Drogenkrieg im Internet Wie mexikanische Kartelle Facebook und Twitter nutzen

Der mexikanische Drogenkrieg wird auch im Netz geführt: Die Kartelle nutzen das Internet als PR-Plattform, spähen in sozialen Netzwerken Opfer aus, rekrutieren neue Mitglieder und prahlen mit Autos, Geld und Waffen. Manche Kartelle heuern sogar Hacker an.

Von Sonja Peteranderl


Autos, Frauen und Waffen: Ivan und Alfredo, Söhne von Joaquín "El Chapo" Guzmán, dem Chef des mexikanischen Sinaloa-Kartells, haben klassische Narco-Hobbys. Er habe sich "ein neues Spielzeug gekauft", twittert Ivan - einen schwarzen Lamborghini. Er präsentiert auch einen Rennwagen, in dem ein vergoldetes Maschinengewehr liegt. Im Cockpit eines anderen steht: "Grüße aus Culiacán" - der Wiege des Sinaloa-Kartells. Dutzende Kartellmitglieder tauschen sich auf Twitter aus. Nicht alle sind so vorsichtig wie die Gúzman-Brüder, die sich Basecaps ins Gesicht ziehen oder Fotos mit Photoshop unkenntlich machen.

Auf Facebook posiert "Broly Banderas" offen mit Maschinengewehren, hält Geldbündel hoch oder zeigt sich mit Kollegen. Auf einem Foto hat er Waffen und Patronen auf einem Tisch ausgebreitet. "Irgendein Problem?", bietet er daneben seine Dienste an. Das Profil des selbstverliebten Killers der Caballeros Templarios, der "Tempelritter", liefert eine Chronik der blutigen Gefechte im Bundesstaat Michoacán, in dem sich Kartelle, Militär und Bürgerwehr bekämpfen.

YouTube und Facebook als neue Waffen

Das Internet ist ein erweiterter Schauplatz des mexikanischen Drogenkriegs - Plattformen wie YouTube oder Facebook zählen heute ebenso zum Arsenal der Kartelle wie das Maschinengewehr. Hunderte Narcos wie die Guzmán-Söhne oder "Broly" protzen im Netz mit ihrem Besitz und glorifizieren die Narco-Kultur. Kartelle nutzen das Internet aber auch strategisch als PR-Plattform. Sie werben um neue Mitglieder oder bereiten kriminelle Geschäfte vor.

Online multipliziert sich die Reichweite ihrer blutigen Botschaften: Bilder grausam verstümmelter Leichen, Videos von Hinrichtungen, in denen Rivalen vor laufender Kamera die Köpfe abgesägt werden, zirkulieren auf YouTube, Twitter, Instagram, Facebook, Hi5 und sogenannten Narcoblogs, die oft ungefiltert anonyme Einsendungen veröffentlichen. "In den Todesschwadronen sind die Fotografen und Kameramänner genauso wichtig wie die Mörder", glaubt der mexikanische Autor Enrique Osorno: Sie hielten die Verbrechen für die Ewigkeit fest.

Die Kartelle demonstrieren ihre Macht, drohen Verrätern und Rivalen - und arbeiten im Internet gleichzeitig daran, ihr Image als grausame, wahllos mordende Killer-Banden abzuschütteln. "In Mexiko gibt es einen physischen Krieg, aber auch einen Krieg um Ideen, um Herzen und Köpfe", sagt Antoine Nouvet von der SecDev Foundation. "Indem Kartelle den Cyberspace für sich nutzen, verwandeln sie sich in ihre eigenen Werbeagenturen."

Kartelle gegen Bürgerwehr

Mit PR-Videos und Mitteilungen wenden sie sich an Regierung und Bevölkerung. Nach den Tropensturm-Verwüstungen im September präsentierte sich das Golfkartell als Wohlfahrtsorganisation - mit einem Video, in dem eine Karawane beladener Pick-ups in betroffene Gebiete fährt, um dort Lebensmittel an die Bevölkerung zu verteilen.

