Linda Stone Navigation durch das physische und das virtuelle Leben

Es ist ein Spagat. Wer das Internet mit seinen Verlockungen genießen, dabei aber nicht sein Leben und die Erfahrungen der realen Welt vernachlässigen will, braucht zwei Dinge, sagt die Beraterin Linda Stone: Entschlossenheit und eine Uhr.

Linda Stone: Ex-Apple und Ex-Microsoft-Mitarbeiterin mit einem Hang zum Online-Leben
Joi Ito

Linda Stone: Ex-Apple und Ex-Microsoft-Mitarbeiterin mit einem Hang zum Online-Leben


Vor dem Internetzeitalter ging ich öfter zur Bibliothek und telefonierte häufiger. Ich las mehr Bücher, und meine Perspektive war enger und weniger informiert. Ich ging mehr zu Fuß, fuhr mehr mit dem Fahrrad, wanderte mehr und spielte mehr. Ich hatte häufiger Sex.

Die verlockenden Online-Weisen, -Gelehrten und -Musen, die meinen neugierigen Geist freudig überall hinbringen, wohin er gehen soll, wohin zu gehen er sich vorstellen kann, wann immer er will, sind verführerisch. Alle meine geliebten Bildschirme bieten unendliche, bezaubernde, spielerische, leistungsfähige, informative, soziale Einblicke in die globale menschliche Erfahrung.

Das Internet, das virtuelle Online-Universum, ist meine Dschungelturnhalle, und ich schwinge mich von Holm zu Holm, erfahre etwas darüber, wie Schreiben entweder isolierend oder verbindend sein kann, über DIY-Drohnen (unbemannte Flugzeuge) auf einer Herstellermesse, darüber, wo man ein Quantified-Self-Meetup finden kann, und wie man Sach moan sngo num pachok macht. Ich kann eine Bildersuche verwenden, um "Hoffnung" oder "Erfolg" oder "Spiel" nachzuschauen. Über nahezu alles kann ich ein Video finden: Von diesem Internet der Wunder lernte ich, wie man eine junge Thai-Kokosnuss sicher öffnet.

Wenn ich aus meinem Fenster auf das ungewöhnlich schöne Wetter in Seattle schaue, fällt mir ein, dass ich heute noch nicht draußen spazieren gegangen bin - die süßen Internetsäfte tropfen mir immer noch vom Kinn herab. Ich achte jetzt auf die Uhr, damit ich wieder in der physischen Welt auftauchen kann.

Das Internet hat meinen Körper gestohlen

Die physische Welt ist diejenige, in der ich nicht nur sehe, sondern auch fühle - den liebenden Blick eines Freundes in einem Gespräch, die Bewegung meiner Arme und Beine, den Wind auf meinem Gesicht, wenn ich nach draußen gehe, und die Gesellschaft von Freunden an einem Spieleabend und bei einem Abendessen, zu dem jeder Gast etwas mitbringt. Das Internet unterstützt mein Denken, und die physische Welt unterstützt es ebenfalls und außerdem noch reichhaltige Erfahrungen der Sinne und des Gefühls.

Es ist kein Zufall, dass wir eine Kultur sind, die zunehmend vom Food Network und Bauernmärkten besessen ist - sie sprechen unsere Sinne an und bringen uns mit anderen zusammen.

Wie hat das Internet mein Denken verändert? Je mehr ich es lieben und kennengelernt habe, umso stärker ist der Kontrast, umso intensiver ist die Spannung zwischen einem physischen und einem virtuellen Leben. Das Internet hat meinen Körper gestohlen, der jetzt zu einer leblosen Form geworden ist, die gekrümmt vor einem glühenden Bildschirm sitzt. Meine Sinne wurden in dem Maße abgestumpft, wie mein gieriger Geist mit dem globalen Gehirn eins wurde, das wir das Internet nennen.

Ich bin sicher, dass ich online über nahezu alles etwas erfahren kann, und ich bin ebenfalls sicher, dass ich in meiner Offline-Zeit lebendiger sein kann. Das einzige Instrument, das ich für diesen Balanceakt gefunden habe, ist der Vorsatz.

Das Gespür für den Kontrast zwischen meinem Online- und meinem Offline-Leben ließ mich wieder die Genüsse der physischen Welt schätzen. Ich bewege mich jetzt mit größerer Entschlossenheit zwischen diesen beiden Welten, wähle die eine und dann die andere - und verzichte auf keine.



zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.