New York, 20. Juli 2005

Dies hier wird für längere Zeit erstmal mein letzter Blog sein, denn ich befinde mich nun in Amerika und werde hier einige Wochen Sommerpause machen. Hoffentlich geht es etwa Ende August hier wieder weiter... Vorher will ich aber gerne eine Erfahrung, die ich vor einigen Nächten im politischen Herzen der Vereinigten Staaten hatte, mit Euch teilen.

Vorab aber will ich mich herzlichst bei meinen Lesern bedanken. Ich habe in den letzten sechs Monaten, seitdem ich meinen Blog hier angefangen habe, viele wundervolle Briefwechsel mit meinen Lesern gehabt und viel von ihnen gelernt. Ich will mich an dieser Stelle auch bei SPIEGEL ONLINE für ihre Offenheit bedanken, dass ich hier ohne Zensur schreiben konnte, was ich wollte.

Nun zu meiner letzten Geschichte vor der Sommerpause: Als ich vor drei Jahren New York für Teheran verließ, war ich etwas traurig über den Zustand der Stadt. New York war seit einem Jahr nicht mehr die völlig freie und diskriminierungslose Stadt gewesen, die ich über alle anderen Städte der Welt zu lieben gelernt hatte.

Oft wurde ich angesprochen, zum Teil auch in den Straßen und im Subway, dass wir uns alle lieben müssten, nicht hassen - als ob ich für die Anschläge verantwortlich war. Ein Jahr zuvor hatten nämlich zwei große Flugzeuge wie zwei Riesenmesser New York tief getroffen, aber nicht im Herzen, wie sie es vielleicht geplant hatten, und auch nicht im Bauch, sondern irgendwo dazwischen...

Und somit wird sich und hat sich die Stadt auch zum größten Teil wieder erholen können. Das Herz New Yorks sind die Menschen, die aus aller Welt kommen, um den großen Traum zu erreichen, und weder sie noch ihre Träume können jemals ausgelöscht werden.

Nun, drei Jahre später, scheint sich die Stadt oberflächlich betrachtet zwar normalisiert zu haben, man merkt aber, dass sie sich etwas verändert hat... - und das betrifft nicht nur New York, sondern auch andere Städte der USA.

Die Präsenz der Polizei überall ist nicht zu übersehen, und zum ersten Mal, so weit ich zurückdenken kann, wurden auf der Zugfahrt nach Washington, D.C. alle Passagiere per Lautsprecher aufgefordert, mit unseren Tickets auch die Ausweise vorzuzeigen. Der Ansage zufolge ist das per Gesetz durch das relativ neue "post-911" Homeland Security Department vorgeschrieben worden. Im Zug dann sprach ich mit meinem Sitznachbar, einem typischen New Yorker, der sich auch fragte, ob sie die Vereinigten Staaten so gegen Terroristen schützen wollen. Ein Terrorist wie Osama bin Laden, sagte er, würde ja wohl kaum einen Ausweis mit seinem richtigen Namen vorzeigen...

Femi Kuti im Konzert
Greg Zumbrook

Femi Kuti im Konzert

Am Abend dann ging ich mit Freunden zum Washingtoner 9:30 Club, zu einem Konzert von Femi Kuti, dem Sohn des legendären nigerianischen Musikers Fela Kuti, dem die Kreation des Afro-Beat zugeschrieben wird.

An der Tür wurden unsere Taschen durchsucht, und mir meine Persischen Trockenfrüchte, die ich fürs Konzert zum Naschen mitgebracht hatte, weggenommen. Was mich störte, war nicht so sehr, dass sie auch die letzte Haarnadel aus meiner Tasche rausfischten und mir meine geliebten Fruchtsouvenirs - mitgeschleppt von der anderen Seite der Welt - wegnahmen, sondern dass sie es mit solch einer aggressiven Haltung taten, unhöflich, fast brutal.

Ich wollte die nett bitten, dass sie mich doch meine Früchte mit reinnehmen lassen, und tat es auch, aber die Reaktion war so harsch, dass ich sie einfach draußen ließ, in der Hoffnung, dass ich sie nach dem Konzert wieder an der gleichen Stelle abholen könnte.

Dann wurden unsere Ausweise geprüft und der meiner 30-jährigen Freundin war abgelaufen, also drückte man ihr zwei fette unübersehbare Stempel auf beide Händerücken, und verbat ihr somit für den ganzen Abend den Genuss alkoholischer Getränke. Nach der Vorgruppe Thunderball, gerade als Femi die Bühne betrat und die Zuschauer durchdrehten, fragte ich die gleiche Freundin (die Ellie heißt), ob sie kurz mein "Corona" halten könne, damit ich mein Handy aus der Tasche holen könnte.

Ohne auch nur eine Sekunde nachzudenken nahm sie meine Flasche, und bevor ich überhaupt in meine Tasche gegriffen hatte, kamen zwei große Typen und meinten, sie müsste sofort die Konzerthalle verlassen oder würde von drei weiblichen Wächtern rausgeschleppt.

Ich dachte, ich höre nicht richtig: "Excuse me?!?!"

Ich solle meinen Mund halten, wurde mir mehr oder weniger gesagt, denn das ginge mich nichts an. "Aber sie hat doch nur kurz meine Flasche gehalten, damit ich mein Handy rausholen konnte... Habt Ihr sie etwa trinken sehen?"

Es mache keinen Unterschied, sie müsse raus. Wir hatten natürlich gutes Geld für die Tickets bezahlt und Femi noch nicht mal spielen sehen. "Sie muss raus!"

Gott im Himmel, in welchem Kindergarten stecken wir eigentlich, dachte ich nur. Aber es war keine Kindergarten-Atmosphäre. Die Typen erinnerten mich in ihrer aggressiven Haltung eher an superkonservative paramilitäre Basijis im Iran, ohne jede Weiche oder Kompromissbereitschaft, die einen wie Verbrecher behandeln.

"Wenn sie geht, gehe ich mit!" sagte ich, als wäre es eine Bedrohung. "Was Du machst, ist uns egal!"

Danke, danke, echt, Ihr seid so nett, Ihr Arschlöcher, dachte ich nur, sagte es nicht, denn mit diesen Riesen darf man keine Scherze treiben.

Draußen sprach ich dann mit drei Stufen der Wächterhierarchie, einer von ihnen trug ein Homeland Security T-Shirt. "So wollt Ihr Euer Land schützen??" dachte ich mir nur, "indem Ihr eine 30-jährige aus der Konzerthalle schmeißt, weil sie zwei Sekunden lang eine Bierflasche gehalten hat???"

Die Situation war ziemlich absurd. Nach viel erklären und bitten wurde dann meine Freundin wieder reingelassen, aber auch nur, weil sie keiner der Wächter hatte trinken sehen. Ellie hatte allerdings keine Lust mehr auf das Konzert, kam trotzdem mit rein. Wir gingen, bevor es zu Ende war. Vor der Tür beim Ausgang waren die Wächter auf einmal ganz nett und sagten, "Have a nice evening, ladies!"

Einer von ihnen, ein Afro-Amerikaner, trug ein T-Shirt mit der Aufschrift "Happy to be black!" Wir ignorierten sie alle. Was für Idioten!

Auf dem Weg nach Hause erzählte ich Ellie, wie ich mir vorgestellt hatte, eine Sommerpause in Amerika zu machen, "um ein bisschen Luft zu schnappen!" Ellie sah mich an und konnte nur ein schwaches Lächeln hervorzaubern. Sie hatte die Erfahrung noch nicht verdaut.





Teheran, 14. Juli 2005 Gestern war einer dieser Tage, wo mir die Realität knallhart ins Gesicht schlug. Nach drei Jahren im Iran kommt es schon vor, dass mich mein Alltag hier so sehr überschwemmt, dass ich nur innerhalb dieser Realität denke und fühle und alles hier um mich herum für normal halte. Aber für seine politische Überzeugung eingesperrt zu werden, darf nicht die Norm sein und ist es auch nicht in den meisten demokratisch fortgeschrittenen Ländern.

Gestern kam es zwischen Demonstranten und Polizei zu Ausschreitungen. Die etwa 200-300 Aktivisten versammelten sich vor der Teheraner Universität um Akbar Ganjis Freiheit zu fordern. Ganji, über den ich hier einen Blog schrieb, als er nach mehr als fünf Jahren Haft für wenige Tage aus dem Gefängnis entlassen wurde, um sich um seine verfallende Gesundheit kümmern zu können, veröffentlichte vor etwa sechs Jahren mehrere Artikel, in denen er hohe Regime-Führer mit Morden an Intellektuellen und Oppositionellen verband. Er wurde eingesperrt.

Die Menge vor der Uni war wie eine amorphe Luftblase, die ihre Form änderte und herumwanderte. Die Polizei schlug und trieb die Menge von Kreuzung zu Kreuzung und dann wieder zurück zur letzten Kreuzung, aber sie löste sich nicht auf. Frauen und Männer jeden Alters hielten Bilder von Ganji mit der Aufschrift "32 Tage Hungerstreik" und riefen Parolen wie "Politische Gefangene müssen befreit werden!" oder "Tod der Unterdrückung!" und "Mortasavi schäme Dich, befrei den Ganji endlich!".

Mortasavi ist der notorisch bekannte Teheraner Staatsanwalt, der für die Verhaftung vieler Journalisten, unter anderem auch der kanadisch-iranischen Fotojournalistin Zahra Kazemi, verantwortlich ist.

Ich mache mir Sorgen um Ganji. Er könnte bald sterben. Er ist wahnsinnig mutig und stark. In den Tagen seiner verfliegenden Freiheit letzten Monat nahm er kein Blatt vor den Mund, was Demokratie und Menschenrechte angeht, und forderte die Befreiung aller politischer Gefangenen. Somit wurde er auch gleich wieder in den Knast gesteckt, wo er vor einem Monat eine zweite Runde des Hungerstreiks anfing.

Was er macht, ist im Grunde revolutionär, jedenfalls in der Ära der Islamischen Republik. Er stellt ein Ultimatum: "Entweder befreit Ihr mich, einen politischen Gefangenen, der in einem wahrhaft demokratischen Staat gar nicht im Knast sitzen sollte, oder ich werde mich zu Tode hungern!"

