S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine: Das Internet ist Filesharing

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Wie viel Piracy steckt in Kim Dotcoms Privacy Company? Geht es nach der Inhalteindustrie, dürfte es sehr viel sein. Ein Ringen um die Frage, ob das Verschlüsselungsprinzip der neuen Cloud-Plattform Mega verboten werden muss, scheint unausweichlich. Dabei scheint eine Lösung einfach.

Der soziale Wert von Twitter liegt auch darin, ein Ort für kleine, beinahe egale Gedanken zu sein - ein Blick in tausend Köpfe und die dazu gehörenden, früher verborgenen Alltagsempfindungen. So kam es, dass Twitternutzer @einFluff ganz nebenbei etwas an der Art bemerkte, wie sich die neue Cloud-Plattform Mega ("The Privacy Company") präsentiert: "Das ist doch Absicht dass man sich bei MEGA immer verliest… The Privacy Company und The Piracy Company".

Der vielbesprochene Mann dahinter, Kim Dotcom, agierte bisher halb- bis drittelseiden. Seine Geschichte und seine Art, öffentlich als er selbst aufzutreten, erschweren es bis nah an die Unmöglichkeit, Mega unvoreingenommen zu betrachten. Und doch lohnt es sich. Der Grund dafür liegt exakt in der eventuell beabsichtigten Verwechselbarkeit von "Privacy" und "Piracy". Die Filesharing-Plattform Mega verbindet diese Pole unauflösbar. Genauer gesagt enthüllt sie die unauflösbare Verbindung zwischen den beiden. Denn Mega treibt die technischen Möglichkeiten der digitalen Vernetzung auf die Spitze, indem es ausschließlich durch den Nutzer verschlüsselte Daten transportiert. Neben dem Absender sind Empfänger nur durch die Kenntnis eines bisher nicht knackbaren Zahlenschlüssels in der Lage, die geteilten Inhalte zu decodieren. Filesharing wird damit offiziell zu einer Frage der Kryptografie. Jede Kontrolle durch die Plattform entfällt - sie ist derzeit technisch nicht praktikabel.

Zum Vorschein kommt eine Tatsache, die für die Inhalteindustrie außerordentlich schmerzhaft ist: Im Internet in seiner heutigen Form lässt sich Filesharing nicht verhindern. Das ginge nur, indem ein anderes Netz geschaffen würde. Ein Netz, in dem jedes bewegte Bit kontrolliert werden kann, also eines ohne Privatsphäre. Der Start von Mega heißt daher in der Lesart der traditionell aggressiv lobbyierenden Inhalteindustrie der USA fatalerweise: Privacy gleich Piracy. Damit glaubt eine politisch und medial große Macht spätestens seit dem 19. Januar 2013 auf die Abschaffung der digitalen Privatsphäre hinarbeiten zu müssen. Das ist zwar ein katastrophaler Fehlschluss und vermutlich menschenrechtswidrig. Aber wie überradikalisiert die Atmosphäre rund um Urheberrechte ist, ließ sich zuletzt am Fall Aaron Swartz erkennen. Für das Eindringen in ein Netzwerk und das bloße Kopieren wissenschaftlicher Artikel drohte ihm potentiell eine Gefängnisstrafe von mehr als fünfzig Jahren.

Mit der Cloud ist das Internet Filesharing

Je nach Perspektive wird an der Abschaffung der digitalen Privatsphäre im Netz bereits gearbeitet. Eine vom EU-Parlament in Auftrag gegebene Studie wies Ende 2012 darauf hin, dass private Daten auf US-Servern allen EU-Bestimmungen zum Trotz stets als den Behörden zugänglich betrachtet werden sollten. Die Begründung dafür ist Terrorismusbekämpfung. Aber die Erfahrung zeigt, dass einmal bestehende Ermittlungsinstrumente solcher Art schnell schrotgewehrhaft zum Einsatz kommen. Ohnehin sind Cloud-Anbieter unter höchsten Druck der Inhalteindustrie geraten. Dropbox, das weiße Geschwisterlämmchen des vermeintlich schwarzen Schafs Mega, reduzierte deshalb im Oktober 2012 seine öffentliche Sharing-Funktion auf ein Minimum.

