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Manager-Exodus: Kündigungsbaukasten für Yahoo-Team verhöhnt Konzernspitze

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In Scharen verlassen Spitzenkräfte den Internet-Giganten Yahoo: Seit dem Deal mit dem Konkurrenten Google haben allein aus der obersten Hierarchieebene fünf Manager gekündigt. Nun bietet eine Web-Seite einen höchst hämischen Kündigungsbaukasten an.

Der rapide Zerfall von Yahoos Führungsmannschaft ist so dramatisch, dass man ihm offenbar nur mit Humor begegnen kann. Und zwar - schließlich handelt es sich um ein Web-Unternehmen der ersten Stunde - mit echtem Geek-Humor.

Yahoo-Chef Jerry Yang: Hämeseite verhöhnt die Konzernleitung
Getty Images

Yahoo-Chef Jerry Yang: Hämeseite verhöhnt die Konzernleitung

Im Stil eines Textbaukastens, wie ihn das "Mad Magazin" einst berühmt machte, können sich potentielle Top-Management-Aussteiger jetzt online ihr Kündigungsschreiben zusammenbasteln. Unter der sehr webzweinulligen Adresse yahoorezinr.com - "to resign" heißt kündigen.

Die Seite ist eine blitzschnelle Reaktion auf den Massenexodus von Spitzenkräften, den das ohnehin arg gebeutelte Unternehmen in diesen Tagen verkraften muss. Seit Yahoo einen Werbedeal ausgerechnet mit dem einstigen Erzrivalen Google abschloss, haben drei Executive Vice Presidents, zwei Senior Vice Presidents und eine ganze Reihe weiterer hochrangiger Mitarbeiter ihren Hut genommen. Schon vor der Massenflucht von der Konzernspitze waren viele talentierte Macher und Entwickler nach und nach zu anderen Tech-Unternehmen abgewandert - jetzt aber hat sich "das Tröpfeln in eine Flut verwandelt", schreibt die "New York Times".

Yahoorezinr bringt auf den Punkt, was viele dem Unternehmen vorwerfen. So hat man die Wahl, ob man der Konzernspitze "unkluge", "schlecht beratene" oder "verdammt bescheuerte" Entscheidungen als Grund für die eigene Kündigung nennen möchte, ob man der Unternehmensführung "die jüngste Werbevereinbarung mit Google" oder "Mr. Yangs Vergiftung des Microsoft-Angebotes ohne Rücksicht auf die Aktionäre" vorwerfen möchte. Microsoft hatte Anfang des Jahres 33 Dollar pro Yahoo-Aktie geboten - am Freitag schloss der Kurs für das Unternehmen unter 22 Dollar.

"Sie könnten nicht mal einen Taco-Stand betreiben"

"Ich bin zu dem Schluss gekommen", so die Satirekündigung weiter, "dass das Management etwas nicht ganz verstanden hat." Und zwar: "Social Media/wie man Profit macht/Internet-Suche/Wie man einen verdammten Taco-Stand betreibt, von einem 30-Milliarden-Dollar-Unternehmen ganz zu schweigen." Wer sich den Lückentext ausgedacht hat, ist unklar - "Cnet News" vermutet einen Mitarbeiter der Tech-Postille "Wired" hinter der Satireattacke.

Tech-Blogs und IT-Fachpresse haben die Hämeseite bereits begeistert aufgegriffen - weil sie Einschätzungen zuspitzt, die in der Branche und auch im Yahoo-Management offenbar weit verbreitet sind. Die standhafte Ablehnung hochdotierter Übernahmeangebote von Microsoft wird mittlerweile ebenso als Fehler angesehen wie die Entscheidung, ausgerechnet Google-Anzeigen künftig auch auf Yahoo-Seiten anzeigen zu lassen. Mancher äußert inzwischen sogar Sympathie für den Unternehmensjäger Carl Icahn und seine rüden Methoden - auch der war mit dem Versuch gescheitert, als Minderheitsaktionär das Yahoo-Management zu entmachten.

Die Flickr-Gründer sind längst abgesprungen

Der "New York Times" zufolge bestätigten am Donnerstag Quellen im Unternehmen, dass drei weitere Spitzenkräfte, Qi Lu, Brad Garlinghouse und Vish Makhijani, das Unternehmen verlassen wollen.

Vish Makhijani geht "Cnet" zufolge zum russischen Suchmaschinenbetreiber Yandex Labs und soll dort "die Qualität der algorithmischen Suche für ein russisches Publikum" verbessern helfen.

Qi Lu war bei Yahoo für Internet-Suche und Suchmaschinenwerbung verantwortlich - den Bereich, in den die höchst umstrittene Vereinbarung mit Google fällt, die am 11. Juni Kopfschütteln in der Branche auslöste. Garlinghouse ist für Yahoo-Dienste wie E-Mail und Instant Messaging zuständig, außerdem für Yahoo Groups und die Foto-Community Flickr, die Yahoo im Jahr 2005 aufgekauft hatte. Die Flickr-Gründer Catherina Fake und ihr Ex-Mann Stewart Butterfield hatten schon im Lauf der Woche verkündet, sie würden Yahoo verlassen. "TechCrunch" zufolge hat sich auch Joshua Schachter, der Gründer des Social-Bookmarking-Dienstes del.icio.us, den Yahoo aufgekauft hat, inzwischen verabschiedet. Die eingekauften Innovatoren kehren dem Unternehmen den Rücken.

Eine offizielle Bestätigung für die jüngsten Kündigungen gibt es bis heute nicht, nur die höchst allgemeine Stellungnahme, dass Yahoo ein "breites und talentiertes Management-Team über alle Firmenbereiche hinweg" besitze. Was derzeit geschehe, seien "Abnutzungserscheinungen", mit denen man "in der Internet-Branche rechnen" müsse.

Verlassen wollen Yahoo auch Jeff Weiner und Usama Fayyad, die den Titel Executive Vize President tragen. Beide kündigten ihr Ausscheiden diese Woche an.

Auch diejenigen, die eigentlich noch im Unternehmen bleiben möchten, sind inzwischen nervös. Denn die Konzernspitze um Yahoo-Gründer Jerry Yang und Präsidentin Susan Decker plant angeblich eine interne Umstrukturierung, die schon kommende Woche verkündet werden könnte. Die "New York Times" zitiert einen namentlich nicht genannten hochrangigen Manager mit den Worten, eine Reorganisation zum jetzigen Zeitpunt sei "das Schlimmste, was sie im Moment tun könnten. In einer Zeit totaler Instabilität ist das Letzte, was man erreichen will, dass die Menschen sich auch noch Sorgen um ihre Jobs machen."

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