S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine Hilferuf an die mindestens durchschnittlich Begabten

Was sich an Schwachsinn in die sozialen Medien ergießt, ist mittlerweile nicht mehr auszuhalten. Oft scheint es, als sei es gar nicht Hass, sondern vor allem Dummheit, die sich da Bahn bricht. Das hat einen einfachen Grund.

Eine Kolumne von


Jetzt taucht also auch noch die RAF aus der Versenkung auf. Das Jahr 2016, das lässt sich schon jetzt sagen, hat einen speziellen Humor. Meiner ist es nicht, aber das kann auch an der enormen Vollheit meiner Schnauze liegen. Das hat weniger mit dem sensationell verstörenden Start dieses Jahres zu tun. Sondern mit den Reaktionen darauf.

Es gibt Leute, die erklären, die Welt sei insgesamt so gut dran wie nie zuvor. Mag sein. Aber dank sozialer Medien bekommt man zu allem, was geschieht, eine Dreingabe, nämlich die Reaktion des Publikums darauf. Eigentlich etwas Wunderbares, eine wirklich neue Dimension des Internets - den Kommentierenden beim Verfertigen der Gedanken in den Kopf schauen zu können. In einzeln aufblitzenden Momenten in sozialen Netzwerken ergeben sich großartige Diskussionen.

Meistens aber nicht. Besonders jetzt nicht. Denn intensiv diskutierte Ereignisse sind für viele Millionen Menschen in diesem Land eine fantastische Gelegenheit zum Schnauzehalten, die sie sämtlich verpassen. Es ist ein Segen, dass sich alle öffentlich äußern können, und eine Ernüchterung, auf welche Weise dieses Recht wahrgenommen wird. Der Medienkritiker Hans Hoff gibt diesem Umstand eine massenmediale Dimension: "Es ist nicht schlimm, dass sich heutzutage jeder Depp öffentlich äußern kann. Das ist gut für eine Demokratie. Es ist indes schlimm, dass heutzutage jeder Depp ernst genommen wird, dass so getan wird, als wäre noch die abstruseste Theorie eine Meldung wert."

Und meine Güte, was für ausgedehnte Ödsümpfe der Stumpfheit, die in der Kommentarlandschaft sichtbar werden. Könnte man Unfug in Energie verwandeln, mit einem deutschen Tagwerk auf Facebook ließe sich Grönland eisfrei fönen. Schon 2012 schrieb Frank Schirrmacher die Einsicht: "Nicht die Anonymität, sondern der ansteigende Grad der NICHT-anonymen Hass-Kommentare und -Mails […] ist beunruhigend." Diese Offenheit scheint inzwischen nicht die Konsequenz eines verqueren Muts, sondern eine Folge der völligen Gedankenlosigkeit zu sein.

"Weil"

Wer etwa drei Minuten die begeistert-empörten Kommentare auf der Facebook-Seite studiert, muss Pegida nicht als politische Bewegung, sondern als Phänomen der schieren Dummheit begreifen. Zu Beginn schien das in Teilen differenzierter, aber inzwischen implodierte mit der Radikalisierung offensichtlich auch jeder Restsinn für gesellschaftliche Diskussionen. Häufiger schon wurde darüber geschrieben, dass man mit diesen Leuten nicht diskutieren könne. Das liegt aber nicht nur daran, dass sie nicht wollen, sondern dass den Kommentatoren auf der Seite oft selbst die elementarsten Dialogfähigkeiten fehlen. An ihnen perlt sogar die Frage "Warum?" ab. Und nicht nur an ihnen, sondern an nervenzerreißend vielen in der Netzöffentlichkeit.

Eine der simpelsten gedanklichen Verknüpfungen, die Kausalität, misslingt regelmäßig. "Es regnet, weil die Straße nass ist", in den digitalen Fußgängerzonen fände man Aberhunderttausende, die diesen Satz nicht nur unterschreiben, sondern gleich zur Bundestagspetition ausformulieren würden, inklusive der Forderung, Regen zu verbieten und die Straße abzuschieben. Wie soll man mit Leuten, die mit dem Wörtchen "weil" unzusammenhängenden Quark zur Pauschalbehauptung verbinden, über komplexere Themen diskutieren? Die Antwort macht mich fertig, denn sie lautet: gar nicht. Es geht nicht.

Es fehlt auch jedes Gespür für Verhältnismäßigkeit. Wie kann man ernsthaft von "Merkel-Diktatur" sprechen, weil einem zwei Regierungsentscheidungen nicht passen? Wer solche absurden Fantastereien ohne jeden ernsthaften Beleg rausknötert, katapultiert sich selbst aus der Sphäre, in der politische Diskussionen stattfinden. Hinein in das Donald-Trump-Universum, in dem ein dumpf bauchgefühlter Halbsatz mehr gilt als 3000 Jahre Zivilisationsaufbau. Was, wenn der (auch von mir) vielbeschriebene "Hass im Netz" eigentlich kein tief empfundener Hass wäre, sondern nur die dümmstmögliche Reaktion? Wenn also gar nicht die ablehnende Emotionalität das eigentliche Problem wäre, sondern die nicht vorhandene Reflexionsfähigkeit? Und der Hass nur die grausige Folge davon?

