"Lügen im Netz" Wie ich mir 2000 Facebook-Fans kaufte

Wie viele Sterne bei Amazon? Wie viele Likes? Im Netz verlassen wir uns oft auf Bewertungen anderer. Doch Beliebtheit lässt sich leicht vortäuschen, zeigt Ingrid Brodnig in einem Experiment.

Autorin Brodnig
Ingo Petrtramer

Autorin Brodnig


Auszug aus dem Buch "Lügen im Netz" (ergänztes Kapitel der zweiten Auflage)

Sie kennen das vielleicht: Wenn wir auf Amazon ein Buch kaufen oder über ein Buchungsportal ein Hotel für den nächsten Urlaub suchen, verlassen wir uns oft auf die Meinung anderer User, auf deren Bewertungen. Auch in der politischen Debatte können Onlinekommentare von - vermeintlichen - Normalbürgern als Indikator für das Meinungsklima im Land dienen - als digitaler Stammtisch.

Das Problem ist nur, solche Bewertungen und Kommentare lassen sich manipulieren. Ich habe mich für dieses Buch gefragt: Wie leicht geht das, online einen falschen Eindruck zu vermitteln, zum Beispiel populärer zu wirken, als man wirklich ist? Um dies zu testen, habe ich ein Experiment gestartet und dabei selbst gefälschte Facebook-Fans gekauft.

Um nicht einen bestehenden Account oder gar meinen eigenen Auftritt auf unfaire Weise zu stärken, habe ich für diesen Versuch ein eigene Fanpage angelegt. Sie heißt "Goldfisch" und ist bewusst unspektakulär gehalten. Man sieht einen Goldfisch als Profilbild. Als einziges Posting habe ich den Wikipedia-Eintrag zu Goldfischen dort verbreitet.

Hallo, Goldfisch!

Warum gerade ein Fisch, fragen Sie vielleicht? Ich wollte als Thema der Seite etwas möglichst Unpolitisches nehmen, um nicht mit gekauften Fans Meinung zu machen. Goldfische als Thema waren das politisch Unbrisanteste, das mir spontan einfiel. Sie können die Seite unter facebook.com/hallogoldfisch übrigens ansehen (außer Facebook sperrt sie irgendwann).

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Ingrid Brodnig:
Lügen im Netz

Wie Fake News, Populisten und unkontrollierte Technik uns manipulieren

Brandstätter Verlag; 232 Seiten, 19,90 Euro

Mein Goldfisch war also auf Facebook zum Leben erweckt worden: Doch er hatte bisher null Likes - das sollte sich rasch ändern. Wenn Sie auf Google nach Möglichkeiten suchen, gefälschte Fans zu kaufen, werden Sie in etlichen Kommentaren Links zu einschlägigen Seiten erhalten. Ich landete bald auf einer solchen Website, die perfekt für meinen Versuch schien.

1000 Likes für sechs Dollar

Unter dem Menüpunkt "Our Prices" wurde genau aufgelistet, wie viel Geld welche Zuwendung kostet: 1000 Facebook-Fans gibt es ab vier Dollar. 1000 Likes für ein konkretes Posting kosten sechs Dollar. Man kann so circa jedes Feedback kaufen, das man erwerben möchte: Zum Beispiel vorteilhafte Bewertungen für die eigene Facebook-Page (und negative Bewertungen für die Seiten der Konkurrenz). Auch 1000 Instagram-Follower erhalten Sie für acht Dollar, ebenso 15.000 Aufrufe eines YouTube-Videos ab 15 Dollar.

Manche dieser Seiten sind umständlich, weil sie nur sehr anonyme Zahlmethoden zulassen - etwa eine Bezahlung in Bitcoins. Das Praktische an diesem Anbieter war, dass er den weitverbreiteten Onlinedienst Paypal akzeptierte: Ein paar Klicks, und ich hatte ein Guthaben von 10 Dollar. Nun interessierte mich, ob diese Seiten auch wirklich ihr Versprechen einhalten - und ich kaufte für meinen Goldfisch 2000 Fans für Facebook. Kostenpunkt acht Dollar, umgerechnet 6,40 Euro.

