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Meinverein.de: Wo Deutschlands Vereinsmeier netzwerken

Von Alexander Linden

Zwei Studenten bringen deutsche Vereine ins Netz: Inzwischen ist ihr Online-Netzwerk Meinverein.de zu Deutschlands größter Club-Community herangewachsen. Täglich wächst die Mitgliederzahl. Prominente wie Michael Stich unterstützen das Projekt, der Bundespräsident ist angetan.

Sport im Verein: Meinverein.de soll "eine Art globales Vereinsheim fürs Internet" sein Zur Großansicht
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Sport im Verein: Meinverein.de soll "eine Art globales Vereinsheim fürs Internet" sein

Die Herzkammer von Deutschlands größter Club-Community liegt versteckt in einem Hinterhof im Hamburger Szeneviertel St. Georg. Der Fußboden ist übersät mit Papieren, Aktenordnern, Plakaten und Notizzetteln, an den Wänden hängen Postkarten, Poster und Zeitungsschnipsel. Es könnte auch die Kreativabteilung einer Werbeagentur sein. Eine Einbauküche, eine Badewanne, alles da. "Früher waren das Wohnungen, aber vor ein paar Jahren sind hier lauter Start-ups eingezogen", sagt Max Fischer.

Fischer, ein Sunnyboy in Flip-Flops, Cargohose und dunkelblauem T-Shirt, sitzt an seinem Schreibtisch und klickt durch seine E-Mails. Von Tag zu Tag dauert das länger, immer mehr Nutzer interessieren sich für seine Vereinsplattform. Die Idee, die er zusammen mit seinem Freund Axel Kmonitzek ins Leben gerufen hat, kam im WWW gut an. Dabei ist das Konzept simpel: Deutschland ist ein absolutes Vereinsland, womöglich das Vereinsland Nummer eins in der Welt. Aber oft wissen Vereine und ihre Mitglieder gar nicht, wie viele Gleichgesinnte sie in der Republik haben. Etliche Clubs besitzen nicht einmal eine eigene Homepage.

Bis vor zwei Jahren fehlte zudem eine globale Austauschmöglichkeit. Und das nervte Fischer und Kmonitzek, die beide in mehreren Vereinen Mitglied sind. "Irgendwann kamen wir auf die Idee, es müsste so eine Art globales Vereinsheim fürs Internet geben, wo sich alle anmelden können und vernetzen. Das erleichtert doch sehr viel", findet Fischer. Die beiden Schulfreunde zögerten nicht lange. Der Plan war geboren, was fehlte waren Geld und Kontakte. Wichtig sei vor allem die Überzeugungsarbeit gewesen, sagt Fischer, dass man nicht einfach nur auf der Social-Network-Welle mitsurfen will, sondern etwas wirklich Neues in der Tasche habe. "Wir haben erst mal gecheckt, ob es so was nicht doch im Internet gibt, aber wir fanden nichts Vergleichbares", sagt der 28-Jährige. Die deutsche Vereinswelt lebte offline.

Es gibt heute zwei weitere Portale, die Ähnliches leisten sollen wie Meinverein.de: Vereine.de und IVerein. Seit etwa einem Jahr ist das ehemalige Vereinsverzeichnis Vereine.de eine echte Community, in dieser Zeit hat die Plattform etwa 600 Nutzer gewonnen. Bei IVerein.de sind insgesamt knapp 400 Vereine angemeldet - Meinverein.de dagegen hat inzwischen über 10.000 Vereine als Mitglieder gewinnen können.

Die Anschrift der WG als Firmensitz angegeben

Der Erfolg kam jedoch nicht von allein. Wochenlang hatten die Studenten - Fischer will Jurist werden, der 27-jährige Kmonitzek studiert Betriebswirtschaftslehre - an ihrem Konzept gebastelt. Tags lernten sie für die Klausuren, nachts entwickelten sie ihren Businessplan. Schließlich gingen sie auf die Suche nach Investoren. "Wir haben ganz schön gepokert", gesteht Fischer und grinst schief. "Ein paar Mal haben wir erzählt, wir hätten schon einen Firmensitz und so weiter, in Wirklichkeit haben wir die Anschrift von unserer WG genommen".

