Faszination Makrofotografie Große Bilder von kleinen Welten

In der Nah- und Makrofotografie entdecken wir Dinge, die dem bloßen Auge sonst verborgen bleiben. Dieser Workshop aus dem Fachmagazin "c't Digitale Fotografie" hilft dabei, solche Mikrokosmen fotografisch zu erkunden.

Von Cyrill Harnischmacher

Nahaufnahme eines Schmetterlings: Die Schönheit der kleinen Dinge
lowbudgetshooting.de

Nahaufnahme eines Schmetterlings: Die Schönheit der kleinen Dinge


Warum fotografiert man kleine Dinge? Die Intention, sich für die Makrofotografie zu interessieren, ist bei Fotografen verschieden. Das kann vom "einfach nur schöne Bilder machen" über wissenschaftliches Interesse bis hin zur künstlerischen Fotografie gehen. Allen Ansätzen gemeinsam ist unsere Neugier nach dem Unbekannten, das Bedürfnis über Grenzen hinauszugehen und noch nie zuvor Gesehenes abzubilden. Ganz deutlich zeigt sich das auch in anderen fotografischen Bereichen, in denen eine gewisse technische Ausrüstung notwendig ist, wie etwa in der Astrofotografie, bei Langzeitbelichtungen oder in der Infrarotfotografie.

Aus fotografischer Sicht besonders faszinierend ist dabei die Formensprache der Natur. Das ist einer der Gründe, warum ich mich mit der Kamera auf die Reise in den Mikrokosmos begebe. Immer wieder begegnen einem Gestaltungselemente, Symmetrien, Spiralformen, sich in die Unendlichkeit wiederholende Strukturen und so weiter. Auch wenn die Natur als Designer nie nur um der Schönheit selbst Willen gestaltet und alles seinen Sinn und Zweck erfüllen muss, sind die Ergebnisse doch von atemberaubender Ästhetik und eine hervorragende Inspirationsquelle.

Wissenschaftliche Neugier

Ein weiterer Ansatz ist die wissenschaftliche Neugier. Die Entdeckungen, die durch die Erforschung des Mikrokosmos entstanden, haben sogar einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf unser Leben gehabt und haben es noch. Ohne die Möglichkeiten, die Mikroskope und die Makrofotografie bieten, wären viele Dinge, die uns heute im Großen faszinieren, nicht entstanden. Denn für viele architektonische und technische Meisterleistungen stand die Natur Pate.

Farnwedel: 90 mm | ISO 200 | f/5.6 | 1/90 s | Tageslicht
lowbudgetshooting.de

Farnwedel: 90 mm | ISO 200 | f/5.6 | 1/90 s | Tageslicht

Ein Wissenschaftszweig, der sich ganz der Erforschung der "Techniken", die die Natur anwendet, verschrieben hat, ist die Bionik. Hier werden Werkstoffe entwickelt, die Materialien aus der Natur als Vorbild nehmen. So hat beispielsweise Spinnenseide eine Zugfestigkeit, die modernste Hightech-Materialien bei Weitem übertrifft. Schneckenhäuser und Bienenwaben zeigen, wie man mit minimalem Materialeinsatz einen möglichst großen Raum umbauen kann. In den Strukturen von Blättern sieht man, wie sich alle Bereiche des Blattes in erstaunlich ökonomischer Weise mit Nährstoffen versorgen lassen, und die Oberfläche der Haut von Haien dient als Lehrstück, wie man Oberflächen von Schiffsrümpfen optimieren kann, um dem Wasser so wenig Widerstand entgegenzusetzen wie möglich.

Flügel einer Stubenfliege: 90 mm | ISO 100 | f/22 | 1/200 s | Systemblitzgerät mit Softbox
lowbudgetshooting.de

Flügel einer Stubenfliege: 90 mm | ISO 100 | f/22 | 1/200 s | Systemblitzgerät mit Softbox

Auch viele Dinge des täglichen Lebens enthalten "Biotechnologie", ohne dass wir uns dessen bewusst sind. Etwa der Klettverschluss, der Lotuseffekt für sich selbst reinigende Oberflächen, Dachkonstruktionen moderner Industriebauten, Flugzeugtragflächen, ja sogar die Entwicklung von Datennetzwerken und natürlich die Linsen eines Objektives haben ihre Vorbilder in der Natur.

