Neue Yahoo-Chefin Marissa Mayer: Flucht nach oben

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Bei Google war Marissa Mayer als Spitzenkraft nicht mehr allzu gefragt, nun hat sie die schwerste Aufgabe übernommen, die das Silicon Valley zu vergeben hat: den angestaubten Netzgiganten Yahoo auf den richtigen Kurs zu bringen. Die IT-Branche bejubelt die Personalie.

Marissa Mayer: Angestellte No. 20 geht zu Yahoo Fotos
dapd

New York - Bislang schien Marissa Mayers Konzernpatriotismus absolut. Im Gespräch konnte die heute 37-Jährige schon mal giftig werden, wenn es etwa um Googles Haltung zum Thema Privatsphäre ging. Mayer war Google-Mitarbeiterin Nummer 20, seit mehr als zehn Jahren arbeitet sie für die Suchmaschinisten. Jahrelang war sie eine Art inoffizieller Außenminister des Konzerns, beeindruckte Spitzenpolitiker und Wirtschaftsführer mit ihrem scharfen Verstand, ihrer Eloquenz und unerschütterlichem Selbstbewusstsein. Sie kann Lobbyistin sein, Führungskraft, sie liebt das Ballett und moderne Kunst, aber sie hat auch etwas, das im Silicon Valley schon immer ein Vorteil war: einen Ingenieurs-Lebenslauf.

Die Tech-Szene liebt die Ihren, und entsprechend enthusiastisch waren die Reaktionen auf Mayers Berufung zur Yahoo-Chefin. "Das ist so großartig", twitterte Wikipedia-Gründer Jimmy Wales. Twitter-Gründer Jack Dorsey: "Das passt perfekt, Glückwünsche, Marissa!"

Angefangen hat Mayer als Software-Entwicklerin, in Stanford erwarb sie zwei Universitätsabschlüsse, beide im Bereich Informatik, beide mit dem Schwerpunktthema künstliche Intelligenz. Auch bei Google arbeitete sie anfangs als Entwicklerin. Mayer hat die Einführung der weißen Suchseite mitverantwortet, die Erfindung und den gigantischen Erfolg des Werbesystems Adwords miterlebt und natürlich den Börsengang. Ihr Privatvermögen wird auf 300 Millionen Dollar geschätzt. Der zu erwartende Gehaltssprung allein wird also kaum der Grund sein, dass Mayer Google nun verlässt, und die Führung des seit Jahren kränkelnden Google-Konkurrenten Yahoo übernimmt. Silicon-Valley-Blogger Dustin Curtis kommentierte via Twitter: "Das Leben von Marissa Mayer Akt I: Google. Akt II: Rache."

An der Spitze war bei Google kein Platz für sie

Mayer schien bislang gewissermaßen zum Inventar von Google zu hören - doch ihre herausgehobene öffentliche Position als einziges weibliches Gesicht des Konzerns schlug sich zuletzt nicht in großen Karriereschritten nieder. Mayer war seit 2010 für lokale Dienste und Handel zuständig, als Vizepräsidentin. Doch ein Jahr nach ihrer Beförderung auf diesen Posten wurde Jeff Huber zum Senior Vice President für denselben Verantwortungsbereich ernannt. Mayer war faktisch degradiert worden. Bei großen Google-Veranstaltungen wie der Entwicklerkonferenz I/O trat Mayer kaum in Erscheinung, die neuen Gesichter des Unternehmens sind wieder nur Männer, Chefingenieur Vic Gundotra etwa und Android-Produktmanager Hugo Barra.

An der Spitze des Konzerns scheint angesichts der Dominanz der Firmengründer Sergey Brin und Larry Page kaum Platz, auch nach dem Teilrückzug des langjährigen Google-CEOs Eric Schmidt. Nun hat Mayer sich eine neue Aufgabe gesucht, die ihr Google niemals hätte bieten können. Allerdings auch eine Aufgabe, an der schon diverse Vorgänger kläglich gescheitert sind.

Klares Signal: Yahoo will mit Technik gewinnen, nicht mit Inhalten

In den Neunzigern war Yahoo für viele Menschen synonym mit dem Internet als solchem, wie Mayer nach ihrer Ernennung selbst sagte, doch vom einstigen Glanz ist nicht viel geblieben. Die eigene Suche gab Yahoo auf und übernahm stattdessen Microsofts Bing-Technologie. Das Sammelsurium von Diensten, die Yahoo immer noch anbietet - allen voran der eigene E-Mail-Service mit Abermillionen Nutzern -, scheint in den Zeiten der Web-Dominanz von Google und Facebook angestaubt. Die Werbeerlöse blieben weit unter den Erwartungen, andere Einkommensquellen ließen auf sich warten. Als Yahoo-Mitgründer und Ex-CEO Jerry Yang im Januar 2012 das Direktorium des Unternehmens verließ, war viel vom "Potential" der Marke die Rede und wenig von aktuellen Erfolgen.

