Mein digitaler Alltag "...da ist wer gestorben..."

Begegnung im Forum. Das Echo eines Menschen. Ein virtueller, echter Tod. Weniger einsam als "draußen". Und genauso wenig zu verhindern.

Von Burkhard Sonntag


Da ist wer gestorben.
Nein, ich habe ihn nicht gekannt.
Eine unscheinbare Randnotiz, irgendwo in einem Forum oder Message Board, irgendwo verloren in der Weite des Netzes.
Und daneben gleich die Antworten, ungläubig, wütend und mit der netzüblichen Flapsigkeit.


"Glaubst Du das wirklich? Das Netz ist nun mal voller Lügen und Fakes!"

"Na denn, geh mal los und such auf einem virtuellen Friedhof sein virtuelles Grab!"

Wer ist gestorben?
Da steht ein Name.
Daneben ein kleines Kreuz und ein "R.i.P".
Was für ein Name? Natürlich nicht sein richtiger Name, nur sein Nickname, den er sich selbst gegeben hat und der das ausdrückt, was er die ganze Zeit über gefühlt hat.
Die Traurigkeit. Einsamkeit. Depression, die ihm schließlich keinen anderen Ausweg ließ.

Ja, ich erinnere mich an ihn.
Ab und zu mal sind wir uns im Chat begegnet. Oder in irgendeinem Forum. Vielleicht haben wir sogar mal miteinander gechattet, in fröhlicher Runde. Wie Fremde, die sich auf der Straße begegnen oder im Postamt mal ein paar Worte miteinander wechseln. Sonderlich aufgefallen ist er mir nicht.

Ist bloß sein Nickname gestorben?

Im Netz geht ja nichts verloren.
Und so fange ich an, zu recherchieren.
Suche die Postings, die er irgendwann im Laufe der letzten paar Wochen geschrieben hat.
Verdächtig oft taucht sein Name immer dann wieder auf, wenn es um Düsteres geht wie Angst, Depression, Wahnsinn und Tod.

"Ich habe versucht (...) den Wahnsinn in meinem Kopf zu lindern und endlich normal sein zu können...", schreibt er einmal.

Ich suche weiter. Achtzehn Jahre ist er alt. Ohne Probleme kriege ich seinen echten Namen und seinen Wohnort heraus.
Querverweise zu anderen Foren.
Foren, in denen es ausschließlich um Selbstmord geht.
Eine Homepage mit einem Tagebuch.

Seit Wochen redet er davon. Redet von nichts anderem mehr.
Andere versuchen ihm zu helfen: He du, tu es nicht!
Ach was, kommt mir doch bloß nicht mit euren alten Phrasen...


Eine Frau erzählt ihm ihre eigene Lebensgeschichte, wie sie als sechsjährige von ihrem Onkel sexuell missbraucht, dann immer wieder geschlagen und misshandelt worden, tausendmal auf die Schnauze gefallen ist.
Und damit noch nicht genug, ist bei ihr letztens multiple Sklerose diagnostiziert worden. Und trotzdem gebe ich nicht auf, sagt sie. Weil es immer irgendwo eine Lösung gibt. Und wenn das bei mir geht, warum nicht bei dir?

Er quittiert es achselzuckend. Vielen Dank und auf Wiedersehen, ist seine Antwort.
Ihn interessiert jetzt nicht mehr das Ob, sondern nur noch das Wie.
Welche Medikamente man am besten nehmen kann.
Da gibt es einen Schwarzmarkt. "Aber lasst euch nicht bescheißen!", warnt er andere potenzielle Selbstmörder, "die nehmen 800 Mark für eine Dosis, die ihr auf Rezept für 18 Mark bekommen könntet. Und das Zeug ist womöglich noch gestreckt und verunreinigt!"

Er hat sich längst einen geheimen Vorrat zugelegt.
Und dann kauft er sich eine Schrotflinte. Und Patronen. "Saupatronen", die haben die höchste Durchschlagkraft.

Er schreibt Abschiedsbriefe.
Im Tagebuch läutet er das letzte Kapitel ein.
Aber der Tag, an dem es passieren soll, verstreicht. Er konnte das Gewehr nicht zusammenbauen.

Und dann bricht das Tagebuch ab.

Ein paar Tage später dann zwei Todesanzeigen in der Online-Ausgabe der lokalen Tageszeitung.



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