  Arm eines Tintenfischs: 50 mm | ISO 200 | f/9.5 | 1/6    0 s | Systemblitzgerät mit Softbox
lowbudgetshooting.de

Arm eines Tintenfischs: 50 mm | ISO 200 | f/9.5 | 1/6

0 s | Systemblitzgerät mit Softbox

Das richtige Werkzeug nutzen

Die Wahl der richtigen Kamera hat einen großen Einfluss auf das Ergebnis der Aufnahme. Einfache Makrofotografie ist heutzutage mit vielen Kameras möglich. Fast jede Kompaktkamera bietet einen Makromodus, so dass sich auch für den Einsteiger die Welt im Nahbereich erschließen kann. Sogar viele Smartphones ermöglichen es mittlerweile mit einer kleinen Vorsatzlinse, einigermaßen dicht an das Motiv heranzugehen. Die Ergebnisse reichen aus, um kleine Dinge wie etwa Pilze, Blumen oder größere Insekten zu fotografieren, der geringe Aufnahmeabstand lässt aber oft eine bewusste Lichtführung nicht zu.

Mehr Zoom

Auch bei Bridge-Kameras gibt es meistens eine Makroeinstellung, mit der sich auch eine Gartenspinne formatfüllend abbilden lässt. Verfügt die Kamera über ein Filtergewinde, lassen sich auch Nahlinsen oder Objektive in Retrostellung mit Hilfe eines Adapters einsetzen und so ein Abbildungsmaßstab bis 1:1 oder mehr erreichen. Allerdings ist dann der Abstand zum Motiv sehr gering, so dass man bei den meisten Insekten die Fluchtdistanz deutlich unterschreitet.

Kompaktkameras eignen sich gut für Nahfotografiebilder wie dieses. Für die Makrofotografie sind sie eher weniger geeignet.
lowbudgetshooting.de

Kompaktkameras eignen sich gut für Nahfotografiebilder wie dieses. Für die Makrofotografie sind sie eher weniger geeignet.

Ein großer Vorteil von Bridgekameras ist aber der bei neueren Modellen meistens integrierte Bildstabilisator sowie ein dreh- und schwenkbares Display. Bietet die Kamera die Möglichkeit, manuell über einen Fokusring am Objektiv scharfzustellen, können auch Motive, bei denen es auf einen exakten Schärfepunkt ankommt, sicher scharfgestellt werden.

Spiegellose Systemkameras bieten wie Spiegelreflexkameras die Möglichkeit, verschiedene Objektive einzusetzen. Mittlerweile sind für die meisten Modelle auch Makroobjektive erhältlich. Da ihnen jedoch ein optischer Sucher fehlt, ist man auf den digitalen Sucher oder auf die Bildkontrolle über das Kameradisplay angewiesen.

Mit Hilfe einer hochwertigen Nahlinse, hier eine mit +12 Dioptrien, lässt sich auch mit Bridgekameras ein Abbildungsmaßstab von etwa 1:1 realisieren. ISO 100 | f/9.0 | 1/6400 s
lowbudgetshooting.de

Mit Hilfe einer hochwertigen Nahlinse, hier eine mit +12 Dioptrien, lässt sich auch mit Bridgekameras ein Abbildungsmaßstab von etwa 1:1 realisieren. ISO 100 | f/9.0 | 1/6400 s

Die größte Auswahl an Objektiven und Zubehör für die Makrofotografie findet sich bei den Spiegelreflexkameras. Kein anderes System bietet so viele individuelle Lösungen, angefangen von Makroobjektiven mit den unterschiedlichsten Brennweiten über Zwischenringe, Telekonverter, Balgengeräte oder Umkehrringe bis zu speziellen Lupenobjektiven, die ohne Zubehör einen Abbildungsmaßstab von 5:1 zulassen. Aufgrund der großen Sensoren sind auch Aufnahmen bei nicht ganz optimalen Lichtverhältnissen mit hohen ISO-Werten möglich, so dass man oft auch auf ein Blitzgerät verzichten kann.