Demonstranten am 12. Juli 2005 in Teheran: "Freiheit für Akbar Ganji"
REUTERS

Demonstranten am 12. Juli 2005 in Teheran: "Freiheit für Akbar Ganji"

Dass es im Iran unzählige politische Gefangene gibt, hatte man hier schon als selbstverständlich weggesteckt. Noch nie hat jemand im Iran so viel internationale Aufmerksamkeit mit solch einer Tat auf sich ziehen können. Auch das Weiße Haus hat heute Stellung genommen... aber die sind ja auch nicht gerade das Vorbild, was Menschenrechte angeht. Politik ist eben oft selbstinteressierte Verlogenheit.

Die Nobelpreisträgerin Schirin Ebadi hat den Medien heute mitgeteilt, dass Ganjis Gesundheit in großer Gefahr sei, und dass weder sie als Ganjis Anwalt, noch seine Familie ihn besuchen können. Ebadi war gestern nicht da, denn sie ist im Ausland, aber wäre sie da gewesen, hätte sie ja vielleicht wie einige andere Frauen auch einen Knüppel abbekommen. Die Polizei schlug auch auf Mädchen und Frauen ein, unter ihnen wohl auch Ganjis Tochter und die Tochter eines anderen politischen Gefangenen, der vor einigen Monaten erst der Hinrichtung entkam, und einige wurden auch verhaftet.

Ich sah Ganji vor etwa einem Monat, als er kurz befreit wurde. Ich werde seine lebhaften, funkelnden Augen nie vergessen. Ich hoffe, sie werden nicht gelöscht und können weiterhin leuchten und seine Botschaft ausstrahlen.





Teheran, 7. Juli 2005 Nach den Anschlägen in London heute lief ich zu den Gebäuden der Britischen Botschaft im Norden Teherans, um herauszufinden ob da besondere Sicherheit herrschte - und auch, um Teheraner auf der Straße zu fragen, was sie von den Anschlägen hielten. "Was für Anschläge?", erwiderte einer der Polizisten des Diplomatischen Service. Er habe nichts von Bombenanschlägen gehört. Das war am Spätnachmittag, der Mann wachte schon den ganzen Tag über den Gebäudekomplex.

Bald kam ein Kollege von der Spezialeinheit der Polizei, er wusste Bescheid. Er war beauftragt worden, für besondere Sicherheit zu sorgen. Somit musste er alle geparkten Autos vor dem Residenz-Komplex wegschaffen und verhindern, dass dort weitere Autos parken. Schon kam ein weißer Paykan - so etwas wie Irans Trabi, abgeleitet vom Britischen Hillman-Hunter Model der sechziger Jahre - und hielt direkt vor dem Polizisten an. "Bitte, sehr geehrter Offizier, meine Tochter hat gerade ihre Einstiegsprüfung abgegeben, ich muss sie abholen", sagte der Mann in den Fünfzigern und drückte seine Autoschlüssel in die Hände des Offiziers. "Sie können das Auto gern bewegen, falls nötig!" Der Offizier guckte nur hilflos zu mir: "Was soll ich da noch sagen?", fragte er.

Heute war für viele Abituranten im Iran die Uni-Einstiegsprüfung. Sie ist sehr schwer und nur etwa 15 Prozent schaffen es jedes Jahr in die Uni. Somit ist dieser Prüfungstag ein sehr wichtiges Ereignis im Leben eines jungen Menschen im Iran. Eine der Prüfungsstätte liegt in den Gassen gegenüber der Botschaft - und genau dort herrschte heute das Verkehrschaos. Die wenigsten Parkplatzsuchenden interessierten sich für das, was in London passiert war. Doch ein wartender Vater sagte: "Großbritannien muss dem Erdboden gleich gemacht werden, damit wir hier überleben können. Großbritannien ist doch das Symbol der Ausbeutung in der Welt. Alles Übel, das wir erleben, stammt von dort." Auf die Frage, wie er zu den unschuldigen Bürgern stehe, die dabei getötet wurden, sagte er: "Es gibt keine unschuldigen Briten. Sie sind als Nation schuldig!"

Diese extreme Meinung vertrat mein erster Interviewpartner, allerdings muss man anmerken, dass die Iraner die Briten insgesamt nicht besonders gern mögen. Sie sehen die Briten als Drahtzieher des Staatsstreichs von 1953, als der demokratische Präsident Mohammad Mossadegh gestürzt und der Schah wieder auf seinen Thron gesetzt wurde. Außerdem glauben Iraner, dass die Mullahs eine Erfindung der Briten sind, weil viele von ihnen starke Beziehungen zu England pflegen.

Wer ist denn verantwortlich für die Anschläge, fragte ich eine Mutter, die ihre Zwillingstöchter gerade vom Examen abgeholt hatte. "Ganz bestimmt nicht die Mullahs, denn die werden ja von den Briten finanziert", sagte sie - und brachte damit die umstehenden Menschen zum Lachen. Sind solche Anschläge denn berechtigt? "Ganz gewiss nicht. Es sind Unschuldige, die dafür bezahlen müssen. Die Taktik der Terroristen basiert auf Aggression, nicht auf Logik. Das hilft keinem." Da nickten die meisten um sie herum.





Teheran, 30. Juni, 2005 Nicht viel los in Teheran...
außer der neuen Gerüchte, dass unser neuer Präsident 1979 bei der Geiselnahme in der amerikanischen Botschaft in Teheran - wobei 52 Amerikaner 444 Tage lang von radikalen Studenten festgehalten wurden - dabei gewesen sein soll.

Der Präsident selbst soll es mit dem Spruch, "Ich glaubte, wenn wir das täten, würde die Welt uns verschlingen", von sich gewiesen haben. Auch einer seiner Assistenten hat seine Teilnahme neulich verneint.

Ich habe heute einen der Hauptdrahtzieher der Geiselnahme, nämlich Mohsen Mirdamadi, angerufen, und der meinte, Ahmadinetschad war bei der eigentlichen Sache ganz bestimmt nicht dabei. Er habe zwar an einigen der ersten Gespräche teilgenommen, als Vertreter einer Studentengruppe der Nationalen Universität für Wissenschaft und Technologie (wo er auch heute "Traffic Engineering" lehrt), aber nicht bei der eigentlichen Operation.

Mahmud Ahmadinedschad
REUTERS

Mahmud Ahmadinedschad

Mirdamadi kann man das auch abnehmen, denn wenn im Moment jemand Grund hätte, Ahmadinetschads internationalen Ruf weiter zu schaden, wären es Mirdamadi und andere progressive Mitglieder seiner Partei, der Moscharekat, der größten Reformistenpartei Irans, die genau im Gegenstrom zu Ahmadinetschads Bewegung stehen.





Teheran, 27. Juni, 2005 Die letzten Tage in Teheran waren hart. Am Abend vor den Präsidentschaftswahlen am Freitag rief mich ein Freund in völliger Panik an. Babak meinte, er hätte die ganze Nacht nicht geschlafen und hätte alle in seinem Telefonbuch angerufen, um sie aufzufordern, für Rafsandschani wählen zu gehen. "Ahmadinedschad ist ein Demagoge. Wie würde uns die Welt sehen, sollten Iraner ihre Stimmen für einen Demagogen abgeben?"

Der Grund, weshalb Babak und andere im Iran ihn als Demagoge bezeichnen, ist, dass Ahmadinedschad in seinen Reden populistische Parolen benutzt und darüber hinaus ein Hardliner ist, der in allen Ansichten mit dem religiösen Führer übereinstimmt und von den "machtvollsten Militärs- und Regierungsorganen unterstützt wird", wie es Sadegh Zibakalam, ein Politikwissenschaftsprofessor der Teheraner Universität im Gespräch mit mir ausdrückte. "Die Iraner sind naiv, falls sie denken, dass Ahmadinedschad einer von ihnen ist, völlig allein und ohne politische Unterstützung."

Genau so aber versuchte sich Ahmadinedschad in seinen Reden darzustellen: Als hundertprozentiger "Mann des Volkes", der von niemandem unterstützt wird.

Am nächsten Tag, dem Wahltag, traf ich mich mit Babak, um zusammen einige Wahlzentren zu besuchen. Babak versuchte sogar dort noch, sämtliche Leute zu überzeugen, dass sie Rafsandschani und nicht Ahmadinedschad wählen sollten. Nicht weil Rafsandschani die tolle Wahl wäre, sondern weil Ahmadinedschad für den Iran Rückschritt bedeute, und eben keinen Schritt voran.

Der Blogger Hossein Derakhschan, der für die Wahlen im Iran war, versuchte wie viele andere Weblogger auch die Iraner aufzufordern, eine Regierung Ahmadinedschads zu verhindern. Das gleiche taten viele Intellektuelle und Künstler, unter ihnen viele überzeugte Reformisten, die es sich in ihren schlimmsten Alpträumen nicht hätten vorstellen können, Rafsandschani zu unterstützen.

Tja, aber so weit ist der Bürger in der islamischen Republik gekommen, dass er gezwungenermaßen sogar einen Wählen geht, dessen korrupte Kultur er verabscheut, nur weil er Angst hat, dass der andere noch schlimmer sein könnte. "Eine Wahl zwischen schlecht und schlechter," wie es Hossein ausdruckte.

Am Ende tat mir Babak Leid, denn auch wenn er einige unter seinen Freunden zu den Wahlurnen schleppen konnte, mich konnte er am Ende nicht überreden zu wählen. Die Wahlzeit wurde abends sogar noch bis 23 Uhr verlängert, doch ich schloss mich um 22 Uhr in mein Zimmer ein, um noch mal kräftig nachzudenken, was der richtigere Schritt für mich wäre: Wählen oder nicht wählen?

Ich kam zu dem Entschluss, dass ich es verabscheue, in diese Klemme gesteckt zu werden, wo ich gegen mein Gewissen einen Kandidaten wählen muss, von dem ich weiß, dass Demokratie und Freiheit für ihn nicht an erster Stelle stehen, und von dessen finanzieller Korruption ich schon zu vieles gehört hatte, nur weil die Aussicht einer Regierung des anderen Kandidaten mir gerade Angst und Schrecken einjagt. Ich beschloss, dass der richtige Weg Nichtbeteiligung wäre.

