2020 - Die Zeitungsdebatte

Mediendebatte Revolutionen sind unangenehm

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Ist nur gedruckter Journalismus wahrer Journalismus? Natürlich nicht! Doch genau diese Meinung herrscht in vielen deutschen Redaktionsstuben vor. Das ändert nichts daran, dass immer weniger Menschen immer weniger Tageszeitungen kaufen.

Gedruckte Zeitungen existieren "höchstens noch zehn Jahre". Dieser Überzeugung ist rund ein Drittel aller Zeitungsleser in Norwegen. Das ergab jüngst eine Umfrage. Auf der anderen Seite der norwegischen Druckerpressen sieht man optimistischer in die Zukunft: Von den befragten Zeitungsredakteuren glauben nur etwa zehn Prozent an das Ende ihrer Blätter innerhalb der nächsten zehn Jahre. Das ist eine deutliche Diskrepanz um den Faktor drei, aus der man schließen kann: Zeitungsleser und Zeitungsmacher leben nicht mehr in der gleichen Welt. Das Fatale daran: die erste Gruppe - die Pessimisten - entscheidet mit ihrem Handeln über die Jobs der zweiten Gruppe - der Optimisten.

Die Wir-sind-wichtig-Wahrnehmungsbubble

Diese Dissonanz in den Weltenwahrnehmungen ist kein norwegisches Phänomen. Wahrscheinlich sitzen in dieser Sekunde in etlichen deutschen Redaktionsstuben wieder irgendwelche früh ergrauten Feuilletonnisten über Essays, die ihren Lesern erklären wollen, warum nur gedruckter Journalismus wahrer Journalismus ist. Auch sie werden wieder zum großen Adjektivstreuer greifen und eifrig Wieworte der Gewichtsklasse "Wichtig" über ihre Wörterwürmer streuseln: glaubwürdig, bewährt, welterklärend, unverzichtbar, qualitativ hochwertig, anerkannt, gesellschaftlich relevant, schön, sexy. Und einige dieser Schreiber - die ganz eitlen - werden insgeheim sich selber damit meinen. Aber auch diese wörternen Wichtigkeitsgirlanden werden nichts daran ändern, dass immer weniger Menschen immer weniger Tageszeitungen kaufen. Eine Mechanik, die seit zehn Jahren funktioniert: In diesem Zeitraum sind in Deutschland die Zeitungsauflagen um etwa ein Viertel weggebröckelt, während die Zahl der Gedruckte-Zeitungen-wird-es-immer-geben-weil-die-so-toll-sind-Texte um ein subjektiv gefühlt Vierfaches angestiegen sind. Gibt es eigentlich Erkenntnisse darüber, ob Ertrinkende, je tiefer sie sinken, um so lauter die Existenz den Wassers abstreiten?

Der Selbstbetrug namens Riepl

Für Podiumsdiskussionen und Eröffnungsansprachen auf Medienkongressen habe ich mir mit Freunden inzwischen das "Riepl-Bingo" ausgedacht: Wir wetten untereinander, wie lange es dauert, bis auf der Bühne erstmals das so genannte "Rieplsche Gesetz" erwähnt wird. Sonderlich lange dauert es normalerweise nie, bis ein Redner - meist ein Chefredakteur, Herausgeber oder Verleger - diese angebliche Gesetzmäßigkeit in den Saal wirft, die da lautet, kein Medium habe je ein anderes verdrängt, was man schließlich am fröhlichen Nebeneinander von Radio, Fernsehen und Zeitungen sehen könne.