Mit Licht und Farben gestalten

In der freien Natur findet man die unterschiedlichsten Lichtbedingungen vor, die von vielen Fotografen als gegeben hingenommen werden. Das führt manchmal zu Aufnahmen, die zwar technisch gut sind, denen aber das gewisse Etwas fehlt. Hier lohnt es sich, ein wenig mehr Augenmerk auf die Gestaltung zu legen und auch einmal einen ungewöhnlichen Bildaufbau zu wagen, mit Farben zu spielen oder den Aufnahmestandpunkt zu verändern.

In den meisten Fällen lässt sich durch den Einsatz einfacher Mittel eine vorhandene Lichtstimmung deutlich zum Positiven hin verändern, etwa um eine Aufnahme kontrastreicher zu gestalten oder harte Schatten abzumildern. Einen kleineren Reflektor sollte man daher immer griffbereit haben. In einigen Aufnahmesituationen kommt man aber nicht umhin, eine zusätzliche Lichtquelle zu verwenden - sei es, um mehr Schärfentiefe durch Abblenden zu erreichen, Bewegungen einzufrieren, Akzente zu setzen oder eine spezielle Beleuchtungssituation zu verwirklichen.

Um die Blüten noch im Abendlicht fotografieren zu können, wurde die Blende so weit es ging geöffnet und der ISO-Wert auf 1600 eingestellt. Eine Taschenlampe, im Abstand von etwa einem Meter hinter das Motiv gehalten, trennt die Blüten vom eintönig graubraunen Hintergrund. 150 mm | ISO 1600 | f/3.2 | 1/1000 s
lowbudgetshooting.de

Um die Blüten noch im Abendlicht fotografieren zu können, wurde die Blende so weit es ging geöffnet und der ISO-Wert auf 1600 eingestellt. Eine Taschenlampe, im Abstand von etwa einem Meter hinter das Motiv gehalten, trennt die Blüten vom eintönig graubraunen Hintergrund. 150 mm | ISO 1600 | f/3.2 | 1/1000 s

Die klassische Zusatzbeleuchtung ist das Blitzgerät. Es hat eine Menge Vorteile, aber auch ein paar Nachteile, denn durch die große Helligkeit und die kurze Abbrenndauer wird die Aufnahme oft sehr vom Blitzlicht dominiert. Umgebungslicht hat dann kaum noch Einfluss auf die Aufnahme. Der Hintergrund wird sehr dunkel, die Lichtstimmung ist dahin.

Direktes Blitzlicht erzeugt als punktförmige Lichtquelle, genau wie direktes Sonnenlicht, harte Schatten und macht das Motiv unruhig. Wesentlich weicheres Licht erhält man beispielsweise durch den Einsatz einer Softbox.

Da die Motive in der Makrofotografie nicht sehr groß sind, reicht schon eine kleine Version, die einfach auf den Systemblitz aufgesteckt wird, um ein Motiv deutlich flächiger auszuleuchten. Mehr gestalterischen Spielraum erreicht man mit einem entfesselten Blitzgerät, also mit einem Blitzgerät, das per Kabel abseits der Kamera gehalten werden kann.

Durch die offene Blende wird der Hintergrund in eine mit weichen Farbnuancen versehene Fläche verwandelt. Die Reduzierung auf die Gelb-/Grüntöne unterstützt die sehr weiche Stimmung. 180 mm | ISO 1000 | f/7.0 | 1/1000 s
lowbudgetshooting.de

Durch die offene Blende wird der Hintergrund in eine mit weichen Farbnuancen versehene Fläche verwandelt. Die Reduzierung auf die Gelb-/Grüntöne unterstützt die sehr weiche Stimmung. 180 mm | ISO 1000 | f/7.0 | 1/1000 s

Ähnlich verhält es sich mit Dauerlicht - zum Beispiel mit den immer beliebter werdenden LED-Leuchten. Sie eignen sich sehr gut, vorhandenes Tageslicht punktuell aufzuhellen und so Lichtakzente zu setzen. Deutlich kürzere Belichtungszeiten darf man aber nicht von ihnen erwarten. Es kommt also nicht nur darauf an, welche Lichtquelle man einsetzt, sondern auch darauf, wie und in welchem Zusammenhang man sie nutzt. Technische Hilfsmittel, sei es Blitzlicht, Dauerlicht oder Reflektoren, sollte man immer so auswählen und einsetzen, dass sie die Aufnahme bestmöglich unterstützen.

