Medienwandel Pulitzer-Preis für Online-Journalismus

In Deutschland gilt Online-Journalismus vielen noch immer als zweitrangig - in den USA denken inzwischen selbst elitäre Institutionen um. Der Aufsichtsrat der ehrwürdigen Pulitzer-Preise hat beschlossen, auch Internet-Texte auszuzeichnen.

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Wenn Zeitungsleute über Online-Journalismus reden, ist das für sie oft noch immer ein angstbeladenes Thema: Online ist das, was der Zeitung so brutale Konkurrenz macht. Weil das Medium die Zielgruppen so mühelos einfängt, um die sich die Zeitung so erfolglos bemüht. Weil es den Lesern jeden Tag aufs Neue vorführt, dass die aktuelle Zeitung bestenfalls ein Produkt mit den Nachrichten von gestern ist. Weil es atemlos sein mag, aber immerhin tiefer und schneller als Radio und Fernsehen.

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Die Puristen der Printwelt sehen alles, was online publiziert wird, darum gern als Fast Food, als angeblich weniger gut. Als Produkte aus der "Sahelzone des Journalismus" gar, wie der "FAZ"-Herausgeber Frank Schirrmacher einmal bei und über SPIEGEL ONLINE wenig treffend meinte. Denn Online ist keine dürre Steppe, sondern eine im Gegensatz zur Papierwüste blühende Landschaft; eine Savanne vielleicht, in der es mitunter ziemlich zur Sache geht.

Online-Journalisten nehmen die Sache darum anders wahr: Sie sehen sich mitunter nicht weniger arrogant als ihre Print-Kollegen als Speerspitzen einer neuen Medienszene, als Vorkämpfer an der Front der Medienkrise. In ihrer Wahrnehmung ist die im direkten Vergleich tatsächlich erholsam langsam getaktete Welt der Zeitungsredaktion eine Art Ruheraum, in dem die letzten Vertreter der Spezies Zeitungsmensch gemächlich dem Medienwechsel entgegendämmern. Beides ist natürlich blöd.

Es gibt Online-Journalismus, der ist mindestens so schlecht wie der Mist, den viele Zeitungen als Journalismus verkaufen. Aber es gibt auch einen Online-Journalismus, der sich jederzeit mit der Zeitung messen kann, selbst wenn die mit ihren besten Inhalten glänzt.

Die qualitative Konkurrenz mag quantitativ noch nicht auf Augenhöhe stattfinden: Die Manpower-Übermacht der Zeitungsredakteure produziert noch immer weit zahlreichere Perlen. Wie könnte das auch anders sein? Wo der gute, etablierte Zeitungsautor einen Artikel schreibt, verfasst der Onliner locker das fünffache Pensum. Web-Journalisten konkurrieren mit Zeitungsschreibern, arbeiten aber wie Agenturjournalisten.

Ein überfälliger Schritt

Trotzdem: Perlen gibt es nicht nur im Print, und Online ist schon lange kein schräges Verlegerhobby mehr. Es ist auch und gerade für Verlage das Kerngeschäft der Zukunft, wenn sie überleben wollen. Längst nutzt fast jeder Journalist das Web für Recherchen und Kommunikation, und angeblich veröffentlicht bald die Hälfte der Journalisten auch im Web. So langsam wirkt der angeblich grundsätzliche Gegensatz zwischen Print- und Online-Journalisten reichlich konstruiert.

Der Aufsichtsrat des ehrwürdigen Pulitzer-Preises, der, obwohl er eine reine US-Veranstaltung ist, als renommiertester Journalistenpreis der Welt gilt, gibt diesen Gegensatz jetzt auf. Nicht nur, dass nun auch Online-Texte in die Wertung genommen werden. Sie können auch auf reinen Web-Seiten ohne Print-Pendant erschienen sein.

Das ist in gewisser Weise bitter, weil es eine Reaktion auf die Realitäten darstellt. Und die sehen in den USA noch weit krasser aus als in der hiesigen krisengeschüttelten Branche: Traditionsreiche Zeitungen machen dicht oder verlegen sich vollständig ins Web. Verlage taumeln, wie aktuell die "New York Times", die angeblich ihre Immobilien beleihen will, um flüssig zu bleiben. Für die "Los Angeles Times" besteht diese Möglichkeit nicht mehr: Der Tribune-Verlag, in dem sie erscheint, hat am Montag Insolvenz angemeldet. Derweil haben News-Websites in den USA längst erheblich mehr Leserschaft als die Zeitungen.

Online ist dort längst ein Primärmedium, im Rest der Welt ist es auf dem Weg dahin. Gut also, dass sich dies nun auch widerspiegelt, wenn es darum geht, die besten Inhalte der aktuell schreibenden und berichtenden Zunft auszuzeichnen. Alles andere wäre ein Anachronismus.

