LifeSocial Community ohne Server

Netzwerke wie StudiVZ oder Xing verschlingen Unsummen für den Betrieb ihrer Server. Nicht so die an der TU Darmstadt entwickelte Community LifeSocial. Sie basiert auf der von Tauschbörsen bekannten Peer-to-Peer-Technik und soll den Nutzern ein Stück Kontrolle zurückgeben.


Für Nutzer sind sie meist gebührenfrei, und doch verursachen sie Kosten in Millionenhöhe: Soziale Netzwerke im Internet erfreuen sich seit Jahren wachsender Beliebtheit, sie sprießen wie Pilze aus dem Boden. Facebook, StudiVZ, Wer-kennt-wen, Xing und wie sie alle heißen, haben unterschiedliche Zielgruppen - doch sie haben auch alle eines gemeinsam: Ihre Server kosten Geld. Bei LifeSocial ist das anders, denn die Entwicklung der Technischen Universität (TU) Darmstadt kommt ohne Server aus, indem sie die Rechenlast auf ihre Nutzer verteilt.

Kalman Graffi vom Fachbereich Multimedia Kommunikation an der TU hat die neue Netzwerk-Architektur maßgeblich mit entwickelt. Der 26-jährige Diplom-Mathematiker und Diplom-Informatiker gehört zu einem 20-köpfigen Team aus Wissenschaftlern und Studenten, die gemeinsam nach Alternativen zu den von Servern abhängigen Netzwerk-Architekturen gesucht haben. Fündig wurden die Forscher in der Peer-to-Peer-Technik (P2P), die bislang vor allem im Bereich der Internet-Tauschbörsen oder beim Internet-Telefonieren verwendet wurde.

Aleksandra Kovacevic, Kalman Graffi und Patrick Mukherjee von der Technischen Universität Darmstadt: Mitentwickler von SocialLife, der P2P-Lösung für Soziale Netzwerke, die ohne Server auskommt
DDP

Aleksandra Kovacevic, Kalman Graffi und Patrick Mukherjee von der Technischen Universität Darmstadt: Mitentwickler von SocialLife, der P2P-Lösung für Soziale Netzwerke, die ohne Server auskommt

"Bandbreite, Speicherplatz und Rechenleistung werden auf die Nutzer verteilt", sagt Kalman Graffi. "Die vielen kleinen Beiträge jedes Teilnehmers ersetzen dann die Server." LifeSocial soll alles können, was die herkömmlichen Netzwerke auch bieten: Profilseiten mit Fotos anlegen, Freunde suchen und verknüpfen, sich in Gruppen zusammenschließen, Nachrichten verschicken oder direkt miteinander chatten. Aber es soll noch mehr ermöglichen. So soll man bei LifeSocial direkt über die P2P-Verbindung mit anderen Nutzern telefonieren können.

Die Abkehr von der Client-Server-Technik, bei der alle Nutzer (Clients) über den Server miteinander verbunden sind, bietet Betreibern wie Nutzern Vorteile, meint Graffi. Die Betreiber sparen bares Geld. "Facebook hat mal ausgerechnet, dass jeder Nutzer pro Jahr im Schnitt einen Dollar kostet", erzählt der Diplom-Informatiker. Bei hundert Millionen Nutzern komme da "ganz schön was zusammen". Zwar seien das nicht alles Server-Kosten, räumt der Forscher ein: "Aber Server brauchen nun einmal viel Strom. Und Strom kostet Geld."