Die Likes kommen im Sekundentakt

Plötzlich wurde mein Goldfisch beliebt: Binnen weniger Minuten hatte er 200 Fans, dann 500, dann tausend. Und rasch erreichte er 2000 Fans. Und da ich noch ein bisschen Geld übrig hatte, kaufte ich 200 Likes für das Posting zum Wikipedia-Artikel und 50 "Love"-Reactions. Am meisten beeindruckte mich, wie simpel und billig dieser Prozess war: Für zehn Dollar, rund acht Euro, kann man schon recht viel Popularität vorgaukeln.

Wie funktioniert dieses System? Diese gefälschten Fans sind Bots: Roboter-Accounts, die auf den ersten Blick wie menschliche User aussehen, aber in Wirklichkeit ferngesteuert werden. In vielen Fällen wird hierbei die Identität realer Menschen gestohlen, zum Beispiel ihr Profilbild oder ihr Name entwendet, und eine Kopie angelegt. Windige Unternehmen, wie jenes, bei dem ich dem Goldfisch 2000 Fans kaufte, steuern Tausende solcher automatisierten Accounts. Weil dieser Markt immens geworden ist, sind die Preise so niedrig. Übrigens kann man sich auch den permanenten Beifall solcher Bots einkaufen: Es kostet rund 24 Dollar, wenn man für die nächsten 10 Beiträge einer Fanpage jeweils zwischen 200 und 350 Likes kauft.

Die Profile der Bots sind verräterisch

Zu Recht können Sie an meinem Experiment mehrere Aspekte kritisieren: Ethisch ist wohl am problematischsten, dass ich tatsächlich ein wenig Geld für ein zutiefst fragwürdiges Geschäftsmodell ausgab.

Inhaltlich kann man einwenden, dass gekaufte Fans große Schwächen haben: Schließlich ist so ein "Fan" nur eine billige Attrappe, die auf Knopfdruck jubelt. Zum Teil ist der Einsatz von Bots auch verräterisch: Mein Goldfisch zum Beispiel hat auffällig viele Abonnenten aus dem arabischen Raum, was ein Indiz für gekauftes Zujubeln ist. Aber wenn man bereit ist, ein paar Dollar mehr zu zahlen, erhält man Fans mit einer größeren globalen Durchmischung.

Zum Beispiel lassen sich gezielt Likes von französisch scheinenden Accounts kaufen. Das System der gekauften Likes ist nicht perfekt, aber es ist gut genug, um einen verzerrten Eindruck herzustellen. Ein Unternehmen zum Beispiel, das 10.000 Fans und gute Bewertungen hat, scheint auf den ersten Blick seriös. Genau damit wirbt übrigens die Seite, auf der ich Fans für den Goldfisch einkaufte.

Dort heißt es:

Wahrscheinlich ist eine der wichtigsten Methoden, wie der Einkauf von Facebook-Likes Unternehmen online beim Erfolg hilft, dass Sie dies dabei unterstützt, eine glaubwürdige Online-Präsenz zu errichten. […] Es zählt zur menschlichen Natur, dem populärsten Produkt zu folgen, und mit dem Kauf von Facebook-Followern ist es möglich, die notwendige Fanbasis anzulegen, die einem dabei hilft, dass das eigene Unternehmen wahrgenommen wird.

Die Seite argumentiert also, um glaubwürdig zu wirken, muss man sich gefälschte Fans kaufen. Das ist eine ziemlich verdrehte Sichtweise: Seriös ist demnach, wer unseriös agiert.

Bots können Facebooks Funktionslogik austricksen

Auch wenn ich seit Jahren gewusst hatte, dass es diesen Schwarzmarkt gibt, war es doch beeindruckend, aus erster Hand zu erfahren, wie leicht der Betrug mit gefälschten Fans ist. Mein Goldfisch ist natürlich ein absurder Anwendungsfall: Wenn ein Profil lediglich gefälschte Fans besitzt, ist das wirkungslos. Ich habe zehn Dollar in einen Account investiert, den einzig und allein Bots mögen.

Aber bei einem ernsthaft betriebenen Account, der zumindest teilweise menschliche Abonnenten hat, kann der Einsatz von Bots gerissen sein: Denn hierbei wird auch Facebooks Software ausgetrickst. Je mehr Likes, Kommentare und Shares ein Beitrag hat, desto mehr Menschen blendet Facebook dieses Posting ein. Denn viele Kommentare und Likes sind für Facebook ein Signal, dass etwas relevant ist.

