Rassismus und Integration Wir schweigen Extremisten an die Macht

Nicht nur am Fall Özil zeigt sich: Zu viele Menschen in diesem Land haben Angst, in komplexen, aber wichtigen Debatten den Mund aufzumachen. Das Schweigen wird gefüllt von jenen, die immerzu wütend brüllen.

Mesut Özil
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Mesut Özil

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Wer "German Angst" googelt, bekommt eine Reihe von Erklärungsangeboten: Zukunftsangst, ängstliche Grübelei, irgendwas mit Fortschrittsfeindlichkeit. Die wahre deutsche Angst aber ist eine andere: die Angst davor, den Mund aufzumachen. Öffentlich Stellung zu beziehen, wenn es notwendig ist. Zivilgesellschaft bedeutet, dass Debatten nicht immer nur von Publizistik und Politik, sondern in der Breite geführt werden. Personen des öffentlichen Lebens melden sich substanziell zu Wort, nicht nur als mediale Stichwortgeber. Aber zu viele dieser Menschen in Deutschland verstehen unter Haltung das Halten der Schnauze. Vor 20 Jahren hätte man dafür theoretisch technische Erklärungen bemühen können, heute haben die sozialen Medien jede Möglichkeit geschaffen, sich an Debatten zu beteiligen. Stellung zu beziehen, wenigstens, wenn das ureigenste Feld betroffen ist.

Schweigen ist die deutsche, demokratische Deformation. Alles wegschweigen, alles kaputtschweigen, nicht das Problem ist das Problem, sondern dass man darüber redet. Aber gerade weil über soziale Medien jeder an öffentlichen Debatten teilnehmen könnte, wird das deutsche Schweigen umso mehr zum Statement. Das ist der Hauptgrund, warum eine kleine, aber lautstarke Minderheit von Rechtsextremen den Diskurs so derart vergiften konnte: das Schweigen der anderen. Wer öffentlich Position bezieht, spürt schnell, dass im Zweifel wenig Solidarität zu erwarten ist, außer von ein paar Menschen bei Twitter. Vor 150 Jahren galt der preußische Stillhaltebefehl "Ruhe ist die erste Bürgerpflicht". Heute wird jede Art von Empörung sofort mit dem unseligen Wort "Shitstorm" geschmäht, und dabei schwingt oft die Verachtung der öffentlichen Meinungsäußerung mit. Aber Empörung, die lautstarke Teilnahme an der Debatte, kann ein wichtiges demokratisches Korrektiv sein.

Ab einem bestimmten Punkt der Debatte kann man zumindest als öffentlich wirksame Figur nicht mehr "unpolitisch schweigen", und dieser Punkt ist mit sozialen Medien erheblich nach vorn gerückt. Wer ständig twittert, facebookt, instagramt - und dann im entscheidenden Moment die Schnauze hält, der sagt auch etwas: Ich lasse alles zu, ich möchte auch dann nichts riskieren, wenn ich eigentlich nichts zu fürchten habe, ich halte Augen, Mund und Seele geschlossen. Wer Gründe sucht, um zu schweigen, wird immer fündig, zu allererst bei der Angst um das eigene Wohlergehen. Ein Teufelskreis, denn je weniger Leute sich solidarisieren, desto berechtigter erscheint diese Angst. Aber umso eher müsste sie gerade von denjenigen überwunden werden, die es sich leisten könnten.

Was sollen die Nachbarn sagen?

Eine der bittersten Meldungen der letzten Zeit: Siemens-Chef Joe Kaeser hatte im Mai sehr lobenswert offen Stellung auf Twitter bezogen, gegen den nationalistischen Rassismus der AfD. Seitdem wird er heftig beschimpft, seine Familie bedroht, und wie sieht die öffentliche Solidarität der anderen 29 DAX-Vorstände aus? Sie existiert nicht. Der Chef eines Sportschuhherstellers habe abgesagt, der Chef eines Autokonzerns habe sogar befürchtet, dass er dann 19 Prozent weniger Autos verkaufe. Deutsche Geschäftsmoral in einer braunen Nussschale, und die Essenz der deutschen Haltungsangst. Was sollen die Nachbarn sagen? Die Kunden? Oder gar die Leute?

Die Selbstverständlichkeit des deutschen Schweigens treibt abstruse Blüten. In der Özil-Grindel-Situation schweigt niemand lauter, schriller, beschämender als Jogi Löw. Auf Instagram schrieb WM-Fußballer Julian Draxler einen kurzen Text, in dem er sich bei Özil bedankte - allerdings ausschließlich auf seine sportlichen Leistungen bezogen. Vielfach wird Draxler dafür gelobt, "öffentlich Stellung zu beziehen". Bereits die nicht feindselige Erwähnung von Özil gilt als Stellung beziehen. Eigentlich irrwitzig, aber treffender kann man den desaströsen Zustand der deutschen Debattenöffentlichkeit kaum beschreiben.

