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Literatur-Experiment: Eine Million schreibende Pinguine

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Der Verlag Penguin Books greift tief in die Mottenkiste der Netzkultur und zieht das Konzept des kollektiv geschriebenen Romans hervor. Diesmal jedoch soll dabei kein Chaos herauskommen, sondern ein Kunstwerk der Schwarm-Intelligenz: Wiki sei Dank ist dabei jeder Autor auch Lektor.

Der Gedanke des gemeinschaftlich geschriebenen Romans hat eine lange Tradition. Gemeint ist dabei nicht die Arbeit von Autorenteams, wie man das etwa vom populären Krimi-Gespann Sjöwall / Wahlöö kennt, sondern der Gedanke, in einem Dialog miteinander und auf dem Schreiben eines anderen aufbauend etwas zu verfassen. Im 18. und 19. Jahrhundert war das ein beliebter Zeitvertreib des Bildungsbürgertums, als natürlich noch per Schneckenpost Kapitel von Autor zu Autor wanderten, und man möglichst geistreich versuchte, auf den Ideen des Vorschreibers aufzusetzen.

amillionpenguins.com: Die Adresse des Projekts ist Programm

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Mitunter entstanden so regelrechte Briefromane. Trotzdem ist es kaum ein Zufall, dass man mit diesem Begriff keineswegs wirklich kollektiv geschriebene Literatur verbindet, sondern in der Regel deren Simulation: Von Goethes "Werther" bis zu Bram Stokers "Dracula" zeichnete sich früh ab, dass das Werk des einzelnen Koches doch schmackhafter war als das der vielen Köche.

Das Ideal, die intellektuellen Kapazitäten Vieler konstruktiv zusammenzuführen, lebte trotzdem fort. Der Dichter Novalis alias Friedrich Freiherr von Hardenberg, ein Star der romantischen Literaturszene, sinnierte schon Anfang des 19. Jahrhunderts: "Das Schreiben in Gesellschaft ist ein interessantes Symptom - das noch eine große Ausbildung der Schriftstellerei ahnden läßt. Man wird vielleicht einmal in Masse schreiben, denken und handeln. Ganze Gemeinden, selbst Nationen werden ein Werk unternehmen."

Wikipedia, ich hör Dir trapsen: Novalis, ein Vordenker der Internet-Kultur?

Natürlich nicht, doch das Zitat zeigt, wie naheliegend solche Ideen sind. Mitte der neunziger Jahre gewannen sie neuen Schwung. Forensoftware eröffnete den Weg zum kollektiven Schreiben. Ehrgeizige Kollektiv-Literaturprojekte entstanden - und produzierten bestenfalls hoch unterhaltsamen Web-Spaß. Die meisten Netzliteraturprojekte dieser Art scheiterten an mangelnder Ausdauer der Teilnehmer, an mangelndem Publikumsinteresse - und auch, wenn man ehrlich ist, an einem Mangel an kollektivem Talent. Denn das Produkt vieler Stile und zündender Ideen war letztlich oft Inkompatibilität - schreiberisches Chaos.

Massenroman per Wiki?

Rund zehn Jahre nach dem letzten Boom der kollektiven Netzliteratur hebt nun der Verlag Penguin Books ein ehrgeiziges, zumindest aber werbewirksames Projekt aus der Taufe. "amillionpenguins" nennt sich die Website, auf der sich nach dem Wunsch des Verlages - in Kooperation mit der de Montfort Universität in Leicester - Legionen von Netz-Nutzern als Literaten und Lektoren zugleich austoben sollen.

Denn anders als bei früheren Netzliteratur-Projekten sieht der (im übrigen permanent überlastete) Service vor, dass man nicht nur eigene Beiträge zusteuern kann, sondern auch die anderer korrigieren. Das Ding ist ein Wiki, so wie das Kollektiv-Lexikon Wikipedia - längst mehr nicht nur eine der populärsten Webseiten, sondern einer aktuellen Umfrage zufolge auch eine der fünf Top-Markennamen in der Welt.

Bei der Wikipedia funktioniert, was in den Netzliteraturprojekten der Vergangenheit nicht klappte: Die freie Diskussion über und freigiebige Einflussmöglichkeiten auf die Ausgestaltung von Texten gewährleistet sowohl inhaltlich wie stilistisch ein recht hohes Niveau. Längst gilt die Wikipedia in weiten Bereichen ihres Angebotes als hochgradig zuverlässige Quelle - zumindest aber nicht als merklich unzuverlässiger als ihre kommerzielle und professionelle Konkurrenz. Schon redet man da über "Schwarm-Intelligenz", den Geist der Masse. Ob der auch zu künstlerischer Tätigkeit fähig wäre?

Penguin will es herausfinden. "Das ist ein Experiment", sagte Projektleiter Jeremy Ettinghausen der Nachrichtenagentur Reuters. "Es könnte als Buchstabensalat enden." In Wahrheit jedoch hat der Mann natürlich Hoffnungen: "Wir machen keine Vorhersagen. Aber es wäre schon absolut fantastisch, wenn wir daraus am Ende etwas für den Druck kreieren könnten."

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