Die Tempelritter inszenieren sich als Kämpfer für soziale Gerechtigkeit und Frieden in Michoacán: "Es ist korrekt, dass wir Waffen haben - um unseren Staat vor den Zetas zu beschützen und vor dem Cártel de Jalisco Nueva Generación", sagt "Tempelritter"-Gründer Servando Gómez Martínez alias "La Tuta" in einem 14-minütigen YouTube-Video, das mehr als 1,2 Millionen Zuschauer fand. Er fordert die Regierung zum Handeln gegen die Bürgerwehren auf, hinter denen angeblich das Cártel de Jalisco Nueva Generación stecke, und bietet dem Staat seine Unterstützung an.

Die Netzaktivitäten verhelfen auch kleineren Kartellen zu nationaler Präsenz - wie den "Tempelrittern", die sogar eine Facebook-Fanpage haben. "Die stärksten Kartelle sind nicht unbedingt die, die im Internet am aktivsten sind", beobachtet Antoine Nouvet. "Das Sinaloa-Kartell engagiert sich weniger im Internet als die Tempelritter."

Kartelle setzen Hacker ein

Via Internet werben die Narcos auch Mitarbeiter jenseits der Grenze: Die amerikanische Drogenfahndungsbehörde DEA warnte 2012 davor, dass die Zetas, das Sinaloa-Kartell, das Golfkartell, das Juárez-Kartell und La Familia Michoacana über soziale Netzwerke wie Facebook versuchen, Jugendliche zwischen 14 und 20 Jahren aus den USA zu rekrutieren - um sie als Kartellmitglieder, Spione, Killer oder Schlepper von Migranten anzuwerben.

Plattformen wie Facebook, Hi5 oder MySpace sind zudem eine Fundgrube für die Vorbereitung von Verbrechen: Die Kartelle spähen Unternehmen für Schutzgelderpressungen aus oder suchen nach potentiellen Opfern für Identitätsdiebstahl, Entführungen oder Menschenhandel. Von Kartellen in Mexiko entführte Migranten berichteten, dass die Kidnapper nicht nur die Telefonnummern der Angehörigen forderten, um Lösegeld zu erpressen, sondern auch das Passwort für das Facebook-Profil der Migranten - um das Profil zu durchforsten und die Familienmitglieder unter den virtuellen Freunden zu kontaktieren.

Vermutlich rüsten sich die Kartelle sogar mit Hackertruppen auf, um im Wachstumsmarkt Cyber-Kriminalität mitzumischen - und unliebsame Kritiker und Rivalen aufzuspüren. Zuletzt verschwand im Mai 2013 ein Autor des "Blog del Narco". Der US-Firma Stratfor zufolge beschäftigen die Zetas Internetexperten, und Kartelle sollen Hacker laut Berichten gezwungen haben, für sie zu arbeiten.

Digitale Spuren können tödlich sein

Die mexikanische IT-Szene hält sich bedeckt. Selbst die internationale Firma Kaspersky Lab lehnt eine Stellungnahme zu den Kartellen ab - aufgrund des Sicherheitsrisikos für die Kollegen vor Ort. Nach dem letzten Medienkommentar habe es "Probleme" gegeben, so ein Mitarbeiter, "und niemand will, dass das sich wiederholt".

Experten sehen Mexiko schlecht gerüstet für die neue Herausforderung. "Die Regierung hat den Cyberspace zwar zu einem neuen Einsatzgebiet erklärt und arbeitet an Strategien", so Nouvet. "Aber es bleibt noch viel zu tun - Mexiko braucht mehr Kapazitäten und bessere Gesetze."

Für die Narcos stellt das Engagement im Netz trotzdem ein Risiko dar. Ermittler aus Mexiko und den USA beobachten das Netz, zur Festnahme von Serafín Zambada - Sohn des Sinaloa-Drogenchefs "El Mayo" - im November sollen dessen Facebook- und Twitteraktivitäten beigetragen haben. Die virtuelle Freizügigkeit von Narcos, die Fotos von Missionen posten und Aufenthaltsorte verraten, könnten sogar tödlich sein: wenn rivalisierende Kartelle die Spuren verfolgen.