"Die Entscheidung wirst Du noch bereuen!" sagten mir viele, doch nicht alle. Es gab viele wie mich, fand ich am nächsten Tag in Gesprächen heraus, die es auch nicht über sich bringen konnten, gegen ihr Gewissen zu wählen, trotz der bedrohlichen Konsequenzen.

Pressekonferenz mit dem neuen Präsidenten Ahmadinedschad: "Mann des Volkes"
Nahid Siamdoust

Pressekonferenz mit dem neuen Präsidenten Ahmadinedschad: "Mann des Volkes"

In der Wahlnacht blieb ich bis fünf Uhr morgens wach, und hatte fast Tränen in den Augen, als ich das klare Ergebnis für Ahmadinedschad Freunden mitteilte.

Warum? Weil ich wie viele Iraner befürchte, dass Ahmadinedschad, ein ehemaliger Revolutionsgarde-Kommandeur und Basiji; ein Hardliner, der als Teheraner Bürgermeister auf jedem großen Platz der Stadt die Leiche eines Märtyrers ausstellen wollte, damit wir die auch ja nie vergessen (als ob das möglich wäre, mit all den Riesen-Wandbildern überall), viele von den Iranern errungene politische und soziale Freiheiten zurücknehmen könnte.

Die Ironie besteht darin, dass die meisten der 62 Prozent der Wähler, die Ahmadinedschad ihre Stimme gegeben haben, tatsächlich naiv genug waren, ihn als einen unabhängigen Kandidaten zu betrachten, anstatt als Marionette der extremen politischen Fraktion in Iran. Viele aus den niedrigeren sozio-ökonomischen Schichten sahen sogar Rafsandschani als einen Gründer der Islamischen Republik, der sie betrogen hatte.

Ahmadinedschad dagegen sahen sie als ein neues Gesicht, "als einer von uns, einer der unseren Schmerz versteht", wie mir ein 63-jähriger Schmied, der in der gleichen Moschee, wo Ahmadinedschad am Morgen wählen war, seine Stimme abgeben wollte.

Rafsandschani veröffentlichte am Abend nach den Wahlen gleich einen Brief, in dem er die beschuldigte, die "in einem beispiellosen Schachzug, Dutzende von Billionen von den Stiftungen der Nation (kontrolliert vom Führer Ayatollah Ali Chamenei) dazu benutzt haben, mich und meine Familie zu beschmutzen" und somit illegal in die Wahlen eingegriffen zu haben. Andere konservative Zeitungen stellten den Sieg Ahmadinedschads als einen Durchbruch für Iran dar, den Beginn einer neuen Ära.

Eine jubilierende Zeitung ging sogar so weit, ein für Ahmadinedschad komponiertes Gedicht zu drucken, das den neuen Präsidenten mit dem Imam Mahdi, dem heiligen zwölften Imam des Shia Islam, vergleicht, der nach dem Glauben der Schiiten nur verborgen ist und am jüngsten Tag erscheinen soll, um die perfekte gerechte Regierung auf Erden zu realisieren.

"Ein Licht ohne Makel ist gekommen/ Ein strahlendes Licht aus dem Nichts", lautete eine Strophe in der konservativen "Resalat" Zeitung. Am Tag vor der Stichwahl am Freitag gab es viele organisierte Gebete, in denen Ahamdinetschads Anhänger den verborgenen Imam anflehten, ihren Kandidaten zum Sieg zu verhelfen. Überhaupt scheint der "Mann des Volkes" und sein enger Kreis eine spezielle Beziehung zum Imam Mahdi zu haben.

Gestern hatte der designierte Präsident seine erste Pressekonferenz. Dort waren überraschend gemäßigte Töne von ihm zu hören. Er sagte, seine Regierung würde eine Regierung des Friedens sein, und das Extremismus keinen Platz in seiner Regierung haben würde. Er bestand zwar auf Irans Recht, seine friedvolle Nukleartechnologie zu entwickeln, sagte aber, die Verhandlungen mit den Europäern würden weitergehen. Auf meine Frage, was Frauen in seinem Kabinett für eine Rolle spielen würden sagte er, "Frauen sind ja die Chefs in Iran", und ich solle mir keine Sorgen machen, in seiner Regierung ginge Kompetenz, nicht Geschlecht vor. Warten wir es ab...





Teheran, 21. Juni, 2005 Am Samstag gab es eine Bombenüberraschung in Teheran, aber nicht die, die ich und andere sich erhofft hatten. Wir dachten, die Überraschung wäre der klare Sieg vom Reformkandidaten Mostafa Moin. Stattdessen war es die Mitteilung vom Wächterrat, dass Teherans ultra-konservativer Bürgermeister Mahmud Ahmadinedschad nach Rafsandschani die meisten Stimmen bekommen hat. Das wollten vor allem reformistische Gruppen nicht so recht wahrhaben, und somit haben sie nun eine Kampagne begonnen, in der sie den Führer und das Wächterrat dazu aufrufen, die Wahlergebnisse zu überprüfen.



Als ich Samstagmorgen aufwachte und die ersten Ergebnisse erfuhr, machte ich mich sofort auf den Weg zur Moin-Zentrale, um nachzusehen, was sie von den Ergebnissen halten. Dort herrschte großer Aufruhr. Einer der Strategen dort beschuldigte den Staat eines "schleichenden Coup d'Etats". Die berühmtesten Reformer waren alle in einem kleinen Zimmer eingeschlossen und debattierten, was nun zu tun ist.

Am Samstag hielt auch der frühere Parlamentssprecher Mehdi Karubi eine Pressekonferenz. Er erklärte, er habe eine Videokassette, die Revolutionsgarden-Führer beim Gespräch darüber zeigt, wie sie einen bestimmten Kandidaten (Ahmadinedschad) mit institutinellen Mitteln unterstützen wollen. Die wolle er, Karubi, veröffentlichen, sofern Ahmadinedschad nicht eingreift und die Situation überprüfen lässt. Daraufhin ließ der Führer ausrichten, dass er diese Krisenkreation von Karubi, einem der alten Befürworter der Revolution, nicht erwartet hätte, und beschimpfte ihn, Methoden zu benutzen, die der Feinde der Islamischen Republik gleichen.

Wiederum daraufhin schrieb der Karubi einen öffentlichen Brief, in dem er den Wächterrat, die Revolutionsgarde und andere rechte Organe eine Konspiration vorwarf. In dem Brief kündigte Karubi seinen Rücktritt vom Beraterposten des Führers Chamenei und auch von seiner Mitgliedschaft im Schlichtungsrat. Teile dieses Briefes haben vier reformistische Zeitungen gedruckt, die allesamt geschlossen wurden.

Der Chefredakteur von "Eghbal", der Moscharekat-Zeitung, erzählte mir gestern, dass er den Eindruck habe, der Brief sei nur eine gute Ausrede gewesen, und "dass sie sowieso vorhatten, uns zu schließen, vor allem im Falle, dass die Wahlen nicht zu unserer Gunst ausfallen." Der Teheraner Staatsanwalt Said Mortazavi hat der Zeitung Unruhestiftung vorgeworfen. "Wir dachten, es wäre legal, die Worte eines der Berater des Führers zu drucken, vor allem weil wir alles, was zu heikel war, rausgenommen hatten, also Vorwürfe über eine Konspiration der militärischen Kräfte des Landes."

Gestern dann veröffentlichten Moin-Anhänger, die Moscharekat inbegriffen, einen Statement, in dem sie den Führer beschuldigten, verantwortlich für die jetzige Situation zu sein. Sie warfen den Hardlinern Wahlfälschung vor. In ihrem Schreiben riefen sie die Wähler auf, nicht indifferent zu bleiben und an den Wahlen teilzunehmen, ohne den Namen von Rafsandschani zu nennen.

Im Lande findet im Moment eine große Kampagne statt, die Wahl vom Ahmadinedschad zu verhindern. Andauernd kriegt man SMS-Nachrichten aufs Handy, die dazu auffordern, eine Talibanisierung des Landes zu verhindern. Ahmadinedschad ist bekanntermaßen sehr religiös und viele fürchten, dass er seine persönlichen Haltungen im Lande praktizieren wolle. Mittlerweile unterstützen sogar harte Rafsandschani-Gegner den früheren Präsidenten, "nicht weil wir ihn lieben, sondern weil wir den anderen hassen", wie es in einer SMS-Kettennachricht heißt.

In einer der besten Universitäten Teherans, der Scharif Universität, die jedes Jahre Dutzende von Studenten nach MIT, Stanford, und andere Top-Universitäten der USA exportiert, hielten gestern Professoren und Studenten eine Versammlung ab, um vor der Gefahr einer Ahmadinedschad-Regierung zu warnen.

Hinten im Saal saß der 21-jährige Maschinenbau Student Ali, der seit Monaten für Moin aktiv ist. "Es ist moralisch vielleicht nicht richtig, denn vor den Wahlen habe ich wochenlang versucht alle Rafsandschani-Wähler auf Moin umzustimmen, aber Freitag werde auch ich heimlich zu den Urnen gehen und meine Stimme für ihn abgeben. Für eine junge Person wie mich ist es eben eine Frage zwischen Leben und Tod."

Überhaupt können die Liberalen sich nicht erklären, wie Ahmadinedschad so viele Stimmen bekommen konnte, wenn er doch in den Meinungsumfragen der letzten Wochen immer weit hinten lag. Aber der Wächterrat hat eine Stichprobe von hundert Wahlurnen durchführen lassen und nach der Untersuchung gestern Abend im Staatsfernsehen angekündigt, dass keine Fälschung stattgefunden hat und dass die Stichprobe den Resultaten entspricht. Die Stichwahl wird also am Freitag abgehalten.

Ob nun gefälscht worden ist oder nicht, auf "legaler" oder illegaler Weise, das weiß man nicht genau. Auch die Reformer haben im Endeffekt keine festen Beweise liefern können, aber fest steht, dass Ahmadinedschad schon beliebt ist. Am Wahltag sagten die meisten in eher ärmeren Stadtteilen, dass sie den vorigen Basij und Revolutionsgardebeamten Ahmadinedschad wählen würden.

