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Link-Sammlung: Menscheln statt googeln

Mister Wong ist ein deutsches Portal für "Social Bookmarking". Hinter dem Modewort steckt eine reizvolle Mischung aus Suchmaschine und Best-of-Internet-Sammelalbum. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erklärt Christian Clawien, wie der Faktor Mensch dabei sogar Google aussticht.

SPIEGEL ONLINE: Was ist Social Bookmarking?

Christian Clawien: Erstens: Ich kann meine Internet-Lesezeichen online verwalten. So habe ich überall Zugriff darauf - nicht nur vom Browser zu Hause oder am Arbeitsplatz. Außerdem kann ich sie nach meinen eigenen Schlagworten kategorisieren, den sogenannten Tags. Zweitens: Wenn das tausende Nutzer tun, entsteht eine Art menschliches Suchverzeichnis. Eine Linksammlung, die häufig viel größere Relevanz hat als die Ergebnislisten klassischer Suchmaschinen.

SPIEGEL ONLINE: Der Hauptzweck ist also - mal schauen, was derzeit die anderen im Netz gut finden...

Clawien: ...wir sprechen da immer von einer Art Surfmaschine. Man findet zu seinen Suchwörtern relativ schnell interessante Seiten - selbst wenn diese noch neu im Netz sind. Bei Google landen gerade neue Seiten ziemlich weit hinten oder stehen gar nicht im Index, selbst wenn sie relativ häufig besucht sind. Bei uns sind Nutzer als Trüffelschweine im Netz unterwegs: Sie finden solche Seiten über andere Kanäle viel schneller und bookmarken sie sofort bei uns. Neue Seiten, die gerade im Kommen sind, werden auf diese Weise viel schneller gelistet als in klassischen Suchmaschinen. Außerdem kann man sich die Ergebnisse nach Aktualität und Beliebtheit sortieren lassen.

SPIEGEL ONLINE: Warum aber Mister Wong? Das ältere US-Angebot del.icio.us und andere Seiten funktionieren praktisch genauso.

Clawien: Im deutschsprachigen Raum gab es kein solches Portal, das einfach und komfortabel zu bedienen ist. Wer die populärsten Seiten bei del.icio.us ansieht, findet meist keine Seiten, die in Deutschland häufig besucht werden. Bei Mister Wong findet man das Internetwörterbuch Leo, Chefkoch.de, "frag Mutti", auch SPIEGEL ONLINE und so weiter - Seiten, die bei Nutzern im deutschsprachigen Raum populär sind. Außerdem haben wir in den wenigen Monaten seit dem Start von Mister Wong viele Features eingeführt, die andere Social-Bookmarking-Dienste nicht haben.

SPIEGEL ONLINE: Zum Beispiel?

Clawien: Man kann private Mails an andere Nutzer schicken oder Tags matchen. Das bedeutet: Ich kann bei einem Bookmark auf "verwandte Links" klicken und bekomme dann andere Bookmarks mit ähnlichen Tags angezeigt. Bei einer gebookmarkten Seite mit Kochrezepten bekomme ich auf diese Weise vier, fünf Vorschläge für weitere Rezepte-Seiten. Oder ich kann mir anzeigen lassen, welche anderen Nutzer sich für meine Themen interessieren. So finde ich Gleichgesinnte. Kurz, Nutzer können sich bei uns stärker miteinander vernetzen und leichter beobachten, was andere bookmarken.

SPIEGEL ONLINE: Das berührt ja ziemlich private Dinge. Was müssen Nutzer von sich preisgeben?

Clawien: Wir haben die Möglichkeit, ein öffentliches Profil einzugeben. Da kann man seinen Namen angeben, seinen Arbeitgeber, seine Webseite, seinen Skype- oder ICQ-Namen und einen Link zum Profil bei OpenBC. Man muss das aber nicht. Jeder kann entscheiden, was privat und was öffentlich sein soll. Das gilt auch für jedes Bookmark, das man anlegt.

SPIEGEL ONLINE: Als Nutzer muss ich aber davon ausgehen, dass Sie als Betreiber alles sehen - auch privateste Bookmarks.

Clawien: Es geht ja nur um Links zu anderen Webseiten. Bei uns werden sicher weniger Pornografie-Seiten gebookmarkt, als das Menschen bei sich zu Hause tun - solche Bookmarks erklären wir ohnehin sofort für privat. Unsere Nutzer kommen außerdem bisher eher aus dem professionellen Bereich, und die meisten benutzen Fantasienamen. Bei uns wird nur der Anmeldename und die E-Mail-Adresse hinterlegt. Alles darüber hinaus entscheidet der Nutzer selbst. Ich selbst habe alle meine Daten ein- und freigegeben, weil ich darauf setze, dass ich durch meine Lieblingsthemen ein soziales Netz knüpfe. Das macht sich auch schon bemerkbar.

SPIEGEL ONLINE: Wie wollen Sie damit Geld verdienen?

Clawien: Wir denken im Augenblick vor allem an Kooperationen mit anderen Anbietern wie Verlagshäusern, in deren Internet-Angebote man unsere Funktionen einbauen könnte. Im Moment wäre Werbung auf der Seite zwar möglich - aber wir möchten zunächst werbefrei bleiben, bis sich attraktive Modelle anbieten.

SPIEGEL ONLINE: Fänden Sie es attraktiv, wie YouTube oder MySpace für viel Geld aufgekauft zu werden?

Clawien: Das wird die Zeit zeigen. Es gibt bereits Anfragen, allerdings legen wir viel Wert auf die Selbständigkeit in unseren Entscheidungen, was das Portal angeht.

Die Fragen stellte Christian Stöcker

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