Dieses "Rieplsche Gesetz", das fahrlässigerweise auch immer noch in Journalistenschulen aufgesagt wird, ist eine Art Mem gewordener Selbstbetrug der Zeitungsbranche, eine per Nachplapperdistribution verbreitete urbane Legende, die sich so hartnäckig hält wie die Mär der Schädlichkeit von Masernimpfungen oder wie der Mythos von der bei Vollmond steigenden Verbrechensrate. Wolfgang Riepl, dereinst Chefredakteur der "Nürnberger Nachrichten", formulierte sein "Gesetz" im Jahr 1913, also vor dem Ersten Weltkrieg, vor der Erfindung von Radio, Fernsehen, Telefon und Datenbrille. Und er schrieb es in eine Doktorarbeit hinein, die da hieß "Das Nachrichtenwesen des Altertums mit besonderer Rücksicht auf die Römer". Riepls Ein-Medium-ersetzt-das-andere-nicht-Regel bezog sich auf vormoderne Kommunikation, und wie falsch er schon damals damit lag, mag jeder selbst beurteilen, indem er sich fragt, wann er sich eigentlich das letzte Mal per Rauchzeichen zum Bier verabredet hat, wann er von seinen Urlaubserlebnissen die letzte Höhlenmalerei angefertigt hat oder auch nur, wann ihn das letzte Mal ein Telegrammbote aus dem Bett geklingelt hat. Und noch viel falscher als Riepl damals lag, liegen heute die, die ihn als vermeintlicher Kronzeuge gegen das Zeitungssterben in digitalen Zeiten anführen.

Print ist vorbei

Gedruckte Tageszeitungen werden schon bald aus unserem Alltag verschwinden. Natürlich wird es in Zukunft noch ein paar davon geben, für Liebhaber, so wie es auch noch Produkte für Vinyl-Schallplatten-Freunde und für Kleinbild-Film-Fotografen gibt. Aber eine Rolle als Massenmedium werden Zeitungen nicht mehr spielen. Vielleicht ist die "FAZ" ja schon bald ein ausschließlich im Abo beziehbarer Newsletter für alternde Konservative?

Es gibt viele gute Gründe dafür, dass Tageszeitungen aus Papier bald den Dinosauriern hinterhergeweht werden. Hier sind einige davon:

  • Ökonomie und Ökologie

Den Wettbewerb "Aufwendigste Methode um Informationen von A nach B zu befördern" würden wohl "von Nobelpreisträgern per Handmeißel beschriftete und von eingespannten Eichhörnchenherden über Einhorntrampelpfade gezogene Marmorplatten" gewinnen. Kurz dahinter dürfte aber schon die Tageszeitung auf einem der vordersten Plätze landen. Es ist einfach purer Irrsinn, tonnenschwere, containergroße Papierrollen einzukaufen, in fußballfeldgroßen Druckmaschinen mit Bildern und Buchstaben zu bestreuen, dann zu zerschneiden, zu falten und schließlich mit Güterwagen und Lkw zu Verkaufsständen und Abonnenten im ganzen Land zu karren, damit sich jeder Leser vielleicht 20, 30 oder 40 Minuten damit beschäftigt, bevor er sich um die Entsorgung des dann nur noch als Info-Müll angesehenen Papierberges kümmern muss. Und vom Rücktransport der nicht verkauften Exemplare haben wir noch ebenso wenig gesprochen wie von der für diesen ganzen Zirkus benötigten Altpapierlogistik. "Das haben wir schon immer so gemacht" ist einer der schlechtesten Gründe ever. Für ungefähr alles.

  • Die Schnappschuss-Problematik

Redaktionsschluss. Andruck. Aus die Maus: Was jetzt nicht in der Geschichte steht, kommt auch nicht mehr 'rein. Auch wenn es ein noch so essentieller Fakt ist, auch wenn es die Bedeutung der Geschichte um 180 Grad drehen würde. Nichts da: "Geht nicht" gibt es eben doch. Der Produktionsprozess der Tageszeitung bedingt, dass wir das Weltgeschehen nicht als fließende, dynamische Dauerbewegung wahrnehmen, sondern als täglichen, eingefrorenen Schnappschuss. "News is a river, not a lake" formulierte schon vor rund zehn Jahren der amerikanische Journalist Doc Searls. Das ganze Leben ist ein dynamischer Prozess und nicht ein starrer Zustand. Diesem Umstand kann eine einmal täglich produzierte Zeitung mit ihrem komplexem Fertigungs- und Transportbedarf unmöglich gerecht werden.