Soziale Netzwerke
Facebook
DPA
Facebook ging Anfang 2004 als soziales Netzwerk für Harvard-Studenten online. Zunächst konnten nur Menschen mit E-Mail-Adressen ausgewählter US-Hochschulen Mitglieder werden, seit 2006 ist die Seite für alle Über-13-Jährigen offen. Nach eigenen Angaben hat Facebook 845 Millionen aktive Mitglieder weltweit (Dezember 2011). Mehr zu Facebook auf der Themenseite.
Google+
Google+ ist der Versuch, den sozialen Funktionen von Facebook und Twitter etwas entgegenzusetzen. Das soziale Netzwerk wurde im Juni 2011 gestartet und hat nach Firmenangaben rund 170 Millionen Nutzer (April 2012). Der Funktionsumfang ist rein aus Nutzersicht vergleichbar mit Facebook, Schnittstellen für externe Entwickler sind allerdings eingeschränkt. Google animiert seine Nutzer, das Netzwerk als zentralen Hub für seine Dienste zu nutzen. Mehr zu Google+ auf der Themenseite.
Twitter
DPA
Der auf kurze Textnachrichten spezilalisierte Dienst Twitter wurde im Juli 2006 gegründet. Populär wurde der Dienst als Verteilnetzwerk für Links, Fotos und Videos. Twitter zählt nach eigenen Angaben mehr als 140 Millionen Nutzer (März 2012). Mehr zu Twitter auf der Themenseite.
Xing
Xing (früher OpenBC) wurde 2003 von Lars Hinrichs gegründet. Nach eigenen Angaben hat Xing über 11,7 Millionen Mitglieder (Stand: Dezember 2011), etwa acht Prozent haben einen kostenpflichtigen Premium Account. Bei Xing geht es vor allem um berufliche Kontaktaufnahme. Mehr zu Xing auf der Themenseite...
StudiVZ
Ehssan Dariani hat die Studenten-Community StudiVZ 2005 gegründet. Zuerst investierten Lukasz Gadowski und Matthias Spiess in StudiVZ, später finanzierten es vor allem die Gebrüder Samwer - bekannt für die Klingeltonfirma Jamba - und der Venture-Capital-Arm des Holtzbrinck-Verlags ("Die Zeit", "Handelsblatt"). Im Januar 2007 übernahm Holtzbrinck StudiVZ. Derzeit haben die Plattformen studiVZ.net, schuelerVZ.net und meinVZ.net nach eigenen Angaben rund 17,4 Millionen Nutzer (Stand: Januar 2011). Mehr zu StudiVZ auf der Themenseite...
Lokalisten
Im Mai 2005 gegründet, hat das Netzwerk Lokalisten nach eigenen Angaben (Stand Juli 2010) inzwischen 3,6 Millionen Nutzer. Mehr zu Lokalisten bei Wikipedia...
Spin.de
Das 1996 in Regensburg gegründete Unternehmen Spin betreibt ein eigenes soziales Netzwerk, aber auch integrierte Unter-Communitys mit regionalem Fokus, die mit Partnern vor Ort (Lokalradios vor allem) betrieben werden. Nach eigenen Angaben (Stand Februar 2011) hat Spin.de eine Million aktive Mitglieder. Mehr zu Spin.de bei Wikipedia...
Wer kennt wen
Wer-kennt-wen wurde von den beiden Studenten Fabian Jager und Patrick Ohler gegründet. Seit Februar 2009 gehört das Netzwerk vollständig RTL Interactiv, die Gründer schieden Ende August 2010 aus. Das Netzwerk hat laut Betreiber über 9,5 Millionen Nutzer (Stand: Januar 2012). Mehr zu Wer-kennt-wen bei Wikipedia...
MySpace
MySpace war 2006 das populärste soziale Netzwerk in den USA. Ein Jahr zuvor war es von Rupert Murdochs News Corporation gekauft worden. Bekannt wurde es durch die Möglichkeit, Musik einzubinden. Künstler und Bands nutzten die Plattform als Marketingplattform. Zeitweise hatte MySpace mehr als 220 Millionen Nutzer, nach Berechnungen von Google rund 30 Millionen Nutzer (Dezember 2011). Mehr zu MySpace auf der Themenseite...

Für die Nutzer werde die Teilnahme an einem sozialen Netzwerk sicherer, sagt Graffi. Denn während bei dem Client-Server-Modell alle Nutzerdaten zentral an einem Ort gespeichert und so leichter Hacker-Angriffen ausgesetzt sind, werden die Nutzerdaten bei der P2P-Technik auf viele tausend Teilnehmerrechner verteilt. "Die Daten werden dort verschlüsselt abgelegt, der Teilnehmer kann also nicht einfach die Daten anderer lesen oder bearbeiten", erläutert Graffi. Die Verschlüsselung ähnele dem Pin-Verfahren beim Online-Banking und sei sicher.

Der Wegfall der Server habe aber noch einen weiteren positiven Aspekt für die Nutzer. Weil die Betreiber nun weniger Geld für Technik und Strom ausgeben müssen, müssten sie theoretisch nicht mehr so viele Werbebanner schalten. Auch die Auswertung oder gar der Verkauf von Nutzerdaten, um einzelne Teilnehmer mit gezielter Werbung anzusprechen, fielen weg. "Unsere Idee gäbe den Nutzern ein Stück Kontrolle zurück", betont Graffi. Der gläserne Nutzer wäre passé. In etwa einem halben Jahr will die TU-Gruppe eine Testversion von LifeSocial freischalten.

Doch bevor es so weit ist, müssen Kalman Graffi und seine Kollegen noch ein paar kniffelige technische Details lösen. Weil nicht immer alle Teilnehmer online sind, müssen die Daten der Nutzer intelligent auf verschiedene Rechner gestreut werden. Würden die Daten eines Nutzers nur auf einigen wenigen Rechnern liegen, könnte man sein Profil nicht aufrufen, wenn er und diese wenigen anderen Rechner nicht online wären. Über "intelligente Replizierungstechniken erreichen wir eine Verfügbarkeit von 99 Prozent - auch ohne Server", sagt Kalman Graffi.

So schön die Idee auch klingt, die Betreiber sozialer Netzwerke reagieren noch zurückhaltend auf die Entwicklung der TU. "Für uns ist das eigentlich nicht interessant", sagt Thomas Ohler von Wer-kennt-wen. Einmal abgesehen davon, dass er sich als Informatiker "nicht vorstellen kann", wie ein Netzwerk über P2P-Technik funktionieren soll, habe Wer-kennt-wen sich für einen von jedem PC aus nutzbaren Online-Betrieb entschieden. Denn für ein P2P-Netzwerk wie LifeSocial benötige man ein eigenes Programm, das auf jedem Computer erst eigens installiert werden müsse.

Daniel Staffen-Quandt, ddp



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