S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine Sensorenflut und Datenstrom

Etwa alle fünf Jahre erreicht die digitale Entwicklung einen Meilenstein - dieses Jahr wäre es demnach wieder soweit. Doch was ist die nächste Entwicklungsstufe des Internets? Fest steht: Es geht um unsere Daten.

Eine Kolumne von


Mit ein wenig gutem Willen lassen sich die (ökonomischen) Meilensteine des Internets in Fünfjahresabschnitte unterteilen. Beginnend 1989/90 mit Tim Berners-Lees Grundlagen für das World Wide Web, 1994/95 der Siegeszug des Browsers, ab 1999/2000 die New Economy mit E-Commerce samt Netzwerbung, ab 2004/05 die Entstehung des Web 2.0 und Social Media und ab 2009/10 mit der flächendeckenden Verbreitung von mobilem Internet und Apps. Ein paar Wochen vor dem Jahreswechsel ist daher der richtige Zeitpunkt gekommen, über den Meilenstein ab 2014/15 nachzudenken.

Blendet man politische Entwicklungen wie Totalüberwachung oder den Kampf um die Netzneutralität aus, bleiben verschiedene Möglichkeiten oder vielmehr Buzzwords übrig, wie "Internet of Things", "Big Data" oder "Augmented Reality". Technik-Experten betrachten solche Schlagworte mit großer Skepsis, weil sie meist diffus oder sachfalsch verwendet werden oder sogar ins Marketing abrutschen. Trotzdem sind sie essenziell.

Denn aus einem häufig wiederholten Buzzword wird erst ein Beratungsbudget, dann ein Agenturauftrag, dann eine Ausgabe der Mitarbeiterzeitung und schließlich eine Abteilung im Konzern, um deren Supervision sich IT und Kommunikation streiten.

Das kommende Jahrfünft wird wohl die Zeit des Datenstroms

Die wichtigste Funktion solcher Schlagworte aber ist eine Wechselwirkung aus Kapitalfluss und gesellschaftlicher Entwicklung. Kapitalgeber versuchen zu erraten, was die Nutzerschaft der vernetzten Technologie als nächstes in den Bann zieht - und zwar an Buzzwords entlang. Solche Schlagworte sind daher Versuche, die zukünftige Entwicklung des Nutzerverhaltens erklärbar und damit vermarktbar zu machen.

Der konkrete Begriff des Meilensteins für die nächsten fünf Jahre wird sich wie üblich auf erratische Weise manifestieren, aber der Bereich lässt sich bereits ausmachen. Das kommende Jahrfünft wird (wahrscheinlich) die Zeit des Datenstroms. Natürlich ist das keine über Nacht entstandene Entwicklung, wie auch das mobile Internet 2009 nicht brandneu war oder Social Networks 2004.

An dieser Stelle erschien im Frühjahr 2011 eine Kolumne mit dem Titel "Die Verstreamung der Welt". Aber genau daran lässt sich der relevante Ebenensprung erkennen, denn damals war das auf Kommunikation bezogen. Tatsächlich hat sich inzwischen Instant Messaging vom Austausch einzelner Messages wie SMS in einen ständigen Chatstrom verwandelt.

Die nächsten fünf Jahre aber werden auch außerhalb der Kommunikation durch den Datenstrom geprägt werden. Eigentlich steht dahinter ein Denkmuster, das sich schon recht lange ankündigt, Daten grundsätzlich nicht mehr als statisch zu begreifen. Die theoretische Grundlage hat der bei Weitem wichtigste Vordenker der Netzgesellschaft schon Ende der Neunzigerjahre erkannt. Der Soziologe Manuel Castells entwarf in seinem damaligen, bis heute atemberaubend aktuellen Werk "Das Informationszeitalter" das Bild vom "Raum der Ströme". Schon immer organisieren sich Gesellschaften entlang von Strömen - nun werden diese Ströme auf breiter Front digital.

Überall Sensoren - auch ganz nah am Körper

Die Technologien dafür sickern aber jetzt erst flächendeckend in die Wirtschaft ein. Schlagworte wie "Real Time Business Intelligence" oder das deutsche "Industrie 4.0" stehen dafür, dass die Wirkung des ständigen Datenstroms nicht mehr nur bei irgendwelchen Avantgarde-Unternehmen messbar ist, sondern langsam auch dort ankommt, wo das Bruttosozialprodukt erwirtschaftet wird.

Wirklich umwälzend wird das Prinzip des Datenstroms durch die Sensorenflut. Einer der Fortschrittsaspekte, die durch ihre Allgegenwart und Selbstverständlichkeit leicht zu übersehen sind, ist die Explosion der Zahl und der Arten von Sensoren. Auch die ist seit Jahren in Gang, bekommt jetzt aber eine neue Dimension. Mit der Apple Watch, die Sensoren näher an den Körper bringt als irgendeine Technologie des Konsumentenmarkts zuvor, wird ein Standard von Gesundheitsdaten eingeführt, natürlich als Datenstrom. Eine neue Qualität stellen dabei vor allem die ökonomischen Effekte dieser Daten dar. Schon schaut die Investorenlandschaft auf die Verbindung von Krankenversicherung und Apple Watch.

Aber um eine wirklich tiefgreifende, ökonomische und gesellschaftliche Wirkung zu entfalten, die Voraussetzung für einen Internet-Meilenstein, muss in der Bevölkerung ein spürbarer Wandel stattfinden. In den Köpfen der Leute, für die "KitKat" nur ein Schokoriegel ist und keine Betriebssystemversion, sind Daten noch statisch, etwas, das zu Hause auf der Festplatte liegt oder auf Servern von irgendjemandem missbraucht wird. Ob die Voraussage - nach E-Commerce, Social und Mobile käme irgendetwas rund um den Datenstrom - wirklich zutrifft, wird man in den nächsten fünf Jahren an der Veränderung der Haltung zum Stream abseits der reinen Kommunikationsdaten ablesen können.

