Live-Streaming: YouTube erobert das Jetzt

Von Andreas Grieß

Google entdeckt die Echtzeit: Nachdem der Online-Gigant vergangene Woche die Instant-Suche vorstellte, testet nun die Tochtermarke YouTube das Live-Streaming. Die Erweiterung könnte Google gegenüber Apple den entscheidenden Vorteil im Kampf um den Online-TV-Markt einbringen.

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Derzeit noch nur ein Test: Live on YouTube

Es gibt kein Video, das man nicht auf YouTube findet. Das zumindest ist eine weit verbreitete Ansicht. Was man aber definitiv nicht auf dem Videoportal findet - da wird bislang keiner widersprechen - ist das, was gerade jetzt passiert. Genau das möchte YouTube nun ändern.

Bereits in der Vergangenheit hat YouTube gelegentlich Veranstaltungen live gesendet, etwa ein U2-Konzert oder den Saisonauftakt der indischen Cricket-Liga. Der nun gestartete, bis Dienstag andauernde, zweitägige Test ist jedoch größer angelegt: Die Live-Übertragungen sind direkt auf dem Kanal des sendenden Nutzers verfügbar. Laut YouTube braucht dieser dafür nichts weiter als eine einfache Webcam. Zeitgleich soll es Zuschauern möglich sein, mittels Live-Kommentaren Kontakt zum Sendenden aufzunehmen.

Zuschauerandrang bislang offenbar gering

Live auf YouTube senden kann aktuell jedoch nicht jeder. Beim Test senden lediglich vier YouTube-Partner zeitweise Inhalte. Dabei handelt es sich um die in Deutschland weniger bekannten Anbieter Howcast, Next New Networks und Young Hollywood, sowie Rocketboom, der kultverdächtige Prototyp des Web-TV. Die ersten drei sind vor allem mit Internet-TV-Sendungen aktiv, das erfolgreichere Rocketboom (u.a. die Vorlage zum deutschen Ehrensenf) war schon erfolgreich, bevor YouTube gegründet wurde und arbeitet schon seit Jahren auch als Zulieferer verschiedener TV-Unternehmungen.

Die bislang auf YouTube gestreamten Sendungen der vier Partner zogen offenbar keine Zuschauermassen an. Laut techcrunch.com schauten am Montag bei einer Sendung von Young Hollywood nie mehr als 500 Zuschauer zu und das obwohl Skateboard-Star Tony Hawk als Gast auftrat. Diese Zuschauerzahl gab zumindest der offiziell Besucherzähler an. Dieser sei laut YouTube jedoch fehlerhaft gewesen. Wie viele Zuschauer die bisherigen Sendungen wirklich hatte, könne man nicht sagen, sagte ein YouTube-Sprecher. Mit anderen Worten: Entweder sind die Zahlen bisher wirklich überraschend niedrig oder YouTube hat Probleme mit einem vermeintlich sehr einfachem Feature.

Trotzdem ist man optimistisch: "Wir halten live für das nächste Kapitel im Online-Video-Bereich", sagte Joshua Siegel, Produkt-Manager bei YouTube, zur Zeitung "USA Today". Neu ist dieses Kapitel jedoch bei weiten nicht: Neben den bislang spärlichen Live-Versuchen von YouTube ermöglichen Seiten wie Ustream und Livestream bereits seit langen Live-Übertragungen. Diesen Markt will YouTube mit seiner Marktmacht nun für sich gewinnen. Was erhofft sich das Videoportal davon?

Werbekunden sind alte Formate gewohnt

Rein technisch betrachtet, sind live gesendete Formate eher eine Sache des vorherigen Jahrhunderts. Der on-demand-Markt, also Videos, die jederzeit auf Abruf verfügbar sind, gelten längst als das Format der Zukunft. Jedoch nicht überall: Gerade bei Werbekunden sind herkömmliche TV-Formate beliebt. Die Akzeptanz für Werbeunterbrechungen ist bei live gesendeten Formaten deutlich höher. Das Fernsehen hat Zuschauer und Werbekunden so geprägt.

Zudem könnte YouTube mit erfolgreichem Live-Streaming große Konkurrenz zum herkömmlichen TV-Programm anbieten. YouTube ist eine weltweite Marktmacht, erreicht Millionen Menschen in fast allen Ländern, in denen Breitband-Internet der gängige Standart ist. Bei Übertragungen von sportlichen Großveranstaltungen wäre YouTube aus dem Stegreif heraus ein Faktor, den keine TV-Anstalt ignorieren könnte.

Die Bundesliga-Übertragungen von T-Online beweisen, welche Konkurrenz Online-TV für TV-Sender sein kann, noch dazu wenn diese Pay-TV-Formate wie Sky sind. Alternativ könnte YouTube den Sendern anbieten, ihre Inhalte zusätzlich via YouTube zu streamen und einen Teil der Werbeeinnahmen abgreifen - ein Modell, das einst auch dem gescheiterten Joost vorgeschwebt haben mag. Anders als das ambitionierte Web-TV-Angebot verfügt YouTube jedoch über die nötige kritische Masse, darüber dürfen die vermeintlich niedrigen Zuschauerzahlen der Testsendungen nicht hinwegtäuschen.

YouTube wächst zur iTunes-Konkurrenz

Auch als System für Online-Pay-TV wäre YouTube darum denkbar. Ende August wurde bekannt, dass YouTube, wie seit mehr als einem Jahr angekündigt, noch in diesem Jahr um eine Online-Videothek mit kostenpflichtigen Angeboten erweitert werden soll. Erweitert um Live-Inhalte könnte YouTube so zum allumfassenden Video-Portal werden.