Durch den gezielten Einsatz von Farbkontrasten lassen sich zudem einzelne Bildelemente besonders hervorheben. Aber es muss nicht immer gleich knallbunt sein. Auch reduzierte Farbgebung hat einen ganz besonderen Reiz. Dabei ist hier allerdings nicht die Reduzierung der Sättigung gemeint, sondern eine Beschränkung auf nur eine, im ganzen Bild dominierende Farbe. Die Sättigung darf dabei durchaus sehr hoch sein. Ähnlich wie in der Schwarz-Weiß- Fotografie kommt es hier sehr auf formale Aspekte an. Bildaufbau und Linienführung sind besonders wichtig. Eine offene Blende kann auch hier für weiche, ineinanderfließende Farbschattierungen sorgen. Farbreduzierte Bilder eignen sich besonders dazu, Stimmungen zu transportieren und zu intensivieren.

Motive finden

In der Regel verbindet man mit dem Begriff der Makrofotografie Aufnahmen von Pflanzen, Insekten, vielleicht auch ein bisschen Technik - alles Dinge, die wir in ihrer natürlichen Größe kennen und mithilfe der Fotografie vergrößert abbilden. Aber es gibt auch eine Welt des Abstrakten, die in den alltäglichen Dingen steckt - zum Teil mit einer erstaunlichen Vielschichtigkeit. Motive für die Makrofotografie gibt es überall. Manche lassen sich einfach entdecken, manche muss man suchen, einige sind von der Jahreszeit abhängig, einige von der Tageszeit. Doch im Prinzip gibt es wohl keine andere fotografische Disziplin, bei der man so mit Material versorgt wird.

Motive entdecken

Will man einfach nur die Welt im kleinen erforschen und fotografisch festhalten, reicht es mit offenen Augen durchs Leben zu gehen. Mit der Zeit entwickelt man ein Gespür dafür, an welchen Stellen man suchen muss, welchen Stein man umdrehen und über welchen Zaum man klettern muss um an die interessanten Motive zu kommen. Vielversprechende Locations kündigen sich oft im großen, sichtbaren Bereich an. Blüht eine Blumenwiese und scheint zudem die Sonne, kann man natürlich nicht nur mit ansprechenden Blumenmotiven sondern auch mit intensivem Insektenflugverkehr rechnen. Ähnliches gilt für Orte, an denen der Zahn der Zeit genagt hat.

Rost findet sich überall. Zeigt eine Location schon im Großen fotogene Verfallserscheinungen, setzt sich das auch im Nah- und Makrobereich fort. 12,2 mm | ISO 100 | f/4.1 | 1/100 s
lowbudgetshooting.de

Rost findet sich überall. Zeigt eine Location schon im Großen fotogene Verfallserscheinungen, setzt sich das auch im Nah- und Makrobereich fort. 12,2 mm | ISO 100 | f/4.1 | 1/100 s

Zeigen sich im Großen Verfallserscheinungen, kann man auch im Kleinen damit rechnen. Verlassene Bahngelände, Schrottplätze und Industriebrachen bieten eine Fülle von Motiven in allen Stadien des Zerfalls. Mit etwas Glück erobert sich die Natur gerade etwas Terrain zurück und man findet reizvolle Kontraste von abblätterndem Anstrichen, rostigen Oberflächen und soeben aufkeimenden Pflanzen. Löwenzahn, der sich durch die Asphaltdecke drängt, Pilze, die einen alten Balken zersetzen und, und, und … Wer sich also nicht auf ein Thema spezialisiert, der muss sich keine Sorgen machen, dass ihm die Motive jemals ausgehen.

