Manöver CIA simuliert Terrorangriff aufs Internet

Seit Jahren warnen Geheimdienstler und Sicherheitspolitiker vor der wachsenden Gefahr des "Cyber-Terrorismus". Der CIA war das virtuelle Bedrohungsszenario nun die dreitägige Übung "Silent Horizon" wert. Experten können den Sinn darin nur schwer entdecken.


Der US-Geheimdienst CIA simuliert derzeit in einem Manöver einen groß angelegten elektronischen Terrorangriff auf die Vereinigten Staaten. Bei der dreitägigen Übung "Silent Horizon" sollen die Fähigkeiten von Staat und Wirtschaft auf den Prüfstand gestellt werden, auf immer stärker werdende Störungen des Internets zu reagieren, wie aus Teilnehmerkreisen verlautete. Einzelheiten zu dem Manöver, das am heutigen Donnerstag zu Ende gehen soll, drangen kaum an die Öffentlichkeit.

Veranstalter des Manöver ist das Information Operations Center der CIA, teilnehmen sollen rund 75 Geheimdienstler, aktuelle und ehemalige Beamte aus verschiedenen Behörden.

Wie zu erfahren war, geht die CIA in dem Bedrohungsszenario von einer Cyberattacke in fünf Jahren aus, die Schäden verursacht, die mit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 vergleichbar wären. Der imaginäre Gegner sei eine fiktive neue Allianz antiamerikanischer Organisationen, der auch Hacker aus dem Lager der Globalisierungsgegner angehören. Die sollten sich aber nicht zu sehr auf die Füße getreten fühlen: Steile Szenarien gehören zur Tradition knackiger Manöver. In Europa übte die Nato unter Beteiligung der Bundeswehr jahrelang die atomare Selbstbombardierung der Bundesrepublik und die Bewahrung der Wehrfähigkeit durch die Verhaftung streikender Stahlarbeiter.

Auch an der Wahrscheinlichkeit vieler Cyberwar-Bedrohungsszenarien gibt es begründete Zweifel. Mitte Juni 2002 stellte sich Ronald Dick, damals Direktor der FBI-Abteilung zum Schutz der Nationalen Infrastruktur, vor die Presse und raunte der Öffentlichkeit seine dunkelsten Ängste ins Ohr: Allergrößten Schaden, orakelte er, könne eine Terrororganisation verursachen, der es gelänge, die Fluttore eines Staudammes über das Internet zu öffnen.

In der hysterisierten Atmosphäre nach dem 11. September reichte das, weltweit Schlagzeilen zu ernten und die Rückendeckung im US-Kongress für eine Autoritäten-Ausweitung der Fahnder zu verstärken. Nur wenige fragten, wie Dick denn darauf komme, dass sich die Fluttore von Staudämmen überhaupt über das Internet öffnen ließen.

Tatsächlich sind viele der Bedrohungsszenarien rund um den so genannten Cyber-Terrorismus wenig wahrscheinlich, ausgemachter Unsinn oder dienen politischen Zwecken. Dass Cyberterrorismus möglich ist und in vielfältiger Form bereits stattfindet, ist dagegen klar: Er sieht nur anders aus.

Seit rund drei Jahren nutzt etwa al-Qaida mit zunehmender Professionalität die propagandistischen Potentiale des Internets. Die Veröffentlichung von Videos von barbarischen Exekutionen gehören ebenso dazu wie der Vertrieb von Propaganda-, Schulungs- und Werbematerial. Nicht auszuschließen wären auch Virenattacken und ähnliches. Gezielte Hackangriffe aber, die ganze Infrastrukturen lahm legen und Menschen direkt zu Schaden kommen lassen, sind weit weniger wahrscheinlich. Angriffe gegen die Struktur des Webs selbst schließlich wären aus Sicht von Terroristen kontraproduktiv: Das Internet hat ihnen eine weltweit erreichbare, preiswerte Kommunikationsplattform von unschätzbarem Wert zur Verfügung gestellt.

"Was die Leute gemeinhin Cyber-Terrorismus nennen, steht nicht oben auf der Liste", erklärt etwa der Sicherheitsexperte Dennis McGrath vom Dartmouth College, der selbst an drei Cyberterrorismus-Übungen mitgewirkt hat. "Man hört immer weniger von dem digitalen Pearl Harbour."

Richtig sei zwar, meint auch FBI-Chef Robert S. Mueller III, dass Terrororganisationen immer mehr Computerexperten anheuerten. Denen fehlten aber "die Mittel und die Motivation, die kritischen Informations-Infrastrukturen der USA anzugreifen". So kommentierte auch die "Los Angeles Times", schon die Prämisse des CIA-Manövers mit seiner Annahme einer Cyberattacke mit Tausenden von Toten stehe im offenen Gegensatz zu den Versicherungen führender Anti-Terrorexperten, dass solch eine Attacke in höchstem Maße unwahrscheinlich sei.

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