"Lost Films": Web-Fundgrube voll verschollener Schätze

Von Anne Haeming

Hinterzimmererotik, Slapstick-Humor und Miniaturdramen: Das Berliner Projekt "Lost Films" fahndet nach verschollenen Stummfilmen - und bittet um Mithilfe bei der Identifikation bereits gefundener Schnipsel. Auch Nicht-Filmforscher können sich in dem Online-Archiv verlieren.

Deutsche Kinemathek

Damit hatte wohl keiner mehr ernsthaft gerechnet. Fritz Langs "Metropolis" war als unvollständiges Werk in die Filmgeschichte eingegangen, eine halbe Stunde Material, so schätzte man, war auf Nimmerwiedersehen verschollen. Rausgekürzt gleich nach der Premiere 1927, 150 Minuten seien zu lang, hieß es damals. Und dann das: In einem kleinen unbekannten Filmmuseum in Buenos Aires tauchten im Sommer 2008 Teile dieser vermissten Szenen auf. Ein Jahrhundertfund. "Ein historischer Moment", "sensationell", "Ich werde nicht mehr schlafen, bis ich das Material gesehen habe", die Stummfilmexperten überschlugen sich vor Aufregung.

Acht Jahrzehnte, so lange muss es in Zukunft nicht mehr dauern, bis scheinbar verschwundene Stummfilme wieder der Öffentlichkeit zugänglich werden. Dank "Lost Films", einem Internetprojekt, das dabei helfen könnte. Die Seite, seit einem Jahr online, ist eine Idee der Deutschen Kinemathek in Berlin und will nichts weniger als einen verborgenen Schatz heben: "80 Prozent aller Stummfilme sind verschollen", sagt Jürgen Keiper, der Initiator des Projekts. "Was wir heute aus dieser Zeit kennen, entspricht wirklich nur dem Blick durch einen Türspalt."

Listen mit Filmen, die ganz oder teilweise als verloren gelten, finden sich hier genauso wie Stummfilmfragmente, deren Ursprung unbekannt ist. Verschwundenes finden und Vorhandenes identifizieren, auf diese beiden Aspekte konzentriert sich "Lost Films". Filmwissenschaftler aus aller Welt tragen die Indizien online zusammen, können sehen, was Kollegen bereits herausgefunden haben. Und es funktioniert: Ganze 48 Stummfilme wurden mittlerweile als "found" markiert, auch 24 Fragmente sind identifiziert und rangieren wieder unter ihrem Originalnamen, sei es "Das Rätsel von Bangalore" oder "A Salty Sap".

Fotostrecke

11  Bilder
Lost Films: Historische Schnipsel

Das Projekt repräsentiert einen neuen Typus von Archiv. Es ist eine neue Interpretation des statischen Konzepts, alles in Regalen an einem Ort zu lagern, wo nur ab und zu jemand vorbeikommt und die Staubschichten wegpustet. Das dynamische Prinzip von "Lost Films", Material zu archivieren, wurde anfangs misstrauisch betrachtet. Ein Mentalitätsproblem: Die Open-Source-Ideologie ist dem klassischen Archivar erst einmal fremd, ist er doch darauf bedacht, zu schützen, was er verwaltet. "Natürlich reagierten viele erst einmal skeptisch auf die Bitte, alles offenzulegen", so Keiper. "Aber unser Argument überzeugte dann fast alle: Am Ende kann jeder nur davon profitieren" - alle Stummfilmexperten wollen wissen, was aus den verschwundenen Werken wurde.

Das Unterfangen versteht sich als von Grund auf kollaborativ; die geposteten Kommentare der Experten von Stiftungen und Museen in Prag, Paris, Japan, Südamerika oder den USA, die Dokumente, die sie hochladen, sind das Kapital des Online-Archivs. Damit dieser internationale Ansatz funktioniert, ist die Seite konsequent auf Englisch. Und die Sorge um die Bildrechte entkräftete man mit dem Label Creative Commons.

