Von Ole Reißmann
Raub mit Nasenbeinbruch, die Woche der Jugend, neues Mehrstockhaus am Thälmann-Park: Was im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg passiert, erfahren die Bewohner im Internet. Seit zwei Jahren gibt es die "Prenzlauer Berg Nachrichten" nun schon, zwei Journalisten schreiben regelmäßig für die Nachbarschaft, dazu kommen freie Mitarbeiter.
Gerade hat die "Frankfurter Rundschau" Insolvenz angemeldet. Regionalzeitungen standen schon immer vor einem Dilemma: Berichtet man nun für die eigenen Leser über alles, was in der Welt wichtig ist, oder was in der eigenen Stadt, im Viertel passiert? Bisher versuchen viele Zeitungen noch beides.
"Die Berliner Zeitungen berichten meist nur von hier, wenn es für die ganze Stadt interessant ist", sagt Philipp Schwörbel, der Gründer der "Prenzlauer Berg Nachrichten". Mit den lokalen Nachrichten will er eine Nische Füllen. Im Monat erreicht seine Website mehr als 20.000 Leser. Zum Vergleich: Ein erfolgreiche Techblogger schafft eine Million Visits. Kann sich Lokaljournalismus im Netz überhaupt rechnen?
Wenn alles gut läuft, decken die Einnahmen aus dem Werbegeschäft dieses Jahr immerhin die Kosten für die Journalisten und den technischen Betrieb der Seite - allerdings hat Schwörbel selbst, der sich um die Anzeigen kümmert, dann noch keinen Euro verdient. Dennoch ist er optimistisch: "Das kann und wird funktionieren", sagt er, auch wenn das Anzeigengeschäft harte Arbeit sei.
Versuche im Lokalen
Von zwei ebenfalls vielbeachteten Lokaljournalismus-Projekten, die im selben Jahr gestartet sind, ist hingegen nicht mehr viel übrig. Das "Hamburger Abendblatt" hat seinen freiwilligen Stadtteilreportern nach einem Jahr die Blogs abgeschaltet. Die sollten, ausgestattet mit Smartphone und Notebook, "direkt und zeitnah" aus ihrem Quartier berichten. Stattdessen haben nun die Redakteure der Zeitung die "Patenschaft" für je einen der 104 Stadtteile übernommen. Mindestens eine Story pro Monat sollen diese liefern.
Trotzdem verspricht der neue "Abendblatt"-Chefredakteur Lars Haider "maximale Sublokalität": Seine Redaktion hat einen Straßenratgeber erstellt, mit Sternchenwertung und Kommentarfunktion. Daraus soll später ein "sublokales Mitmachportal" werden. Zu jeder Straße sollen dann außerdem Nachrichten aus dem Umfeld angezeigt werden.
Während das "Abendblatt" weiter experimentiert, sind in den USA zwei Versuche gescheitert. Die Mitte 2010 gestartete hyperlokale Nachrichtenseite TBD.com aus der US-Hauptstadt Washington wurde mittlerweile völlig eingestellt. 50 Mitarbeiter arbeiteten für das Portal der Allbritton Communications Company, einer Firma, der lokale Fernsehsender wie WJLA-TV gehören. TBD.com sollte neben Nachrichten auch Einträge von 129 Bloggern sammeln und aufbereiten.
Hafen, Elbphilharmonie, Bürgerschaft
Die Investition ins Lokale wurde aufmerksam verfolgt, im Jahr zuvor hatten mehr als 100 US-Zeitungen ihr Erscheinen eingestellt, Tausende Journalisten verloren ihren Job. TBD.com galt deswegen als mutiger und wegweisender Schritt. Doch schon nach sechs Monaten wurde ein Großteil der Mitarbeiter wieder von dem lokalen Portal abgezogen. Die Anzeigenverkäufer hatten nicht genug Geld für einen so großen Betrieb einwerben können.
Also doch klein starten? Die "New York Times" hatte 2009 damit begonnen, von jeweils einem Redakteur ein Stadtteil-Blog betreuen zu lassen. Mit der Hilfe von freiwilligen Bürgerjournalisten sollten ein paar Gegenden, zum Beispiel Fort Greene und Clinton Hill in Brooklyn, informiert werden. Das Experiment "The Local" wurde nach drei Jahren beendet, jetzt überlegen Journalistenschulen, in welcher Form sie die hyperlokalen Blogs fortführen wollen.
Offenbar lohnen sich lokale Blogs für große Medienunternehmen bisher nicht. Bleibt Platz für kleinere Projekte, deren Macher sich mit Überzeugung selbst ausbeuten. Ähnlich wie die "Prenzlauer Berg Nachrichten" will ein neues Portal für den Bezirk Hamburg-Mitte nun Leser und Anzeigenkunden gewinnen. "Das Abendblatt stürzt sich oft vor allem auf die großen Themen: Hafen, Elbphilharmonie, Bürgerschaft und Senat" sagt Isabella David, eine der Gründerinnen von "Mittendrin". Die Politikstudentin findet, dass die Zeitung zu wenig über Bezirkspolitik und soziale und kulturelle Initiativen berichtet.
Das will sie nun mit einem Dutzend Mitstreitern auf "Mittendrin" ändern. Im September sind sie gestartet, mit mehreren tausend Flyern wollen sie die Seite bekannt machen. Bisher arbeiten die Studenten ohne Bezahlung, auf lange Sicht sollen die Redakteure aus Anzeigenerlösen bezahlt werden, am besten schon im kommenden Jahr. Außerdem soll es Spendenbuttons geben, damit Leser ihre Stadtteilseite freiwillig unterstützen können.
Freundeskreis und gedruckte Zeitung
Auch die "Prenzlauer Berg Nachrichten" setzen nicht allein auf Online-Werbung. Im Oktober hat Schwörbel einen Freundeskreis gegründet. "Wir wollen keine Bezahlschranke einführen, sondern eine Bezahlmöglichkeit schaffen", sagt er. Die Förderer, es sind noch keine hundert, sollen ein paar Euro im Monat zahlen, die direkt in die Redaktionsarbeit fließen. Die Zahlungsbereitschaft ist offenbar höher als angenommen, der Freundkreis könnte zum zweiten Standbein werden.
Gerade kleine Firmen, sagt Schwörbel, täten sich oft noch schwer mit Netzreklame. Schon dreimal haben sie deswegen eine richtige Zeitung gedruckt, acht Seiten in Farbe, und diese an Haushalte verteilt. Die dritte Ausgabe in einer stattlichen Auflage von 100.000 Exemplaren. Also zurück zum klassischen Wochenblatt? Nein: Die Printausgabe der "Prenzlauer Berg Nachrichten" subventioniert die Website bisher nur indirekt. Schwörbel kann so den Anzeigenkunden Werbung auf Papier und im Internet gleichzeitig verkaufen, außerdem wird die Website so bekannter.
Es ist harte Arbeit, die Anzeigenkunden müssen mühsam überzeugt werden, bisher lässt sich kaum Geld verdienen: Die hyperlokalen Zeitungen im Netz sind bisher vor allem Herzensangelegenheiten von Einzelnen. Mehrere Verlage haben sich nach der ersten Welle wieder von Experimenten verabschiedet.
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