Likes kaufen, Sichtbarkeit bei Nutzern erhöhen

Ein simpler Trick wäre es, einen Beitrag, der einem wichtig ist, prompt von 100 Bots liken zu lassen. Für den Algorithmus wirkt dies wohl auch als Zeichen, dass das Posting relevant ist - und infolge wird es einigen Menschen mehr eingeblendet. Solche gekauften Likes können also mehr Sichtbarkeit in der breiten Bevölkerung bringen.

Auch ziemlich gehässige Aktionen sind möglich: 30 schlechte Bewertungen einer Fanpage kosten 3 Dollar. Auf billige Weise kann man also den Ruf des Konkurrenten ruinieren und für dessen Seite unvorteilhafte Bewertungen kaufen. Ein fieser Trick in Wahlkämpfen kann natürlich auch sein, dass man für die Facebook-Seite des politischen Gegners sehr viele gefälschte Likes (zum Beispiel aus dem arabischen Raum) kauft - und dann Journalisten die Information zuspielt, dass diese Seite auffällig viele unauthentische Fans hat.

Sie fragen sich vielleicht: Ist das erlaubt? Facebook verbietet solche Tricksereien natürlich in seinen Geschäftsbedingungen. Aber de facto ist es einfach und billig, sich das gewünschte Feedback online zu erwerben.



insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
JetztGleichZuDiesemThema 24.04.2018
1. Was gefälschte Amazon-Bewertungen angeht ...
... da empfehle ich https://reviewmeta.com/ - scannt Amazon-Artikel auf gefälschte Bewertungen und hat mich schon von einigen Artikeln abgebracht, die auf den ersten Blick exzellent bewertet scheinen ...
maxbeck54 24.04.2018
2. Facebook, Youtube, Likes, Followers
Wer glaubt denn wirklich, dass alle User Profile von FB echt sind? Man meldet sich mit falschem Namen, falschen Daten an. Man hat gleich mehrere Accounts. Die 2 Mia User, die FB angibt aus Rücksicht auf Aktionäre, die sind in Wirklichkeit etwa 200-500 Mio. Manch Einer nennt es Fakebook. Habe selber mal Youtube Clips gemacht und diese vermarktet. Ja, was für ein Wunder, dass die Konkurrenz binnen Minuten Tausende Clicks und Likes und Follower hatten. Man kann diese heutzutage für paar Euro kaufen. Und Alle machen das, damit sie bei der Suche den Platz 1 ergattern wollen und relevant sein wollen. Alle, wirklich alle kaufen Likes, Followers, Clicks...Web 2.0 ist etwas dirty im Moment..
winterwoods 24.04.2018
3. Reviewmeta.com
Allerdings ist Reviewmeta.com für den Normalnutzer ein wenig unübersichtlich (und nur auf englisch) - und bietet auch keine Gewähr: So können auch echte Reviews mitunter als Fake-Relevant bewertet werden. Aber zumindest bietet Reviewmeta einen gewissen Einblick und Überblick über die Bewertungssituation eines Produkts. Das Ergebnis aber ist mit Abwägung und ein wenig Vorsicht zu genießen. Was eben tatsächlich noch fehlt: DIE Superseite, um Fake-Reviews schnell, einfach und zuverlässig enttarnen zu können.
issernichsüss 24.04.2018
4. Toller Beitrag und en sehr hilfreiches Buch...
Hiermit kann die doch sehr leichtgläubige Jungend und Facebook-Fraktion, sehr plastisch und entlarvend, einiges zu ihrem unreflektierten Meinungsbild, bezüglich der Glaubwürdigkeit von sozialen Netzwerken und schnöden Monopolisten wie Amazon, hinzulernen. Aber wer liest von denen heutzutage noch ein Buch! ;-)
mopsfidel 24.04.2018
5. Seit 10 Jahren keine Meldung mehr wert (gähn!)
Vielleicht ist die Autorin zu jung oder zu unerfahren. Diese Methode ist jedoch schon 10 Jahre oder noch länger bekannt und wird entsprechend praktiziert. p.s: Wahnsinn, mit welch kaltem Kaffee man ganze Bücher füllen kann. Und die dann auch noch gekauft werden und Menschen erstaunt feststellen, dass es so etwas gibt.
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