Das ging ein paar Mal gut. Dann gerieten sie an den Falschen. Die lockeren Sprüche und der Casual-Look mit Flip-Flops halfen auch nichts mehr - sie wurden als Hochstapler entlarvt. "Der Typ fand das aber ganz witzig und meinte, er habe auch mal so angefangen, der half uns dann doch", sagt Fischer - und versichert: "Wir haben so was dann auch nie mehr gemacht." Brauchten sie auch nicht. Denn durch Zufall entdeckte Matthias Nixdorf, Sprössling des Computer-Pioniers Heinz Nixdorf, den Businessplan bei einem Geschäftspartner und fand die Idee "super".

Nixdorf rief die beiden an und beteiligte sich als Gesellschafter. Dann ging es Schlag auf Schlag. Der Unternehmer erzählte seinem Freund Michael Stich von den zwei pfiffigen Jungs mit der großen Klappe und dem kühnen Plan. Ex-Tennis-Profi Stich fand das Konzept "von Anfang an extrem spannend", sagte er SPIEGEL ONLINE. Aus eigener Vereinserfahrung wisse er schließlich, dass es ein großes Bedürfnis nach einem solchen Portal gebe. "Umso mehr hat es mich gewundert, dass vor der Gründung von Meinverein.de noch kein anderer auf die Idee gekommen ist", sagt Stich: "Axel und Max haben mich mit ihrer Begeisterung richtig angesteckt."

Clubreise nach Malle oder Malente?

Zwei Big Player waren gewonnen, im Oktober 2007 ging Meinverein.de online. Inzwischen sind über 10.000 Vereine auf der Plattform registriert - und es werden täglich mehr. Die Mitglieder können sich entweder mit Vereinskameraden oder in der ganzen Community Informationen austauschen. Die Web-üblichen Gimmicks sind vorhanden. So können Vereine Fotoalben hochladen, Umfragen durchführen, Newsletter installieren und Treffen mit Gleichgesinnten organisieren. Auch ein virtueller Kummerkasten kann genutzt werden. Vor allem aber können alte Kontakte aufgefrischt und aus den Augen verlorene Freunde wiedergefunden werden.

Den Vergleich mit populären Portalen wie StudiVZ oder Facebook wollen Fischer und Kmonitzek nicht gelten lassen: "Dort sind vor allem jüngere Leute und Studenten. Wir bieten einen Querschnitt der Gesellschaft und sind für alle Altersgruppen offen", erklärt Fischer. Es gehe hier auch weniger um Individualität als um den praktischen Nutzen für die Vereinsarbeit. "Bei uns können die Mitglieder online abstimmen, ob die Clubreise nach Malle oder Malente gehen soll", sagt Fischer und grinst.

Der Bundespräsident überreichte einen Preis

Der Charme des Konzeptes drang bis in die Winkel der Traditionsvereine. In den Tiefen von Meinverein.de tummeln sich die Freunde des "Lachyoga" ebenso wie die "Gilde der studentischen Faschingstreiber". Die Mitglieder von "214 und Freunde", ein Verein um einen U-Bootjäger der DDR, plauschen mit den Damen vom Berliner "Cheerleader-Verein". Aus der ehemaligen WG-Firma ist inzwischen ein kleines Medienunternehmen mit zwei angestellten Vollzeitkräften und einem Praktikanten geworden. Fischer und Kmonitzek fungieren als Geschäftsführer. Michael Stich und Matthias Nixdorf sind stille Gesellschafter. Der Ruf von Meinverein.de reicht mittlerweile bis ins Schloss Bellevue in Berlin: Bundespräsident Horst Köhler verlieh Kmonitzek und Fischer im April den Preis "Deutschland - Land der Ideen 2009".

Ihre Konkurrenz beobachten die Nachwuchs-Manager gelassen. "Unser größter Mitbewerber hat 1000 Vereine als Mitglieder, da liegt noch einiges zwischen", findet Fischer. Trotzdem wollen sie es sich nicht zu bequem machen. Mit Michael Stich haben sie ihre Idee weiterentwickelt. Ab November kommt Meinverein.de als Zeitschrift auf den Markt. An alle registrierten Vereine soll sie kostenlos verteilt werden, sich nur über Werbung finanzieren. Stich wird Kolumnist.

Und auch die bisherige Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU) hat schon angeklopft: Ihre Referenten wurden auf die Community aufmerksam und rekrutierten die Jungunternehmer für eine eigene Plattform. "Engagiert in Deutschland" heißt das Projekt des Ministeriums. Fischer und Kmonitzek sollen es realisieren. Und wird er bei der Ministerin denn die Flip-Flops ausziehen? Fischer überlegt kurz: "Ach, ich glaube, die ist lockerer als man meint, wenn das Wetter mitspielt und es passt riskier' ich das mal und behalte sie an."

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