet. "Langfristig wird es sehr schwer für herkömmliche Verlage werden, mit frei lizensierten Alternativen mitzuhalten."

Wikibooks werden ähnlich wie die Online-Enzyklopädie Wikipedia mithilfe einer Wiki-Software geschrieben. Jeder, der will, kann mitschreiben, etwa an einem Buch über Mathematik für die gymnasiale Oberstufe oder an einer Anleitung zum Einstellen der Kettenschaltung am Fahrrad.

Im Unterschied zu den Führerscheinfragebögen, die per Gesetz erlassen wurden, werden Wikibooks unter einer sogenannten GNU-Lizenz veröffentlicht, wie unter anderem auch der Quellcode des Betriebssystems Linux. Die Lizenz erlaubt das Kopieren, Drucken und Verändern des Werkes - auch zu kommerziellen Zwecken. Der Lizenznehmer muss allerdings die Lizenzbedingungen einhalten, beispielsweise den oder die Autoren nennen.

Wer sich den Stand der Projekte bei Wikibooks anschaut, mag zunächst kaum glauben, welch gewaltigen Aufstieg Wikipedia-Gründer Wales den "freien Büchern" vorhersagt. Noch existieren kaum einheitliche Strukturen; viele Bücher stecken in einem sehr frühen Projektstadium, mitunter steht kaum mehr als das Kapitel-Gerüst. Aber auch das Wikpedia-Lexikon sah in seinen ersten Monaten so aus - heute gilt es als leuchtendes Beispiel für die Macht einer engagierten Community.

Für einen Erfolg der Wikibooks spricht auch die Tatsache, dass den Wikipedia-Autoren langsam die Arbeit auszugehen droht. Viele Artikel, etwa über die Relativitätstheorie oder Friedrich Nietzsche sind längst perfektioniert. Wer sich als Autor austoben will, braucht neue Beschäftigungsfelder - da kommen die vielen angedachten aber noch nicht geschriebenen Wikibooks wie gerufen.

Ängste vor Amazon und Google

Wie lange wird es wohl dauern, bis die ersten Wikibooks im klassischen Lehr- und Fachbuchgeschäft mitmischen? Werden die Buchpreise sinken, weil das teure Schreiben und Redigieren eine Schar von Experten aus dem Internet übernimmt, die für ihre Arbeit kein Geld bekommen, und auch keins wollen?

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Dass eines Tages ein Segler-Wiki das gesamte Buchprogramm von Delius-Klasing abbildet, fürchtet man in dem Bielefelder Verlag vorerst nicht. "Mehr Sorgen machen uns Amazons 'Search inside the Book' und ähnliche Vorhaben bei Google", sagt Vertriebsleiter Ludewig. Amazon wolle, dass Leseproben der Bücher frei ins Netz kommen. "Wir haben da aber nicht mitgemacht", erklärt er, unter anderem, weil Copyrightfragen mit Autoren und Fotografen ungeklärt seien.

Mithilfe der Funktion "Search inside the Book" können registrierte Amazon-Kunden Bücher im Volltext durchsuchen und einzelne Seiten daraus als PDF-Datei anschauen. Täglich darf nur eine begrenzt Seitenzahl pro Buch betrachtet werden, um zu verhindern, dass Surfer Zugriff auf den gesamten Inhalt bekommen.

Ludewig will da mit seinen Lehrbüchern nicht mitmachen: "Wenn jemand den Kreuzknoten lernen will, würde er sich bei Amazon die entsprechende Seite suchen. Zwei Tage später könnte er nachschauen, wie der Palstek geht, und so weiter. Das ist für uns nicht akzeptabel."

Hinnehmen muss Ludewig allerdings, dass es bereits ein Wikibook zur Knotenkunde gibt - kostenlos im Internet. Der Fokus liegt darin zwar auf dem Klettersport, es ist aber wohl nur eine Frage der Zeit, bis eine spezielle Version für Segler geschrieben wird.