Motive suchen

Etwas schwieriger wird es, wenn man sich auf bestimmte Motive spezialisiert. Das gilt besonders dann, wenn Tiere und Pflanzen zu den bevorzugten Motiven gehören. Hier ist etwas mehr Wissen über die Flora und Fauna notwendig, damit man zur richtigen Zeit am richtigen Ort die Kamera dabei hat. Je nach Interessengebiet können die passenden Bestimmungsbücher Auskunft geben, was wann blüht, fliegt oder sich paart. So kommt man nicht nur durch Zufall an das richtige Motiv, sondern kann die Aufnahmen planen, das richtige Objektiv oder Lichtequipment auswählen und dadurch auch etwas Platz und Gewicht im Fotorucksack sparen.

Dieses Bild entstand in einem Park in meiner Heimatstadt. Hier wurde ein Gelände für Sprayer eingerichtet, auf dem man auf großen, senkrecht aufgestellten Betontafeln ständig neue Arbeiten entdecken kann. In Originalgröße sind sie allein schon sehr spannend, geht man ins Detail, entdeckt man eine unglaubliche Fülle an Formen und Farben, die durch das ständige Übermalen beziehungsweise Übersprühen entstanden sind. 50 mm | ISO 200 | f/8.0 | 1/250 s
lowbudgetshooting.de

Dieses Bild entstand in einem Park in meiner Heimatstadt. Hier wurde ein Gelände für Sprayer eingerichtet, auf dem man auf großen, senkrecht aufgestellten Betontafeln ständig neue Arbeiten entdecken kann. In Originalgröße sind sie allein schon sehr spannend, geht man ins Detail, entdeckt man eine unglaubliche Fülle an Formen und Farben, die durch das ständige Übermalen beziehungsweise Übersprühen entstanden sind. 50 mm | ISO 200 | f/8.0 | 1/250 s

Motive sammeln

Eine interessante Möglichkeit ist auch das Sammeln von Material mit dem Ziel, die Fundstücke später im heimischen Studio nach den eigenen Vorstellungen in Szene zu setzen. Das hat den großen Vorteil, dass man mit dem Motiv unter kontrollierbaren Bedingungen, also mit reproduzierbarem Licht in ausreichender Menge und Qualität und ohne störende Umwelteinflüsse, arbeiten kann. Allerdings sollte man die Fundstücke möglichst staubfrei aufbewahren, damit man bei den späteren Aufnahmen nicht mehr mit dem Putzen als mit dem Fotografieren beschäftigt ist. Das gezielte Sammeln von Hintergründen und Dekoration kann später im Studio eine große Hilfe sein, wenn man auf einen umfangreichen Fundus an Steinen, trockenen Gräsern, verwittertem Holz und anderen interessant geformten Gegenständen immer wieder zurückgreifen kann.

Motive schaffen

Lässt sich das richtige Motiv nicht finden, gibt es die Möglichkeit, das Gewünschte auch selber zu gestalten. Das kann zum Beispiel der Schimmelpilz auf einem Joghurt oder Ähnlichem sein, den man (vielleicht nicht gerade in der Wohnung) über mehrere Tage hinweg kultiviert, oder Eiswürfel in einer bestimmten Form. Auch im Garten lassen sich gezielt Makromotive erschaffen. Eine Tüte Wildblumensamen ergibt ein ganzes Beet voller interessanter Motive und lockt nebenbei auch noch viele neugierige Insekten an. Wer keinen eigenen Garten besitzt, kann natürlich auch einen Blumenkasten auf dem Balkon oder Fensterbrett nutzen. Die Pflanzen bieten in jedem Wachstumsstadium eine Vielzahl von fotogenen Details.

Locations finden

Ein Nachmittag mit Kamera und Makroobjektiv auf einer blühenden Sommerwiese in der freien Natur ist für Makrofotografen das Paradies auf Erden. Auf überschaubarer Fläche lässt sich eine unglaubliche Vielzahl an Motiven entdecken. Wichtig: Beschränken Sie sich auf einen kleinen Ausschnitt mit fotogenen Blüten und warten Sie auf die Gäste - das ist wesentlich erfolgversprechender, als den Insekten hinterherzulaufen und sie dadurch doch nur zu vertreiben.

