Mediziner-Bewertungen Ärzte-Portale streiten um Kreuzchen

Das Ärzte-Bewertungsportal Jameda, eine Tochter von Burda Media, geht juristisch gegen einen Konkurrenten vor. Begründung: DocInsider gebe aufgrund eines Web-Bewertungssystems überhöhte Teilnehmerzahlen an. Ein ähnliches System wendet auch die Burda-Seite Focus.de an - doch Burda droht sogar mit einer Haftstrafe.

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Die Überschrift der Pressemitteilung klingt drastisch: "Bis zu 250.000 Euro Ordnungsgeld" drohe dem Ärzte-Bewertungsportal DocInsider.de, dem Geschäftsführer Ingo Horak gar "eine Ordnungshaft von bis zu sechs Monaten". Dabei geht es nur um Bewertungssternchen auf Internet-Seiten.

DocInsider-Bewertungssystem: "Irreführende Funktion"?

DocInsider-Bewertungssystem: "Irreführende Funktion"?

Per einstweiliger Verfügung ließ die Bewertungsplattform Jameda dem Konkurrenten DocInsider verbieten, mit der Gesamtzahl der in dem Portal abgegebenen Ärztebewertungen zu werben. Bei DocInsider kann man, ebenso wie bei Jameda, berichten, wie gut oder schlecht man sich von einem Arzt behandelt fühlte. Bei DocInsider jedoch konnte man das bis vor kurzem mit einem einzelnen Klick tun: Auf einer Leiste mit fünf Kreuzchen oder Pluszeichen konnte man so einen zwei, drei, vier oder fünf Punkte vergeben, wie man das aus vielen anderen Angeboten im Internet gewöhnt ist, von Amazon bis YouTube. Nur dass dort üblicherweise Sternchen statt Kreuzchen vergeben werden. Ob man Ärzten als Laie solche Noten geben dürfen sollte, ist durchaus umstritten, das gilt auch für weitere Portale wie Imedo oder Mein-guter-Arzt.de. Doch darum ging es Jameda und dem Mitbesitzer Burda Media gar nicht.

Die Ein-Klick-Form der Bewertung sei eine "irreführende Funktion", die dazu führe, dass Bewertungen "unbewusst oder irrtümlich abgegeben" würden, argumentiert Jameda-Geschäftsführer Markus Reif in der Pressemitteilung zur einstweiligen Verfügung. Die Nutzer, so die Mitteilung, hätten Punkte verteilt, "ohne vorher klar und verständlich darauf hingewiesen worden zu sein, dass schon durch einen solchen Mausklick eine Bewertung des betreffenden Arztes abgegeben werden würde".

"Fairer Konkurrenzkampf"?

Der Mechanismus ist bei DocInsider bereits geändert worden, wer Kreuzchen vergeben will, muss nun zunächst auch weitere Fragen über die wahrgenommene Qualität der Behandlung und Beratung, Wartezeiten und anderes beantworten.

Die Verfügung von Jameda hebt auf die Anzahl der Bewertungen ab, mit denen sich das Portal schmückt. "Mindestens 60.000" davon seien aufgrund der "irreführenden Funktion" zustandegekommen, glaubt man bei Jameda. Das beeinträchtige den "fairen Konkurrenzkampf zwischen Bewertungsportalen". DocInsider hatte schon vor einigen Wochen die Schwelle von 100.000 abgegebenen Bewertungen überschritten.

DocInsider-Chef Ingo Horak widerspricht den Zahlen, die der Konkurrent nun ins Feld führt: Mindestens 50.000 DocInsider-Bewertungen bestünden nicht nur aus Ein-Klick-Bewertungen, sondern auch aus weiteren Angaben und Freitext, sagt er. Zudem sei auch bisher "an mehreren Stellen darauf hingewiesen" worden, dass man mit dem Klick eine Bewertung ausspreche. Der veränderte Mechanismus, der jeden Bewerter zu mehr Angaben und einer Registrierung zwingt, habe dem Portal aber ohnehin nicht geschadet, sagt Horak: "Wir haben sehr viele neue Registrierungen bekommen."

"Missliebigen Wettbewerber aus dem Weg räumen"

Der Punkt sei ein anderer: "Jameda versucht uns zu diskreditieren" so Horak zu SPIEGEL ONLINE, man wolle offenbar "einen missliebigen Wettbewerber aus dem Weg räumen". DocInsider werde sich mit juristischen Mitteln wehren. Ob DocInsider mit der Bewertungszahl einschließlich Ein-Klick-Bewertungen werben darf oder nicht, wird nun in einem Hauptsacheverfahren entschieden.

Pikant ist an der Angelegenheit gleich Mehreres:

  • Hier geht ein Internet-Start-up gegen einen direkten Konkurrenten auf juristischem Wege vor - mit flankierender Pressemitteilung mit der Überschrift "DocInsider.de droht Ordnungsgeld von bis zu 250.000 Euro oder Ordnungshaft" . Das sind die juristischen Maximalkonsequenzen - doch dass die jemals eintreten ist fast undenkbar.
  • Es handelt sich bei der beanstandeten Bewertungsfunktion tatsächlich um ein im Netz durchaus gängiges Werkzeug.
  • Jameda gehört zu 19 Prozent dem Burda-eigenen "Focus"- Magazin-Verlag - und dessen Online-Angebot Focus.de benutzt eine fast identische Bewertungsmethode, um eigene Artikel von den Lesern beurteilen zu lassen.

Jameda-Geschäftsführer Reif beantwortete eine entsprechende Anfrage von SPIEGEL ONLINE mit der Einschätzung, die Bewertungen bei Focus und DocInsider seien nicht zu vergleichen: "Focus.de lässt seine eigenen Leistungen bewerten, nicht die von Dritten. Die absolute Zahl der Bewertungen für einen Artikel wird nicht angegeben. Focus Online wirbt auch nicht mit der Menge an Bewertungen, so dass die Irreführung Außenstehender von vornherein ausscheidet."

Zudem würde der Nutzer dort "auffällig darauf hingewiesen, dass er eine Bewertung dieses Artikels vornimmt". Bei DocInsider sei nur zu lesen gewesen "DocInsider Punkte vergeben". Daraus sei nicht ersichtlich gewesen, dass "es sich bei den DocInsider Punkten um eine Arztbewertung handelt". Zudem sei es "durchaus möglich" gewesen, "dass ein und der selbe User mehrere Bewertungen für einen Arzt abgibt, ohne sich dessen bewusst zu sein".

Weitere rechtliche Schritte gegen DocInsider plane man jedoch nicht, erklärte Reif.



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