Umstrittener MDR-Tweet Diese Art der Empörung ist wichtig

Debatten in sozialen Netzen sind oft brutale Hetzjagden. Im Fall des MDR aber zeigen sie eine heilsame Wirkung als moralisches Immunsystem.

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Eine Kolumne von


Feinde der sozialen Medien hatten es in den letzten Wochen leichter als sonst, sich in ihrer Generalverdammung bestätigt zu sehen. Facebooks jahrelange, massive Verfehlungen haben dazu ebenso beigetragen wie die spürbare Hilflosigkeit der Politik bei der Regulierung digitaler Plattformen. Dankenswerterweise hat nun der Öffentlich-Rechtliche Rundfunk in Form des MDR Sachsen geholfen, die positiven Seiten sozialer Medien ins Gedächtnis zu rufen. Denn trotz aller Probleme ist es unbedingt notwendig, soziale Medien auch mal zu loben: in ihrer sich langsam entwickelnden Funktion als moralisches Immunsystem.

Am 17. April erarbeitete sich der MDR aktiv ein veritables Debakel. Man plante eine Talk-Sendung über "Political Correctness". Der Begriff wurde ursprünglich von Rechten und Rechtsextremen entwickelt, um sich gegen Kritik zu immunisieren, doch mittlerweile gibt es auch sinnvolle Debatten zum Thema. Zum Beispiel über die Wirkung von Worten und die Grenzen des Sagbaren. Aber der MDR sandte eindeutige Signale, dass es ihm darauf nicht ankam.

Für eine Gegenposition zu diesem Thema hätte es viele konservative, nichtextremistische Kräfte gegeben, auch in CDU und CSU dürften nicht ausschließlich die größten lebenden Fans der Political Correctness aktiv sein. Der MDR jedoch lud Frauke Petry ein, was für sich genommen bereits die Normalisierung rechtsextremer Positionen bedeutet. Wenn man einen Fuchs zum Thema Gänseschutz einlädt, möchte man keine differenzierte Debatte, sondern die Haltung des Fuchses zum Gänseschutz als akzeptabel hinstellen.

Diese Haltung - offener Rassismus als eine Meinung neben anderen - hat der MDR mit seiner Sendungswerbung auf Twitter auf die Spitze getrieben: "Darf man heute noch [das N-Wort] sagen?"

Mit einem Hakenkreuz durch die Straßen laufen

Daran ist wirklich alles falsch. Der Satz ist ein so dunkles wie plattes Kunstwerk rechter Scheinheiligkeit, ein Kleinod menschenfeindlicher Gestrigkeit. Denn das N-Wort ist ohne den geringsten Zweifel rassistisch. Es gehört in eine Sphäre, über die in der medialen Öffentlichkeit nicht ernsthaft ergebnisoffen diskutiert werden kann, denn der MDR ist kein privater Stammtisch, an dem die Grenzen des Sagbaren weiter gefasst werden können und sollen.

Eine Sendung namens "Rassismus - gut oder schlecht?" dürften sogar die verantwortlichen MDR-Redakteure als schwierig empfinden, aber genau das ist die Essenz der Frage auf Twitter.

Dass das N-Wort früher anders oder weniger wertend empfunden worden sein mag, ist zweifellos richtig. Aber weder Sprache noch Gesellschaft schweben unveränderlich im luftleeren Raum, sondern stehen zwangsläufig und unleugbar im Kontext der Zeit. Wer das anders sieht, kann ja mal mit einem Hakenkreuz durch die Straßen laufen. Die Swastika ließ sich früher als indisches Sonnensymbol betrachten. Heute eben nicht mehr. Die Geschehnisse der Welt verändern eben auch ihre Kommunikation.

Die Angst vor dem Widerspruch

Den engen und oft erfreulichen Zusammenhang zwischen sozialen Medien und diesem Wandel der Gesellschaft verdeutlicht die Analyse des nebulösen "dürfen" in der MDR-Ankündigung. Eine kurze Netzrecherche zeigt, dass Hunderttausende das N-Wort nach Herzenslust verwenden. Niemand verbietet das. Anders als die plumpe MDR-Frage impliziert, geht es also gar nicht darum, ob man "darf" oder nicht.

