Technologie gegen Terror Wie viel Überwachung wollen wir wirklich?

Gesichtserkennung in Echtzeit, Nano-Drohnen, Robocops: Tech-Firmen und Regierungen haben viele Ideen, wie sich Menschen vielleicht besser vor Anschlägen wie dem in Manchester schützen lassen. Nur wollen wir so leben?

Ausstellung mit Überwachungskameras
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Ausstellung mit Überwachungskameras

Eine Kolumne von


Ein Anschlag, wie er bitterer kaum vorstellbar ist. Trauer, Mitgefühl. Nach einer Zeit verwandelt sich Trauer in Wut sowie Mitgefühl in einen unbedingten Wunsch: Jetzt ist es genug. Die Bedrohung in Europa ist real und scheint zu wachsen. Aber wie handeln? Und wie nicht?

Die Eltern, deren Kinder ermordet wurden von einem Selbstmordattentäter, was hätten sie gegeben für eine kleine Chance, diese Tat zu verhindern? Vermutlich alles. Was würde die Gesellschaft geben für eine kleine Chance, den nächsten Anschlag zu verhindern? Es gibt Situationen, in denen das schwerfällt, was einen Rechtsstaat ausmacht: Verhältnismäßigkeit, Differenzierung, ein Beharren auf die Wahrung der Grundrechte.

Es ist normal, vielleicht zwingend, unmittelbar nach Bildern wie denen aus Manchester zu fast allen Maßnahmen bereit zu sein. Eine Dystopie ist ein bedrohliches, dunkles Zukunftsszenario. Man sagt dieses Wort und vergisst, dass es eine Frage der Perspektive sein kann.

Meine Überwachungsdystopie mag dem Sicherheitsempfinden meines Nachbarn entsprechen. Eine Zukunft ist vorstellbar, die auf bereits verfügbaren Technologien beruht und in der Terror kaum eine Chance hätte. Behaupten zumindest die Verantwortlichen.

Das ist schon jetzt Realität

Ein Teil der Polizei in den USA trägt Bodycams, also Kameras, die jederzeit die Sicht des Polizisten aufzeichnen. Das Unternehmen Digital Barriers hat dazu eine passende Software entwickelt, die Gesichtserkennung in Echtzeit ermöglicht. Hunderte Gesichter können gleichzeitig ausgewertet werden, die Beamten können sofort vor Ort reagieren.

Deutschen Geheimdiensten wurde im Mai 2017 erlaubt, massenhaft auf Personalausweisfotos zuzugreifen. Der BND hatte jahrelang Kenntnis über eine standardmäßige Hintertür in Überwachungskameras, durch die man heimlich auf die Kameras zugreifen konnte. Die amerikanische Purdue University hat 2016 ein Tool entwickelt, mit dem Behörden sämtliche, nicht speziell geschützte Überwachungskameras in einem Gebiet anzapfen können.

Die Sicherheitsmaßnahmen an israelischen Flughäfen gehören zu den erfolgreichsten weltweit. Der Grund dafür sind erfahrene Sicherheitskräfte, die einem bestimmten Mustererkennungsprotokoll folgen und so Gefährder zielgerichtet aussieben können.

In Zhengzhou in China patrouilliert ein Roboter-Sheriff autonom durch einen Bahnhof. Er ist 1,60 Meter groß, kontrolliert, ob die Ausweise der passierenden Angestellten gültig sind, und ist in der Lage, Brandgefahren frühzeitig zu erkennen. Vor allem aber kann er anhand der eingebauten Gesichtserkennung identifizierte, verdächtige Personen verfolgen.

Noch vor der Bundestagswahl möchte die Große Koalition möglichst geräuschlos den Staatstrojaner einführen, also die Installation von Schadsoftware auf privaten Geräten. Der letzte, vom CCC enttarnte Staatstrojaner wurde politisch als "Ultima Ratio" für schwerste Verbrechen verkauft. Tatsächlich wurde er aber gegen Bodybuilder eingesetzt, die mit Anabolika handelten.

Nach dem Anschlag beim Bostoner Marathon 2013 hat die Stadt das Überwachungssystem AISight installiert. Es handelt sich um hochauflösende Kameras, deren Bilder mithilfe von künstlicher Intelligenz ausgewertet werden. Die lernenden Algorithmen sollen zum Beispiel erkennen, welche Verhaltensmuster von Menschenmengen auf eine kommende Plünderung hindeuten oder auf eine Schlägerei. Oder wie sich Leute verhalten, die gleich einen Anschlag begehen könnten.

In China ist seit einiger Zeit im Gespräch, einen "Citizen Score" für alle Bürger zu berechnen, eine Art Schufa für das gesamte Leben. Jede digital nachvollziehbare Handlung einer Person hätte danach Auswirkungen auf ihren Score, mit dem sowohl das Gefahrenpotenzial einer Person abgeschätzt werden könnte wie auch das, was ihr erlaubt oder verboten ist.

