YouTuber-Interview Realitätscheck mit Martin Schulz

Zwei Tage nach dem TV-Duell stellt sich Martin Schulz einem ganz anderen Interview-Format: Diesmal fragen vier YouTuber - und schaffen es, wichtige Themen anzuschneiden. Doch immer wieder kommt etwas dazwischen.

Schulz im YouTube Space Berlin mit YouTubern Nihan Sen (Mitte) und Lisa Sophie (rechts)
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Schulz im YouTube Space Berlin mit YouTubern Nihan Sen (Mitte) und Lisa Sophie (rechts)

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Herr Schulz, wie viel kostet Milch gerade bei Aldi? Statt persische Gelehrte zu zitieren wie beim TV-Duell am Sonntag, muss SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz bei seinem Interview mit vier deutschen YouTubern erst mal seine Alltagstauglichkeit unter Beweis stellen. Realitätscheck heißt das auf YouTube-Deutsch. Schulz schätzt mit 70 Cent sehr gut. Realitätscheck bestanden, kann man sagen.

Aber es gibt da noch ein anderes Problem, dem Schulz sich in seinem zehnminütigen Interview-Slot mit dem Videomacher MrWissen2go alias Mirko Drotschmann stellen muss: Wie kann es eigentlich sein, dass in Deutschland die Schere zwischen Arm und Reich stetig weiter aufgeht und viele Arbeitnehmer vom Aufschwung nichts abbekommen, obwohl doch die SPD in den letzten Jahren fast immer mitregiert hat? Dieselbe SPD, der Schulz das oberste Wahlkampfthema soziale Gerechtigkeit verordnet hat? Naja, man sei ja nur Juniorpartner gewesen, grummelt Schulz.

Aber die Arbeitsministerin wird doch von der SPD gestellt? Tja, irgendwie schon, aber jetzt will er, Schulz, erst mal richtiger Kanzler werden, das mit seinem Herzensthema wird dann schon.

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Die Schulz-Interviewer und weitere Webstars: Das machen YouTuber im Wahlkampf

Vier Themen, die beim TV-Duell fehlten

Jeder der vier prominenten Webstars - MrWissen2go, ItsColeslaw, Nihan und MarcelScorpion - hatte je zehn Minuten Gesprächszeit mit Martin Schulz. Außerdem wurden Publikumsfragen über den Hashtag #DeineWahl ins Gespräch gebracht. Das Interview aus dem YouTube Space in Berlin wurde live über den YouTube-Kanal Deine Wahl übertragen.

Die Interviewer schafften eine erfreuliche Talk-Runde, was nach dem missglückten TV-Duell vom Sonntag nicht sonderlich schwer gewesen sein mag. Die vier Schwerpunktthemen Integration, soziale Gerechtigkeit, Breitbandinternet und Bildung füllten zumindest teilweise die Lücke, die die Moderatoren des TV-Duells gerissen hatten. Nur die ständige Rückbesinnung, jetzt mal wieder eine vermeintlich publikumskonforme Human-Touch-Frage zu stellen, lenkte die YouTuber zu oft von den eigentlichen Inhalten ab.

Nach dem TV-Duell wurde viel gemäkelt, über die fehlenden Differenzen zwischen den Kandidaten, die selbstdarstellerischen und populistischen Moderatoren, über einen eigenartig überdeutlichen Schwerpunkt bei den Themen Flüchtlinge und Islam. Wo waren Zukunftsthemen wie Bildung und Digitalisierung?

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Bekannte deutsche YouTuber: 20 Stars aus dem Internet

Darüber wunderte sich Schulz am Dienstag gemeinsam mit seinen Interviewern auch. Dass schnelles Internet für jedermann am Sonntag kein Thema gewesen sei, habe ihn überrascht, sagt zum Beispiel YouTuber MarcelScorpion alias Marcel Althaus. "Meine Arbeit findet im Internet statt." Schulz stimmt zu und lästert ein wenig über das Format, bevor er auf die Vorlage eingeht: "Wir müssen mehr in den Breitbandausbau investieren als in alles andere."

Geld auszugeben, wo es Probleme gibt, wird Schulz' Universalantwort des Interviews. Integrationsschwierigkeiten? "Die Bundesrepublik ist ein reiches Land", sagt Schulz der YouTuberin Nihan, die selbst einen Migrationshintergrund hat und das Thema mit vielen persönlichen Beispielen ins Gespräch bringt. Investitionen, so Schulz, könne sich Deutschland hier problemlos leisten.

Lisa Sophie und Schulz
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Lisa Sophie und Schulz

Staatstrojaner, Wellensittiche und ein bisschen Bildung

Das gleiche Argument beim Thema Bildung, angeschnitten von Webstar Lisa Sophie. Die sagt: "Momentan macht uns das Bildungssystem alle ziemlich wütend." Mit "uns" meint sie sich und ihre Generation, Anfang 20 und mitten in der Ausbildung oder gerade raus aus den Schulen und Unis. Leider wird Lisa Sophie dann aber von dem sinnvoll gesetzten Hauptthema ihres Interviews abgelenkt und plaudert mit Schulz bald über Wellensittiche. Die hatte Schulz mal, aber jetzt wohnen sie anderswo.