"Ahmadinedschad ist einer von uns", sagte ein Mann mit seinen drei Töchtern. "Er lebt nicht in einem Palast, er zieht sich an wie wir, und ihm geht es wirklich um die Menschen. Er hat schon viel für uns getan, seitdem er Bürgermeister ist", sagt eine ältere Frau, deren Sohn einen Heiratslohn vom Stadtrat bekommen hat. Kann es sein, dass die Elite und die Intellektuellen des Landes die Armut und die Desillusionierung der sozio-ökonomisch niedrigeren Schichten einfach übersehen haben? Gut möglich.

Bei der Debatte in der Scharif Universität hielt ein Basiji ein Plakat, auf welchem stand: "Nur Diktatoren können keine Rivalen leiden!" Die Kampagne gegen Ahmadinedschad ist wirklich beachtlich. Alle reden von ihm, als wäre er ein furchtbares Monster. Glaubt man einiges über seine Vergangenheit und seine extrem-religiösen Sichten, ist er auch ein Monster, jedenfalls für die, die Iran im 21. und nicht im 19. Jahrhundert sehen wollen. Aber die ärmeren Schichten reden kaum über seine religiösen oder revolutionären Eigenschaften und Ansichten, sondern darüber, dass er eben ein Mann des Volkes ist - der Robin Hood Irans!





Teheran, 17. Juni, 2005 Wählen oder nicht wählen, das war die Frage hier am Tag vor den Wahlen. Viele unter den Intellektuellen und Studenten hatten schon vor Monaten beschlossen, an den Wahlen nicht teilzunehmen, mit der Begründung, dass die Wahlen nicht wirklich frei sind, da ja ein ungewähltes Organ - der Wächterrat - über die Qualifikation der Kandidaten entscheiden würde.

Aber je näher die Wahlen kamen, umso mehr hörte man das Argument, dass es richtiger wäre, an den Wahlen teilzunehmen, dass das Volk jetzt zeigen müsse, dass es weiterhin hinter den Reformen steht und nicht aufgibt. Die Befürchtung, dass der ehemalige Präsident Akbar Haschemi Rafsandschani mit seiner umfassenden Werbung die Wahlen gewinnen würde, bewegte weitere "stille Stimmen", sich anders zu entscheiden und doch wählen zu gehen.

Ich bemerkte den Wechsel zuerst in meinem eigenen Freundeskreis und dann auch in der größeren Bevölkerung. Vor etwa zwei Wochen noch sagten die meisten, wenn nicht alle unter meinen Freunden, dass sie nicht wählen würden. Ich im Übrigen auch. Ich wollte einem fundamental undemokratischen System nicht meine Stimme geben. Als ich aber mehr und mehr sah, wie die Reformer kompromisslos von Demokratie und Freiheit sprachen, wie viele Jugendliche ihre Tage und Nächte damit verbrachten, für den Reformer Moin zu werben trotz finanzieller Mängel, und je mehr ich die Gefahr spürte, dass ein Kandidat ohne Schwerpunkt Demokratie gewinnen würde, umso mehr befestigte sich in mir ein Pflichtbewusstsein, die Reformisten nicht hängen zu lassen.

Es gab heute morgen nur noch einen unter meinen Freunden, der bei seiner Meinung blieb und nicht wählen wollte. Er sagte, "die islamische Republik braucht meine Wahl, dann lass sie daran arbeiten. Sie haben sich meine Stimme noch nicht verdient."

Viele werfen Präsident Chatami und seiner Regierung vor, sie hätten die Erwartungen der Bevölkerung nicht erfüllt, sie hätten der Demokratie und Freiheit keine großen Flügel gegeben, sie wären nicht mutig genug gewesen. Das mag alles stimmen, aber Chatami und die Reformisten haben grundsätzliche Reformen herbeigebracht, so sehr, dass sogar alle Konservativen heute mit einem reformistischen Jargon für Wähler werben. Ich persönlich kam zu dem Entschluss, dass ich als Iranerin meinen Zuspruch für den Weg der Reformen ausdrücken müsste.

Zu dem Entschluss sind wohl auch viele andere Iraner in den letzten Tagen gekommen. Gestern herrschte in der Moin-Zentrale viel Optimismus. Bisher hatten sich die Reformer damit abgegeben, dass sie verlieren würden. Aber sie haben in den letzten Tagen viel positives Feedback von den Wählern bekommen, so viel, dass sie jetzt sogar sich einen Wahlgewinn erhoffen.

"Wir könnten morgen eine Lawine erleben, eine wie die vom zweiten Khordad", sagte mir einer der führenden Strategen in Moins Kampagne, Mostafa Tajzadeh, und bezog sich auf Chatamis Sieg vor acht Jahren.

"Sie haben uns gesagt, die Reformen sind tot", sagte ein anderer, der Soziologe Hamid Reza Jalaipour. "Und, nur unter uns, wir dachten auch, dass wir Reformisten tot sind! Aber es ist alles ein Gerücht gewesen. Die Medien sind von Rafsandschani ausgetrickst worden."

Am Wahltag bin ich zu Wahlzentren quer durch die Stadt gefahren. Die meisten Jugendlichen sagten, sie würden Moin wählen. Ein überraschender Anteil der Bewohner der südlichen und mittleren Teile Teherans sagten sie würden Ahmadinedschad, den jetzigen Bürgermeister, wählen, der wegen seiner finanziellen Hilfen wie Löhne unter den religiösen Nichtwohlhabenden beliebt ist, und einige hier und da nannten Rafsandschani und Ghalibaf als ihre Kandidaten.

Ich glaube wir könnten in den nächsten Tagen durchaus eine Überraschung erleben. Ich tippe auf eine zweite Runde, also dass kein Kandidat mehr als 50 Prozent der Stimmen in der ersten Runde bekommt. Die zwei mit den meisten Stimmen, denke ich, werden Rafsandschani und Moin sein, und das wird wieder weitere "stille Stimmen" erwecken, die sich dann in der zweiten Runde für die Reformisten einsetzten werden. Demnach hätten wir wieder einen Reform-Präsidenten! Das hätte vor zwei Wochen niemand geglaubt! So spannend kann iranische Politik sein!





Teheran, 14. Juni, 2005 Ich habe in den letzten zwei Tagen gleich zwei Kino-Superstars getroffen, einen iranischen und einen amerikanischen. Das Zufallstreffen mit der iranischen Schauspielerin Hedieh Tehrani, der Nummer Eins unter den iranischen Film-Divas, war fast überraschender als das mit Sean Penn, dem vormaligen Ehemann von Madonna, der für weniger als eine Woche als Journalist für den San Francisco Chronicle in den Iran gereist war. Das Treffen mit Tehrani passierte nach den Bombenanschlägen vor zwei Tagen.

Am Sonntagabend, sobald ich über die Bombenexplosionen in Teheran hörte, fuhr ich dahin um zu berichten. Stunden vorher hatten vier Bombenexplosionen in der südlichen Stadt Ahwas sieben Menschen getötet und über siebzig verletzt. Die Bomben waren von Terroristen in der Nähe von Regierungsgebäuden platziert worden. In Teheran explodierte eine Bombe in einem Mülleimer in der Nähe einer stark befahrenen Kreuzung im Osten Teherans. Ein Mensch wurde getötet, drei wurden schwer verletzt. Eine zweite Bombe in Teheran, angeblich gegenüber der Wohnung eines wenig bekannten Mullahs, tötete einen weiteren Menschen.

Am Tatort der ersten Explosion sprach ich mit den Zeugen. Ein 12-jähriger, der in der Nähe lebt, erzählte mir, die Bombe habe einen lauten Knall gemacht, und ein alter Mann der neben dem Eimer stand sei zu Boden gestürzt und bald danach gestorben. Ich hatte kaum mit anderen gesprochen, als zwei Männer in Zivilkleidung auf einem Motorrad auf mich zufuhren und mich aufforderten, meinen Ausweis zu zeigen. Ich erwiderte, sie sollten sich zuerst ausweisen, damit ich überhaupt weiß, wer mich da nach meiner Identität fragt. Im Endeffekt musste ich ihm meinen Presseausweis ohne Rückfrage zeigen, denn bald kamen andere Kollegen von ihm und ich merkte, dass ich es natürlich mit Männern vom Geheimdienst-Ministerium zu tun hatte.

Ich wurde an eine Wand gestellt und durfte zunächst mit niemandem reden. Nachdem all meine Daten irgendwohin durchgegeben worden waren, was etwa eine Viertelstunde dauerte, wurde mir gesagt: "Sie dürfen hier mit niemandem mehr sprechen. Gehen Sie jetzt nach Hause!" - "Aber ich bin Journalistin..." kam von mir, aber das nutzte nichts. Etwa hundert Meter weiter wurde ich von einer anderen Gruppe von Beamten angehalten. "Meine Daten wurden dort gerade geprüft und man hat mir gesagt, ich kann gehen" sagte ich, aber der Chefbeamte meinte, er sei der Boss und nur er würde entscheiden. "Wie viele Bosse gibt es hier eigentlich?" Ich soll mich nicht in Dinge einmischen, die mich nichts angehen. "Aber ich bin Journalistin" - der Satz wurde in meinem eigenen Kopf zum Witz.

Nahid Siamdoust, Sean Penn: "Mit 12 verknallt"

Nahid Siamdoust, Sean Penn: "Mit 12 verknallt"

"Sie kommen mit!" hieß es endlich nach weiteren zehn Minuten. "Wohin?" Keine Antwort. Ich wurde zu einem Gebäude drei bis vier Straßen weiter gebracht, wo schon etwa zwanzig männliche Journalisten zusammengetrieben waren. Ich wurde in ein kleines Nebenzimmer gewiesen, wo vier Frauen saßen. Meine Augen zoomten sofort auf Hedieh Tehrani. Das wäre so als würden man in Deutschland in einem Hinterzimmer eines Geheimdienstgebäudes auf einmal Franka Potente sehen, um eine meiner Lieblingsschauspielerinnen zu nennen. Iran kann eben so absurd sein.

Da Hollywood-Star Sean Penn schon seit einigen Tagen als Journalist in Teheran für mehr Aufmerksamkeit gesorgt hatte als Präsidentschaftskandidaten, erlebte ich einen Gehirnkurzschluss: warum wollten all diese Superstarts Journalisten werden? Sollte es nicht andersherum sein? Ich will ein Superstar werden! Da Tehrani in dem Raum war, wurde der Abend schließlich doch ganz witzig. Im Moment sind viele ausländische Journalisten in der Stadt, und sie ist mit einem Fotografen befreundet und hatte ihn begleitet, als sie auch eingefangen wurde. Das muss den Beamten besonders viel Freude bereitet haben.

