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Lexika: Brockhaus bleibt offline

Der Untergang des Abendlandes ist vorerst abgewendet: Seit der Brockhaus-Verlag laut darüber nachdachte, den Druck der Enzyklopädie mangels Nachfrage einzustellen, brummt der Verkauf. Jetzt wird das Online-Lexikon verschoben - und der 30-Bänder weiter gedruckt.

Knapp zwei Monate nach Berichten über einen angeblich geplanten Rückzug des Brockhaus-Verlages aus dem Geschäft mit gedruckten Lexika erfolgte am Dienstag die Klarstellung, die den meisten wie ein Rückzug vom Rückzug erscheinen wird: Vorerst gehe es weiter mit dem gedruckten Buch, bestätigte der Verlag. Erst in ein, zwei Jahren werde eine endgültige Entscheidung darüber getroffen, ob es auch nach der nun wieder in Vorbereitung stehenden 22. Auflage weitere geben werde.

Brockhaus online: Soll ein paar Wochen später kommen - dafür gibt es weiter Druck
DPA

Brockhaus online: Soll ein paar Wochen später kommen - dafür gibt es weiter Druck

Die ebenfalls im Februar angekündigte Veröffentlichung eines Online-Lexikons Mitte April wurde derweil "um mehrere Wochen" verschoben.

Grund für das klare Ja zur "dead tree edition" (Internet-Jargon für Zellstoff-basierte Informationsträger) ist offenbar ein Aufleben des Käuferinteresses an der gedruckten Edition. Mitte Februar war berichtet worden, die seit 2006 im Handel befindliche 21. Auflage könnte die letzte in der 200-jährigen Geschichte der Enzyklopädie sein. Das aber, betont Verlagssprecher Klaus Holloch, sei ein Missverständnis gewesen, das bereits wenige Tage darauf von Brockhaus-Chef Andreas Langenscheidt relativiert worden sei.

Der hatte in einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" gesagt, eine Entscheidung, die Enzyklopädie einzustellen, sei gar nicht gefallen: Es gehe nur darum, dass die aktuelle "die letzte Brockhaus-Groß-Enzyklopädie mit 30 Bänden aus der heutigen Sicht" sei. Auch die Encyclopedia Britannica habe sich zeitweilig auf rein digitale Vertriebsformen gestützt. Langenscheidt gegenüber der "SZ": "Seit über einem Jahr gibt es erstaunlicherweise wieder eine erfolgreiche Printausgabe. Da wir technologisch in der Datenerstellung und -speicherung gut aufgestellt sind, könnten wir später auch wieder in kleinen Auflagen bei entsprechender Nachfrage weiterhin Enzyklopädien in Printform anbieten."

Doppelstrategie statt Richtungsentscheidung

Dieses Jein zum Print wurde nun wieder zum Ja verklart. Der Nachrichtenagentur dpa erklärte Firmensprecher Klaus Holloch, man habe erst jetzt "gemerkt, wie viele Fans die Brockhaus-Enzyklopädie hat". Seit der Diskussion vom Februar habe es außerdem zahlreiche Anfragen von Medienpartnern gegeben - für Kooperationen bei Print-Projekten, aber auch bei dem Lexikon-Portal. "Das loten wir gerade aus."

Denn grundsätzlich gelte natürlich weiterhin, dass Nachschlagen online stattfinde, "aber auch weiter im Buch".

Dieses Nebeneinander, erklärt Holloch im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE, sei ihm wichtig: Brockhaus wolle dem Wissens-Sucher die Informationen eben überall bieten, "wo er es sucht." Richtig sei allerdings, dass man künftig anders kalkulieren müsse. Trotz der in den letzten Wochen aufgelebten Nachfrage sei die 21. Auflage bisher hinter ihren Verkaufszielen zurück geblieben. In Zukunft müsse man so kalkulieren, dass die Enzyklopädie auch bei Auflagen unter 20.000 rentabel sein könne. Das, meint Holloch, sei "durchaus zu erreichen".

Ansonsten gelte künftig eine Doppelstrategie: Der Verlag setze auf das gedruckte Buch, aber eben auch auf das geplante Wissens-Portal, über das neben der Enzyklopädie auch zahlreiche weitere Lexika des Verlags abrufbar werden sollen. Brockhaus setze bereits seit Jahren darauf, den in der gedruckten Ausgabe repräsentierten Informationsstand ständig aktuell zu halten und Online verfügbar zu machen. Insofern sei auch das gedruckte Werk ein "junges Produkt", gerade in Kombination mit den Möglichkeiten von Online-Updates, die bald nicht mehr nur Käufern der Enzyklopädie zugänglich seien, sondern allen.

Der angedachte Rückzug aus dem Druck der Enzyklopädie hatte Mitte Februar im deutschen Feuilleton für erhebliche Erschütterungen gesorgt. Seit Aufkommen der CD-ROM, mehr noch seit dem Boom des WWW stehen Lexikon-Produzenten unter einem ständig stärker werdenden Preis- und Aktualitätsdruck. Im Alltagsgebrauch insbesondere jüngerer Generationen hat vor allem das Community-Lexikonprojekt Wikipedia den Nachschlagewerken den Rang abgelaufen. Die Wikipedia ist mit ihren verschiedenen Regionalangeboten eine der populärsten Websites weltweit.

Das Hauptargument der Verlage für ihre Produkte ist, dass deren Informationen im Gegensatz zu Wikipedia-Inhalten einem professionellen Verifizierungsprozess unterliefen. Sie setzen in letzter Zeit verstärkt auf werbefinanzierte Online-Portale. Das geplante Brockhaus-Portal wird in Deutschland mit SPIEGEL WISSEN, einer Kooperation von SPIEGEL, Bertelsmann und Wikipedia konkurrieren.

pat/dpa

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Kopfschüttel
ColynCF 01.04.2008
Nix dagegen, dass Brockhaus weiterhin gedrucktes Papier unter die Leute bringen. Die Wälder werdens überleben. Aber dass man die online Präsenz um mehrere Wochen (Monate?, Jahre?) verschiebt, ist schon peinlicher. Offensichtlich will Brockhaus den Verkaufs-Push durch eine Öffung des Internet-Portals nicht stören. Sei ihnen gegönnt. Schlechter wäre es, wenn man dazu übergeht, eine abgespeckte Version online zu stellen, bei der man auf jeder 2. Seite einen freundlichen Hinweis auf die vollständige gedruckte Version findet. Sollte das so sein, können sie die Online-Präsenz gleich knicken. Aber schaun mer mal. Ich hab übrigens keine gedruckte Version, hab mein gedrucktes lexikon grad wegen Überalterung und Platzverschwendung in die Tonne getreten. Nutze aber die käuflich erworbene elektronische Ausgabe des Brockhaus auf PDA. Die war durchaus ihr Geld wert und ich würde auch weiterhin für eine aktuelle PDA-Version bezahlen. Aber das Problem der Aktualität bleibt halt.
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