Leben im Livestream Kamera an, Nudeln in den Mund

Mit ein paar Klicks kann jeder in fremde Wohn- und Kinderzimmer schauen. In Livestreams geben Nutzer Privates preis, filmen sich beim Spielen, Essen und Nichtstun. Warum?

Livestreaming-Trend aus Südkorea: Mampfen vor laufender Kamera
Afreeca.com/ yum8730

Livestreaming-Trend aus Südkorea: Mampfen vor laufender Kamera

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"Ich sitz hier rum und tu Dinge", hat Schrammo seinen neuesten Livestream betitelt. Meist filmt sich der Angestellte beim Computerspielen, heute plaudert er nur und klickt sich durch ein Videoschnitt-Programm. Die Kamera zeigt ihn und seinen Bildschirm, seine Fans warten schon.

Schrammo ist kein Internetstar, sondern einer von Tausenden Streamern der Webseite Twitch. Streamingportale wie Twitch oder YouNow haben im Monat mehrere Millionen Besucher. Den weniger bekannten Streamern aber schaut oft nur eine Handvoll Leute zu.

Die Hobby-Streamer filmen sich, während sie Mangas zeichnen oder "Minecraft" spielen, sich im Bett fläzen oder Nudeln essen. Wer verstehen will, warum sie das tun, kann sie einfach im Zuschauer-Chat danach fragen. Schließlich sprechen sie gern mit ihrem Publikum.

"Streamen und einfach nur zocken sind zwei komplett verschiedene Dinge", erklärt Schrammo. Wenn er allein spielt, habe er einfach nur Spaß am Spiel. Wenn er streamt, wolle er andere unterhalten. Im Chat können die Zuschauer mit ihm über Spiele wie "Minecraft" fachsimpeln.

"Ist halt nice"

Wer seinen Zuschauern im Livestream Frage und Antwort steht, kann als Experte auftreten. Das sei ein wichtiger Ansporn für viele Streamer, erklärt Mathias Weber, Medienwissenschaftler an der Uni Mainz: "Es gibt das Grundbedürfnis, sich kompetent zu fühlen." Im Stream lasse sich dieses Bedürfnis stillen.

Ein zweiter Ansporn: Die Streamer buhlen um die meisten Zuschauer, wollen sich im Wettbewerb behaupten. Besonders deutlich ist das auf der Plattform YouNow, wo sich vor allem Jugendliche zeigen. Viele Videos handeln allein davon, wie sich Streamer über ihr Publikum freuen.

"Danke fürs Fan werden!", ruft Annie immer, wenn einer ihrer Zuschauer auf den Button "Fan werden" drückt. Die 18-Jährige, die eigentlich anders heißt, sagt das fast im Minutentakt. Dabei tanzt sie bauchfrei vor der Kamera, eine Zigarette zwischen den Fingern. "Wie alt bist du?", fragen die Zuschauer im Live-Chat. Und: "Hast du einen Freund?" Sie schicken Annie Herz-Emojis. Annie formt zur Antwort ein Herz aus Daumen und Zeigerfingern und sagt: "Ich hab euch alle ganz doll lieb!"

"Klar geht es auf YouNow um Selbstdarstellung", kommentiert Mathias Weber. Narzissmus sei das aber nicht unbedingt. "Beim Streamen können Jugendliche den eigenen Stil, die eigene Identität festigen." Besonders für Jugendliche sei es wichtig, positives Feedback zu bekommen.

Das gilt für Jungs und Mädchen gleichermaßen. Auch Leon, dessen Name ebenfalls anders lautet, zeigt sich gern auf YouNow. Er sitzt im Muskelshirt an seinem Schreibtisch und wuschelt über seinen Lockenkopf, während die Nutzer seine Frisur loben. "Ganz ehrlich, jeder Mensch mag Komplimente", erklärt Leon auf die Frage, warum er gern streamt. "Die Leute hier sind teilweise echt nett. Dann kriegst du Kommentare und hörst, du bist total hübsch. Ist halt nice."

Geben Jugendliche im Stream zu viel von sich preis?

Anfang 2015 stand YouNow in der Kritik, unter anderem, weil Minderjährige im öffentlichen Chat ausgefragt und teilweise auch belästigt wurden. Das Familienministerium bezeichnete den Dienst als "problematisch". YouNow reagierte mit einem Blogeintrag: Wer einen Verstoß gegen die Regeln des Portals beobachte, könne das melden. Ein Team aus Moderatoren schütze die Nutzer.

Portale wie YouNow und Twitch sind mittlerweile etabliert, zumindest unter jungen Nutzern und Gamern. Doch die Angebote dürften weiter wachsen. Jüngst hat Twitch eigene Live-Sparten für Künstler und Köche eingerichtet. Und auf der Webseite Livecoding.tv lässt sich Programmierern bei der Arbeit zuschauen.

Auch Facebook und Google ziehen nach: Google arbeitet Medienberichten zufolge an der Livestreaming-App "YouTube Connect". Eine neue Facebook-Funktion namens "Facebook Live" ist seit dieser Woche für alle Nutzer verfügbar. Es ist, "als hätte man eine Fernsehkamera in der Tasche", erklärte Mark Zuckerberg dazu. Tatsächlich braucht es heute nur noch ein paar Fingertipps auf dem Smartphone, um in guter Videoqualität auf Sendung zu gehen.

Fressorgie aus Südkorea

Fragt sich, was Nutzer wohl noch alles live im Internet zeigen werden. "Prinzipiell eignet sich jedes Hobby für einen Livestream", schätzt Medienwissenschaftler Weber. "Solange sich eine nennenswerte Zahl an Leuten dafür interessiert und es visualisierbar ist."