Gestern hörte ich, dass Sean Penn die Stadt verlassen würde. Komisch, dachte ich mir, ich war mir so sicher, dass ich ihn treffen würde, denn er ist schon seitdem ich 12 bin oder so einer meiner Lieblingsschauspieler. Wie konnte es sein, dass er in Teheran war, und ich ihn nicht treffen würde?

Es konnte eben nicht sein. Am Abend wurde ich zu einem Essen eingeladen, wo er auch war. Nicht nur das, ich durfte sogar direkt vor ihm sitzen. Er war einfach zu cool. So locker, so ohne Fassade, witzig und interessant. Ihm hatte seine Iran-Reise sehr gut gefallen, er hatte Rafsandschani getroffen, war von Elaheh Koulai, der Sprecherin des Reform-Kandidaten Mostafa Moin besonders beeindruckt und mochte iranisches Essen. Ich sagte ihm, dass Prominente wie er die öffentliche Meinung stark beeinflussen könnten, und dass ich ihn für seine journalistischen Bemühungen bewundere.

Ich muss zugeben, ich war "star-struck!" Wie konnte ich auch anders? Ich war als Teenager sehr verknallt in ihn. Am Ende konnte ich es mir natürlich nicht verkneifen, ihn um ein Foto zu bitten. Das Foto zeigte ich heute natürlich jedem, der mir über den Weg lief...





Teheran, 9. Juni, 2005 Es war der reine Wahnsinn gestern. Die Fußballparty schlechthin. Zum ersten Mal bin ich zu einem Fußball-Spiel hier im Iran, wo weiblichen Zuschauern - außer Journalistinnen - der Zutritt üblicherweise verboten wird. Das Spiel Iran gegen Bahrain im Finale der Fußballweltmeisterschafts-Qualifikationsrunde war spieltechnisch nicht besonders spannend. Aber da das Spiel Iran endgültig für die Weltmeisterschaft qualifizierte, war die Atmosphäre prickelnd und die Iraner, zuversichtlich eines Gewinns, in super-guter Stimmung.

Es war schon etwas seltsam als eine der wenigen Frauen das Stadiongelände zu betreten. Stellt Euch vor, etwa hundert Frauen unter mehr als 70.000 Männern. Da gucken die Männer schon bisschen blöd. Für mich war das spannender als das Spiel selbst: All diese Frauen, die zum ersten Mal im post-revolutionären Iran zu einem Fußballspiel zugelassen wurden. Unter ihnen waren vor allem Athletinnen, Schauspielerinnen, Botschaftsleute, und andere Frauen, die irgendwelche connections hatten.

Parisa und Atefeh, zum ersten Mal bei einem  Fußballspiel im Stadium
Nahid Siamdoust

Parisa und Atefeh, zum ersten Mal bei einem Fußballspiel im Stadium

Ich saß zuerst unter den Journalisten, stellte aber schnell fest, dass es bei den Frauen - die in vier Reihen saßen - viel spannender sein würde. Um mich herum entwickelten sich bald Streitigkeiten. Zwei Mädels vor mir sorgten für viel Lärm und waren lauter als die Männer, die in den Reihen vor ihnen saßen. Zwei junge Frauen an meiner Seite warnten zuerst und schimpften später, dass die sich nicht so aufführen sollen, sonst könnte es das letzte Mal sein, dass sie Frauen reinlassen. Den Mädels war es egal, sie hörten gar nicht zu. Sie wollten einfach frei und so laut sein wie sie wollten.

Etwa eine halbe Stunde nach Spielbeginn passierte was Wundervolles. Um die dreißig junge Frauen, die seit neun Uhr morgens einen Protest vor dem Stadion organisiert hatten, wurden herein zugelassen. Zwar waren dieses Mal einige Frauen eingeladen worden, aber für die Tausenden von weiblichen Fußballfans war das Stadion immer noch unzugänglich. Die Frauenrechtsaktivistinnen hatten so lange drauf beharrt, bis sie reingelassen wurden. Sie trugen alle weiße Kopftücher und glühten vor Freude.

Nachdem Iran Bahrain eins zu null schlug, ging eine Riesenfete in der Stadt los. Es war, als wären alle einfach aus ihren Häusern rausgestürmt. Die im mittleren und höheren Alter schauten zu, während die jüngeren Trompeten bliesen, die iranische Flagge in der Luft flattern ließen und zu iranischer Pop-Musik tanzten. Sogar die Mädchen hängten ihre Oberkörper aus den Autos raus und tanzten mit. Ich habe auch eine junge Frau gesehen, die ohne Kopfbedeckung mitten auf einem Autodach saß und mit ausgestreckten Armen persischen Rhythmen Ausdruck verlieh.

Party auf Teherans Strassen
Nahid Siamdoust

Party auf Teherans Strassen

Eine Gruppe von Jungs ging im Vollstau des Verkehrs von Auto zu Auto und tanzte je nach Beat einen anderen Stil. Ein Verwandter nannte den Abend die 10-Millionen Disko - in etwa die Anzahl von Teherans Einwohnern - und ein anderer bemerkte, dass die armen Jugendlichen endlich ihren Bedarf an öffentlichen Diskotheken befriedigen durften.

Die Polizei war sehr friedlich und schien Anweisungen bekommen zu haben, die Leute in Ruhe zu lassen. Bei einem Vorfall, den ich beobachtete, wurden zwei Beamte mit einem Böller beworfen, und sogar da waren sie sehr kontrolliert und friedlich. Ich habe allerdings von anderen gehört, dass es in anderen Stadtteilen zum Teil zu Auseinandersetzungen zwischen Paramilitärs und den Jugendlichen gekommen sein soll.

Interessanterweise wurde das Event nicht groß für die Wahlen ausgenutzt. "Den Iranern scheint die Fußballweltmeisterschaft wichtiger zu sein als die Präsidentschaftswahlen nächste Woche!" sagte ein Freund. Ich könnte dem zustimmen.





Teheran, 8. Juni, 2005 Endlich haben wir das Interview mit Akbar Haschemi Rafsantschani bekommen. Ich habe über drei Monate daran gearbeitet.

Am Tag vor unserem festgelegten Termin rief ich an, um den Namen unseres Fotografen durchzugeben, und da sagte mir der Herr am anderen Ende, der Haj Agha (Rafsantschani) würde diese Woche keine Interviews geben!

Wie bitte? war meine Reaktion, unser Redakteur für den Mittleren Osten ist extra deswegen in den Iran gereist. Die Antwort: Tut uns leid, keine Interviews diese Woche.

Und so musste ich zehn weitere Tage hier und da anrufen und Briefe schicken und wie eine Zecke kleben. Am Ende schließlich ging dann alles ganz kurzfristig: Wenige Stunden, bevor das Interview stattfand, bekamen wir gesagt, wir könnten dahin, zum Marmor Palast, wo einst Reza Schah und später sein Sohn Mohammad Reza Schah lebten.

Im Interview war Rafsantschani gelassen, umgeben von einem Dutzend Assistenten, die alles taten, was dem Herren Recht war. Kein Wunder, dachte ich mir, dass viele diesen Ayatollah der Islamischen Republik Akbar Schah nennen. Rafsantschani redete über Demokratie und kritisierte Amerika wegen Menschenrechtsverletzungen in Guantanamo, Abu Ghuraib und Palästina. Er grinste, als er uns erzählte, dass die Bibel, die ihm Reagan persönlich unterzeichnet hatte, im Museum lag.

Im Interview mit Rafsantschani
Mohammad Farnoud

Im Interview mit Rafsantschani

Die überreichte 1986 Oliver North an einen Neffen Rafsantschanis als Dank für einen Deal, bei dem der Iran Waffen bekommen und dafür Amerika bei der Befreiung von Geiseln in Händen der libanesischen Hizbollah helfen sollte. Der Skandal wurde "Iran Contra Affair" genannt. Unser Artikel und auch Teile unseres Interviews sind in der "TIME" dieser Woche.

Im Mittleren Osten kam der Rafsantschani sogar auf die Titelseite. Sein Sohn ließ mir ausrichten, dass sie gerne 2.000 Kopien hätten. Das können wir denen allerdings leider nicht besorgen, rein aus professionellen Gründen. Am Ende fragte Scott, ob wir zu dritt ein Foto mit dem womöglich zukünftigen Präsidenten Irans machen könnten. Er entschuldigte sich und sagte, "Das geht leider nicht, sie wissen ja, was sie mit solchen Fotos im Ausland machen."

Mit "sie" meinte er wohl Iraner im Ausland, die den Rafsantschani und seine Konsorten wie die Pest hassen, und Schuld an der Sache mit dem Foto war wahrscheinlich mein Hijab, also meine Bedeckung, die wohl nicht islamisch genug war, jedenfalls dem Geschmack eines Ayatollahs nach nicht.





Teheran, 1. Juni 2005 "Er ist frei!" hörte ich am anderen Ende des Telefons vorgestern am frühen Nachmittag. Ich wusste sofort, um wen es sich handelt, denn mehrere Regimekritiker sind in den letzten Monaten befreit worden. Aber einer, der kritischste, war nach mehr als fünf Jahren immer noch im Knast.

Akbar Ganji, der selbst einmal Agent im Geheimdienstministerium war, packte Ende der neunziger Jahre sämtliches Insider-Wissen über das Ministerium aus, auch über geheime Operationen. Er nannte Rafsantschani "die rote Eminenz" und beschuldigte ihn über die Kettenmorde an Intellektuellen und Oppositionsaktivisten bescheid gewusst und nicht gehandelt zu haben. Die tatsächlichen Drahtzieher der Morde nannte er graue Eminenzen.

Als sämtliche reformistische Zeitungen Anfang 2000 verboten wurden, war Ganji einer der ersten, der eingesperrt wurde. Sonntag nach Mitternacht, nach elf Tagen Hungerstreik, wurde Ganji von zwei Gefängnisbeamten nach Hause gefahren.