Folgen der Flächenidiotie

Und leider betrifft die Abwesenheit jeder Argumentation nicht nur die rechtspopulistischen Horden im Netz, bei denen es mir gut in mein politisches Konzept passt. Zwar sind die beiden auf Facebook meistgeliketen Parteien (wenn man wie ich die "PARTEI" ignoriert) die AfD und die NPD. Aber es hat sich - eher unabhängig von politischen Überzeugungen - insgesamt eine Netzöffentlichkeit erhoben, die in irritierend großen Teilen eine Fratze ist.

Leute, von denen man es nie gedacht hätte, sind plötzlich in der Lage, Chemtrails nahtlos in ihr Weltbild einzufügen. Also die Überzeugung, dass Kondensstreifen von Flugzeugen in Wahrheit gefährliche, bewusstseinsverändernde Chemikalien enthalten. Groteskstmögliche Gerüchte und Verschwörungstheorien fallen auf einen überraschend weitverbreiteten Nährboden der Dämlichkeit. Besonders absonderlich ist dabei die fragmentierte Partialdumpfheit, bei der jemand zu Kultur oder Unterhaltung Kluges oder wenigstens Unterhaltsames äußert, nur um anschließend maximal hanebüchene Gedanken zum Weltgeschehen herauszututen.

Eine der schlimmsten Folgen der Flächenidiotie in den sozialen Medien ist, dass sie zugleich die Beschäftigung mit den eigenen Aspekten der Dämlichkeit und Beklopptheit erschwert, mit den Splittern der Unzurechnungsfähigkeit, die in jedem Gehirn stecken, in meinem natürlich auch, und nicht zu wenige, in Form von dumpfen Irrationalitäten, schnellgeschossenen Fehlschlüssen und falschen Selbstverständlichkeiten. Aber über die eigenen geistigen Unzulänglichkeiten zu diskutieren neben jemandem, der voller Inbrunst gegen die Herrschaft der Echsenmenschen anschreit - das wirkt, als würde man neben Idi Amin stehen und voller Scham über diese Ohrfeige sprechen, die man dem kleinen Peter in der Grundschule verpasst hat.

Je dümmer, desto Social Media

Es gibt diesen uraltklugen, schwer erträglichen, lateinischen Spruch: "Wenn du geschwiegen hättest, wärest du Philosoph geblieben." Mit den sozialen Medien ist dabei eine nationale Größenordnung erreicht: Hättet ihr geschwiegen, wäret ihr weiter für potenziell zurechnungsfähig gehalten worden. Vielen Leuten bekommt das Internet einfach nicht.

Man könnte mein Gefluche für einen Ausbruch halten, weil ich es nicht mehr ertrage, und das stimmt. Aber dahinter steckt auch eine Sorge, weil ich die breite Bevölkerung dieses Landes bisher für kognitiv geschmeidiger halten wollte. Die Hoffnung, dass diejenigen, die in demokratischer Weise über die Politik bestimmen, doch einigermaßen gewitzt seien. Aber so, wie sie sich Millionen in den sozialen Medien äußern, verdünnt sich meine Hoffnung ins Homöopathische. Um so bitterer, weil man im Hintergrund bereits hämisch antidemokratische Elitisten lachen hört, die noch nie Vertrauen in die Zurechnungsfähigkeit der Vielen haben wollten.

Und genau in dieser Situation kommt eine Zahl daher, die zunächst bestürzend scheint - aber sich dann in einen Hoffnungsschimmer verwandelt. Vielleicht den einzigen. Die OECD hat herausgefunden, dass in allen Ländern die Social-Media-Nutzer gebildeter sind als der Bevölkerungsdurchschnitt. Außer in Deutschland. Ausgerechnet hier ist es andersherum: je dümmer, desto Social Media.