Durch die offene Blende wird der weit entfernte Hintergrund zu einer Ansammlung von weichen Farbflächen, allerdings mit dem Nachteil, dass auch die Flügel spitzen nicht mehr ganz scharf sind. 180 mm | ISO 3200 | f/5.6 | 1/400 s
lowbudgetshooting.de

Durch die offene Blende wird der weit entfernte Hintergrund zu einer Ansammlung von weichen Farbflächen, allerdings mit dem Nachteil, dass auch die Flügel spitzen nicht mehr ganz scharf sind. 180 mm | ISO 3200 | f/5.6 | 1/400 s

Eine andere, lohnenswerte Location ist der Zoo. Hier ist die größte Einschränkung: Man kann nicht um das Motiv herumgehen und den besten Kamerastandpunkt auswählen, sondern bleibt in der Regel auf einen relativ kleinen Bereich beschränkt. Das macht es nicht immer einfach, die Tiere von ihrer besten Seite zu fotografieren. Auch in botanischen Gärten gibt es ähnliche Schwierigkeiten, denn hier wird es verständlicherweise nicht gerne gesehen, wenn man das Stativ mitten im Beet aufstellt. Um trotzdem nah genug an das Motiv heranzukommen, sollte man auf jeden Fall ein Telemakro mitnehmen. Brennweiten von 150 mm bis 300 mm sind dabei ideal.

Aquarien und Terrarien

Eine besondere Attraktion in zoologischen Gärten sind Aquarien und Terrarien. Allerdings sind hier manchmal die Glasscheiben sehr dick, da sie neben dem enormen Wasserdruck bei größeren Aquarien auch für Belastungen aus dem Zuschauerraum ausgelegt sein müssen. Das hat zur Folge, dass die Bildqualität deutlich beeinträchtigt wird, denn das Licht muss nicht nur das Wasser vom Motiv zum Objektiv passieren, sondern wird auch durch das Glas leicht verzerrt. Auch ist die Oberfläche des Glases oft verschmutzt, auf der Innenseite durch feine Ablagerungen und auf der Besucherseite durch Fingerabdrücke oder leichte Kratzer im Glas. Das macht sich besonders dann bemerkbar, wenn man schräg durch die Scheiben fotografieren möchte. Es ist daher sinnvoll, immer den kürzesten Weg des Lichts zu bevorzugen. Konkret bedeutet das: Fotografiert man auf möglichst geradem Weg durch die Scheiben des Aquariums und wartet zudem, bis sich das Motiv in einem geringen Abstand zum Glas befindet, kann man mit einer wesentlich besseren Bildqualität rechnen.

Ein Thema, unzählige Möglichkeiten

Und dann gibt es natürlich immer wieder den Moment, in dem man sich denkt: "Mir fällt nichts mehr ein, ich hänge mein Hobby an den Nagel, ich habe sowieso schon alles fotografiert." Dieser Augenblick wird immer wiederkommen, machen Sie sich bloß keine Hoffnung. Es geht aber auch gar nicht darum, diese Motivationslücke zu vermeiden, sondern kreativ damit umzugehen.

Eine Methode der Ideenfindung, die manchmal unerwartete Ergebnisse bringt, ist, sich selber ein Thema zu setzen und dieses in unterschiedlichen Varianten umzusetzen. Das kann ein ganzer Themenbereich sein, wie etwa eine Serie über heimische Schmetterlinge von der Raupe über die bevorzugten Futterpflanzen und den Lebensraum bis hin zum fertigen Falter. Aber auch ein einzelner Begriff wie in diesen Bildbeispielen das Wort "Feder". Im ersten Moment verbindet man damit sicherlich das Bild einer Vogelfeder. Schon hier ist die Anzahl der möglichen Motive fast unerschöpflich. Geht man einen Schritt weiter, kommt man zur Feder eines Uhrwerks, zur Blattfeder eines Eisenbahnwaggons, zur Schreibfeder, zur Feder eines Kugelschreibers und so weiter. Alle diese Motive kann man zudem in den unterschiedlichsten Varianten umsetzen - als inszenierte Studioaufnahme, als sachliche, dokumentarische Aufnahme, als künstlerische Umsetzung und vieles mehr.