Befreiter Akbar Ganji: Seine Augen leuchteten wie Diamanten
Zohreh Soleimani

Befreiter Akbar Ganji: Seine Augen leuchteten wie Diamanten

Am folgenden Nachmittag dann fand eine kleine Pressekonferenz in seiner kleinen Wohnung statt. Mehr als vierzig Journalisten waren auf etwa zwanzig Quadratmetern zusammengequetscht. Alle schwitzten wie verrückt. Ganji sagte, alle politischen Gefangenen, Journalisten, Weblogger und Andersdenkende müssten sofort ohne Bedingungen befreit werden. Seine Augen leuchteten wie Diamanten. Er schien so glücklich zuhause zu sein, neben seiner Frau, in der Öffentlichkeit unter seinem eigenen Dach...

Nach der Konferenz brach er auch sein Fasten und trank von einem Glas orangener Suppe, die seine Frau für ihn vorbereitet hatte. "Mit Liebe gemacht!" bemerkte ein Journalist. Ein anderer fragte, was die Rezeptur sei, und alle lachten.

Erstmal ist Ganji frei, um sich medizinisch behandeln zu lassen. Auch wenn er vor Freude glänzte, er hatte viele Kilos abgenommen und seine Augenränder waren tief und dunkel.

Aber im Iran weiss man nie. Möglicherweise muss er erstmal nicht mehr ins Gefängnis zurück - bis er vielleicht sein nächstes Buch schreibt. Natürlich muss man sich fragen, weshalb Ganji gerade kurz vor den Wahlen befreit wurde, und ein Journalist frage sogar, ob Rafsantschani etwas mit seiner Freilassung zu tun hatte. Ganji verneinte das.





Teheran, 29. Mai, 2005 Es ist einfach so vieles in dieser Woche passiert, da bin ich wirklich nicht zum Schreiben gekommen. Vor etwa einer Woche hat mich meine Schwester zum ersten Mal, seitdem ich hier lebe, im Iran besucht. Sie war schon seit sechs Jahren nicht mehr hier und das, was sie am meisten verwunderte, war, wie sehr sich die Kleidung der Frauen geändert hat - also viel freier, kürzer, farbiger und so weiter. Kurz nach der Ankunft meiner Schwester kam auch schon mein Chef, der Middle East Editor des "Time Magazin", im Iran an, und somit konnte ich kaum Zeit mit ihr verbringen.

Es passierte auch politisch jede Menge.

Die Reformisten um Präsidentschaftskandidaten Mostafa Moin hatten am Donnerstag vor ein paar Tagen eine Sitzung, in der Vertreter aus allen Staaten Irans und fast alle bekannten Reformisten-Persönlichkeiten debattierten, ob nun Moin an den Wahlen teilnehmen sollte oder nicht.

Das ist schon ein großes Dilemma für die Reformisten, denn sie wurden nach der Disqualifizierung Moins durch den Wächterrat durch eine Verordnung des Führers Ayatollah Chamenei wieder zu den Wahlen zugelassen, was sie prinzipiell ja verwerfen. Also befanden sich die Reformisten in einer Zwickmühle und haben sich wie erwartet so entschieden, wie sich fast jede andere politische Gruppe entschieden hätte: Um ihr eigenes Überleben zu garantieren, akzeptieren sie auch etwas, was sie grundsätzlich verwerfen. Also ist Moin fest im Rennen.

Reformistentreffen: teilnehmen oder nicht teilnehmen?
Nahid Siamdoust

Reformistentreffen: teilnehmen oder nicht teilnehmen?

Die Werbekampagnen der Kandidaten haben auch schon angefangen. Auf dem Weg zurück von einem Interview kamen wir an einer Ghalibaf-Wahlzentrale vorbei, und ich wollte meinen Augen nicht trauen. Junge, hippe Menschen, Jungs mit stylisch gegelten Haaren; Mädels, die mit einer Kippe in der Hand dastanden und deren Kopftücher alle zwei Minuten runterrutschten... - alle warben für den früheren Polizeichef, dem Führer der loyalen Konservativen, der nicht an politische Reformen interessiert ist.

Ich konnte es mir gerade noch verkneifen zu fragen, wie viel ihnen bezahlt würde, um dort für ihn zu werben. Aber als ich anfing, mit ihnen zu sprechen, sah es fast aus, als würden sie es aus Überzeugung tun. Er sei jung und stünde für Transparenz und Korrektheit, war die übereinstimmende Aussage.

Kurz danach flog meine Schwester wieder in die Staaten zurück. Meine Tante Saideh konnte es sich nicht verkneifen, einen Topf mit drei schönen runden Fleisch-Linsen-Bällchen (Kufteh), eine Azeri-Spezialität und ein Lieblingsgericht meiner Schwester, zum Flughafen zu bringen. So standen wir, nachdem meine Schwester schon ihr Gepäck abgegeben hatte, draußen auf dem Parkplatz und griffen alle nach den Bällchen. So was leckeres!!!

Dann dachte ich mir, wie wir das niemals hätten in Deutschland machen können. Wir hätten als Barbaren, die auf dem Flughafenparkplatz in den Topf greifen, die verunglimpfendsten Blicke bekommen...

Das sind Momente, in denen ich mich freue, im Iran zu sein.






Teheran, 24.5.2005 Jetzt ist es raus, der große Schock. Der einzige Reformisten-Kandidat, Mostafa Moin, über den ich in diesem Blog schon geschrieben habe, wurde vom Wächterrat disqualifiziert. Die Nachricht kam im Staatsfernsehen um 20.30 Uhr, obwohl das gesetzeswidrig ist. Normalerweise hätte der erzkonservative Wächterrat seine Entscheidung dem Innenministerium mitteilen müssen, das dann wiederum 48 Stunden Zeit gehabt hätte, um die Entscheidung der Nation bekannt zu machen.

Es besteht für die Kandidaten keine Möglichkeit, Widerspruch einzulegen. Aus 1014 Bewerbern wurden nur sechs für eine Kandidatur zugelassen, alle konservativ, jedenfalls in ihrer Haltung den politischen Strukturen und der Verfassung gegenüber.

Schock in den Zeitungen: Erzkonservative Kandidatenkür
Nahid Siamdoust

Schock in den Zeitungen: Erzkonservative Kandidatenkür

Es dürfen kandidieren: Der ehemalige Kommandeur der Revolutionsgarde Mohsen Rezai, der ehemalige Polizeichef Mohammad Bagher Ghalibaf, Teherans Bürgermeister Mahmoud Ahmadinetschad, der ehemalige Präsident Akbar Rafsandschani, der ehemalige Parlamentssprecher Mehdi Karroubi und der ehemalige TV- und Radio-Chef Ali Laritschani, über den ich gestern berichtet habe.

Die Partei des disqualifizierten Moin, die Islamisch-Iranische Partizipationsfront, welche die größte reformistische Partei im Land ist, hat wissen lassen, sie würden die Wahlen boykottieren, sollte es sich der Wächterrat nicht anders überlegen. Natürlich wurden auch keine weiblichen Kandidaten zugelassen.

Ich bekam auf meinem Handy gleich eine Kettennachricht: "They want to f*** us!"

Update, 24.5.2005: Moin doch noch nominiert
Der ultrakonservative Wächterrat im Iran hat am Dienstag zwei bekannte Vertreter aus dem Reformlager doch noch zur Kandidatur für die Präsidentenwahl zugelassen. Mostafa Moin and Mohsen Mehr-Alisadeh dürften bei der Wahl am 17. Juni antreten, meldete am Dienstag der staatliche iranische Rundfunk.
Mostafa Moin: Wurde doch noch als Kandidat zugelassen

Mostafa Moin: Wurde doch noch als Kandidat zugelassen

Der Wächterrat hatte zunächst nur sechs von mehr als tausend Bewerbern zugelassen. Das geistliche Oberhaupt des Iran, Ayatollah Ali Chamenei, ordnete daraufhin an, die Ablehnung der Kandidatur von Moin und Mehr-Alisadeh zu überprüfen.
In der Nacht zum Dienstag kam es in Teheran zu Protesten einiger Hundert Studenten, nachdem die Ablehnung des ehemaligen Hochschulministers Moin bekannt geworden war. Die Demonstration verlief friedlich. Die Polizei war angewiesen worden, nicht einzugreifen und die Studenten nur darüber in Kenntnis zu setzen, dass Chamenei eine Überprüfung der Wächterrat-Entscheidung eingefordert habe.
Moin gilt als einziger Reformer mit Aussichten, die Konservativen im Rennen um die Präsidentschaft zu schlagen. Der frühere Hochschulminister soll für die Islamisch-Iranische Beteiligungsfront (IIPF) antreten, die wichtigste Reformpartei des Landes. Mehr-Alisadeh ist zur Zeit Vize-Präsident in der Regierung von Präsident Mohammed Chatami und will als unabhängiger Kandidat antreten.


AFP, Red.






Teheran, 23.5.2005 Es ist wirklich witzig mitzuerleben, wie die Präsidentschaftskandidaten ihr Image zu drehen versuchen. In diesem islamischen Staat, in dem die Autoritäten immer noch allem islamisch-arabischen einen höheren kulturellen Wert zuweisen, versuchen nun die Anwärter ihr Image so progressiv wie möglich darzustellen. Und das bedeutet eben nicht islamisch-arabisch, denn sie wissen, dass die meisten Iraner dies eher mit Zurückgebliebenheit verbinden.

In der post-revolutionären Phase der Islamischen Republik, in der die Leute nach einer euphorischen Zeit bald den Terror des selbstgerechten Systems erlebten, knüpften die Menschen nach Jahren strenger Unterdrückung in allen Lebensbereichen ihre Hoffnungen an die Reformbewegung - nur um dann die Schlinge um den Hals wieder fester gedreht zu bekommen. Die meisten gaben so auch die Hoffnung auf fundamentale Reformen im Inneren bald auf.

Präsidentschafts-Bewerber Ali Laritschani, Mullah im Fernsehen: Kein guter Kontext
Aslon Arfa

Präsidentschafts-Bewerber Ali Laritschani, Mullah im Fernsehen: Kein guter Kontext

Nach diesem Wechselbad von Euphorie zu Terror zu Hoffnung zu Disillusion hier in diesem Staat knüpfen die Menschen ihre Erwartungen nicht mehr an politische Reform, sondern eher an einen besseren materiellen Lebensstandard. Das wissen die Politiker. Sie können mit revolutionären Parolen und Referenzen zum Propheten kaum Stimmen gewinnen. Sie denken, Stimmen könnten sie bekommen, indem sie ein Image von Fortschritt und Offenheit darstellen. Aber auch auf den Trick fallen die Iraner nicht mehr rein.

