Medienwandel AP umarmt Technorati

News-Searchdienste und Blogs führen die Leser an den Medienunternehmen vorbei. Die Nachrichtenagentur AP reagiert mit einem konstruktiven Ansatz: Kooperationen mit Technorati und Topix sollen das Blog über den Artikel zum Teil der Nachricht machen.

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Das klassische Geschäft der Nachrichtenagenturen ist der Verkauf von News an Medien. Das ist der Hauptgrund, warum sich einst alle Agenturen schwer taten mit dem Engagement im Internet: Ihre "Produkte" sollte man auf den Seiten der Kunden lesen, nicht direkt bei der Agentur. So wurden AP und AFP, dpa und ddp, Reuters und Co Ende der Neunziger zu Nachzüglern im Online-Publishing.

Seitdem ist allerdings eine Menge passiert. Die Agenturen kamen spät, aber mächtig: Heute unterhalten sie nicht nur eigene News-Portale, sondern befüttern die Online vertretenen Medien auch mit einem vielfältigen, aufs Web zugeschnittenen Programm von Textnachrichten über Audio-Bits bis zu Nachrichtenvideos. Entgegen ihren eigenen Befürchtungen haben sie sich damit nicht selbst überflüssig gemacht - und auch das Geschäft ihrer zahlenden Kunden nicht ausgehebelt.

Wie wenig Angst die Branche mittlerweile vor der Umarmung des Internet hat, dokumentiert nun die Nachrichtenagentur AP. Sie reagiert auf zwei verbliebene Problemfelder, die wiederum Medien wie Agenturen mit sehr gemischten Gefühlen beobachten: Blogs und News-Suchdienste.

Der Technorati-Deal

Für Schlagzeilen sorgt derzeit vor allem ein Deal mit dem Blog-Suchdienst Technorati: Der soll künftig erfassen, welche Blogs sich auf AP-Nachrichten beziehen und diese "rückmelden". AP wird die Links zu diesen Blogs den rund 440 zahlenden Kunden seines "AP Hosted News"-Service zusammen mit der betreffenden Nachricht liefern und will so die Quelle mit der Diskussion darüber verbinden. Der Hintergedanke ist klar: Die Nachrichtenagentur versucht, das "Original" wieder in den Vordergrund zu stellen, denn für immer mehr Internetnutzer besitzt das Lesen über eine Nachricht längst mehr Gewicht als die Nachricht selbst.

Mit Grauen beobachten gerade Zeitungsverleger dabei, dass das Absinken ihrer Auflagen augenscheinlich nicht zu stoppen ist. Insbesondere die überregional vertriebenen Blätter müssen bluten: Laut in der vergangenen Woche veröffentlichten Zahlen über den US-Markt verloren die Zeitungen dort im Jahr 2005 rund 2,5 Prozent ihrer Auflage. Weit stärker betroffen sind jedoch ausgerechnet die bekanntesten Titel. So soll die "LA Times" satte 5,4 Prozent verloren haben, die im Web so innovativ auftretende "Washington Post" 3,7 Prozent. Zugleich verdoppelt sich die Zahl der Blogs weltweit etwa alle sechs Monate.

Da ist die "Hochzeit" von professionellem und "community journalism" nur logisch: Leser, so eine alte Medienmacher-Binsenweisheit, muss man da abholen, wo man sie findet.

Die Links, die im Kontext der dem AP-Service angeschlossenen Nachrichtenseiten gezeigt werden, führen die Leser zu einer speziellen Technorati-AP-Seite. Zum Angebot gehört unter anderem auch eine besonders präsentierte Sammlung der "fünf in Blogs meistdiskutierten AP-Nachrichten". Lohnend ist das für Technorati, weil Anzeigenerlöse aus dem Umfeld der so präsentierten News-Blog-Geschichten gesplittet werden sollen. Für die angeschlossenen Newsseiten wiederum ist das attraktiv, weil der Weg zwischen Nachricht und Metanachricht, zwischen Quelle und Diskussion verkürzt wird. Die Blogs werden so zum Kontext der Nachricht, statt diese einfach nur zu ersetzen.

Für Technorati ist das nicht der erste Handel dieser Art: Die Webseiten der "Washington Post" und von "Newsweek" präsentieren bereits auf ähnliche Weise Blog-Suchergebnisse.

Peter Hirshberg von Technorati übernahm es, den neuen Deal der Blogging-Community schmackhaft zu machen: In einem Statement im Technorati-eigenen Weblog zeigte er sich "erfreut" über die Kooperation. Hirshberg hat keinen Zweifel daran, wer an dem Deal wirklich profitieren wird. Der neue Service werde die Kommentare von Bloggern zu AP-Stories im ganzen Land verbreiten und den Bloggern so "eine Stimme" im Kontext von vertrauenswürdigen Medien verleihen. Hirshberg: "Für viele Nachrichten-Leser wird das die erste Berührung mit der Blogosphäre sein." Und das im Kontext mit Nachrichten über nationale und internationale, Wirtschafts- und Sportthemen, Seite an Seite präsentiert mit "den Kommentaren der Blogger und ihren Einsichten".

News-Suchdienste: Do-it-yourself statt Google

Aktiv wird die AP auch in Sachen News-Suchdienste. Auch die sind sowohl für die Agenturen als auch für die Medien-Webseiten ein wachsendes Problem: Angebote wie Google News stellen für viele Internetnutzer längst eine Alternative zu den originären Quellen dar, aus denen sie sich eigentlich nur bedienen. Insofern sind sie also parasitär: Hängen bleibt beim Leser nicht unbedingt, dass er eine gute Story bei Zeitung XYZ gelesen hat, sondern bei Google News. Auf der anderen Seite führen solche News-Suchdienste gerade kleineren Zeitungen erst Leserschaft zu.

Das allerdings auf höchst demaskierende Art und Weise. Weil nicht nur Google News Uniformität belohnen, indem sie Nachrichten, die möglichst oft wortgleich im Netz zu finden sind, auch besonderes Gewicht zusprechen ("und 129 ähnliche Artikel"), lassen sie Medienangebote eben als uniform und austauschbar erscheinen - vor allem wegen der Agenturnachrichten.

Gegen beide Effekte will AP mit Hilfe einer Kooperation mit dem Suchdienst Topix etwas unternehmen. Der gehört gemeinschaftlich einigen der größten Verlage der USA und wurde gegründet, um US-Medien gezielter als bei Google-News Leser zuzuführen. Statt den Leser nämlich relativ willkürlich zu irgendeiner Version einer Nachricht zu führen, soll Topix den Leser direkt hin zur ursprünglichen Nachrichtenquelle führen. Im Klartext: Während Google-News und Co Uniformität belohnen, soll Topix die investigative, zumindest aber die Erstveröffentlichungs-Leistung belohnen.

Und das hat AP damit zu tun: Viele Agenturnachrichten schöpfen aus der Eigenleistung von Medienunternehmen, indem sie deren Erkenntnisse überregional (und meist gekürzt) verbreiten. Der Topix-AP-Deal sieht nun vor, die Quellen der Agentur zu belohnen, in dem man ihnen Leser zuführt. Bleibt nur ein Problem zu lösen: Während jeder Surfer die Nachrichtenseiten der großen Suchdienste kennt, ist Topix weitgehend unbekannt.

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