Das Thema Massentierhaltung ist zwar wieder wichtig, aber der Erkenntnisgewinn bleibt begrenzt. Welcher Kanzlerkandidat würde fordern, dass ruhig noch ein paar Hühner mehr auf einen Quadratmeter Stall gequetscht werden sollten?

YouTuber Althaus schafft es immerhin, in seinem Interview eine Frage zum umstrittenen Staatstrojaner unterzubringen. Doch Schulz kommt mit einer ausweichenden Antwort davon und beschwichtigt Althaus, sein Smartphone würde sicher nie abgehört, seine WhatsApp-Verschlüsselung nie geknackt. Das passiert ja nur Kriminellen, richtig?

Lesetipp: Unsere Kritik zum Merkel-Interview

Waschpulver im Freibad

Schlagzeilen machen, zumindest für den Tag, dürften dagegen Schulz' Aussagen zur Legalisierung von Cannabis. Als ehemaliger Alkoholiker stehe er persönlich Rauschmitteln kritisch gegenüber. Jedoch werte er das Thema als Gewissensentscheidung, bei der die Parteilinie egal sei.

Konkurrentin Angela Merkel saß bereits Anfang August an Schulz' Stelle, um unter jungen Wählern für sich zu werben. Sie stellte sich ebenfalls einer Riege von vier YouTubern zum Liveinterview. Von ihrem Interview blieb vor allem jener Moment im Gedächtnis, als Merkel die Beauty-Videomacherin Ischtar Isik verdutzt fragte, ob sie denn "immer nur Selbstdarstellung" betreibe. Es war ein Merkel-Auftritt ohne große Patzer.

Den legt auch Schulz hin, doch ausgerechnet beim SPD-Wahlkampfthema soziale Gerechtigkeit, das gerade junge Leute umtreiben sollte, bleibt er bemerkenswert blass, und die YouTuber fragen nicht hartnäckig genug nach. Immerhin, bei seiner schlimmsten Jugendsünde bleibt Videomacherin Nihan hartnäckiger und Schulz rückt mit der zweitschlimmsten raus: Nach einer durchzechten Nacht habe er nachts im Freibad einen Karton Waschpulver in ein Schwimmbecken geschüttet.

insgesamt 79 Beiträge
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th.diebels 05.09.2017
1. ich weiß
Merkel ist eine Katastrophe für die BRD und die Bevölkerung - sie wird wohl als unfähigste Kanzlerin in die Deutsche Geschichte eingehen ! Schulz würde sogar als Doppel-Katastrophe in die deutsche Geschichte eingehen ! Fazit: ich halte beide Kandidaten für nicht geeignet ! Längst überfällig eine Amtszeitbegrenzung gegen Sesselkleber eingeführt werden !
liberaleroekonom 05.09.2017
2. Was tun - nachdem wir eine alternativlose Kanzlerin haben?
Nach dem miterlebten Auftritt von Herrn Schulz im TV-Duell und wie er jetzt im Vergleich zu unserer Kanzlerin bei den Youtubern wiederum versagte, habe ich fast Mitleid mit unserer Kanzlerin, sollte sie zukünftig weiterhin mit der SPD und dann auch noch mit Herrn Schulz koalieren müssen. Da sie mangels Alternative inzwischen als Kanzlerin quasi gesetzt ist, kann man sich auch darauf konzentrieren, ihr einen Koalitionspartner zu beschaffen, der sie hoffentlich aus ihrer aufkommenden Lethargie erwecken kann und neue Impulse setzt. Vermutlich käme sie sogar mit zwei möglichen Partnern zurecht. Sollte es dennoch zum Worstcase kommen und bei einer GroKo bleiben, wär dies auch kein Weltuntergang . Unsere alternativlose Kanzlerin schafft das schon. Alles wird gut.
mps58 05.09.2017
3. Geld, Geld, Geld
Immer das gleiche Rezept von Schulz: wir lösen alle Probleme dieser Welt mit Geld (der Steuerzahler). Da werden die Schüler schon schlauer, wenn man nur die Schulräume neu anstreicht. Da gibt es dann mehr deutsche Patente für neue Technologien, wenn man ein paar Glasfaserkabel verlegt. Alles sehr banal. Wer glaubt denn so etwas?
schulz-fan 05.09.2017
4.
Wir müssen die digitale Zukunft aktiv gestalten. Und das heißt nun einmal Ausbau der Glasfasernetze, damit das Internet endlich schneller wird, auch im ländlichen Raum. Und das kostet Geld. So einfach ist das. Wer traut der Kanzlerin das denn noch zu? Merkel glaubt doch, wenn ihr Handy noch angeht, sei alles gut.
kladderadatsch 05.09.2017
5. D ist kein reiches Land mehr
das sollte mal einer H. Schulz erklären. Die fetten 80er Jahre sind vorbei. Hier sind die Löhne anders als im Straßburger Parlament von 2000 bis 2008 real um 0,8% gefallen, ansonsten wäre D nach der Wiedervereinigung nicht mehr wettbewerbsfähig gewesen. Nach dem jetzigen Schuldenstand erfüllt D die Konvergenzkriterien des Euros nicht mehr und im Privat-Vermögensvergleich der EZB liegt D in Europa im hinteren Bereich. Vorne sind immer die Luxemburger. Der Median ist ganz weit hinten, was auf eine ungleichere Vermögensverteilung in D und in Europa hinweist. In D gibt es mehr Armut als in vielen anderen EU-Ländern H. Schulz!
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