Es geht darum, einen rassistischen Begriff verwenden zu wollen - ohne den Vorwurf des Rassismus zu hören. Man möchte rassistisch reden, ohne dass es so genannt werden darf: das ist die rechte Sprachpolizei. Das "dürfen" des MDR ist so falsch und so rechts, weil es einen zutiefst autoritären Kern hat: Widerspruch ist Unterdrückung. Meine Meinung wird unterdrückt, weil mir jemand widerspricht, das ist das Gegenteil von Pluralismus. Wer unter Meinungsfreiheit die Abwesenheit von Widerspruch versteht, hat ein radikal illiberales Gesellschaftsbild. In Zeiten von sozialen Medien wird immer widersprochen, bei allem.

Die sozialen Medien als moralisches Immunsystem

Hier wird die Funktion der sozialen Medien als moralisches Immunsystem erkennbar, das zugegeben nicht immer und schon gar nicht immer richtig funktioniert. Aber durch soziale Medien bekommt inzwischen Widerspruch, was zuvor öffentlich unwidersprochen verhallte. Daraus speist sich auch die Empfindung vieler konservativer und reaktionärer Kräfte, "Political Correctness" hätte anders als früher unmittelbaren Einfluss auf ihr Leben - das ist absolut richtig.

Weil mit den sozialen Medien private Kommunikationsräume und Öffentlichkeit vermischt werden, entsteht auch dort Widerspruch, wo vorher keiner war. Am Stammtisch konnte man noch ohne jede negative Reaktion das N-Wort sagen, am digitalen Stammtisch sozialer Medien ist heute fast immer jemand dabei, der zu Recht ablehnend reagiert. Die rechte und rechtsextreme Seite reagiert darauf im Stil der rechten Sprachpolizei, die ihr nicht in den Kram passenden Widerspruch verbieten möchte.

Öffentliche Empörung ist ein wichtiges Korrektiv der Demokratie

Genau dieser vielfältige und sehr oft über das Ziel hinausschießende, öffentliche Widerspruch ist der Schlüssel zum Verständnis der Immunsystem-Funktion: durch soziale Medien lässt sich öffentlicher Druck erzeugen. So einfach erklärt sich der große Vorteil der sozialen Medien in einer liberalen Gesellschaft. Was als "Shitstorm" die fäkale Zumutung schon im Namen trägt, ist in Wahrheit sehr vielgestaltig, nämlich manchmal eine Hetzjagd, manchmal ein berechtigter Empörungssturm und nicht selten beides in schwierig entwirrbarer Mischung.

In einer Demokratie sind öffentliche Empörung, öffentlicher Druck ein wichtiges Korrektiv. Selbst wenn man das wegen Skepsis gegenüber Political Correctness nicht am konkreten Fall MDR nachvollziehen möchte: als Silvester 2015 am Kölner Hauptbahnhof vor allem jugendliche Migranten als Mob massenhaft sexuelle Gewalt verübten, war es der Druck aus den sozialen Medien, der Polizei und Politik zur Reaktion und Korrektur der zuvor erklärten "Ereignislosigkeit" zwang.

Vorsichtig gesprochen handelte es sich nicht gerade um linksgrüne Kräfte, die diesen Druck in den sozialen Medien aufbauten. Ich halte öffentlichen Druck durch soziale Medien für sinnvoll, im Fall der Kölner Mob-Kriminalität ebenso wie im Fall MDR.

Es ist wahr, dass die sozialen Medien Gefühlsmedien sind und deshalb dem dumpfen oder angsterfüllten Ressentiment mehr Resonanzraum verschaffen als der rationalen Differenzierung. Es ist aber ebenso wahr, dass sich zum Beispiel im Fall des MDR-Rassismus in den sozialen Medien ein moralisches Immunsystem der Gesellschaft herausbildet.

Noch mag das häufig überreagieren und Fehlalarme provozieren. Die Chance aber, dass künftig irgendein nichtrechtsextremes Medium seine Inhalte unbedingt mit dem N-Wort anpreisen möchte, scheint durch das sozialmediale Immunsystem soeben geringer geworden zu sein (hoffentlich). Und das ist ja wohl nichts anderes als gesellschaftlicher Fortschritt made in Sachsen. Danke MDR.