Gestern waren wir mit dem SPIEGEL-Korrespondenten für den Mittleren Osten, Dieter Bednarz, bei einem Interview mit Ali Laritschani, über den ich zuvor in diesem Weblog geschrieben habe. Dieter hatte die geniale Idee, Laritschani neben seinem Bürofernsehen von unserem Fotographen knipsen zu lassen. Ab dem Augenblick, in dem der frühere TV&Radio Chef sich neben das Fernsehen setzte, begann eine Image-Spin-Schlacht, mit der Fernsehbedienung als einzigem Draht zum Sieg.

Dieter switchte auf einen Kanal, auf dem ein Mullah sprach. Es gibt im Fernsehen immer mindesten einen Kanal, wo ein beturbanter, bärtiger Mann im schwer-Koranischen Jargon die Zuschauer aufzuklären versucht. Sofort nahm der Assistent von Laritschani die Bedienung aus Dieters Händen und switchte auf ein Quiz-Show Programm. Da griff Dieter wieder die Bedienung und stellte auf den Mullah, und ließ seinem Konkurrenten keine Chance, Kontrolle über die Bedienung zu erlangen.

Als wir dann draußen waren, meinte der Assistent zu mir in einer leisen aber entschlossenen Stimme, es würde nicht das richtige Bild vom Laritschani abgeben, ihn mit einem Mullah auf dem Bildschirm im SPIEGEL darzustellen. Weshalb? fragte ich. Der Laritschani stehe für Fortschritt, erwiderte er. Ah, sagte ich, der Mullah ist dagegen zurückgeblieben? Richtig, sagte er, und fügte schnell hinzu, jedenfalls in den Köpfen vieler Iraner.

Aha...
Wir sollen ihn doch bitte nicht mit einem Mullah darstellen. Mir blieb nichts anderes übrig, als meine Mundwinkel nach unten zu senken, meine Augenbrauen zu heben, und ihm einen amüsierten Blick zu geben.

Die Absurdität der Situation setzte bei mir eine Reihe von verschiedenen Reaktionen in Gang. Da erinnerte ich mich an die Website von einem anderen erzkonservativen Kandidaten, dem Bürgermeister Teherans, Mahmoud Ahmadinedjad, der ein Kindheitsbild von sich selbst zwischen zwei Frauen und drei Männern darstellt. Er ist vielleicht vier Jahre alt und die Frauen hinter ihm sind ohne Kopfbedeckung, eng gereiht mit den Männern. Auch lustig.






Rafat Bayat: Ihre Gesinnung dürfte gefallen, aber ihr Geschlecht könnte ihre Zulassung verhindern
Nahid Siamdoust

Rafat Bayat: Ihre Gesinnung dürfte gefallen, aber ihr Geschlecht könnte ihre Zulassung verhindern

Teheran, 20.5.2005 Die erzkonservative Rafat Bayat hat zwar ihren Sitz im Parlament dem konservativen Siegeszug zu verdanken, glaubt aber im Gegensatz zum konservativen Wächterrat, dass Frauen für den Präsidentenposten kandidieren können sollten.

In der Geschichte der Islamischen Republik hat der Wächterrat noch keine Frau als Kandidatin für die Präsidentschaftswahlen zugelassen. Das Problem besteht in dem Wort "Rejal" im iranischen Grundgesetz, was der Interpretation des Wächterrats zufolge sich nur auf Männer bezieht. Andere, mitunter bekannte Ajatollahs, interpretieren das Wort aber als "Persönlichkeit".

Die 48-jährige Bayat meint, der Revolutionsvater Ajatollah Chomeini habe sie inspiriert, Präsidentin zu werden. Sie hat einige Zeit mit ihm verbracht, als er noch im französischen Exil lebte, und ist der Meinung, Chomeini hätte die Mitwirkung der Frauen in allen Bereichen und für alle Positionen unterstützt.

In einigen Tagen wird der Wächterrat entscheiden, ob Bayat kandidieren darf oder nicht. Als Präsidentin würde Bayat mehrere weibliche Minister in ihrem Kabinett platzieren und ihre Regierung würde ein System entwickeln, wonach Hausfrauen für ihre Arbeit bezahlt würden.






Teheran, 15.5.2005 Gestern war der letzte Tag, an dem sich Kandidaten für die Präsidentschaftswahlen registrieren konnten. 1010 Iraner registrierten sich, unter ihnen ganze 89 Frauen, um sich um den Posten des Präsidenten bewerben zu können. Die meisten von ihnen werden natürlich vom Sicherheitsrat nicht angenommen; die Frauen sowieso nicht. So gab es vor vier Jahren 814 Kandidaten und soweit ich mich erinnere wurden nur ein Dutzend von ihnen akzeptiert.

Iranischer Che: Der junge Mann bewirbt sich um den Posten des Staatspräsidenten
Nahid Siamdoust

Iranischer Che: Der junge Mann bewirbt sich um den Posten des Staatspräsidenten

Es war schon witzig zuzusehen, wie sich ein junger Mann im Che Guevara T-Shirt und Mütze, junge Studentinnen, schicke Hausfrauen, ein Mullah mit einem 20-Meter langen Turban, der eher wie ein Autoreifen auf seinem Kopf aussah, und sogar ein Typ mit dem Schild "Diener der Iranischen Nation" um seinen Hals auf die Kandidatenliste setzen ließen.

Der Kandidat, der das größte Aufsehen erweckt hat, war natürlich der frühere Präsident Irans, Ali Akbar Haschemi Rafsantschani.

Er hatte sich bis zur letzten Minute nicht entschieden, aber dann veröffentlichte er letzten Dienstag ein Manifest, in dem er versprach, Extremismus im Inneren zu zügeln, internationales Vertrauen zu erwecken, für Gleichberechtigung der Geschlechter zu sorgen, und Irans Wirtschaft anzukurbeln.

...wie auch dieser Kandidaten-Kandidat: "Diener der iranischen Nation"
MEHR NEWS AGENCY

...wie auch dieser Kandidaten-Kandidat: "Diener der iranischen Nation"

Die Reformistenbewegung ließ den alten Rafsantschani als Konservativen erscheinen. Nun aber, wo die Leute von den Reformisten enttäuscht und unter den Kandidaten einige vom rechten Lager zu sehen sind, gilt der "Kommandeur der Konstruktion", wie er von seinen Unterstützern genannt wird, nun sogar als Reformer.

Und auch nicht zu Unrecht, denn Rafsantschani ist in seinen wirtschaftlichen und auch sozialen Neigungen progressiv, jedenfalls verglichen mit den meisten anderen Kandidaten, ob konservativ oder reformistisch. Rafsantschani ist eine sehr kontroverse Persönlichkeit im Iran. Ich habe in den letzten Wochen viele Gespräche über ihn mit den verschiedensten Leuten geführt, die ich versuchen werde, im nächsten Blog zusammenzufassen.






Teheran, 12.5.2005 - Gestern schummelte ich mich auf das Gelände der Amir Kabir Universität in Teheran, wo man normalerweise nur mit einem Studentenausweis reinkommt. Ich hatte kurz davor mit einem Studentenführer telefoniert, der mir erzählte, die Tahkime Wahdat, Irans größte reformistische Studentengruppe, veranstalte dort einen Sit-in, um gegen die Inhaftierung politischer Gefangener zu protestieren.

Ich sprach mit den Studentenführern darüber, ob sie denn bei den Präsidentschaftswahlen abstimmen werden. "Natürlich nicht!" sagte der Leiter der Tahkime Wahdat, Abdollah Momeni, denn "die letzten acht Jahre haben uns gezeigt, dass wir auch mit Wahlen nichts erreichen können. Die Verfassung müsste geändert werden. Solange ernannte Gremien des Staates mehr Macht haben als die gewählten Institutionen, kann das mit der Demokratie nichts werden."

Heute führte ich dann ein Gespräch mit einem bekannten Akademiker und Analytiker in Sachen Iran, Dr. Mahmood Sariolghalam. Der Mann ist ein Realist in Sachen Politik. Er meint, die Utopie, dass Theokratie und Demokratie zusammen existieren könnten, werde bald zu Ende sein. "Demokratie bedeutet, alles steht zur Debatte. Theokratie bedeutet, einige Grundsätze sind vorbestimmt. Es kann nicht beides sein."






Teheran, 9.5.2005 - Vorgestern war ich bei der Galerie-Eröffnung einer Freundin, die Frauen in bunten Tschadors (Ganzkörperverhüllung) fotografiert hat. Die Konstellationen waren entworfen, das heißt es waren nicht irgendwelche Frauen in ihren natürlichen Umständen, sondern Models die die ausgewählten Tschadors des Künstlers in Landschaften (vor allem in der Wüste) trugen.

Das ganze sollte ein positives Bild des Tschadors geben, denn wie die Künstlerin Haleh Anvari meint, viele Iraner verbinden mit schönen, bunten Tschadors ein warmes Gefühl, Erinnerungen an Großmütter die gerade im offenen Hof beim Kochen sind, oder im Garten Rosen scheren, oder kurz zum Einkauf raus rennen und einfach den bunten Tschador überziehen.

Iran: Image-Produkt Tschador
Newsha Tavakolian

Iran: Image-Produkt Tschador

Das ganze sollte entgegen des Konzepts der international berühmten iranischen Künstlerin Shirin Neshat wirken, die den Tschador als schwarz und unterdrückend darstellt. Alle Titel und auch Prospekte waren auf Englisch, denn die meisten Besucher waren entweder von der iranischen Elite oder Ausländer. Das Wort Ausländer hat im Iran übrigens eine positive Konnotation, keine negative, wie in Deutschland.






Teheran, 8.5.2005 - "Weblognewisan", das persische Wort für Weblogger, ist in Iran mittlerweile ein allgemein bekannter Begriff. Dieses virtuelle Terrain, wo sich Iraner frei von Staatskontrolle - und, bis vor kurzem - frei von Staatsgewalt ausdrücken konnten, bietet eine Sphäre für völlige Meinungsfreiheit und revolutioniert somit die Kommunikationskultur unter den Iranern.