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insgesamt 277 Beiträge
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Seite 1
Adran, 09.12.2008
1.
Zitat von sysopDie Zeit, in der Online-Journalismus ein hastiges Nebengeschäft der Verlage war, geht ihrem Ende entgegen. Noch aber reklamiert die Zeitung für sich die höheren Qualitäten. Ist das wirklich noch so?
Vergleicht man SPON mit dem Spiegel, dann Ja! Wobei auch der Spiegel immer mehr richtung spon tendiert, und das frustiert.. ;)
Jawo Kanndattan 09.12.2008
2.
Zitat von sysopDie Zeit, in der Online-Journalismus ein hastiges Nebengeschäft der Verlage war, geht ihrem Ende entgegen. Noch aber reklamiert die Zeitung für sich die höheren Qualitäten. Ist das wirklich noch so?
Wir sind mitten in einem Umbruch und zwar zuungunsten der traditionellen Medien die noch(!) glauben auf einem qualitativ höherwertigen Ross zu sitzen. Und ich glaube die Qualität wird gezwungenermaßen in die Onlinemedien abwandern müssen, um sich langfristig überhaupt finanzieren zu können! In nicht allzu ferner Zeukunft werden die altgewohnten Printmedien nur noch das Nebengeschäft sein. Spätestens dann, wenn es den Printmedien (Büchern wie Zeitschriften) in Form der E-Books endgültig an den Kragen geht und nur mal beispielsweise, Sport der einen interessiert aus dem Kicker bezogen wird, politische Kommentare aus der Faz und/oder der Süddeutschen und das Feuilleton meinetwegen aus der Zeit. Wahrscheinlich stellt man sich dann ein persönlich geprägt Mix zusammen der je nach Themenvielfalt, Menge oder Qualität abonniert, wie auch immer gedownloaded und zum Beispiel auf dem Weg zur Arbeit mit einem Sony Reader gelesen wird und vielleicht für einen späteren Forenbeitrag oder Leserbrief mit Kommentaren versehen werden Kann. Da tun sich auch vollkommen neue Geschäftsfelder auf in puncto Marketing und interaktiven Leserkontakten. Ich weiß die Medien-Traditionalisten beschwören noch immer das Gefühl des Haptischen, dass der Mensch auf das Gefühl ein Buch oder eine Zeitung in der Hand zu halten niemals verzichten wird. Aber auch das ist letztendlich eine Gewöhnungssache. Man warte nur ab bis ein schickes E-Book von Apple zum Statussymbol geworden ist. Das es so nicht weitergeht und die alten Zeiten der hohen Druckauflagen zurück kommen, kann man sich an drei Fingern abzählen. So manches Pressehaus kann da jetzt schon ein Lied von singen.
Orthogräfin, 09.12.2008
3.
Zitat von sysopDie Zeit, in der Online-Journalismus ein hastiges Nebengeschäft der Verlage war, geht ihrem Ende entgegen. Noch aber reklamiert die Zeitung für sich die höheren Qualitäten. Ist das wirklich noch so?
Gerade beim Spiegel ist das nicht mehr so. Das heißt aber nicht, daß das Onlineangebot anspruchsvoller oder hochwertiger geworden wäre!
harm ritter 09.12.2008
4.
Zitat von sysopDie Zeit, in der Online-Journalismus ein hastiges Nebengeschäft der Verlage war, geht ihrem Ende entgegen. Noch aber reklamiert die Zeitung für sich die höheren Qualitäten. Ist das wirklich noch so?
Geht es nur nach der Popularität, kann sich der Online-Journalismus längst mit der Tageszeitung messen. Ich beziehe meine Nachrichten heute sehr viel mehr aus dem Internet, als auf Papier gedruckt. Was die sprachliche und journalistische Qualität angeht, hat das Papier noch immer die Nase vor, aber das ist ja auch kein Wunder: Es macht einen großen Unterschied, ob man nur eine Stunde oder drei Tage Zeit hat, einen guten Artikel zu verfassen. Aus diesem Grund wollte ich auch nie Journalist werden, auch wenn ich mit diesem Beruf einmal geliebäugelt habe: ich wäre, glaube ich, mit dem Zeitdruck nicht so gut klargekommen. Meine Vorbilder waren immer Brecht oder Böll: die hatten jahrelang Zeit, an einem einzigen Absatz zu feilen.
lupenrein 09.12.2008
5.
Zitat von sysopDie Zeit, in der Online-Journalismus ein hastiges Nebengeschäft der Verlage war, geht ihrem Ende entgegen. Noch aber reklamiert die Zeitung für sich die höheren Qualitäten. Ist das wirklich noch so?
'Hastig' muss nicht von minderer Qualität sein. Normalerweise lese ich in der Tageszeitung das, was einen Tag vorher im Internet stand. Die Qualität der Meldungen und Meinungen hängt nach meiner Meinung nicht vom Papier ab, sondern von der Qualität der Journalisten, die im Internet schreiben. In der Praxis einer Redaktion sieht es doch heute so aus, dass Journalist(in) direkt in den PC schreibt. Ist er/sie online, dann steht es im Internet-Journal, ist er/sie nicht online, dann ist der Text mögkicherweise für den Drucksatz gedacht. Den Unterschied sehe ich allein in der Technik. Qualität kann in allen Medien gut oder sachlecht sein.
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