In Südkorea gibt es beispielsweise einen Streaming-Trend, der von leckerem Essen handelt. Auf der Plattform Afreeca.com veranstaltet Rachel Ahn Fressorgien vor laufender Kamera. Mit rosigen Wangen sitzt sie vor einem Büfett aus Fischfilets, dampfender Nudelsuppe, frittiertem Gemüse, einer Dose Cola. Dann zupft sie mit Stäbchen die Nudeln aus der Suppe und saugt sie in den Mund. Das Mikrofon lässt den Zuschauer miterleben, wie sie kaut und den Speisebrei mit der Zunge herumschiebt.

Der Name für solche Videos lautet "Mukbang", das lässt sich mit "Ess-TV" eindeutschen. Im Gespräch mit dem US-Radiosender NPR vermutet Rachel Ahn, dass viele Mukbang-Fans gerade auf Diät sind. Sie würden lieber ihr zuschauen, als selbst zu essen. Ein Betreiber von Afreeca.com schätzt NPR zufolge, dass Mukbang-Fans allein leben und sich von den Videos das Gefühl einer gemeinsamen Mahlzeit versprechen.

Auf YouTube gibt es schon Nachahmer aus den USA und Europa. Sie mampfen Schachteln voller Chicken Wings. Live machen sie das allerdings noch nicht - so etwas gibt es aber vielleicht schon bald auf Facebook zu sehen.

insgesamt 11 Beiträge
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nic 09.04.2016
1. Warum?
Weil es offensichtlich Leute gibt die sich das anschauen?
mr.miagy 10.04.2016
2. ohje ohje
man könnte jetzt wieder vom Ende der Gesellschaft lamentieren wenn man das ließt. Da weiß man garnicht wo man anfangen soll Kritik zu äußern, beim Datenschutz, der sinnlosen Verschwendung von Lebenszeit seitens der Streamer und Zuschauer oder von der herabwürdigenden Nutzung all der technischen Innovationen die die Menschheit hervor gebracht hat. Aber um es abzukürzen, soll jeder tun was ihn glücklich macht, so lange er niemanden schadet.
eryx 11.04.2016
3.
Spannender ist doch die Frage, wieso es so viele Menschen gibt, die sich so etwas ansehen? Extrovertierte gab es halt immer schon, da ist es nicht weiter verwunderlich, dass sich nun auch welche online tümmeln.
NatanielPusch 11.04.2016
4. Dieser Trend ist leider schon vorbei
... Vor 10 Jahren war das vielleicht aktuell, mit justin.tv Da war ich auch aktiv und ich habe selber viel angeschaut. Ich habe da sogar richtige Freunde fürs richtige Leben gefunden. Z.B. einen schwedischen Fernfahrer, der seine Fahrten live gestreamed hat. Da habe ich schöne Eindrücke von Schweden bekommen und den Wunsch auch einmal das Land zu besuchen. Wo ich schonmal dort war, habe ich ihn besucht. Auch habe ich einige Freunde in den USA bekommen. Ich habe selbst auch einige Streams online gestellt, in denen ich auf der Gitarre gespielt und dazu gesungen habe. Im Laufe der Jahre entstand so eine richtig schöne Gemeinschaft. Es war eine junge Frau dabei, die sich nur beim Schlafen gestreamed hat. Das habe ich manchmal angeschaut, wenn ich nicht einschlafen konnte, bis ich selber müde wurde. Es gab einen weiteren Kanal von einer ziemlich fertigen Frau, starke Kettenraucherin, geplagt von COPD, die sich in ihrer Küche beim Tanzen filmte und mit ihrer heißeren Stimme Kommentare abgab. Ich weiß auch nicht warum, aber es entstand im Chatkanal eine richtige Community von Leuten, die sich getroffen haben. Es gab auch eine sehr gute Auswahl an DJs, die ihre Sessions gestreamed haben. Die Musik war zig mal besser als im Radio. Aber leider wurde das Niveau immer schlechter. Zum Schluss haben nur noch irgendwelche Idioten massenhaft ihre Computerspiele abgefilmt. Es wurde immer schwieriger in dem Wust aus gestreamten Computerspielen gute Kanäle zu finden. Justin.tv hat dann zuletzt die Reißleine gezogen und geschlossen.
martina_koschlinski 11.04.2016
5. Ohje Ohje?
Lieber Herr Miagy, ich versuche Ihnen nun die Grundzüge von Mediennutzung und Freizeitgestaltung darzulegen: Aus ihrem Namen lese ich heraus, dass Sie sich vielleicht für Sport interessieren? Vielleicht Kampfsport (Karate oder ähnliches) oder einfach nur Fussball.Da sie diese Sportart aktiv und mit sehr viel Engagement betreiben, sind sie natürlich auch sehr oft im Dojo respektive auf dem Fussballplatz anzutreffen. Abends schauen Sie sich dann gerne einen Film über Kampfsport (zB Karate Kid) auf dem Bildschirm (Fernseher oder auch per Streaming Angebot von Amazon Prime oder Maxdome von ihrem Pc aus) oder ein Spiel Ihres Lieblingsvereins (natürlich Fc Bayern München) an. Wenn sich eine Person, die gerne Videospiele spielt und gelegentlich einer netten Person per Stream beim Spielen über die Schulter schaut diese Art der Freizeitgestaltung aussucht, werden Sie feststellen, dass diese vom Prinzip genauso ist, wie die von Millionen anderen Menschen.
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