Um herauszufinden, was überhaupt als verschollen gilt, bat man Kuratoren, Archivare, Experten der Stummfilmszene um ihre Listen, 400 Titel waren es am Ende. Aber so richtig ins Rollen kam das Ganze, als die "Lost Films"-Macher die Daten in ein Wiki einspeisten - den Vorgänger der jetzigen Seite. Das Vorhaben sprach sich in der Community herum. "Wir wollten die Hemmschwelle niedrig halten", so Keiper, wohl wissend, wie schwer sich Wissenschaftler tun, nur auf Verdacht, ohne konkreten Beleg, Filmschnipsel zu kommentieren. Schnell entpuppte sich bei "Lost Films" die Identifizierung von anonymem Material als zweites großes Thema. Online lassen sich nun Filmsequenzen anschauen, in einzelne Frames zoomen, aber auch Scans der Zelluloidstücke selbst sind hochgeladen. Alles hilft bei der Indiziensuche: Seien es die Kostüme der Darsteller oder Hintergrundszenen, die Form der Perforation, am Rand aufgedruckte Namen der Produktionsfirmen oder die Originalkoloration der einzelnen Bilder. Derzeit hält der Filmwissenschaftler Oliver Hanley das Projekt in Gang. Er plant für 2010 einen Relaunch, will die Seite etwa um einen Katalog mit restaurierten Fassungen erweitern.

Privatfilme und Fotos dokumentieren die DDR

Weil die Idee vom dynamischen, öffentlichen Archiv so vielversprechend ist, haben die Initiatoren von der Deutschen Kinemathek das Prinzip schon für andere Ideen genutzt. So startete etwa zum 20. Jubiläum des Mauerfalls die Seite "Wir waren so frei": Privatfilme und Fotos aus jenen Tagen sammeln sich hier, jeder kann seine Super8-Streifen einstellen, digitalisierte Dias, das junge Pärchen am Brandenburger Tor, Fahrten über die bayerische DDR-Grenze - alles obendrein verortet auf einer Google-Map. Zusammen mit der Bundeszentrale für politische Bildung will man mittels Material aus Privatarchiven einen "anderen Blick auf die historischen Ereignisse und deren Auswirkungen auf den Alltag in Ost und West" bieten. Nun soll die Mammutdokumentation "24h Berlin", die der Kultursender "arte" im September 2009 zeigte, in ähnlicher Weise archiviert werden. Die Kinemathek beginnt in diesem Jahr, das Rohmaterial des Films, also alle 700 Stunden aus dem Berliner Alltag, zu katalogisieren - und sukzessive online zu stellen.

Auch wenn die verschollenen Szenen aus "Metropolis" nicht von "Lost Films" entdeckt wurden, zeigt der Hype um die Fragmente, wie sinnvoll es ist, in einem solchen Online-Archiv die Expertisen weltweit zu bündeln. Übrigens: Ab Januar zeigt die Deutsche Kinemathek in Berlin den ergänzten Fritz-Lang-Klassiker in einer eigenen Ausstellung.

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insgesamt 6 Beiträge
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1. Alte Filme und Fotografien sind ein "Fenster in die Vergangenheit"
Porgy 29.01.2010
Deshalb kann man sich gar nicht genug darum bemühen, alte Filme oder Fotonegative zu finden, zu konservieren aber auch zu digitalisieren und ins Netz zu stellen, um sie der ganzen Welt zugänglich zu machen. Von daher bin ich begeistert von dem Projekt "Lost Films".
2. OK, versuche ich's noch mal:
singlesylvia 29.01.2010
In der Fotostrecke und Bild 7 (http://www.spiegel.de/fotostrecke/fotostrecke-51264-7.html) sieht der Typ aus wie ein ganz junger Peter Lorre. Kann das sein? Schlieszlich heiszt es im Text zu Bild 6, dass das Filmmaterial aus Ungarn stammt, und Peter wurde 1904 in Ungarn geboren (IMDB (http://www.imdb.com/name/nm0000048/bio)). Die "Lost-Films"-Seite ist im übrigen zur Zeit nicht aufrufbar, ich bekomme ständig Timeout-Meldungen.
3. .
Haio Forler 29.01.2010
Zitat von singlesylviaIn der Fotostrecke und Bild 7 (http://www.spiegel.de/fotostrecke/fotostrecke-51264-7.html) sieht der Typ aus wie ein ganz junger Peter Lorre. Kann das sein?
Ich denke auch, es ist Lorre. Nicht nur wegen der Augen. Man vergleiche die Nahe auf beiden Bildern!
4. .
Haio Forler 29.01.2010
Zitat von Haio ForlerMan vergleiche die Nahe auf beiden Bildern!
Ersetze 'h' durch 's'.
5. Seite nicht erreichbar
jkeiper 29.01.2010
Das Rechenzentrum eines sehr großen Providers in Deutschland - Stichwort Kundenzufriedenheit - erklärte mir, dass der Server ausgefallen sei. Eine Reparatur ist am Freitag nicht möglich gewesen, eventuell Samstag oder doch erst am Montag. No comment! Wir versuchen selbst die Seite morgen wieder zum Laufen zu bringen.. Dann aber viel Spaß beim Stöbern!!! jk
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