Befristete Duldung für alle Nicht-Müllers

Die Özil-Debatte sind dabei eigentlich zwei Debatten. Die eine handelt von Integration, die andere von Rassismus. Wer so tut, als hätten die beiden Komplexe nichts miteinander zu tun, hat noch nie in seinem Leben nicht weißen Menschen zugehört. Wer so tut, als sei es nur eine einzige Debatte, unterschlägt den wesentlichen Unterschied: die Verantwortung für Rassismus tragen ausschließlich Rassisten. Die Verantwortung für eine gelingende Integration liegt dagegen sowohl bei der bisherigen Bevölkerung wie auch bei den zu Integrierenden. Das bedeutet: Ja, die deutsche Gesellschaft hat ein riesiges, virulentes Rassismusproblem, zugleich fehlen funktionierende Integrationskonzepte. Und trotzdem hat niemand Özil gezwungen, ein Propagandafoto mit einem antisemitischen Autokraten zu machen. Auch nicht seine Herkunft, also Gelsenkirchen.

Das Ziel aller Extremisten ist die Schwarzweißifikation der Welt, also die Illusion herzustellen, man müsse sich stets zwischen zwei Positionen entscheiden. Nur dann nämlich kann eine extreme Minderheit eine gemäßigte Mehrheit auf die eigene Seite ziehen und vereinnahmen. Das ist der Grund für den Weltuntergangsalarmismus von Rechtsextremen. In (vermeintlichen) Notsituationen tendieren Menschen dazu, jede Differenzierung einzustellen. Genau das geschieht mit den Debatten um Özil.

Die wichtigste Basis der liberalen Demokratie sind die Grund- und Menschenrechte, und aus dieser Perspektive ergibt sich eine Bewertung der Özil-Situation, die gerade nicht dem erzwungenen Entweder-Oder folgt. Man kann Özil kritisieren für seine bewusste, keinesfalls naive, sondern sehr eindeutige Wahlkampfhilfe samt hanebüchener Ausreden dazu - und sich gleichzeitig mit ihm solidarisieren, weil er rassistisch attackiert wurde und wird.

Die Özil-Aufregung ist das traurige Symbol dafür, dass einem lautstarken Teil der Öffentlichkeit nicht einmal Weltmeisterschaft, Reichtum und Gelsenkirchen-Geburt ausreichen, um zweifelsfrei "deutsch" zu sein. Dafür muss man schon Müller heißen und so aussehen. Die mediale "Ausbürgerung von Özil" ("FAZ") zeigt jeder Person, Migranten, deren Nachkommen, Nichtweißen, Menschen mit anderen Namen als Müller, dass sie niemals in Deutschland ankommen werden, egal wieviel Geld sie verdienen oder Anerkennung sie bekommen. Nicht-Müllers kommen über den Status der befristeten Duldung nicht hinaus, und der kann entzogen werden. Es ist, als würde die Probezeit niemals aufhören.

Wir oder die, als müsse man sich entscheiden

Diese Katastrophe, diese Unfähigkeit oder Unwilligkeit Deutschlands zur echten Integration, hängt unmittelbar mit der deutschen Angst zusammen. Denn jedes öffentliche Schweigen in öffentlichen Debatten und Situationen, wo es darauf ankäme, wird gefüllt von den Immerlauten.

Zum Beispiel von der "Bild"-Zeitung, die eine Kampagne gegen Özil fuhr, wie man sie gegen Gauland noch nie gesehen hat. In ihrem Özil-Furor hat diese Zeitung die Vorwürfe zu seiner Erklärung - "Im Internet!" und "Auf Englisch!" - auf den Titel gehoben. Das heißt übersetzt: Özil hat über soziale Medien direkt mit seinen Fans kommuniziert, er hat nicht mit uns gesprochen, er hat der "Bild"-Zeitung Wissensvorsprung und Deutungshoheit über das deutsche Fußballgeschehen genommen. Rache! Hier schließt sich der Schweigekreis, denn die Stille des DFB und der Nationalmannschaft haben sehr viel mit der deutschen Angst vor der "Bild"-Zeitung zu tun. Mit der man es sich doch nicht verscherzen möchte. Angstlöwen.

Julian Reichelt, der Chefredakteur der "Bild"-Zeitung, war Kriegsberichterstatter. Er ist es noch immer. Reichelt ist niemals aus dem Schützengraben herausgekommen, und dort gibt es nur Freund oder Feind, der Schützengraben erzwingt die Abkehr von jeder Differenzierung.

