Lizenzverhandlungen YouTube löscht zahlreiche private Videos

Ob offizieller Videoclip oder musikalische Untermalung von Privatvideos - beim Gebrauch ihrer Songs auf YouTube verstehen die Musikkonzerne keinen Spaß. Warner Music lässt aktuell zahlreiche Videos löschen - und die Nutzer fragen sich, ob in Zukunft alle Coversongs dran glauben müssen.

Von Carolin Neumann


Der Lizenzstreit zwischen YouTube und dem Label Warner Music hat immer absurdere Folgen für die musikinteressierte Community. Wie die "New York Times" berichtet, werden nicht nur Musikvideos gelöscht, die ganz klar gegen Urheberrechte verstoßen. Immer mehr private Clips verschwinden demnach aus dem Angebot, weil sie mit Musik aus dem Warner-Katalog musikalisch hinterlegt sind, und auch die ersten Coversongs müssen dran glauben.

Die 15-jährige Juliet Weybret aus Kalifornien stellt regelmäßig solche Videos auf YouTube online. Man sieht die Schülerin am Klavier oder mit der Gitarre in ihrem Zimmer, mal singt sie eigene Kompositionen, meistens jedoch interpretiert sie die unterschiedlichsten Songs von Nat-King-Cole-Klassikern bis zu aktuellen Hits von amerikanischen Teenager-Stars. Zu Weihnachten sang sie den Weihnachtsklassiker "Winter Wonderland", im Januar kam dann die E-Mail von YouTube: Ihr Video sei entfernt worden, weil es Rechte der Warner Music Group verletze.

In einem Clip beschwert sich das Mädchen: "Warum entfernen die nur dieses eine Video und nicht alle meine Coversongs? Leute, das macht keinen Sinn." Sie verstehe, dass YouTube urheberrechtlich geschützte Musik lösche, die zur Untermalung genutzt wird. Aber sollen jetzt alle gecoverten Lieder, die Millionen von Klicks für das Videoportal generieren, ebenfalls entfernt werden?

YouTube-Nutzerin Juliet Weybret: "Ich bin echt wütend"

YouTube-Nutzerin Juliet Weybret: "Ich bin echt wütend"

Fälle wie der von Juliet Weybret häufen sich angeblich in den letzten Monaten. Videos werden gelöscht, die Nutzer bekommen erst im Nachhinein eine erklärende Standard-E-Mail von YouTube. Neuerdings wird oftmals auch einfach nur die Tonspur in den Clips entfernt. Die YouTube-Community reagiert: Einige bedanken sich bei Warner Music mit lautstarken Beschimpfungen, andere, wie Juliet Weybret, zeigen ihr Unverständnis etwas diplomatischer. Die Sängerin Lisa Lavie weist vorsichtshalber schon mal auf ihren zweiten YouTube-Channel und ihre Profile bei MySpace, Twitter und Co. hin, "falls ich verschwinden sollte".

Bürgerrechtler: "Es wird nur noch schlimmer werden"

Wenn YouTube Videos wegen Urheberrechtsverstößen löschen lässt, sind es meistens die Labels, gegen die sich all der Zorn der Nutzer richtet. Dabei liegt das Problem nicht wirklich bei den Musikkonzernen, sondern in der Mustererkennung, mit der YouTube Copyright-Verletzungen aufspürt.

Ein sogenanntes Content-ID-Tool sucht nach Frequenzabfolgen und -abständen, die für bestimmte Lieder typisch sind. Das funktioniert wie bei den seit etlichen Jahren üblichen Musik-Identifizierungsdiensten der Mobilfunkanbieter, denen man beispielsweise etwas vorpfeifen kann, wenn man den Titel eines Liedes sucht. Die grundlegenden Technologien dafür wurden bereits in den Neunzigern entwickelt und mit Druck perfektioniert, als mit dem Aufkommen der P2P-Börsen der Bedarf für Musikerkennungssoftware stieg.

Erfasst werden durch solche Suchprogramme aber eben nicht nur Originalsongs und ihre Videos, sondern auch Schnipsel in privaten Videos, Coversongs oder Mixes, in denen die Tonabfolgen auftauchen. Im Extremfall werden sogar eigenständige Lieder mitgefangen, die nur partiell gleiche Tonfolgen aufweisen - das ist bei den Standard-Akkordfolgen in der Popmusik absolut nicht selten.

In der "New York Times" drückt ein Sprecher der Musikindustrie sein Bedauern darüber aus, dass die eingesetzten Filter nicht zwischen Originalware und Fan-Performances unterscheiden: "Wir teilen die Frustration der Community über verschwindende Inhalte." Denn nach amerikanischem Gesetz darf Copyright-geschütztes Material unter bestimmten Umständen auch ohne Einwilligung des Urhebers genutzt werden, zum Beispiel für eine Besprechung ("fair usage").

Ein "AngryAussie" rät den Nutzern auf seinem YouTube-Channel, sich im Fall eines gelöschten Videos an die Electronic Frontier Foundation (EFF) zu wenden. Die amerikanische Bürgerrechtsbewegung kennt sich aus mit Urheberrechtsverletzungen und geht gegen den Löschwahn der Labels vor. EFF-Anwalt Fred von Lohmann prophezeit auf der Website: "Heute ist es nur Warner Music, aber je mehr Rechteinhaber das Content-ID-Tool nutzen, desto schlimmer wird es werden."

Warner Music ist derweil nicht das einzige Label, das rigoros gegen Urheberrechtsverletzungen vorgeht. 2007 wurde ein YouTube-Clip gelöscht, in dem ein 18 Monate altes Mädchen zum Prince-Song "Let's Go Crazy" tanzte. Es war ein harmloses Video, keine halbe Minute lang, eines von wahrscheinlich Tausenden dieser Art auf YouTube. Man hätte eher diskutieren müssen, ob Eltern Videos ihrer Kinder auf diesem Weg der ganzen Welt zugänglich machen sollten. Stattdessen beschwerte sich der Rechteinhaber des Musikstückes von Prince, Universal Music. YouTube nahm den Clip aus dem Angebot, und die Mutter des kleinen Mädchens klagte mit Hilfe der EFF. Im August letzten Jahres entschied das Gericht zugunsten der Klägerin und ihres tanzenden Sprösslings.



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