Über das smarte Zuhause wird man dringend sprechen müssen

Dabei geht es nicht primär um Plattformen wie Netflix oder Spotify, die heute schon bewiesen haben, dass digitale Kulturgüter in Zukunft als Datenstrom begriffen werden müssen. Vielmehr geht es zum Beispiel um die Akzeptanz von lokaler Echtzeitwerbung aufs Smartphone, ein Verfahren, das überhaupt erst durch die ständige Weitergabe von Ortsdaten im großen Maßstab möglich wird.

Oder der Erfolg der radikalvernetzten Produktion, die hinter dem Schlagwort Industrie 4.0 steht. Oder um die Googletochter Nest, die einen ständigen Datenstrom aus der Wohnung ins Netz als Geschäftsmodell versucht zu etablieren. Woran wiederum die Energiewirtschaft ebenso hängt wie das kommende Betriebssystem des Smart Home, über dessen tatsächliche Smartheit man noch dringend sprechen wird müssen.

Verlässlich dürfte der Meilenstein für die Jahre 2014/15 aber erst in zwei, drei Jahren benennbar sein. Und ganz vielleicht - wenn der Datenstrom wirklich weitreichend die Gesellschaft prägt - wird dadurch nebenbei auch die etwas alberne Metapher des "Meilensteins" obsolet. So ein Meilenstein ist schließlich das genaue Gegenteil des Streams.

tl;dr

Data rhei - alles Digitale wird fließen.

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insgesamt 26 Beiträge
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Seite 1
Bundeskanzler20XX 12.11.2014
1. Ausklinken wo es geht
Bei all den Tollen Seiten des Internets versuche ich auf bestimmte Dinge zu verzichten. Wenn ich meinen Klarnamen Google gibt es keinen Treffer. Ich denke in spätestens 5 Jahren werden Leute wie ich vom BND dauerhaft überwacht, weil man eine Schattengestalt für sie ist die auf jeden Fall etwas zu verbergen hat.
derigel3000 12.11.2014
2.
Ob Lobo eigentlich klar ist, dass viele Leute gar kein Bock haben, auf den ganzen Kram. Für die Wikipedia und Amazon schon das höchste der Gefühle sind?
Frokuss 12.11.2014
3. Naja...
Wenn man politische Machenschaften aussen vorlässt, dann haben wir ja eigentlich auch nur Weltfrieden auf der Erde :-) Ich wäre klar und deutlich für Stasi 2.0, passent genau 10 Jahre nach dem Web 2.0. Es würde zumindestens auch den Zeitgeist wiedergeben - oder wollen wir uns die Welt schön reden?
onlinematter 12.11.2014
4. Klarnamentest
Zitat von Bundeskanzler20XXBei all den Tollen Seiten des Internets versuche ich auf bestimmte Dinge zu verzichten. Wenn ich meinen Klarnamen Google gibt es keinen Treffer. Ich denke in spätestens 5 Jahren werden Leute wie ich vom BND dauerhaft überwacht, weil man eine Schattengestalt für sie ist die auf jeden Fall etwas zu verbergen hat.
Bei meinem Klarnamen 150.000 Treffer. Zuerst fand ich das unprickelnd, inzwischen empfinde ich das als größeren Schutz, denn kein Treffer. Bestimmte Konstellationen vorausgesetzt, in der Geschichte immer wieder vorgekommen, führen zu dem von Ihnen Befürchteten. Das kann insofern gut so kommen. Zumal wir hier alle Bundeskanzlerformat haben :)
shardan 12.11.2014
5. Stimmt - aber was tun?
Genau so ist es, gut getroffen, Herr Lobo. zwei eindringliche Beispiele: Google entwickelt eine Kontaktlinse, die aus der tränenflüssigkeit den aktuellen Blutzuckerwert ermitteln kann - ein Segen für jeden Diabetiker. Würde ich sofort nutzen - wäre da nicht die Tatsache, dass Google diese Daten für sich und auf seinen Servern sammelt und auswertet. Ich möchte aber nicht bei jeder Gelegenheit auf dem Handy zur nächsten Apotheke gelotst werden (Die dürfen dann eh ohne Arzt nichts unternehmen). Ich möchte auch nicht, dass meine Daten bei den bereits jetzt gierig sabbernden Krankenkassen landen. Weiteres Beispiel: Google und NEST, der aufgekaufte Heimautomatisierer. Gute Sache, an sich. Komme ich heim, ist die Heizung bereits an, ggf. geht auch gleichd as Licht an usw... bin ich nicht zuhause, ist die Heizung aus - und die familie hat einen kalten Hintern. Das funktioniert anhand der Lokalisierung meines Smartphones. Woraus folgt: Jeder in der Familie, selbst der kleinste Spross, braucht ein Smartphone incl Internetzugang - und jeder muss (!!!) für Google lokalisierbar sein, so dass Google über die Position bescheid weiß und Bewegungsmuster bauen kann. Da fallen mir zwei Worte zu ein: NEIN DANKE! Hier hilft nur Boykott und bewusste kauf - oder nicht-kauf Entscheidung. Fitness Armband - gern. Und zwar dann, wenn ich das auf meinem PC per USB oder Bluetooth auswerten kann. Andere gehen meine Daten so lange nichts an, wie ich sie nicht gewollt und bewusst zur Verfügung stelle.
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