So diskutieren Frauen, ob nun der Islam eine sexistische Religion sei, Studenten debattieren, ob sie an den kommenden Präsidentschaftswahlen im Juni teilnehmen sollten oder sie ganz boykottieren sollten, und andere quatschen lässig über Musik, Drogen, Klamotten, Porno, und alles, was sich so eben als Thema bietet.

Doch diese unbesorgte Haltung der Weblogger erlitt einen Faustschlag, als im Dezember letzten Jahres mehr als zwanzig junge Menschen die irgendwie im Weblogistan - so wird die iranische Weblogging-Szene genannt - tätig waren, verhaftet wurden. Der 30-jährige Omid Memarian, ein professioneller Journalist und NGO-Aktivist, musste 54 Tage in Einzelhaft verbringen und wurde in täglichen Vernehmungen über seine Auslandsreisen und journalistischen Aktivitäten im Inneren befragt. Ihm wurden vom Teheraner Staatsanwalt Said Mortazavi, der auch für die Verhaftung der kanadischen Photojournalistin Zahra Kazemi verantwortlich war, unter anderem Unruhestiftung und Gefährdung der nationalen Sicherheit vorgeworfen.

Eine Woche nach seiner Freilassung erschien er sogar mit drei anderen Webloggern im Staatsfernsehen und bat um Verzeihung für seine Taten. Später berichteten die vier Weblogger, das Fernsehinterview sei unter Druck zustande gekommen und widerriefen ihre Aussagen. In einem Interview letzte Woche in einem Teheraner Café erzählte Memarian über einer Tasse heiße Schokolade, dass er seine Erfahrung verarbeitet, indem er über sie in seinem Weblog in Form von Alpträumen schreibt. Somit hofft er, auch nicht wieder in den Knast zu geraten. Er schreibt zum Beispiel, er habe geträumt, man schlage seinen Kopf solange gegen die Wand, bis er sich selbst verliert.

Der junge Journalist meint, er habe in seinem Weblog nichts wirklich Regime-gefährdendes geschrieben. Seine Verhaftung und die anderer solle dazu dienen, das freie Weblogistan und seine Bewohner einzuschüchtern. Außerdem hätten die Vernehmungsbeamten versucht, von den Verhafteten Information darüber zu bekommen, wie man die Blogosphäre kontrollieren und einschränken könne. "Ich habe denen gesagt, sie sollen es vergessen. Sie könnten

Weblogistan nicht kontrollieren", sagt Memarian.

Wie vielleicht nirgendwo anders ist Weblogging in Iran ein kulturelles Phänomen ohne Präzedenz. Dem Leiter der Allameh-Tabatabai-Universität für Kommunikationswissenschaften, Dr. Mohammad-Mehdi Forghani, zufolge, gibt es etwa 100.000 aktive iranische Blogs. Curt Hopkins vom Committee To Protect Bloggers behauptet, Persisch sei die dritt- meist benutzte Sprache in Blogs nach Englisch und Französisch. Reporter Ohne Grenzen gibt Iran in seinem diesjährigen "Freedom Blog Award"-Wettbewerb, bei dem Blogger für ihre Verteidigung von Meinungsfreiheit Anerkennung bekommen, eine eigene Kategorie unter fünf anderen: Amerika, Europa, Asien, Afrika und Mittlerer Osten, und International.

Memarian hatte Recht mit seinem Rat an den Verhörer. Seit den Verhaftungen ist weder die Zahl noch die Aktivität der Blogger zurückgegangen. Seitdem sind sogar Dutzende von Blogs wie Pilze aus dem Boden geschossen, die den Bloggern Hinweise geben, wie man mit hundertprozentiger Garantie anonym bleiben kann, wie man sämtliche Regierungsfilter, die es einem im Iran verbieten, bestimmte Websites zu laden, umgehen kann, und was die neuen Adressen für jüngst blockierte

Blogs sind.

"Weblogs kosten nichts und sind schnell gemacht", sagt ein Weblogger dessen Site www.tireakhar.blogspot.com einen Index für iranische Blogs bietet, und fügt hinzu, "Weblogs sind einfach eine Waffe die auch die Islamische Republik nicht schlagen kann."

Etwa 70 Prozent der iranischen Bevölkerung ist unter 30 Jahre alt, und ein großer Anteil von ihnen ist gebildet. Dem CIA World Factbook zufolge hat der Iran eine der höchsten Internetbenutzerraten per Kapita in der Region. Auch für die Jugendlichen ohne Computer zu Hause ist der Zugang zum Internet einfach, denn in jeder, auch der kleinsten Stadt gibt es mindestens ein Internet Café, das hierzulande "Coffeenet" genannt wird.

In der politischen Szene spielen Cyberjournalismus und Weblogs auch eine immer größere Rolle. Mohammad Ali Abtahi, der vormalige Vize-Präsident von Mohammad Khatami, war Ende 2003 einer der ersten Politiker, der seinen eigenen Weblog gründete. Auf Webneveshtha, Persisch für "Web-Geschriebenes", steht mit seiner Unterschrift, "Lasst mich hier ich selbst sein!". Hier gibt Abtahi Einblicke in die Iranische Regierung, begleitet von Fotos, die er mit seinem Handy knipst. In diesem Weblog erfuhren Iraner Einzelheiten über die Behandlung der Weblogger, denn Abtahi war in einer Untersuchungskommission der Weblogger dabei, die vom Präsidenten Chatami einberufen wurde. In der Kommission machten die befreiten Weblogger Aussagen über ihre Behandlung. Abtahi, als einziger Insider, veröffentlichte die Inhalte der Kommission in seinem Weblog. "Das meinen wir, wenn wir von einer Kommunikationsrevolution reden," sagt ein anderer Weblogger, der lieber anonym bleiben möchte. "Hätte Abtahi keinen Weblog, hätte die Öffentlichkeit nie erfahren, was die mit uns im Knast gemacht haben."

Nun, da die Präsidentschaftswahlen im Juni hervorstehen, spielen Websites und Weblogs eine immer größere Rolle. Die meisten Kandidaten haben Websites, oft mit einem persönlichen Touch, der junge Wähler beeindrucken soll. Anstatt strenge revolutionäre Portraits sieht man lächelnde Gesichter der alten Garde. Doch dass das allein nicht reicht, bekam einer der Kandidaten zu spüren: Mohammad-Baqer Qalibaf, der von seinem Posten als Polizeichef zurücktrat, um für die Wahlen anzutreten. Bei seinem Treffen am Montag mit Studenten der Universität von Teheran musste er harsche Fragen in Sachen Umgang mit den Webloggern beantworten. Einer der befreiten Weblogger, Hanif Mazroui, war sogar im Saal und erwiderte auf Ghalibafs Aussage, dass man milde mit den Webloggern umgegangen sei, ob es denn mild sei, unter schwerem physischen und seelischen Druck zu Aussagen über illegitime sexuelle Beziehungen gezwungen zu werden.

Während Mazrouis Foto am nächsten Tag auf der Titelseite der Reformistenzeitung "Eghbal" zu sehen war, moderierte sein Vater, der ehemalige Parlamentarier Rajab-Ali Mazroui, die Sitzung der Journalistenassoziation zu Ehren des Weltpressefreiheitstages. In einem schlecht besuchten Event berichtete Mazroui, 2004 sei das schlimmste Jahr bisher für iranische Journalisten gewesen.

Trotzdem bleiben die Weblogger Irans aktiv, und in einer ironischen Wendung merkt der Staat jetzt sogar, dass er sie gebrauchen kann. Traditionell wird hohe Wählerpartizipation als eine Legitimierung des Staates angesehen, und das braucht die Islamische Republik mehr als je zuvor. "Jetzt verstehen sie wie wichtig die Weblogger sind, und dass sie ernst zu nehmen sind," sagt Abtahi, "denn ob sie in ihren Blogs die Wahlen boykottieren oder für reformistische Kandidaten werben, sie regen die Leute zur Teilnahme an der Debatte an."






Teheran, 5.5. 2005 - Ich kann Stunden im Jam-e Jam verbringen, nur um zu beobachten. Man muss es sich so vorstellen: ein MTV-Set, die Klamotten und das Make-Up sind der letzte Schrei, bloß nicht in der New-York-Version, sondern in der der Islamischen Republik, also mit Mänteln und Kopftüchern, obwohl auch die so knapp sind, dass man die eigentlich ignorieren kann.

Als ich heute auf eine Freundin vor dem Foodcourt wartete, wurde ich Zeugin, wie ein Wächter ein Mädchen wegen der Kürze ihrer Hosenbeine nicht reinlassen wollte. Ich konnte es nicht glauben, denn ihre Hose war eigentlich ganz lang und man konnte gar keine Haut sehen. Ich dachte mir schon, das hat weniger mit den Regeln zu tun als damit, dass ein junger Mann, der Aufseher, aus ärmeren Verhältnissen seine Macht über ein schönes, wohlhabendes Mädchen ausüben wollte.

Jam-e Jam Foodcourt
Nahid Siamdoust

Jam-e Jam Foodcourt

Dann kam meine Freundin und erzählte mir, dass letzte Woche Basijis (Paramilitärs) ins Foodcourt reingestürmt sind und sämtliche Mädchen und Jungs zusammengeschlagen haben. Seitdem versuchen die Inhaber des Gebäudes, die jungen Leute auszusieben und lassen nur relativ gut-islamisch Gekleidete rein, damit sie nicht wieder in Schwierigkeiten geraten und den ganzen Laden dichtmachen müssen.

Meine Hosenbeine sind kürzer als die des abgewiesenen Mädels, aber mir will der Wärter nichts anhaben. Ich bin fast beleidigt! Oben im Foodcourt ist es tatsächlich ein bisschen langweiliger als sonst. Die richtig fesch gekleideten sind wohl nicht rein gekommen. Etwa eine Viertelstunde später sehe ich das Mädchen von vorher, und frage sie, was denn passiert sei und wie sie denn endlich rein gekommen sei. Ihre Freundin grinst und sagt, "nichts, der Jinni (böser Geist) ist endlich aus seinem System raus und er wurde nett!"

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