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15. Februar 2013, 15:20 Uhr

Verschwörungstheorien

Meteoriteneinschlag? Ach was!

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Ein Meteorit geht über Russland nieder, zerstört Häuser und verletzt Hunderte Menschen - oder war doch alles anders? Kaum hatte sich die Nachricht verbreitet, blühten Verschwörungstheorien: über Ufos, US-Waffentests und ganze Salven von Luftabwehrraketen.

Wohl noch nie ist ein so seltenes Naturereignis von so vielen Kameras gleichzeitig aufgenommen worden wie der Meteoriteneinschlag von Tscheljabinsk. Noch nie wurden diese Videoaufnahmen so schnell übers Internet verbreitet wie an diesem Freitag. Doch so beeindruckend die Bilder auch sind: Im Web sprießen wilde Theorien, weshalb es eigentlich kein Meteorit gewesen sein kann, was da herunterkam.

Ungeachtet der Zerstörung und der vielen Verletzten, die das Ereignis auslöste, wurde es bei Twitter schnell zum Witzelieferanten. "Verbraucherschützer warnen vor russischen Meteoriten wegen Verdacht auf nicht deklarierte Inhaltsstoffe", spottet einer. Ein anderer Nutzer lästert: "Eher explodiert ein Meteorit über Russland, als dass Raab das Kanzlerduell moderiert. Damn." "Vielleicht sollten wir die rausgeschmissenen Maya noch mal zurückrufen", schlägt ein weiterer vor.

Andere hingegen machten sich ernsthafte Gedanke über die Katastrophe. Vor allem natürlich die Betroffenen selbst. So wie Olga Bukreeva, die auf der Website des TV-Senders RT zitiert wird mit der Befürchtung: "Ich dachte, das war ein Ufo." Andere glaubten an einen Flugzeugabsturz.

Derselbe Sender gibt allerdings auch einer ganz anderen Theorie Raum. Tatsächlich sei der Meteorit gar nicht vom Himmel gefallen. Vielmehr sei er von einer Luftabwehreinheit nahe Tscheljabinsk in einer Höhe von 20 Kilometern mit einer ganzen Salve von Luftabwehrraketen abgeschossen worden. So habe es jedenfalls die Lokalzeitung "Znak" berichtet.

Eine amerikanische Provokation?

Der Chef der rechtsextremen Liberaldemokratischen Partei Russlands (LDPR), Wladimir Schirinowski, hatte schnell eine weitere Theorie parat. Es habe sich um Waffentests gehandelt, die von Amerika im russischen Luftraum durchgeführt wurden, sagte er "Ria Novosti" zufolge.

Und der Populist hatte auch ein Erklärung dafür, dass in Russland niemand davon wusste: US-Außenminister John Kerry habe den russischen Außenamtschef Sergej Lawrow am Montag vor der geplanten Provokationsaktion warnen wollen, doch der sei auf Reisen und deshalb wohl nicht erreichbar gewesen. Von den Meldungen über einen Meteoriteneinschlag jedenfalls wollte sich der Politiker nicht blenden lassen: "Da fällt nie irgendwas runter. Wenn etwas fällt, dann von Menschenhand. Menschen, die Kriege anzetteln wollen, Provokateure."

Das "Tor zur Hölle"

Doch selbst die, die sich nicht solchen kruden Theorien hingaben, ließen sich von Falschmeldungen aufs Glatteis führen. So wie der Fernsehsender 1TV, der sich in seinen Nachrichten weitgehend auf YouTube-Videos stützte und dabei auch Aufnahmen des vermeintlichen Einschlagkraters zeigte. Ein großes brennendes Loch in der Erde war dort zu sehen, klar umrandet mit ausgefransten Linien.

Tatsächlich aber stammen diese Aufnahmen nicht aus Russland und sind auch nicht neu. Sie zeigen einen Krater in Darvaza, einem kleinen Wüstendorf in der Karakum-Wüste in Turkmenistan. Dort hatte es vor 40 Jahren einen Unfall beim Bohren nach Erdgas gegeben. Die austretenden Dämpfe wurden damals angezündet und brennen seither ununterbrochen. Bei den Dorfbewohnern wird das glühende Loch zwar als "Tor zur Hölle" bezeichnet, mit einem Meteoriten hat es aber gar nichts zu tun.

Wehe, wenn sie wiederkommen

Unklar ist allerdings auch, was wohl der russische Geheimdienst mit Meteoriten zu tun hat. Doch ausgerechnet der hat, zumindest laut dem Radiosender Stimme Russlands, genauere Kenntnisse über das und andere Flugobjekte. "Nach Angaben von Geheimdiensten können in der nächsten Stunden und in der Nacht noch zwei weitere Bruchstücke eines Asteroiden auf das Territorium der Region stürzen. Menschen werden gebeten, in Häusern zu bleiben", heißt es auf der Webseite des Senders.

Dass in Kürze noch ein weiterer Himmelskörper der Erde nahe kommt, ist allerdings klar. Am Freitagabend wird der Asteroid 2012 DA14 in 28.000 Kilometern Entfernung vorbeiziehen. Einen Einschlag dieses Himmelskörpers auf der Erde halten Wissenschaftlern für ausgeschlossen. Doch von solchen Einschätzungen scheint man bei der russischen Luftverteidigung nicht viel zu halten, schreibt "Znak" und erklärt, die Armee habe ihre Luftabwehr in volle Bereitschaft versetzt, sollte der Asteroid Russland doch zu nahe kommen.

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