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Lonelygirl15: Der Name der Rose

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Das Rätsel um das YouTube-Phänomen lonelygirl15 ist gelöst. Findige Web-Wühler haben das Mädchen identifiziert. Nun wagen sich die Macher der Kurzvideo-Reihe, die zum Kult geworden ist, an die Öffentlichkeit. Ist das lonelygirls Ende - oder der Beginn einer Karriere?

In Umberto Ecos Roman "Der Name der Rose" bleibt eben dieser bis zum Schluss verborgen für den fiktiven Erzähler Adson von Melk. Er bleibt ein Mysterium: "Die Rose von einst steht nur noch als Name, uns bleiben nur nackte Namen" - so beschließt er seine Erzählung - eine Anspielung auch auf seine Liebe zu einem Mädchen, dessen Identität er nie erfährt.

Soviel bittersüße Romantik bleibt den Tausenden Verehrern von lonelygirl15 verwehrt. Seit Mai treibt sie die Frage um, wer dieses mysteriöse Mädchen ist und was ihre Videos bedeuten. Diese Rose heißt Jessica, weiß man jetzt - Jessica Rose.

Am späten Dienstagabend kamen die Macher der rund 30 rätselhaften, anspielungsreichen lonelygirl15-Videos aus der Deckung, nachdem es zwei fleißigen Web-Wühlern gelungen war, Jessica Rose als 19-jährige Schauspielerin aus Neuseeland zu identifizieren. Mit Internet-typischem Tempo verläuft seitdem ihr Outing: Längst ist nicht nur ihr Lebenslauf in Umlauf, sondern auch zahlreiche private Bilder von ihr. Viele davon landen wiederum, zu Videos montiert, bei YouTube - untermalt mit "You are so beautiful":

Das Rätsel um lonelygirl15 mag gelöst sein - der Starkult um sie ist aber offensichtlich nicht beendet. Wohl zur Erleichterung der Macher, die sich als junge, ambitionierte Filmemacher entpuppten - und zur wohl ebenso großen Erleichterung der YouTube-Community, die schon mutmaßte, vom bösen, manipulativen "Big Money" unterwandert worden zu sein.

Kein großes Studio finanzierte also die geschickte Manipulation der YouTube-Gemeinde, keine Werbeagentur nutzte den Hype, um geschickt Promotion für Rockbands zu machen. Vielmehr nutzten einfach drei kreative Köpfe die neue Plattform, um etwas wirklich Neues auszuprobieren: Miles Beckett ist 28, ehemaliger Medizinstudent und Studienabbrecher, Ramesh Flinders erst 26 und Drehbuchautor, und Greg Goodfried ein 27-jähriger Anwalt. Dass sich diese drei die Geschichte von lonelygirl15 bei einer Fete kennengelernt und über ein paar Bier geplant hatten, kommt aus Perspektive der YouTube-Gemeinde einem Happy End schon sehr, sehr nahe.

Aus einem Experiment wird ein Geschäft

Richtig ist aber auch, dass lonelygirl15 seit einiger Zeit über eine Künstleragentur in Hollywood promotet wurde. Das aber, sagten die drei Produzenten in einem ersten Presse-Statement, habe sich erst in den vergangenen Wochen ergeben. Sie seien "überwältigt" vom Erfolg ihres neuen Entertainment-Formates: Erstmals hätten hier Filmemacher Kurzvideos, die Kommunikation über diese Videos und Webseiten als eigenständige Instrumente der Erzählung eingesetzt . Die Macher bezeichnen diese Technik als "kollaboratives Erzählen".

Die lonelygirl-Produktion habe also nie darauf gezielt, als Werbevehikel für ein anderes Medium zu dienen. Was bei YouTube zu sehen war und geschah, war Sinn und Ziel der Aktion. Beckett: "Unser Ziel war es, eine sehr realistische fiktionale Geschichte über dieses Medium zu verbreiten."

Das dürfte die vermeintlichen YouTube-Manipulateure binnen kürzester Zeit zu Stars machen - zumindest für Web-Werber. Doch positive Karriereeffekte könnten auch andere aus der Geschichte ziehen. So reichten einige wenige Sekunden Hintergrundmusik im "Swimming"-Video von lonelygirl15, um die bis dahin überregional so gut wie unbekannte Band "Jane Doe's" weltweit bekannt zu machen.

An allererster Stelle aber hat sich die 19-jährige Jessica Rose, eine Nachwuchsschauspielerin aus Neuseeland, mit der Aktion ins Gespräch gebracht. Obwohl die Produzenten ihre Identität immer noch nicht bestätigten, verbreiten sich mittlerweile Geschichten, Informationen und private Bilder von Jessica Rose im Internet: lonelygirl15 bleibt auch nach ihrer Demaskierung ein Star der Community - zumindest vorerst.

Und ein Star der Medien: Die "New York Times" berichtet, Rose habe an der New York Film Academy gelernt - was allerdings den Informationen widerspricht, die ihrer Agentur vorliegen. Demnach erhielt Rose ihre formale Ausbildung an der Schauspielschule "Studio 111" in Ponsonby in Neuseeland. Die Zeitung spekuliert außerdem darüber, dass das Projekt lonelygirl15 möglicherweise doch in ein Filmprojekt münden solle. Die Macher wollen das aber nicht kommentieren.

Zumindest die Videoserie lonelygirl15 wird vorerst fortgeführt - möglicherweise jedoch an anderer Stelle. Die Videos sind nicht mehr nur bei YouTube zu sehen, sondern auch bei Revver.com. Dort sollen sie den Machern, verbunden mit Werbeeinblendungen, bald auch Geld einbringen.

P.S.: Wenige Minuten nach Veröffentlichung dieses Artikels war die MySpace-Seite der Band "The Jane Doe's" nicht mehr erreichbar. Die Seite sollte später am Tag wieder zur Verfügung stehen. Die Band betreibt auch eine eigene Webseite, auf der unter "Music" einige Probe-Downloads bereit liegen, unter anderem der Song "Junkie" aus dem "Swimming"-Video. Siehe www.janedoes.com.

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