  • Das Gemischtwaren-Paket

Eine Zeitung ist ein Bündel aus verschiedensten Informationen und Dienstleistungen: Auslandsberichte, Leitartikel, Kochrezepte, Promi-Tratsch, Sudokus, Kommentare, Öffnungszeiten des Freibades, Filmkritiken, Todesanzeigen und Angebotsinserate des örtlichen Möbelhauses. Ein typischer Kompromiss, den alte Massenmedien naturgemäß eingehen müssen: Kein Leser interessiert sich für alles im Bündel, einige für vieles, manche für manches, die meisten für ein wenig. Als die Medienwirtschaft noch eine Mangelwirtschaft und noch keine Überflusswirtschaft war, da gab es nun mal nur dieses Bündel zu kaufen, und siehe: Es verkaufte sich prächtig. Die Digitalisierung hat Medienkonsumenten jedoch in wählerische Wesen verwandelt, in Rosinenpicker, die geschnürte Bündel keines Blickes mehr würdigen: im digitalen Download-Laden iTunes interessiert sich im Popmusik-Sektor kaum jemand für Musikalben, stattdessen sind es einzelne Songs, die dort der Verkaufsrenner sind. Die Paketschnür-Strategie der Musikindustrie - zwei gute Songs und zehn "geht so"-Stücke zu einem Album zu verpacken - funktioniert in Digitalien nicht mehr. Genauso fremdartig wirken im 21. Jahrhundert die Text- und Themenbündel einer Tageszeitung.

  • Die Problem-Vererbung

Es ist wie verhext: Was die Zeitungsverlage auch im Digitalen versuchen, ob E-Paper, News-Portal oder Smart-Phone-App, sie schleppen immer eines, mehrere oder alle der oben aufgeführten Probleme mit sich herum - manchmal legen sie sich sogar neue zu: E-Paper beispielsweise besitzt alle Papier-Probleme - abgesehen von Druck und Vertrieb - in der Hauptsache das Schnappschuss-Problem. Apps und News-Websites hingegen wollen Bündel sein und die Leser möglichst lange in ihren Umzäunungen halten. Deswegen verzichten sie konsequent auf Links nach außen und sind sich selbst genug. Der Leser - Bündelverächter und Rosinenpicker, wir erinnern uns - will aber vielleicht nur einen einzigen Text lesen, dann direkt woanders hin, und er fühlt sich gegängelt und bevormundet von dem Versuch, ihn in den eigenen News-Mauern zu halten.

  • Ignoranz und Arroganz

Der österreichische Schriftsteller Peter Glaser hat einmal festgestellt, dass aus der Welt der Massenmedien eine Welt der Medienmassen geworden ist. Alle Gedruckte-Zeitungen-sind-so-toll-Texte die bisher erschienen sind und alle, die noch erscheinen werden, wünschen sich insgeheim die Zeit zurück, in der die Zeitung deswegen unangefochten wichtig war, weil es sonst kaum ein Informationsmedium gab. Mit diesen Abgrenzungstexten (wir sind Qualität, Internet ist bäh) wollen sich die früh ergrauten Feuilletonisten vom bloggenden Mob im Web abgrenzen - und machen sich dadurch ausgesprochen unsympathisch. Wer lässt sich schon gerne von oben herab behandeln?

Sich beim Netzvolk unbeliebt zu machen, gehört sowieso zu den Hobbys vieler Zeitungsmenschen, beispielsweise indem sie dem Netz schmollend eine "Kostenloskultur" unterstellen - und dabei ignorieren, wie viele E-Books, digitale Hörbücher, Musikstücke, Filme und Fernsehserien minütlich über iTunes, Amazon oder sonstwo verkauft werden.

Noch unbeliebter macht man sich natürlich mit dem Versuch, das Web und dessen inhaltlich-funktionale Struktur mal eben komplett lahmlegen zu wollen. Und nichts anderes wollte das ursprüngliche, so genannte "Leistungsschutzrecht für Presseverleger" erreichen - und selbst in der abgeschwächten Variante, in der es jetzt gültiges Recht geworden ist, wird es noch für genug Chaos und juristische Unsicherheiten im Netz sorgen. Dass es Menschen gibt, die für solcherlei rücksichtslose und ignorante Aktionen gleich allen Zeitungen den Untergang wünschen, sollte Zeitungsmacher nicht wundern.