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insgesamt 110 Beiträge
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pejoachim 18.04.2018
1. Herr Lobo, es schmerzt!
Der MDR hat ein wirklich heißes Thema präsentieren wollen. Dazu machte er ein Beispiel für politisch unkorrektes Verhalten. Wer dies falsch verstanden hat, der WOLLTE es falsch verstehen. Glauben Sie mir, Herr Lobo, nicht jeder weiß so wie Sie und ich, was Political Correctness überhaupt bedeutet. Ein Beispiel war deshalb angebracht und wichtig. Ich schäme mich für Sie und für unsere Gesellschaft, die mittlerweile wohl auch das Denken selbst tabuisiert und damit genau den Kräften Wähler zuspielt, die man nicht im Parlament haben möchte.
jeze 18.04.2018
2. Political Correctness
Der Begriff “Political Correctness” wurde von Rechtsextremen entwickelt? Das sollten sie aber bitte man mit Quellen belegen. Meiner Erinnerung zu Folge war dieser Begriff eigentlich jahrelang positiv belegt, bis man es damit übertrieben hat.
riedlinger 18.04.2018
3. Sprachpolizei
Schade, dass der sonst so klug schreibende Sascha Lobo hier ausrutscht. Nicht bei der Frage, ob nun gerade Frauke Petry eine prima Diskussionspartnerin sei, aber zum N-Wort. Die Geschichte seiner systematischen Verteufelung durch eine selbsternannte Sprachpolizei ist ein exemplarisches Beispiel für einen niederträchtigen Sprachfaschismus, der mir meine Sprache Wort um Wort klaut im Stil von Neusprech in "1984". Vor 40 Jahren wurde das N-Wort völlig normal verwendet, ohne jeden Anflug von Verachtung. ERST kamen die Apostel, die unverschämt mit der moralischen Keule dauernd Wörter verbieten wie "Lehrling" und jetzt wohl auch "Führerschein" und viele mehr. DANN erst bemerkten rechtsradikale Spinner, dass sie mit dem N-Wort provozieren können - nachdem es in Ungnade der Sprachpolizei gefallen war! Das wäre alles nicht nötig gewesen.
Suppenelse 18.04.2018
4. Soziale Schnappatmungs-Medien
Sascha Lobo irrt hier leider gleich mehrfach. Der Begriff „Political Correctness“ eine Erfindung aus dem rechten Lager? So ein Unsinn, der Begriff existiert schon lange, wird aber - das ist richtig - neuerdings auch häufig von Menschen mit rechter Gesinnung missbraucht. (Dass die Auseinandersetzung mit dem Phänomen einer falsch verstanden PC aber wichtig ist, bleibt davon unbenommen! Ansonsten hätte die AfD niemals solche Erfolge feiern können.) Vor allem aber wundert man sich über die Überhöhung der sozialen Medien durch den Autor. War da nicht gerade die metoo-Kampagne, der man vieles zuschreiben kann, aber mit Sicherheit nicht Objektivität und Differenzierung und andere hehre Grundsätze? Ich glaube, gerade hier hat sich gezeigt, wo die Probleme und Grenzen sozialer Medien liegen - Stichwort Aufmerksamkeitsökonomie. Wenn man das nicht klar benennt, entsteht der Eindruck, die „Nebenwirkungen“ von Social-Media-Kampagnen seien einem teilweise recht, teilweise nicht - je nachdem, wen es trifft...
muellerthomas 18.04.2018
5.
Zitat von riedlingerSchade, dass der sonst so klug schreibende Sascha Lobo hier ausrutscht. Nicht bei der Frage, ob nun gerade Frauke Petry eine prima Diskussionspartnerin sei, aber zum N-Wort. Die Geschichte seiner systematischen Verteufelung durch eine selbsternannte Sprachpolizei ist ein exemplarisches Beispiel für einen niederträchtigen Sprachfaschismus, der mir meine Sprache Wort um Wort klaut im Stil von Neusprech in "1984". Vor 40 Jahren wurde das N-Wort völlig normal verwendet, ohne jeden Anflug von Verachtung. ERST kamen die Apostel, die unverschämt mit der moralischen Keule dauernd Wörter verbieten wie "Lehrling" und jetzt wohl auch "Führerschein" und viele mehr. DANN erst bemerkten rechtsradikale Spinner, dass sie mit dem N-Wort provozieren können - nachdem es in Ungnade der Sprachpolizei gefallen war! Das wäre alles nicht nötig gewesen.
Sie dürfen ja weiter N... sagen, oder hindert Sie jemand daran? Sie müssen nur damit rechnen, dann als rechter Hinterwälder erkannt zu werden.
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