Im Interview mit SPIEGEL ONLINE sagte die Dropbox-Vizepräsidentin Ruchi Sanghvi, auf illegales Filesharing angesprochen, einen verräterischen Satz: "Unsere Nutzer machen so etwas nicht." Schon die trotzig ironische Art einiger Internetnutzer dürfte dazu führen, dass diese Mischung aus Vermutung und Hoffnung eine self-destructing prophecy werden könnte. Aber das Zitat offenbart, dass der einzige substantielle Unterschied zwischen illegalen Filesharing-Plattformen und beliebigen Cloud-Unternehmen von Google und Dropbox bis Microsoft und Strato die Art der Nutzung ist. Mit der Cloud geschieht Filesharing nicht mehr irgendwo im Internet - mit der Cloud ist das Internet Filesharing. Der Rest ist eine juristische Definitionsfrage, und der Antwort darauf steht nur die Privatsphäre im Weg.

Als Reaktion auf Kim Dotcoms Plattform - die selbstverständlich, aber unverhinderbar auch für illegales Filesharing genutzt werden wird - wird die Inhalteindustrie deshalb kurzschlusshaft auf ein Verbot von hochsicherer Verschlüsselung und digitaler Anonymität drängen. In Behörden, denen für sie selbst unknackbare Kryptografie ohnehin nicht behagt, werden solche Ideen gern genommen. Mega ist deshalb gerade wegen des legalen Geschäftsmodells eine Nagelprobe für die Inhalteindustrie, wie weit sie in ihrem Kampf gehen wird. Leider neigt diese Industrie dazu, ein paar Meter neben einer weit offenen Tür mit dem Kopf durch die Wand zu brechen. Und zwar mit dem Kopf der Internetnutzer. Denn natürlich gäbe es eine funktionierende Lösung für das tatsächlich vorhandene Problem, das gewöhnlich als Piraterie bezeichnet wird. Ironischerweise hat gerade die Megahupe Kim Dotcom selbst vor einigen Tagen darauf hingewiesen - auf Twitter, in weniger als 140 Zeichen:

"Wie man Piraterie stoppt:
1 großartige Inhalte schaffen
2 den Kauf so einfach wie möglich machen
3 weltweite Veröffentlichung am gleichen Tag
4 fairer Preis
5 auf jedem Gerät abspielbar"

Selbst, wenn ein Hollywoodstudio eine sanft differierende Auffassung über die Höhe eines "fairen Preises" haben dürfte als etwa ein Fünfzehnjähriger am anderen Ende der Welt, und trotz aller Schmierlappigkeit - dieses Rezept würde funktionieren. Denn es schwimmt mit dem Flow des Internet statt dagegen. Das ist das Ärgerliche an dieser Einrichtung namens Realität: Manchmal haben auch Leute recht, die man nicht mag.

tl;dr

Mit dem Start der Plattform Mega wird der Kampf um das Urheberrecht endgültig auf dem Feld der Privatsphäre geführt. Am Ende verlieren alle.