Und nun?

Ich habe keine Ahnung, wie die Zukunft des Journalismus aussieht und wie sie sich finanzieren lässt, aber auf einen Trick der Zeitungsverleger sollten wir alle nicht hereinfallen: Schon seit geraumer Zeit versuchen Lobbyisten der Verlage Politikern und Bürgern einzureden, dass es ohne Verlage keinen Journalismus mehr gäbe, was im Umkehrschluss bedeute, dass die Politik - durch Gesetze, Stiftungen, Steuergelder, wie auch immer - die Verlage zu stützen habe. Diese Gleichsetzung von Journalismus und Verlagen ist natürlich eben so dreist wie unzulässig und sie entspringt der gleichen arroganten Haltung, die schon das Leistungsschutzrecht hervorgebracht hat.

Zeiten der Revolution sind unangenehme Zeiten. Nicht nur für die alten Eliten, die hinweggefegt werden, sondern für auch für alle anderen: für die Revolutionäre und für das Volk. Wie der amerikanische Medienwissenschaftler Clay Shirky feststellt, wird oft das Alte zerstört, bevor das Neue fertig ist, das den Platz des Alten einnehmen kann.

Es ist durchaus möglich, dass die kombinierte Finanzierung von Journalismus durch Leser und Werbekunden, wie sie rund hundert Jahre im Zeitungsgeschäft funktioniert hat, eine historische Ausnahme gewesen sein könnte, dem Umstand geschuldet, dass es in einer nahezu medienlosen Welt relativ einfach war, Aufmerksamkeit zu generieren und zu monetarisieren. Es kann gut sein, dass dieses Modell niemals wieder funktionieren wird. Möglicherweise wird Journalismus zu einem Subventionsobjekt, so wie Büchereien oder Museen. Möglich aber auch, dass neue Player, mutige Ausprobierer, wilde Experimenteure völlig neue Methoden erfinden werden, um Journalismus zu finanzieren.

Momentan deutet nichts darauf hin, dass Verlage zu diesen Innovatoren gehören werden.

