Merkwürdiges Spiele-Marketing Immer schön Gas geben

Atari hat in den dritten Teil der "Driver"-Reihe viel Zeit und Geld investiert und ist auf kräftige Profite dringend angewiesen. Doch viele Fans und Experten sind nicht begeistert vom Ergebnis der Anstrengungen. Jetzt wirft man der Firma und Teilen der Spielepresse Tricksereien vor - die Fans sind wütend.

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Umstrittenes Erfolgsspiel: "Driv3r"

Umstrittenes Erfolgsspiel: "Driv3r"

Nur nicht den Fuß vom Gas nehmen. Wer in den Spielen der "Driver"-Serie erfolgreich sein will, muss um scharfe Kurven unter Einsatz der Handbremse herumrutschen können, im Rückspiegel eine Horde von Polizeifahrzeugen, aus den Lautsprechern kratzende E-Gitarren aus den Siebzigern. Die großen Verfolgungsjagd-Filme dieses Jahrzehnts sind Vorbild, "Bullitt", "The Driver". Der Spieler schlüpft in die Rolle des Undercover-Polizisten Tanner, der, im Dienste der guten Sache, für Gangsterbanden Auto fährt.

Als das erste "Driver" auf den Markt kam, waren Kritik und Fans begeistert von Spielmechanismus und Hollywood-Atmosphäre. Die zweite Folge erschien Ende 2000 - und enttäuschte Fans und Fachpresse.

Inzwischen hat Rockstar Games mit seiner wegen Gewalttätigkeit umstrittenen, aber gleichzeitig für spieltechnische Brillanz gefeierten "Grand Theft Auto"-Reihe ein völlig neues Genre erfunden - eines, in dem die für "Driver" typischen Verfolgungsjagden zu lauter Musik nur ein Teilaspekt unter vielen sind. Hier ist der Spieler kein Cop, sondern ein Bösewicht, der mit Skrupellosigkeit zum Paten der Stadt aufsteigen kann. Keine Serie von Videospielen hat sich weltweit öfter verkauft.

Das verlangte nach einer Antwort

Jetzt, nach dreijähriger Entwicklungszeit, kommt aus dem Hause Atari die dritte Inkarnation von "Driver". Das Konzept ist noch das gleiche, allerdings wurden angesichts der mächtigen Konkurrenz einige Veränderungen vorgenommen. Cop Tanner kann jetzt aus seinem Auto aussteigen und ein anderes übernehmen, er kann zu Fuß gehen und sich auch mit der Waffe in der Hand verteidigen.

Doch das unaussprechlich benannte "Driv3r" bekam nur mittelmäßige Bewertungen. Das Spiel sei trotz der langen und angeblich 30 Millionen Dollar teuren Entwicklungsphase voll von Programmfehlern und außerdem schwer zu handhaben, meinte die Fachpresse.

Mehr Action: ...aber nicht ohne Macken?

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Einige Kritiker waren aber ganz anderer Meinung. Die britischen Zeitschriften "Xbox World" und das "PSM2 Magazine", beide aus dem gleichen Verlagshaus, gaben dem Spiel neun von zehn Punkten - trotz inzwischen in Internetforen per Screenshot dokumentierten Schnitzern wie Autos, die an unsichtbaren Mauern abprallen. "Xbox World" machte anschließend im Anleitungsbuch zu "Driv3r" Werbung, mit einem Coupon für ein kostenloses Probeheft.

Die notorisch misstrauische Gamer-Gemeinde schöpfte Verdacht. Es gab Bestechungsvorwürfe, in einschlägigen Foren wurde Atari wüst beschimpft und zum Boykott des Spieles aufgerufen.

Nick Ellis, stellvertretender Chefredakteur von "XBox World", sah sich genötigt, im Forum seines Verlages "Future Publishing" ein Dementi abzugeben. "Ich weise die Unterstellung, dass Zeitschriften, insbesondere 'XBox World', Bestechungen dafür annehmen, Review-Punktzahlen aufzublähen, absolut zurück", schrieb er.

Anschließend gab er zu, dass die Beurteilung auf einer nicht vollständigen Vorabversion basiert hatte und dass Atari der Zeitschrift zugesichert habe, die noch vorhandenen technischen Fehler würden bis zur Veröffentlichung bereinigt - für Hardcore-Gamer eine Verletzung journalistischer Sorgfaltspflicht und damit ein Offenbarungseid. "Vielleicht war neun Punkte ein bisschen zu enthusiastisch", schrieb Ellis.

Gegenoffensive per "Viral Marketing"?

Für die stets hitzigen Diskutanten der Gamer-Foren war der Fall damit nicht erledigt. Weiter wurde auf Atari und "Driv3r" geschimpft, einige erinnerten daran, dass das Atari-Produkt "Enter the Matrix", das Spiel zum Film, im vergangenen Jahr ebenfalls vorab in den Himmel gelobt wurde und dann Kritik einstecken musste, weil es unfertig wirkte.

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In die Kritik mischten sich aber auch andere Stimmen von Spielern, die "Driv3r" gut oder sogar großartig fanden. Im renommierten britischen "Gamesradar"-Forum tauchten zwei neue Teilnehmer auf, die nichts anderes taten, als das Spiel zu loben. Ein findiger Moderator überprüfte ihre IP-Adressen - und fand Verblüffendes heraus: Beide "Driv3r"-Fans arbeiten für eine Firma namens "Babel", einen britischen Marketing-Dienstleister, der auch Atari zu seinen Kunden zählt.

Auf der Webseite des Unternehmens fand der Forumsteilnehmer mit dem Pseudonym "Eighthours" auch folgenden Satz: "Als mehrsprachige Experten beschäftigen wir ein Team von muttersprachlichen 'Guerillas', um Foren und Message Boards in ausgewählten Gebieten zu infiltrieren".

"Virales Marketing" nennt man solche Methoden.

Die Wut der "Gamesradar"-Mitglieder kannte keine Grenzen, auch dann noch, als sich die zwei Babel-Mitarbeiter zwar als solche zu erkennen gaben, aber ihre Unschuld beteuerten. Inzwischen ist die zitierte Passage von der Webseite des Unternehmens verschwunden, ebenso wie der entsprechende Thread aus dem Gamesradar-Forum. Die Babel-Geschäftsführung versicherte gegenüber SPIEGEL ONLINE, nicht dafür bezahlt worden zu sein, "Driv3r" schöner und besser zu reden, als es ist.

Dabei gäbe es für derlei Methoden durchaus ein Motiv. Laut dem Branchendienst Gamesindustry.biz hat Atari mit "Driv3r" alles auf eine Karte gesetzt: Wenn das Spiel sich nicht verkauft, könnte es das Ende des Unternehmens bedeuten.

Bislang scheinen uneinheitliche Kritiken und die Aufregung um angebliche Bestechung und Guerilla-Marketing dem Spiel aber nicht geschadet zu haben. Atari hat bisher weltweit 2,5 Millionen Exemplare an Händler ausgeliefert. Und auch in England steht "Driv3r" an der Spitze der Verkaufscharts - wie in Frankreich und Deutschland.



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