Liebe Not: Partnersuche in Zeiten des Internets

Von Gabriele Bärtels

Die Liebe fällt, wie man weiß, wohin sie will. Was aber, wenn man gerade nicht dort ist? Neue Kontakte zu knüpfen wird nicht einfacher im Laufe der Zeit. Die aber brachte uns auch neue Möglichkeiten: Partnerbörsen im Internet.

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DDP

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Kontaktanzeigen aufzugeben, um einen Partner zu finden, ist von alters her ein peinliches Geschäft. Wer so was macht, der hat es wohl nötig. Erzähl bloß niemandem, wie wir uns kennen gelernt haben - so oder drastischer denkt das deutsche Volk, und vor hundert Jahren mag es vielleicht Recht gehabt haben.

Im Gegensatz zu früher, als Ehen und Möbel noch Jahrzehnte gehalten haben, muss ein moderner Mensch sehr viel häufiger damit rechnen, wieder allein dazustehen, auch im gestiegenen Alter. Verläuft ein Leben jedoch erst einmal in einigermaßen festen Bahnen, ist es nicht mehr so leicht, potenzielle Geliebte kennen zu lernen. Sei es, weil die allein stehende Mutter abends nicht aus dem Haus kommt, oder der Manager nach einem Sechzehn-Stundentag keinen Barhocker-Balztanz mehr aufführen will.

Und dann fangen sie doch an, sich in irgendeine Web-Partnerbörse einzuloggen, denn dies kann still und heimlich geschehen, vorläufig anonym, oft kostet es nicht einmal etwas, und es gibt für jeden Geschmack, jedes Vermögen ein Angebot.

Neulich unterhielt ich mich mit einem 24-jährigen Studenten darüber. Er sagte: "Für mich ist es etwas anderes als für Dich. Du willst einen Mann fürs Leben. Ich will nur flirten."

Das ist die Bandbreite. Junge Leute haben sowieso kein Problem. Die sind schon mit Flirtlines per SMS sozialisiert worden und können das mühelos auf Partnerbörsen übertragen. Sie kommen gar nicht auf die Idee, sich zweitklassig zu fühlen oder etwa nicht zu wissen, wie man aus einem E-Mail-Kontakt eine Beziehung aus Fleisch und Blut macht. Für sie ist es ein Gesellschaftsspiel, für ältere Singles wird es erst langsam dazu.

Denen erscheint der Vorgang zunächst sehr, sehr technisch. Sie hängen Vorstellungen nach, wonach sich Liebe von selbst einstellt und man einen Partner nur auf sich zukommen lassen muss. Meine höchst unwissenschaftliche Prognose ist aber, dass in Zukunft noch mehr zarte Bande per E-Mail geknüpft werden, als es ohnehin schon geschieht, selbst wenn wenige darüber reden. Das war zwar von Natur aus nicht vorgesehen, doch der Mensch hat sich ja auch in anderer Hinsicht über sie erhoben.

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Anuschka: (k)ein einsamer Fall

Anuschka ist so ein Fall. Sie ist Krankenschwester, Anfang vierzig. Ihr Leben spielt sich zwischen Kiez und Krankenhaus ab. Die allein lebenden Männer und Frauen in ihrer Alltagswelt hatten einander längst abgegrast und so häufig kam kein "Frischfleisch" dazu. Anuschka war nun auch nicht die, die Tanz- oder Volkshochschulkurse ansteuerte, und wer von uns spricht ein Objekt der Begierde auf offener Straße an? Sie blieb einfach einsam.

Bis eine Freundin ihr dringend riet, sich bei einer Partnerbörse anzumelden. Das koste nicht einmal einen Gang aus dem Haus. Anuschka stellte ein hübsches Foto von sich zu ihrer Kurz-Beschreibung. Es dauerte keinen Tag, da war ihr Online-Briefkasten voller Zuschriften. Das sagt zwar erst mal nichts, aber regt entschieden die Lebensgeister an.

Statt fernzusehen und Chips zu knabbern studierte Anuschka Zuschriften und die dazugehörigen männlichen Steckbriefe, fühlte sich begehrt wie lange nicht und in der Lage, auszuwählen. Auf einmal stellte sie fest, dass es einen großen - sagen wir mal - Schwarzmarkt gab, auf dem sie einen gewissen Wert hatte, und dass die Welt von Männern wimmelte, die etwas Ähnliches suchten wie sie.

Das ist die schöne Theorie

Liebe: Entsteht noch immer durch den Austausch von Blicken, nicht von Kilobytes
DPA

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Die Praxis ist das echte Leben und das steckt nun mal hinter jedem im Internet hinterlegten Partner-Profil. Leider erkennt man es nicht gleich, denn schlechte Privat-Fotos und E-Mails ungeübter Schreiber können die Wirklichkeit nicht präzise wiedergeben. Die Lücken füllt jeder Bindungswillige, ob er will oder nicht, zunächst mit Fantasie und macht sich wunder was für Illusionen über den Traumpartner, den er da aus dem Netz gefischt hat.

So beging auch Anuschka alle Anfängerfehler, die man begehen kann. Verliebte sich in dürre Sätze, bis der dazugehörige Schreiber sie abrupt aus seiner Liste löschte. Ließ sich von Formbriefen täuschen, die gewisse Herren in Serie anfertigen. Plauderte alle ihre Geheimnisse einer sympathischen Telefonstimme aus, deren Eigentümer sich als fettes, draufgängerisches Männlein entpuppte, das allen Ernstes glaubte, sie ginge gleich nach dem ersten Kaffee mit ihm ins Bett.

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