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Forum - 2020 - Die Zeitungsdebatte
insgesamt 156 Beiträge
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1. Oh Pardon...
W. Robert 02.08.2013
Nun, es gibt im Netz eben die „Allrounder“-Seiten wie Spon, Welt, Süddeutsche, Zeit, Frankfurter Allgemeine etc., die sich inhaltlich kaum noch wesentlich unterscheiden. Das hat mit Sicherheit auch mit der Verwechselbarkeit der Parteien zu tun, deren Inhalte sich zunehmend angleichen. Eine Lücke sehe ich da eigentlich nur für eine Kultur-Website, die tatsächlichen Qualitätsjournalismus bringt, und sich aus dem Spiel der Indoktrination mit fragwürdigen globliistischen Thesen heraushält. Man braucht also mehr Essays, mehr Humor und und mehr Einbeziehung der Kulturschaffenden, die sich längst aus dem Medienbetrieb zurückgezogen haben. Wie das in etwa aussehen könnte: Man lese mal ältere Pardon-Ausgaben, wo der Spagat zwischen ernsten Inhalten und Humor durchaus den Zeitgeist getroffen hat. Wahrscheinlich ist es aber gerade die Agenda der Medienkonzerne, die eher anti-aufklärerisch agiert, und genau daran wird es scheitern.
2. 2020?....
espressoli 02.08.2013
2020 wird es nur noch eine einzige Zeitung geben... angepasst an die immer dümmer werdene Bevölkerung, eine Art "Leselektüre für den deutschen Bildungsstand"... Ein Witzchen zur Einleitung... ein echter Mord - für Krimifans... ein Verkehrsunglück in der Sahara - für alle "Ach-Gott-Sager-und-Gaffer"... fünzig Seiten Fussball - und natürlich ein Bildchen von der - inzwischen auf Lebenszeit in Berlin festgetackerten Kanzlerin - gut retuschiert versteht sich - dazu der Text ihrer Neujahrsansprache von 2011... auf der letzten Seite dann noch das Wort zum Sonntag von der Kanzlerin: "Alles wird gut, ich bin und bleibe bei Euch"... Könnte es je eine grössere - ausgesprochene - Drohung für die Bürger geben?.. Wie die Zeitung heissen wird?... Da gibt es kein Entrinnen... so wie Kanzlerin, wird auch sie ewig unser sein.... "BILD" wird sie heissen... das "Generationenblatt", das in Kindergärten und als Lehrmittel in den Hörsälen der Universitäten benutzt werden wird und deren Herstellungs-Kosten vom Bildungsministerium voll übernommen werden... Und wer nach "alten Büchern" sucht, wird im Jahre 2020 dann sicherlich noch alte Bild-Exemplare bei eBay finden, die doch tatsächlich noch "die Nackerte" auf der Titelseite hatten... und zwischenzeitlich auch von weiblichen u. männlichen Emanzen gelesen wird - mangels "Alternativen"... Irgendwie keine schönen Aussichten für das Jahr 2020... Könnte man das "Vierbuchstabenblatt" nicht einmotten ehe wir das Jahr Zweitausendundzwanzig schreiben? - und bitte die Propaganda-Kanzlerin dabei nicht vergessen - beim einmotten meine ich...
3. @ W. Robert: Nein im Gegenteil
Amadeus Mannheim 04.08.2013
Zitat von W. RobertNun, es gibt im Netz eben die „Allrounder“-Seiten wie Spon, Welt, Süddeutsche, Zeit, Frankfurter Allgemeine etc., die sich inhaltlich kaum noch wesentlich unterscheiden. Das hat mit Sicherheit auch mit der Verwechselbarkeit der Parteien zu tun, deren Inhalte sich zunehmend angleichen. Eine Lücke sehe ich da eigentlich nur für eine Kultur-Website, die tatsächlichen Qualitätsjournalismus bringt, und sich aus dem Spiel der Indoktrination mit fragwürdigen globliistischen Thesen heraushält. Man braucht also mehr Essays, mehr Humor und und mehr Einbeziehung der Kulturschaffenden, die sich längst aus dem Medienbetrieb zurückgezogen haben. Wie das in etwa aussehen könnte: Man lese mal ältere Pardon-Ausgaben, wo der Spagat zwischen ernsten Inhalten und Humor durchaus den Zeitgeist getroffen hat. Wahrscheinlich ist es aber gerade die Agenda der Medienkonzerne, die eher anti-aufklärerisch agiert, und genau daran wird es scheitern.