Deppenmagnet deutsches Facebook. Das erklärt nicht nur einiges, es gibt auch Anlass zu hoffen. Und zu bitten. Nämlich die zurechnungsfähigen Teile der Bevölkerung dort draußen, die es ja offenbar gibt: Bitte, mindestens durchschnittlich Begabte, kommt zu uns ins Netz! Diskutiert mit, redet mit, zeigt euch! Lasst uns nicht allein mit den stumpfen Horden. Kommt! Wir halten nicht mehr lange durch im digitalen Stalingrad der Vollidiotie.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 504 Beiträge
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Seite 1
steffets 20.01.2016
1. Selbstkritik -Bravo!
Das Problem ist, dass die mindestens durchschnittlich Begabten sogenannte "social media" kaum nutzen sondern eher belächeln. Wer das Ganze ernst nimmt und Zornesausbrüche erleidet steht intelektuell nicht wirklich weit über jenen, die das nicht interessiert. Es gibt eine riesige, reale Lebenswelt diesseits von Facebook (rechts) und Twitter (links), und die Tatsache, dass diese gerade ins Wanken gerät liegt zu nullkommanullnull Prozent an Facebook, eher an jenen, die darum Getöse veranstalten und dem Bedeutung beimessen - aber auch nur, weil die Meinung des "Bodensatzes" nicht mit der eigenen übereistimmt. Armselig, oder? Sascha, guck mal was Melina Sophie oder BibisBeauty gerade so zu sagen haben, die haben bestimmt mehr Follower als AfD, NPD und die Grünen zusammen, was?
hakim 20.01.2016
2. Das nehmen sich wohl die Falschen zu Herzen
Wenn ich so mein Umfeld betrachte, haben Sie wohl recht. Die meisten, die was Schlaues zu sagen hätten, haben gar nicht so viel Zeit dagegen anzuschreiben. Ausserdem sind solche Diskussionen, ohne gemeinsame logische Basis sehr ermüdend. Ich fand es beeindruckend, wie Dunja Hayali z.B. um eine Diskussion auf Augenhöhe mit den vielen Pöblern auf Facebook gekämpft hat. Der Wert dieser Bemühungen wird leider vom gegenüber nicht erkannt. Nach dem Motto "Belästige mich nicht mit Fakten und Logik" wird alles abgeblockt und die eigene Belustigung und Bestätigung hat oberste Priorität. Ich dachte beim Lesen des Artikel eher darüber nach, mich ebenfalls aus den sozialen Medien zurückzuziehen, so wie es viele in meiner Umgebung tun. Es macht einen nur kaputt und verroht. Dafür diskutieren wir wieder mehr in der Familie, treffen uns mit Freunden und engagieren uns lokal, das bringt mehr. Also es gibt sie, die mitdenkende Mitte aber immer weniger in den sozialen Medien.
hakim 20.01.2016
3. ...was die Kinder so gucken
Zitat von steffetsDas Problem ist, dass die mindestens durchschnittlich Begabten sogenannte "social media" kaum nutzen sondern eher belächeln. Wer das Ganze ernst nimmt und Zornesausbrüche erleidet steht intelektuell nicht wirklich weit über jenen, die das nicht interessiert. Es gibt eine riesige, reale Lebenswelt diesseits von Facebook (rechts) und Twitter (links), und die Tatsache, dass diese gerade ins Wanken gerät liegt zu nullkommanullnull Prozent an Facebook, eher an jenen, die darum Getöse veranstalten und dem Bedeutung beimessen - aber auch nur, weil die Meinung des "Bodensatzes" nicht mit der eigenen übereistimmt. Armselig, oder? Sascha, guck mal was Melina Sophie oder BibisBeauty gerade so zu sagen haben, die haben bestimmt mehr Follower als AfD, NPD und die Grünen zusammen, was?
Danke, jetzt weiß ich, wie ich Dessertschälchen aus Schokolade machen kann ;) Meine Kinder gucken auch gern BibisBeautyPalace. Ich dachte immer, das wäre furchtbar primitiv. Aber im Verhältnis zu den Pegida +AfD Kommentarspalten ist das Hochkultur. ;)
TLB 20.01.2016
4.
Sehr geehrter Herr Lobo – eine Person bedient eine aktuelle Hifi-Anlage, eine andere Person kurbelt an einem Grammophon. Niemand der halbwegs bei Trost ist würde vermuten, dass erstere intelligenter wäre als zweitere. Aber weil Hifi-Person jetzt im Internet statt am Stammtisch diskutiert setzt man Intellekt voraus. Warum?
jingko 20.01.2016
5.
So unrecht hat der Autor ja nicht, nur ist das Ganze hier, wie eigentlich immer, nur komplett einseitig. Und grade diese eindimensionalität in Meinung und Berichterstattung provoziert doch die hier verurteilte Stimmungsmache. Schau ich mir die Aussagen von "rechts" in den sozialen Medien an, sind diese in etwa genauso platt und blöd, wie die Gegenargumente. Und eine Aussage wie "Wir schaffen das" ist da noch nichtmal das dümmste, was da kommt. Man hat inzwischen das Gefühl, dass es nur noch schwarz und weiss gibt. Diffenzieren tut keiner mehr. Ist man nicht hirnlos für Zuwanderung, wird man sofort in die rechte Ecke gestellt.
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