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insgesamt 337 Beiträge
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1.
mm71 22.01.2013
Zitat von sysopWie viel Piracy steckt in Kim Dotcoms Privacy Company? Geht es nach der Inhalteindustrie, dürfte es sehr viel sein. Ein Ringen um die Frage, ob das Verschlüsselungsprinzip der neuen Cloud-Plattform Mega verboten werden muss, scheint unausweichlich. Dabei scheint eine Lösung einfach. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/mensch-maschine-das-internet-ist-filesharing-a-878941.html
Der Ansatz für den "Gegenangriff" liegt doch eh woanders: Ob irgendwo irgendwas verschlüsselt liegt ist eine Sache, man muss es ja auch finden und dazu muss es mit klarem Namen benannt und verlinkt werden.
2. Herr Lobo sieht das Thema wie immer entspannt
neu_ab 22.01.2013
Denn er erbringt ja keine geistigen Leistungen, die zu klauen es lohnen würde. Was soll eigentlich sein albernes "tl;dr" hinter jedem seiner Artikel? War es ihm schon selbst zu lang, nochmals zu lesen, was er da verzapfte?
3. Piraterie nur vorgeschoben
Meckermann 22.01.2013
Zitat von sysopWie viel Piracy steckt in Kim Dotcoms Privacy Company? Geht es nach der Inhalteindustrie, dürfte es sehr viel sein. Ein Ringen um die Frage, ob das Verschlüsselungsprinzip der neuen Cloud-Plattform Mega verboten werden muss, scheint unausweichlich. Dabei scheint eine Lösung einfach. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/mensch-maschine-das-internet-ist-filesharing-a-878941.html
So sieht es aus. Aber um Piraten geht es der Content-Industrie ja auch nicht mehr primär. Diesen Kampf können sie nicht gewinnen und wissen das auch. Der neue Feind ist der Gebraucht(ver)käufer, der sich einfach erdreistet Geschäfte mit ihrem ehemaligen Eigentum an ihnen vorbei zu machen (Zitat: "Gebrauchtkauf ist legaler Diebstahl"). Den gilt es zu bekämpfen, auf Meeren wie auf Ozeanen. Mit Online-Zwang, Accountbindung, Lizenzverträgen und Abmahnwellen.
4. punkt 6 fehlt
slava grof 22.01.2013
"Wie man Piraterie stoppt: 1 großartige Inhalte schaffen 2 den Kauf so einfach wie möglich machen 3 weltweite Veröffentlichung am gleichen Tag 4 fairer Preis 5 auf jedem Gerät abspielbar" in meinen augen ein scheinargument. ich persönlich kenne niemanden, der sich durch diese 5 punkte freiwillig von piraterie abbringen lassen würde. ein familienmitglied (22 Jahre alt) erzählte mir sogar neulich voller stolz, er hätte noch niemals auch nur einen cent für musik bezahlt. nur gelegentlich mal kino, aber auch der großteil der filme wird illegal gedownloaded. und das sei bei allen seinen freunden auch so. es ist schade, aber die industrie wird sich langfristig wehren und unsere bürgerrechte im netz drastisch beschneiden. denn die industrie sitzt am längeren hebel. zu verdanken haben wir das aber den filesharern. deshalb gehört für mich als punkt 6 auf die liste: raubkopierer haftbar machen.
5. optional
undso 22.01.2013
Filesharing beinhaltet das Wort Sharing=teilen nicht umsonst. Um die Inhalte für andere lesbar zu machen müssen diese zuerst mit einem Schlüssel decodiert werden. Das andere nennt sich storage=Ablage/Speicher. Wenn dies (wie Megaupload vorgeworfen wurde) öffentlich geschieht, um Dateien weit zu verbreiten (bspw kino.to), kommen selbstverständlich auch die Abmahner etc. in den Genuss diese Daten entschlüsseln zu können. D.h. dies ist nur ein Schutz des Betreibers vor der Behauptung, man wisse welche Daten dort liegen und wäre damit mitschuldig. Die einzige Frage die damit Mega von normalen Speicherdiensten unterscheiden könnte ist der Umgang mit den Daten (Einlogverhalten, IP, etc.) ... soweit ich gelesen habe, werden diese nicht nur komplett gespeichert, sondern weiterverkauft. Damit wird die komplette "Verantwortung" in Richtung Nutzer geschoben. Die Speicherung der Nutzerdaten wiederum macht den Dienst für die Nutzer für Piracy quasi unbrauchbar. Schön fand ich allerdings den Vergleich: "Nur weil manchmal betrügerische Briefe verschickt werden, macht man ja die Post nicht zu."
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Was bedeutet tl;dr?
In Anerkennung der Ungeduld als Eigenschaft mit positiven Facetten soll fortan unter jeder Mensch-Maschine eine twitterfähige Zusammenfassung des Textes in 140 Zeichen stehen. Sie wird den Namen tl;dr tragen, eine Internetabkürzung für "too long; didn't read".


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