Studioaufnahme einer Uhrwerksfeder 60 mm | ISO 100 | f/25 | 1/160 s | Studioblitz mit Softbox von links, schmaler weißer Reflektor von rechts
lowbudgetshooting.de

Studioaufnahme einer Uhrwerksfeder 60 mm | ISO 100 | f/25 | 1/160 s | Studioblitz mit Softbox von links, schmaler weißer Reflektor von rechts

Es müssen aber nicht immer nur konkrete Dinge sein, die ein Thema bilden, auch abstrakte Begriffe wie "blau" oder "leicht" enthalten eine Vielzahl möglicher Motivideen. Zeitliche Abläufe wie das Werden und Vergehen der Natur kann man in interessanten Bilderserien umsetzen. Ein Beispiel wäre etwa Blumen vom Samen über die verschiedenen Wachstumsstadien, die Blüte, die Bestäubung, die Bildung der Früchte bis hin zur verwelkten Pflanze zu fotografieren. Ebenso kann ein schrittweises Vordringen von der Gesamtaufnahme einer Wiese zu einzelnen Pflanzen, Pflanzendetails bis hin in den extremen Makrobereich eine spannende fotografische Aufgabe sein. Systematisches Vorgehen kann also helfen, eine Motivationskrise zu überbrücken. Durch die intensive Auseinandersetzung mit einer vermeintlichen Beschränkung entstehen Ideen, auf die man sonst nicht gekommen wäre und die sich auch auf andere Motive übertragen lassen.

Kamerastandpunkt kreativ einsetzen

Manchmal ist nur ein ganz kleiner Schritt notwendig, um von ein und demselben Motiv völlig unterschiedliche Aufnahmen zu machen, wie die auf dieser Seite abgebildete Ranke einer Clematis auf unserem heimischen Balkon zeigt. Alle drei Aufnahmen entstanden innerhalb von ein paar Minuten am frühen Abend im Herbst bei tiefstehender Sonne, also unter den annähernd gleichen Lichtverhältnissen. Die erste Aufnahme zeigt die Ranke in einem warmen Abendlicht. Da nur die Ranke von der Sonne beschienen ist und der Hintergrund im Schatten liegt, hebt sich die Pflanze sehr schön vom dunklen Hintergrund ab.

Clematisranke im Abendlicht mit der Sonne im Rücken des Fotografen: Die Pflanze hebt sich durch das Licht der tiefstehenden Sonne schön von dem im Schatten liegenden Hintergrund ab.
lowbudgetshooting.de

Clematisranke im Abendlicht mit der Sonne im Rücken des Fotografen: Die Pflanze hebt sich durch das Licht der tiefstehenden Sonne schön von dem im Schatten liegenden Hintergrund ab.

Eine ganz andere Aufnahme entsteht durch den Wechsel auf die andere Seite der Pflanze und in eine tiefer liegende Perspektive. Nun bildet der abendliche Himmel den Hintergrund. Damit die Pflanze nicht zur schwarzen Silhouette wird, muss man bei solchen Gegenlichtsituationen die Aufnahme deutlich überbelichten, um in den Blättern noch genügend Zeichnung zu erhalten. Dadurch wird der eigentlich blaue Himmel zur fast weißen Fläche und bietet dadurch genügend Kontrast zu Blättern und Stengeln.

Gegenlicht mit der dunklen Fassade des Nachbarhauses im Hintergrund: Durch den dunklen Hintergrund fangen die Farben an zu leuchten. Knospe und Stiel bekommen eine leuchtende Aura.
lowbudgetshooting.de

Gegenlicht mit der dunklen Fassade des Nachbarhauses im Hintergrund: Durch den dunklen Hintergrund fangen die Farben an zu leuchten. Knospe und Stiel bekommen eine leuchtende Aura.

Zurück auf Augenhöhe bietet sich ein völlig anderes Bild. Jetzt liegt die dunkle, schattige Fassade eines Nachbarhauses im Hintergrund. Bei dieser Aufnahme verlegte ich den Kamerastandpunkt etwas nach links, so dass der dunkle Hintergrund über das gesamte Bild zu sehen war und gleichzeitig die Ranke von möglichst viel Licht umflossen wurde. Das Ergebnis war eine Gegenlichtaufnahme, bei der die feinen Härchen der Knospe und des Stängels eine leuchtende Aura um die Pflanze bildeten.