Das dürfe YouTube zum Hauptanker von Google TV machen. Damit versucht der YouTube-Mutterkonzern Google derzeit den TV-Markt zu erobern und muss sich dabei unter anderen der Konkurrenz von Apple erwehren. Was Google hierfür bislang jedoch fehlte, war ein Online-Shop, vergleichbar zu Apples iTunes. YouTube könnte sich zu diesem Online-Shop entwickeln.

Ähnlich wie beim Mobiltelefon-Betriebssystem Android kann Google auch bei YouTube seinen Dienst plattformunabhängig anbieten und damit eine immense Reichweite erlangen. Im Gegensatz zu gängigem Pay-TV wäre der Kunde zudem nicht ortsgebunden. YouTubes Bekanntheit bietet dafür ideale Voraussetzungen. Andere Portale müssten sich erst mit umfangreichen Werbekampagnen ins Gespräch bringen.

Rechtliche Probleme programmiert

Mit diesen Schritten könnte YouTube endlich nennenswerte Gewinne abwerfen und Branchengigant Apple Konkurrenz machen. Aber auch die bereits jetzt existierenden Probleme dürften sich verschärfen. Immer wieder gibt es Urheberrechts-Streit um YouTube-Inhalte. Ermöglicht es YouTube irgendwann allen Usern, Live-Videos zu streamen, müsste sich das Videoportal auf eine neue Klagewelle einstellen.

Anbieter wie Ustream und Livestream kämpfen schon heute regelmäßig mit illegal gestreamten Übertragungen von Sportveranstaltungen. Viele davon werden noch während der laufenden Übertragung gesperrt, doch zeitgleich sprießen neue auf anderen Accounts hervor. Die Betreiber kommen kaum hinterher.

Angesichts der ungleich höheren Nutzerzahl kann YouTube diesem Problem wohl nur mit einem erhöhten Personalaufwand beikommen. Alternativ müssten Google oder YouTube mit einer technischen Lösung aufwarten. Oder man verzichtet ganz darauf, Live-Streaming für jedermann zu ermöglichen. Das jedoch wäre nicht die Größenordnung, in der Google und seine Konzerntöchter für gewöhnlich operieren, auch wenn YouTubes Live-Streaming derzeit offiziell noch nur ein Test ist.

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Begriffserklärung Stream, IPTV und Co.
Streaming
Mit Streaming bezeichnet man die Übertragung von Audio- und/oder Videodaten über das Internet zur Darstellung in einem Browser oder Medienplayer, ohne dass dabei eine permanente Kopie der Datei übertragen und gespeichert wird. Alle Streams haben gemein, dass man mit dem Konsum der Daten bereits beginnen kann, während die Daten noch übertragen werden. Meist entspricht das dem Abruf einer Datei on demand ("sukzessiver Download"). Erheblich aufwendiger und teurer ist das Streaming im Multicast-Verfahren, bei dem ein Server zeitparallel Bilder an viele Empfänger ausliefert - eine Art "Rundfunk" via Internet, der meist zur Übertragung von Live-Ereignissen eingesetzt wird.
Internet Protocol Television (IPTV)

IPTV bezeichnet die Videoübertragung über das Internet, meist im Sinne der Übertragung regulärer Programme. Dafür gibt es zwei Möglichkeiten:

Das Senden findet in einem geschlossenen Netzwerk statt. Hier gehört dem Provider die Infrastruktur und er ist auch für Endgeräte wie etwa Settop-Boxen zuständig. Da der komplette Signalweg in seiner Hand liegt, kann er die Übertragung für sich kostengünstiger gestalten und auch optimieren. Über IP-Multicast werden mehrere Empfänger gleichtzeitig mit einem Video-Stream versorgt und bei der QoS-Technik (Quality of Service) haben die Video-Datenpakete eine höhere Priorität gegenüber normalen Datenpaketen. Im Idealfall sind die Inhalte in hoher Qualität und ohne Unterbrechungen zu genießen. Einige Anbieter senden auch in HD-Qualität, eine schnelle Internetleitung vorausgesetzt.

In einem halbgeschlossenen Netzwerk hat der IPTV-Provider die Leitung für die Übertragung nur angemietet.
Web-TV
Hier benötigt der Nutzer nur eine Abspiel-Software für seinen Computer und schaut dann etwa über einen Flash-Player Videoinhalte. Die Daten liegen hier auf einem Server oder gelangen über die Bandbreitennutzung verschiedener Computer (P2P-Technik) zum Nutzer. Bei dem Verfahren wird jedes Video einzeln zu jedem Nutzer übertragen. Meist kommt hier ein Video-Streaming-Verfahren zum Einsatz, bei dem das Video nur temporär auf der Festplatte landet. Es gibt auch noch den sogenannten Progressive Download, bei dem das Video komplett auf der Festplatte gespeichert wird, die Wiedergabe aber schon während des Downloads startet. Im Gegensatz zum IPTV in einem geschlossenen Netzwerk ist eine konstante Signalqualität nicht gegeben. Inhaltlich: Mit Web-TV sind meist spezifisch für das Web produzierte Inhalte gemeint (z.B. YouTube-Clips).
Video-on-Demand (VoD)
Bei diesem Verfahren wählt der Zuschauer die Videoinhalte selbst aus und bestimmt, wann er sie gucken möchte. Online-Videotheken bieten hier verschiedene Modelle an, die vom "Download to own" (Kauf einer Datei) bis zum Filmverleih reichen, bei dem die heruntergeladene Datei in der Regel innerhalb eines definierten Zeitfensters beliebig oft angesehen werden kann, nach Ablauf der Frist aber unbrauchbar wird.

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