Nach dem islamistischen Terroranschlag im März 2017 forderte die britische Innenministerin, Kommunikationsplattformen wie WhatsApp sollten ihre Verschlüsselung für Behörden öffnen. Bundesinnenminister Thomas de Maizière hatte in den letzten Jahren einige Male Ähnliches gefordert.

Im August 2015 wurde auf einem Bahnhof in Osaka ein Kamerasystem installiert, das mithilfe der Auswertung der Bewegungsmuster Betrunkene erkennt. Ausschlaggebend war die Erkenntnis, dass 60 Prozent der 221 Menschen, die binnen eines Jahres in Japan von Zügen angefahren wurden, betrunken waren.

In Fresno in Kalifornien wird bei jedem Notruf bei der Polizei durch die Software "Beware" ein Sofortprofil des Viertels samt seiner Bewohner erstellt. Es fließen offenbar auch Inhalte aus sozialen Medien mit ein. Die Bewertung der Bürger funktioniert nach einem Ampelsystem. Grün bedeutet harmlos, rot steht für Gefahr.

Im September 2016 wurde bekannt, dass die Bundeswehr Nano-Drohnen beschaffen möchte. Sie sind kaum größer als eine Hummel und können mit HD-Kamera und Mikrofonen zu Aufklärungszwecken eingesetzt werden.

Im November 2016 erließ Großbritannien die schärfste Überwachungsgesetzgebung, die je in einer westlichen Demokratie stattgefunden hat. Die digitalen Aktivitäten aller Einwohner sind für ein Jahr bei den Internetprovidern gespeichert, alle privaten Geräte dürfen im Zweifel gehackt werden.

Im Mai 2017 erlebte die Welt den bisher größten digitalen Angriff mit einem Erpressungstrojaner. Der "WannaCry"-Angriff wurde möglich, weil Hacker die NSA gehackt und ihre Instrumente entwendet hatten.

Die deutsche Polizei erprobt seit 2014 Predictive Policing. Software wie "Precobs" berechnet dabei vor allem Einbruchswahrscheinlichkeiten. Je mehr Daten einfließen, desto besser lässt sich damit vorhersagen, wann und wo ein Verbrechen geschieht.

In Dubai haben in dieser Woche die ersten Robocops ihren Dienst angetreten. Es handelt sich um fahrende Überwachungsroboter, bis 2030 sollen sie 25 Prozent der dortigen Polizisten ausmachen.

Nach einem Anschlag 2015 wurde in Kuwait ein Gesetz verabschiedet, das verpflichtende DNA-Tests für die gesamte Bevölkerung vorsieht. Die größte DNA-Datenbank hat das FBI. In den USA nutzen Gerichte eine künstliche Intelligenz, um sowohl die Fluchtgefahr wie auch eine mögliche Strafe einzuschätzen.

Eine chinesische Studie behauptet, mit künstlicher Intelligenz könne man am Gesicht eines Menschen erkennen, ob er in Zukunft kriminell werde. Digital-Phrenologie.

Die amtierende Premierministerin Großbritanniens, Theresa May, ist begeisterte Anhängerin der Totalüberwachung. Wie sie im Zweifel mit Grundrechten umgeht, lässt sich an einem etwas anders gelagerten Fall erkennen. Sie erklärte vor einigen Jahren: "Persönlich würde ich mich freuen, wenn der Human Rights Act [das britische Gesetz zur Europäischen Menschenrechtskonvention] abgeschafft würde, denn ich glaube, wir hatten einige Probleme damit."

Der Preis sehr, sehr hoch

Ja, Probleme. Überwachung und Grundrechte stehen im Konflikt. Das große, wiederkehrende Muster der digital getriebenen Überwachung ist, dass sie vorgeblich für "schwerste Straftaten" eingeführt wird - und dann durch die ganze Gesellschaft sickert. Zuerst für die Aufklärung, dann zur Prävention und dann wird sie überall und bei allen eingesetzt. Lassen sich mit solchen radikalen Überwachungsideologien - wenn sie alle miteinander verbindet - Anschläge wie der in Manchester verhindern?

Vielleicht - auch wenn man den Anbietern solcher Technologie nicht alles glauben darf. Aber der Preis ist sehr, sehr hoch. Immerhin leben wir in einer Demokratie, und ob er bezahlt wird, bestimmen Sie.

