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Mediale Missverständnisse: Warum der YouTube-Vatikan nicht funktioniert

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Der Papst hat seinen eigenen YouTube-Kanal eröffnet. Er stößt auf maximales Interesse bei den Medien - und minimales bei den YouTube-Nutzern. Das aber gehört zu den Dingen zwischen Himmel und Erde, die man durchaus erklären kann.

Wenn große Marken, seriöse Organisationen oder respektable Institutionen sich bei populären Web-Marken einklinken und ihre eigenen Kanäle aufmachen, dann sorgt das fast immer für Medienrummel - aber de facto rührt sich nach so einem Online-Launch unter fremden Dach fast gar nichts.

Vatikan-Präsenz bei YouTube: Zwei-Minuten-News und Ausschnitte aus Reden, Nachrichten aus der Presseabteilung

Vatikan-Präsenz bei YouTube: Zwei-Minuten-News und Ausschnitte aus Reden, Nachrichten aus der Presseabteilung

Auch Papst Benedikt XVI. und der Vatikan machen jetzt diese Erfahrung. Seit Freitag ist der lang und breit angekündigte, in der Tagespresse bereits vorab gebührend gewürdigte Vatikan-Kanal bei YouTube eröffnet. Er findet dort ähnlich viele Zuschauer, wie man das bei Maumau-TV über Digital-Schüssel erwarten würde: Da ist was messbar, aber eigentlich nicht in erwähnenswerter Größenordnung.

Das muss nicht daran liegen, dass YouTube eine gottlose Zone wäre. Es gibt dort einfach Sachen, die funktionieren, und andere, die sich schwertun. Sich auf einer weltweit erreichbaren, global erfolgreichen Plattform zu präsentieren, heißt eben nicht, dass man dann auch ganz von selbst gesehen wird. Die erhofften jugendlichen Zuschauer zappen nicht quasi zufällig auf die Andachtsseiten.

Dazu bedürfte es schon göttlicher Fügung, wenn nicht gar Führung: Jede Minute werden bei YouTube rund zehn Stunden Video abgelegt. Macht 600 zusätzliche Videostunden pro Stunde, 14.400 am Tag, 432.000 im 30-Tage-Monat, 157.680.000 neue Video-Stunden im Jahr. Der Glaube, da gesehen zu werden, nur weil man einen Kanal eröffnet, zeugt von Gottvertrauen.

Videokanal heißt nicht Fernsehen

Er wächst aus dem Missverständnis, ein Kanal auf einer Web-Plattform sei irgendwie so etwas Ähnliches wie ein TV-Kanal. Etwas, was man - quasi per Knopfdruck auf der Fernbedienung - regelmäßig mal anmacht, um zu sehen, was so im Programm ist.

YouTube selbst hätte das wohl gern: Es würde so viele Möglichkeiten der Vermarktung eröffnen. Nur zu gerne zelebriert YouTube deshalb die Eröffnung von Unterkanälen mit prominenten Partnern.

Das hindert die Betreiber allerdings nicht daran, den frischeröffneten Kanal sofort fast unauffindbar in den Tiefen des Angebotes zu versenken. Denn ein Kanal wird bei YouTube nur durch Erfolg sichtbar, indem er in den Rankings nach oben rutscht. Was nicht gefällt, verschwindet im Nirwana der Video-Kanal-Masse.

So wie "The Vatican", eine Video-Plattform in vier Sprachversionen. Auf Italienisch, Spanisch, Deutsch und Englisch erscheint das Angebot, jedes Video bekommt eine entsprechende Übersetzung. Und jeden dieser vier Unterkanäle kann man gesondert abonnieren. Wir schauen nur einmal auf den erfolgreichsten Kanal, der natürlich der englische ist: Von Freitag bis Mittwoch hatte der 10.000 Abonnenten gefunden (alle Abonnentenzahlen: Mittwoch, 28. Januar 2009, 9 Uhr). Immerhin. Wer sich im Mitmach-Netz nicht auskennt, hält das für eine große Zahl.

Abo heißt: "Ich komme regelmäßig"

Ein Abonnement bei YouTube ist natürlich kostenfrei. Aber es ist auch eine bewusste Erklärung: Dieser Kanal interessiert mich, hier werde ich öfter hineinsehen und deshalb setze ich jetzt ein Lesezeichen drauf. Es ist immer nur eine Minderzahl der Besucher eines Kanals, die sich auf so ein Abo einlassen.