Ergänzung: Amazon wies darauf hin, dass die Funktion "Search inside the Book" pro Buch und Nutzer ein Leselimit hat, dass zeitlich unbegrenzt ist. Nur eine begrenzte Seitenzahl eines Buches könne online gelesen werden, sagte Unternehmenssprecherin Christine Höger.

insgesamt 209 Beiträge
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Seite 1
Maldoror, 04.08.2005
1. Gelungene Alternative ...
Sicherlich stellt Wikipedia eine neue Form der Wissensvermittlung dar und ist wohl auch in seinem Wachstum kaum aufzuhalten. Doch bin ich der Meinung, sollte Wikipedia bleiben was es ist! Es ist eine Möglichkeit, sich kostenlos über viele Themen zu informieren und nicht die Grundlage für Bildung und Schulen. Ich nehme mal nicht an, dass Wikipedia an Universitäten wissenschaftliche Anerkennung genießen wird. Sicher ist es eine gelungene Möglichkeit sich zu infomieren, aber man sollte nicht vergessen, dass Wikipedia von Usern geschrieben wird und nicht von Wissenschaftlern! ... Trotz dessen, weiter so Wikipedia! :D
Spiritogre, 04.08.2005
2.
Ich denke auch, es ist ein tolles, kostenloses Nachschlagewerk, für eine fundierte Arbeit würde ich aber eher andere, richtige Fachliteratur zu Rate ziehen. Dazu kommt, dass Wikipedia auch Gefahr läuft den Unbillen einiger Mediengrößen auf sich zu ziehen und mit Klagen überhäuft zu werden sobald eine gewisse "Schmerzgrenze" etwa eines Lexikonverlages mit sinkenden Verkaufszahlen erreicht ist. Auch ist, und das zählt in Deutschland besonders, das verlinken auf andere Inhalte immer sehr Risikoreich wie diverse Gerichtsurteile und Weltfremdheit der Richter und vieler Juristen immer wieder zeigen.
Luke1973 04.08.2005
3.
Ich finde Wikipedia auch toll Aber sie hat halt einen Haken: Da alles von Usern eingegeben worden ist, weiß man eigentlich nie ob das auch alles so stimmt. Wenn es also wirklich drauf ankommt, ziehe ich dann doch ein kommerzielles Lwexikon vor.
Pinarello, 04.08.2005
4.
Na dann warten wir mal ab, bis Bill Gates wieder mal einige Milliarden zuviel in der Geldbörse hat, wenn das Wikipedia schön groß, bekannt und nachgefragt ist, dann wird sich Bill das ganze kaufen und kostenpflichtig machen, so einen Fehler wie das WorldWideWeb macht der sicher nicht noch einmal. Man stelle sich vor, was da an Milliarden pro Jahr zuverdienen gewesen wäre, wenn jeder Nutzer pro Einwahl einen Zusatzbonus bezahlen müßte. Eichel Hans würde der Speichel im Mund zusammenlaufen, Bill Gates ebenso.
Leser7, 04.08.2005
5. Wikipedia-Lektorate
In der täglichen Arbeit bei der Wikipedia findet man sehr schnell die Grenzen des Konzepts - bei über 250000 deutschsprachigen Artikeln gelingt es kaum, eine kritische Masse von Mitarbeitern für einen Artikel zu gewinnen. Noch schwieriger ist es, eine kritische Masse an belastbarer Kompetenz aufzutreiben. Minderheiten nutzen dies, um sich breit zu machen. Zum Beispiel beanspruchen die Anhänger der völlig marginalen Freiwirtschaft beträchtliche Anteile an Abhandlungen über das Geldsystem oder den Zinsmechanismus. Das wieder auszutreiben kostet Zeit und Nerven. Denn um jede Änderung wird in langen, langen Diskussionsrunden gerungen werden. Oft findet man auch absolut einseitige Artikel, die über Monate unangefochten in der Wikipedia standen. Woran es Wikipedia derzeit am meisten mangelt: ein Lektoratsprozess, der einem Artikel den Stempel der Verlässlichkeit aufdrücken kann. Zwar gibt es die "lesenswerten" und die "exzellenten" Artikel, doch ihre Anzahl ist viel zu gering - zudem können exzellente Artikel in Bearbeitungskriegen zu einseitigen und verwirrenden Artikeln werden. Ein Berliner Verlag will Bücher mit Wikipedia-Inhalten rausgeben und engagiert so genannte "Wikipeditoren", die eine redaktionelle auswahl und Überprüfung übernehmen. Doch das ist nur ein erster Schritt, die Anzahl der von diesen Leuten betreuten Artikel wird kaum die Prozentgrenze überschreiten. Und die bezahlten Gelder reichen kaum für aufwändige Recherchen oder den Kauf von Fachbüchern aus.
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