Mayer ist die vierte Yahoo-Chefin innerhalb eines einzigen Jahres. Im September 2011 war Carol Bartz gefeuert worden, die das Ruder des einstigen Web-Stars selbst erst Anfang 2009 übernommen hatte. Auf Bartz folgte Scott Thompson, der nach einem unwürdigen Theater um einen geschönten Lebenslauf nach sechs Monaten wieder gehen musste. Als Interims-Chef übernahm dann Ross Levinsohn, ein Mann aus der Medienbranche, der zuvor unter anderem für Rupert Murdochs News Corp. gearbeitet hatte. Dass mit Mayer nun eine Produktmanagerin mit einem klaren IT-Hintergrund ausgewählt wurde, gilt der Branche als Signal: Yahoo soll nicht zum Medienunternehmen umgebaut werden, sondern es an der Technologie-Front mit den großen Konkurrenten Google, Apple, Amazon, Facebook und Microsoft aufnehmen.

Ein neuer Job und ein erstes Kind

Der Aufsichtsrat habe sich mit der Personalentscheidung "auf eine produktzentrierte Strategie festgelegt", kommentiert Netscape-Gründer und Wagniskapitalgeber Marc Andreessen den Führungswechsel. Mayers Jobwechsel sei "für das Valley sehr aufregend". Dort, im Silicon Valley, scheint man ihr den Job zuzutrauen. Mayer kennt praktisch jeden in der Szene an der Westküste, und sie hat schon viele Menschen mit ihrem Verstand und ihrer Art beeindruckt. Nach der Verkündung des Jobwechsels quollen Twitter und die US-Blogosphäre über vor Lob und Glückwünschen.

Erfolg ist Mayer bei Yahoo keineswegs garantiert. Doch viele scheinen zu hoffen, sie könne das Ruder des alten Netzgiganten doch noch einmal herumzureißen. Es ist nicht die einzige große Aufgabe, die die 37-Jährige in nächster Zeit vor sich hat. Mit ihrem Ehemann Zach Bogue bekommt sie ein Kind. Am Montag verkündete sie nur Stunden nach ihrer Kündigung, sie sei schwanger. Voraussichtlich im Oktober werde ihr Sohn zur Welt kommen.

Korrektur: In einer früheren Version dieses Artikels war zu lesen, Marissa Mayer und ihr Ehemann hätten bereits fünf Kinder. Das ist nicht korrekt, Marissa Mayer ist mit ihrem ersten Kind schwanger. Wir bitten, diesen Fehler zu entschuldigen.

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insgesamt 10 Beiträge
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1. Ich kann da nichts Schwieriges sehen
blob123y 17.07.2012
Zitat von sysopBei Google war Marissa Mayer als Spitzenkraft nicht mehr allzu gefragt, nun hat sie die schwerste Aufgabe übernommen, die das Silicon Valley zu vergeben hat: den angestaubten Netzgiganten Yahoo auf den richtigen Kurs zu bringen. Die IT-Branche bejubelt die Personalie. Marissa Mayer wird Yahoo-Chefin: Google-Managerin steigt um - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,844800,00.html)
dann was Yahoo machen muss ist eigentlich seit Jahren klar, die sind bloss nicht in der Lage dies durchsetzen was auch wiederum komisch ist da es ganz einfach ist. Ich geh hier nicht weiter darauf ein da ich nicht Entwicklungshelfer bin, nur eins, es hat mit Geld und zwar mit viel Geld zu tun. Yahoo hat alles dazu, die sind aber "Betriebsblind".
2. mann/frau
smelmoth 17.07.2012
soll in dem artikel durchklingen, dass sie nicht ganz nach oben gekommen sei, weil sie eine frau ist? ("die neuen Gesichter des Unternehmens sind wieder nur Männer") wenn da sonst mehrheitlich männer arbeiten, wäre es wohl rechnerisch logisch, dass die sie übertrumpfen. vermute auch mal, dass sie kein stück glücklicher gewesen wäre, wenn man ihr ´ne andere frau vor die nase gesetzt hätte ^^
3.
mcmercy 17.07.2012
Mh ich sehe nicht wie die Frau Yahoo nach vorne bringen will. Sie hat für mich so einen gewissen Nerd-Faktor. Als Informatikerin scheint sie auch bei Google mehr auf technische Fragen spezialisiert gewesen zu sein. Yahoo hat aber imho kein technisches Problem sondern ein Innovationsproblem, da sind Leute mit Ideen und Visionen gefragt. Außerdem frage ich mich ob sie denn nun Ihre ganzen Google Aktien verkauft, als Mitarbeiterin der ersten Stunde dürfte sich da ja ganz schön was angesammelt haben.
4.
Tahlos 17.07.2012
Na, mal schaun ob sie ihr ganzes Geld, was sie bei Google unter so miesen Bedingungen erschuftet hat, jetzt auch komplett in Yahoo anlegt. Alles andere wäre ja eigentlich auch unlogisch, so als Chefin einer aufstrebender Firma. Sie kann einem ja aber auch wirklich leidtun, die arme.
5.
CashFloh 17.07.2012
Zitat von sysopDie IT-Branche bejubelt die Personalie.[/url]
Na wenigstens einer. Die Eigentümer selbst sehen es eher etwas gelassener. Yahoo! Inc. Stock Chart | YHOO Interactive Chart - Yahoo! Finance (http://finance.yahoo.com/echarts?s=YHOO+Interactive#symbol=yhoo;range=5d;compare=;indicator=volume;charttype=area;crosshair=on;ohlcvalues=0;logscale=off;source=undefined;)
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