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insgesamt 148 Beiträge
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Seite 1
alsterherr 24.05.2017
1.
Ich möchte weder mehr Überwachung, noch möchte ich meiner Tochter erklären müssen, warum ihre Karussellfahrt auf dem Weihnachtsmarkt von Uniformierten mit MP4 bewacht wird ... ich möchte schlicht und ergreifend, daß radikale Islamisten aufhören zu töten.
stoffi 24.05.2017
2. Ich persönlich
hätte kein Problem damit, doch weiss ich auch, das man niemanden daran hindern kann, sich inmitten anderer Menschen in die Luft zu sprengen. Wer so was vor hat, findet auch Mittel und Wege. Allerdings könnten bestimmte Vorkehrungen helfen, das im Vorfeld zu verhindern und wenn es dann doch passiert ist, so die Täter schnell dingfest zu machen und aus dem Verkehr ziehen.
alex2k 24.05.2017
3. Auf keinen Fall!
Nicht auf die Kosten der Freiheit! Der Anschlag fand statt, nicht weil nicht überwacht wurde, sondern weil nicht kontrolliert wurde! Die Person wurde nicht gesucht! Ausserdem darf man die Fakten nicht vergessen: es werden jährlich (wenn wir USA als Beispiel nehmen) mehr Menschen durch aus dem Fenster herausfallende Fernseher getötet, als durch einen Terroranschlag!
GoranBaranac 24.05.2017
4. Eines blenden Sie (absichtlich?) aus...
... Herr Lobo. Die USA, Großbritannien, Japan die BRD mögen zwar alle Bigbrother-Systeme nutzen - sie sind trotzdem Demokratien. Und sie sind es trotz des inzwischen jahrelangen Einsatzes aller Ihrer beschriebenen Systeme geblieben. Zudem: Wenn Mittel genutzt werden um Bodybuilder zu erwischen die illegale Anabolika vertreiben mag das nicht der ursprünglichen Begründung des Kampfs gegen den Terror dienen. Trotzdem wurden damit Leute dingfest gemacht die mit ihrem Verhalten anderen schaden. Was ist daran verkehrt? Auch nur ein einziger Anschlag kann verhindert werden? Ok, dann bin ich dafür. Wählen gehen kann ich trotzdem. Und einen Anwalt bekomme ich vor Gericht ebenfalls. Genauso wie ich nicht einfach spurlos in einem Knast verschwinde. Dystopisch? Noch lange nicht...
RalfWenzel 24.05.2017
5. Datenschutz ist sch***egal
Als Datenschutzberater stelle ich tagtäglich fest, dass den Menschen Datenschutz egal ist. Sie verschenken ihre Daten an Google, Facebook & Co. Ich musste den Lehrer meines Sohnes ermahnen, kein WhatsApp zur Kommunikation mit den Schülern zu nutzen (über den Umweg "Landesdatenschutzbeauftragter", der ihm das dann verbot), ihnen ist Sicherheit lieber als Freiheit ("ich hab nix gegen Videoüberwachung am Bahnhof, wenn es der Sicherheit dient" / "Ich hab doch nix zu verbergen"). Als Schöffe habe ich selbst erlebt, wohin mangelnder Datenschutz führt. Mordversuch, Funkzellenüberwachung und schon hat man ein ganzes Bündel Unschuldiger (in diesem Fall nicht aber den Schuldigen), gegen die dann ermittelt wird. Und dann landet man als Verdächtiger schnell in der Zeitung - inklusive diverser Details aus der abgehörten Kommunikation. Wenn man dann davon erzählt oder in Foren schreibt, dann ist derjenige ja selbst schuld, wenn er homosexuellen Kreise frequentiert - man hätte ja auch den Mörder schnappen können (auch wenn es in diesem Fall nicht wirklich passierte). Dafür wäre das Opfer dann vertretbar gewesen. Weil man selbst nicht das Opfer ist - man ist ja nicht schwul oder pervers oder so. Der Datenfaschismus steht vor der Tür, ist schon fast da und keiner rührt sich. Jetzt werden unsere Passfotos schon diversen Behörden zugänglich gemacht für ganz normale Verbrechen. Von wegen Terrorverdacht. Zu Volkszählungszeiten haben wir für viel mehr Datensparsamkeit demonstriert. Das Grundgesetz war mal so konstruiert, dass eine Diktatur zwangsläufig dagegen verstoßen muss, um operieren zu können. Inzwischen kann sich ein Diktator im Gültigkeitsbereich des Grundgesetzes bewegen und dennoch Sachen machen, die man sich nicht vorstellen mag. Aber macht ja nix, wir leben ja in einem "guten" Staat..... Er ist zwar ein Polizeistaat, aber ein guter Polizeistaat (wer weiß, was ein Oxymoron ist?). Ich resigniere inzwischen - irgendwann wachen die Leute auf und (schon wieder) hat keiner was davon gewusst. So wie wir angeblich nichts über die Gefahren der Atomkraft wussten, unsere Eltern nichts von der Gefahr von Massenvernichtungswaffen und unsere Großeltern nichts von den Verbrechen der Nazis. Wir lernen einfach nicht dazu..... Es ist zum Heulen!
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