Das ist eine Parallele zum Extremismus: Hysterische Schützengräberei mündet in einer Weltsicht, die unterstellt, es gäbe es nur zwei Perspektiven, wir oder die. Und als müsse man sich zwischen den Seiten entscheiden. Die "Bild"-Zeitung muss deshalb gar nicht immer rechts argumentieren, um das Geschäft der Rechten zu besorgen. Wutgeheul aber kommt am besten zur Geltung, wenn ansonsten ohrenbetäubende Stille herrscht.

Wenn zu viele Menschen ihren Mund halten, obwohl sie laut sein sollten, können die Immerlauten sich und der Öffentlichkeit einreden, sie repräsentierten die Mehrheit. Und so traurig das ist, es handelt sich um eine selbst erfüllende Prophezeiung. Die schweigende Mehrheit ist in einer liberalen Demokratie keine Mehrheit. Eine stumme Mehrheit kann ohne großen Aufwand Extremisten an die Macht schweigen.

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insgesamt 333 Beiträge
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Seite 1
feistus_raclettus 25.07.2018
1. Danke für den Kommentar
Sehr schön auf den Punkt gebracht. Seit ein paar Wochen habe ich eine dunkelhäutige Freundin, meine Ex war weiß - daher fällt mir ein Unterschied besonders auf: Es ist absolut krass, wie dermaßen wir beide oft angestarrt werden. Vorurteile äußern sich oft auch non-verbal.
aggelbagg 25.07.2018
2. schwarz-weiß
Sorry, aber schwarz-weiß malen tun doch all die prinzipientreuen Guten, die nur gut oder schlecht kennen.... Die Menschen schweigen, weil sie beim geringsten Abweichen von der vorgesehenen Meinung als Rassisten niedergeschrien werden, ein Wort, gegen das man nicht diskutieren kann, das kein Diskutieren will. Und das leider dabei ist, durch den inflationären Gebrauch seine wichtige Bedeutung zu verlieren. Weil man es vielleicht doch unabgebracht findet, wenn sich ein Nationalspieler mit dem diktatorischen Präsidenten vertraulich ablichten lässt. Dann ist man natürlich ein Rassist. Wenn man sich wundert, dass einem vorgeworfen wird, dass man jemanden nicht ganz und gar als Deutschen annimmt, der sich scheinbar selbst sehr als Türke fühlt. Ich finde es gut, dass Löw schweigt, denn was immer er sagen würde, egal was, die Presse würde es zerfetzen, um nur wieder eine schöne Schlagzeile, einen Skandal zu haben. Ihr habt keinen Platz mehr für Zwischentöne.
Orthoklas 25.07.2018
3. Eine Nummer kleiner, bitte
Lobo polarisiert wie üblich. Seine Meinung in Ehren - aber sie entspricht der üblichen Spiegel-Richtung, die längst nicht von der Mehrheit geteilt wird. Auch okay. Aber bitte bitte, Herr Lobo: Lassen Sie den moralischen Lehrmeister-Finger unten. Es ist nur Ihre Meinung. Und das ist gut so.
titoandres 25.07.2018
4.
Wie immer ein kluger Kommentar von Sascha Lobo. Unaufgeregt, objektiv, danach zielend, was richtig ist, ohne irgendeinem einfachen Weltbild anzuhängen. Es wäre viel gewonnen, wenn mehr Menschen einen solchen weiten Blick hätten. Man hört und liest die Tage im Deutschland viel über Özil, was vermuten lässt, dass sich bezüglich des Hasses gegenüber "anderen" nie etwas geändert hat.
xse 25.07.2018
5. ...
Sehr guter Beitrag. Ich war letzt im Fitnessstudio und habe am Eingang einige Wörter zwischen der Unterhaltung eines Angestellten und eines Gastes aufgeschnappt. Der Gast sagte, er hätte gerne ein deutsches Fitnesstudio, woraufhin der Angestellte sagte „oder ein arisches!“. Ich fragte dann als „nicht Weisser“ provozierend nach, was genau sie denn damit sagen wollten und gab natürlich zu verstehen, wie wenig ich davon hielt. Die Diskussion war für alle hörbar, einzig eine Dame sprang mir zur Seite. Alle anderen hielten sich fein raus. Gleiches im Schwimmverein, in den ich als Student ca 3 - 4 x/ Woche trainieren ging. Auch da wurde ich regelmäßig mit ausländerfeindlichen Parolen von 1 Person beschimpft. Der Unterschied damals, weder Trainer noch die anderen Schwimmer sprangen mir auch nur einmal zur Seite. Das war das enttäuschendste für mich. Das Schweigen der Vernünftigen fühlt sich dann an, wie eine stillschweigende Duldung oder gar als würde der eine Wüstling aussprechen, was die anderen nur zu denken wagen.
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