Stimmt nicht! Was wir brauchen, ist Strukturierung der Information und Erklärung, Analyse. Die Meinungsgetriebenheit der Foren und Kolumnen ist natürlich interessant, macht es aber unmöglich, eine strukturierte Debatte über komplexe Themen zu führen oder zu verfolgen. Das ist der journalistische Job der Zukunft. Eben nicht mehr freie Themenwahl und eben nicht mehr das rigorose Beharren auf der Redaktionsfreiheit, sei darunter jetzt einmal die Freiheit zur politischen Meinung bzw. der Meinung in einer konkreten Sachfrage verstanden, die vom Verleger oder Herausgeber nicht beeinflusst werden darf. Nein, die Journalisten müssen uns, den Lesern, helfen, durchzublicken. Das ist auch der Grund, warum die TV-Talkshows gut laufen, so schlimm sie manchmal anzusehen und -zuhören sind. Sie lassen uns Testfahrten von Meinungen und Argumenten erleben, als wären es unsere. Und in guten Momenten sichern wir unsere Meinungen ab oder geben sie auf und verstehen, auf welcher argumentativen Basis wir dies vor uns selbst verantworten können. Dies ist in einer gut besetzten und gut moderierten Talkshow wirklich ein Gewinn, den ich bei Jauch und Will regelmäßig habe. Auch bei Illner. Wenn die Zeitungen es schaffen, diesen Gewinn zu bieten, werden sie leben. Egal ob digital oder gedruckt. Hierfür ist die eigene Meinung der Reakteure aber unwichtig. Sie ist einfach nicht mehr gefragt. Denn wir ertrinken in Meinungen. Die Journalisten müssen Moderatoren werden, Projektleiter des Projektes "Verständis", "Lösen von Komplexität" oder "Diskutieren alternativer Blickwinkel". Helfen lassen können Sie sich von Philosophen, etwa von Peter Sloterdijk, der in faszinierend einfachen Bildern komplexe Sacherverhalte darstelle, zB die politischen Parteien als Banken für Zorn- und Wutkapital darstellt, was einen sehr leicht verstehen lässt, was ein Grund für Politikverdrossenheit sein könnte. Hilfestellungen wie diese finden im Zeitungsjournalismus kaum noch statt. Die Branche muss komplett umdenken. Aktualität kann sie vergessen, dieses Rennen ist nicht mehr zu gewinnen. Meinung ist von gestern, s.o. Was zählt für die Zukunft ist Meinungskompetenz und echte Hilfe.
4. Mutig voran
wol54 04.08.2013
Zitat von sysopWie sieht die Zeitung von morgen aus? Was macht für Sie guten Journalismus auch in Zukunft aus? Diskutieren Sie hier auf SPIEGEL ONLINE. Wir sammeln die besten Vorschläge, werten sie aus – und entwickeln daraus das Konzept für eine digitale Tageszeitung.
Bei Zeitungen ist es ähnlich wie bei CDs: oft wollte ich nur einen Titel, musste aber früher die ganze CD kaufen. Heute kaufe ich mir nur noch diesen einen Titel bei Apple bzw. zahle ich monatlich 9,99 € bei Spotify und habe damit Zugriff auf fast alle CD´s. Was kann die Zeitungsbranche daraus lernen ? Einführung von Micropayment für einzelne Artikel, ich denke da an Beträge von 1-5 Cent. Mehrere Verlage (z.B. FAZ, Süddeutsche, Welt, Zürcher...) geben für 10 € im Monat ein Gemeinschaftsabo heraus. Der Abbonnent kann dann alle diese Zeitungen im Netz ohne weitere Mehrkosten lesen. Zeitungen wie die Stuttgarter Zeitung, Münchner Merkur... sollten Ihren Lokalteil deutlich ausbauen und dann z.B. für alle Nachrichten aus Ludwigburg 3 Cent pro Tag verlangen. Schlechte Nachricht: Es gibt kein Copyright auf News Gute Nachricht: seit ich mein Ipad habe sehe ich weniger fern, sondern lese auch mal den Lokalteil meiner heimatzeitung im Internet.
5. Tageszeitung vs. Online - 2020
koem 04.08.2013
Habe ich eine Tageszeitung in der Hand, umschleicht mich immer das unsichere Gefühl, nicht wirklich aktuelle Informationen geliefert zu bekommen. Das wird auch 2020 nicht anders sein! Aktuell ist eben nur online. Online wiederum habe ich keine Muße für längere Texte, für gut recherchierten Journalismus, für Hintergrundinformationen. Diese möchte ich aber nicht missen und sehe hier die Zukunft für das Printmodell. Erwähnt werden muss jedoch, dass dies wohl eher nicht auf eine Tageszeitung zutrifft, sondern auf ein Wochenmagazin. Für die Tageszeitung sehe ich schwarz. Beste Grüße aus Berlin Konstantin Thumm
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    Mario Sixtus, 48, ist Autor und freier Journalist. Seit zehn Jahren schreibt er darüber, wie das Internet unsere Gesellschaft verändert. Als "Elektrischer Reporter" beleuchtet er wöchentlich für ZDFinfo das Themenspektrum rund um Netzkultur und -Politik.
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  • Illustration: Carsten Raffel/ USOTA.COM
    Brauchen wir noch Tageszeitungen, und wenn ja, welche? Dieser Frage gehen auf dieser Seite Leser, Journalisten, Fotografen und Grafiker nach. Seit Jahren verlieren die Tageszeitungen an Auflage. Dass sich der Springer-Verlag von seinen Regionalzeitungen getrennt hat, war für viele ein gefährliches Signal.
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