Alles mag also noch viel besser werden. Vielleicht wird der Vatikan so erfolgreich wie die BBC, die seit 2005 stolze 48.500 Abonnenten sammelte. Oder vielleicht sogar so erfolgreich wie Fred Figglehorn, der Betreiber des derzeit erfolgreichsten Abo-Kanals bei YouTube (775.647 Abonnenten).

Den kennen Sie nicht? Aber bestimmt doch: Der schlägt doch alle Profis, Sender, Hilfsorganisationen, Regierungen, Parteien, sogar diesen Barack Obama (158.905 Abonnenten) und so weiter. Den hier meinen wir:

Das ist das Konkurrenzumfeld, an dem sich der Vatikan nun messen müsste, wenn er rein numerisch mithalten wollte.

Natürlich wäre das aussichtslos: Das oben gezeigte Video wurde bisher 16.067.424-mal abgerufen und 93.405-mal von Zuschauern kommentiert. Täglich wird das nervig-beknackte Machwerk weitere 95.000-mal aufgerufen. Dabei ist es längst ein Oldie: Veröffentlicht wurde es am 19. Juni 2008.

Das bisher erfolgreichste Video des Papstes kommt auf knapp 92.436 Abrufe und null Kommentare. Dieser relative Erfolg des Vatikans wird sich aber so schnell nicht wiederholen: Es ist das Video zur Kanaleröffnung. Die meisten Vatikan-Videos haben bisher - je nach Sprache - 700 bis 16.000 Abrufe.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Fehlende Kataloge
Eiermann 28.01.2009
Web-2.0-Angeboten wie Youtube oder z.B. den unzähligen Gruppen in StudiVZ fehlt es vor allem an brauchbaren Themenverzeichnissen, inkl. herausgehobener Aufzählung wichtiger Anbieter. Riesenmedienangebote wie Youtube sind ohne solche Kataloge leider nur zur Hälfte brauchbar, wenn man in ihnen nur nach Stichworten suchen, aber kaum nach Themen stöbern kann. Die Stichwort-Clouds sind, wenn überhaupt vorhanden, dafür leider nur eingeschränkt brauchbar.
2. Youtube ist kein Angebot
G.Ott 28.01.2009
Da Youtube selbst kein eigenständiges "Angebot" aus sich raus ist, braucht's auch keinen Katalog. Youtube ist eine Betriebsplattform, die es ermöglicht, Videos dort abzulegen und in themenorientierte Web-Sites einzubinden, ohne bei exzessivem Abruf der Videos dem finanziellen Ruin durch Betriebskosten ausgesetzt zu sein. Wer Youtube als eigenständiges Angebot ansieht, überträgt nur alte Sichtweisen auf ein neues Medium. Das kann nicht funktionieren und deswegen hat der Papachannel auch keine Fans. Gruß, G.Ott
3. Christlich albern.
PML, 28.01.2009
Was könnte denn in so einem Papst-Kanal stehen? Gott schütze das Leben von Klaus Zumwinkel? Und: Die Armen sind nicht demütig genug? Damit kriegt man ´nen Loch innen Kopp. Und das völlig zu Recht.
4. G.Ott auf godtube
soylentyellow1 28.01.2009
Der Papst hätte ja auch godtube.com als Videoplattform wählen können. Apropos: Der Username G.Ott passt sehr gut zum Thema.
5. .
Eiermann 28.01.2009
Zitat von G.OttDa Youtube selbst kein eigenständiges "Angebot" aus sich raus ist, braucht's auch keinen Katalog. Youtube ist eine Betriebsplattform, die es ermöglicht, Videos dort abzulegen und in themenorientierte Web-Sites einzubinden, ohne bei exzessivem Abruf der Videos dem finanziellen Ruin durch Betriebskosten ausgesetzt zu sein. Wer Youtube als eigenständiges Angebot ansieht, überträgt nur alte Sichtweisen auf ein neues Medium. Das kann nicht funktionieren und deswegen hat der Papachannel auch keine Fans. Gruß, G.Ott
Videoplattformen wie Youtube sind zwar selbst kaum Anbieter, aber Plattformen für Anbieter oder Anbieter von Anbietern. Als Plattform für Millionen Anbieter mittlerweile ein Megaanbieter. Wieso sollen die keine Kataloge gebrauchen können, wenn es die Themenrecherche ohne genaue Stichwörter immens erleichtern und verbreitern würde? Der einzige Unterschied von Youtube zur Mediathek eines Fernsehsenders ist der, das Youtube die Videos nicht selbst produziert. Das ändert aber nichts daran, dass eine Videoplattform wie Youtube nicht genauso einer stärkeren thematischen Struktur bedarf wie TV-Mediatheken.
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