Von unten gegen den Himmel fotografiert ergibt sich ein gemäßigtes Gegenlicht, das aber bereits die zarten Blätter durchleuchtet.
lowbudgetshooting.de

Von unten gegen den Himmel fotografiert ergibt sich ein gemäßigtes Gegenlicht, das aber bereits die zarten Blätter durchleuchtet.

Gefunden in

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 5 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
FairPlay 31.05.2014
1. Kleines unscheinbares
groß und sichtbar machen. Das ist mein Leitmotiv. Den meisten Menschen bleibt selbst das vielfältige Leben in einfachem Gras verborgen. Viele Menschen denken auch, nur große Tiere wie Elefanten z.B. haben Verhaltensweisen und kleine Tiere nicht. Falsch ! Selbst kleinste Tiere haben ein ausgeklügeltes Verhaltensystem. In der Diaprojektion werden Nah- und Makro Aufnahmen zu einer wahren Faszination. Das ist der Vorteil Analoger Fotografie die durch Digitale Fotografie NICHT zu bewerkstelligen ist.
multimusicman 31.05.2014
2. Schöne Fotos
und ein gelungener Artikel. Danke SPON. Forist Fair Play irrt aber: natürlich kann ich auch mit Digitaler Fotografie meine Bilder projektieren. Einfach einen hochwertigen Beamer an die Grafikkarte. Dann mit Cropkamera, aufgenommen, 60 mm und aufwärts Objektiv, natürlich mit Makrofunktion... und selbst aus der Hand gelingt vieles. Obwohl Stativ eigentlich Pflicht ist....aber viele Insekten bekommt man so nicht vor die Linse
inverts 31.05.2014
3. optional
FairPlay's Dia Vorzug hat was, denn Dias können mit 4000 dpi gescannt werden und man bekommt immer noch Infos raus. Projektoren sind aber mit etwa 1000x2000 Pixels etwa 4x weniger hochauflösend. Wenn Dias gut projiziert werden, dann kommt eine etwa 16x grösser Informationsdichte auf die Leinwand. Bei der Projektion liegt aber auch die Krux, denn Dias müssen dann flach gehalten werden (Krümmungsoptimierte Optik nimmt eine spezielle Krümmung an, welche sicherlich nicht immer genau eingehalten wird), und die Projektionsoptik muss auch gut sein. In der Praxis ist das Rennen gelaufen. Habe selber um die 40,000 Dias, habe diese aber seit etwa 10 Jahren nie mehr benutzt. Halte etwa 10 Vorträge pro Jahr, viel mit Makro, micro, z-stacking, und REM. Bei der Optik sieht man aber grosse Unterschiede. Habe kürzlich Canon 180 mm Macho (L-serie) und Zeiss 100 mm Makroplanar ZE verglichen. Canon hat deutliche lateral color (blau/gelb und rote Ränder an Kanten), während Zeiss keinste Farbränder aufweist, selbst bei 1600% Vergrösserung von 21 MP fullframe sensor. Deutsche Optik ist immer noch Spitze.
monoman 31.05.2014
4.
Ich fotografier immer die 2€-Sondermünzen ab, weil ich da mit blossem Auge nix mehr drauf erkennen kann. :-)
Oggi 01.06.2014
5. hm...
Zitat von sysoplowbudgetshooting.deIn der Nah- und Makrofotografie entdecken wir Dinge, die dem bloßen Auge sonst verborgen bleiben. Dieser Workshop aus dem Fachmagazin "c't Digitale Fotografie" hilft dabei, solche Mikrokosmen fotografisch zu erkunden. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/makrofotografie-grosse-bilder-von-kleinen-welten-a-966941.html
...ein Großteil der Fotos haut mich jetzt nicht wirklich vom Sockel, da habe ich schon weitaus bessere Makros gesehen. Das Titelbild mit Falter, da frage ich mich ist der tot oder ist das gemalt...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.