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insgesamt 4 Beiträge
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Celestine 27.12.2013
1.
---Zitat--- Auf Facebook posiert "Broly Banderas" offen mit Maschinengewehren, hält Geldbündel hoch oder zeigt sich mit Kollegen. Auf einem Foto hat er Waffen und Patronen auf einem Tisch ausgebreitet. ---Zitatende--- Mr. Zuckerbergs Facebook liegt voll im Trend, da werden nackte Brüste eben eher zensiert als Gewalt. Es ist inzwischen bei den Großbanken auch völlig in Ordnung, Kartell-Gelder zu waschen, der einzige Haken dabei: Man darf sich nur nicht erwischen lassen so wie die HSBC! In der Woodstock bzw. Flower Power Ära hieß es "Make Love not War", heute hieße das "Make Money not Love".
Jochen Eissner 27.12.2013
2. Welche Macht hat wer?
Die aktuelle Situation in Mexiko ist durch drei entscheidende Faktoren geprägt: 1.) Wer hat genügend Geld um Macht zu kaufen? 2.) Wer hat genügend Posten unter Kontrolle um Macht auszuüben? 3.) Wer kann bei Zuwiderhandlung gegen seine persönlichen Bedürfnisse und Wünsche die Durchsetzung derselben effektiv und nachhaltig garantieren? Die Machtverhältnisse in Mexiko sind seit geraumer Zeit so derart zergliedert, dass es - ähnlich wie in Afganistan - eigentlich keine wahren Machthaber mehr gibt. Vielmehr handelt es sich um ein schier unüberschaubares Gerangel von mindestens 10 Gruppen um die Macht im Staat. Politik und Wirtschaft sowie zentrale Bereiche des öffentlichen Lebens wie Infrastruktur (Strom/Wasser/Rohöl/Transport/Kommunikation/Erziehungswesen/Justiz), werden in grossen Teilen nur noch von diesen Gruppen genutzt um Macht zu erreichen, und zu erhalten. Wenn es irgendeiner dieser Gruppen gut geht, baut sie hemmungslos ihre Macht aus. Mit allen Mitteln. Es geht schon lange nicht mehr um irgendwelche Gesetze oder weltliche/spirituelle Werte. Es geht nur noch und fast ausschliesslich um Macht. Wer hat das letzte Wort und kann es auch durchsetzen? Der grösste Teil der Politik, Verwaltung und Wirtschaft ist von den verschiedenen Gruppen nur noch als Spielball zur Machtverteilung in Benutzung. Zahlreiche dieser Gruppierungen sind nur noch daran interessiert so viel wie möglich Schaden bei den anderen Gruppierungen anzurichten um die eigene Macht zu beweisen. Mit graphentheoretischen Methoden lassen sich diese Bewegungen erfassen, analysieren und auswerten. Auf einem einzelnen handelsüblichen Laptop. Die dazugehörenden Grafiken stellen ein klares Bild der Machtverhältnisse in Mexico dar und zeigen deutlich, dass der Staat innerhalb der letzten 50 Jahre und auch in absehbarer Zeit nicht in der Lage sein wird eine öffentliche Ordnung nach irgendwelchen bekannten Regeln zu gewährleisten. Er ist zu einer der verschiedenen Gruppen mutiert, die um die Macht kämpfen. Weitere Details kann ich hier nicht bekannt geben, da mein sowieso schon stark eingeschränktes Leben sonst vollends unmöglich wird. Neun Mordanschläge und ungezählte Überfälle, Diebstähle, Enteignungen haben mich gelehrt, dass ich mich seit geraumer Zeit in Lebensgefahr befinde. Politik und Gesellschaft schauen nur mitleidig zu und können nichts effektives ausrichten.
hanfpiraten 27.12.2013
3. Die Wahrheit ist,
dass demozidale Prohibitionisten sicherstellen, dass Kartelle, Kriegstreiber, Diktaturen und Terroristen auf der ganzen Welt einen Handel kontrollieren, der mittlerweile fast eine halbe Billion(!) Dollar jährlich beträgt, um den Menschen heuchlerisch "Schutz" in Form von Rechteabbau, Überwachung und Resourcenverschwendung aufnötigen zu können.
Blaue Fee 29.12.2013
4.
In unserer Hobbygruppe bei FB wird xmal Screening betrieben, wenn jemand rein möchte und Leute aus Michoacán oder Sinaloa oder Leute mit Phantasienamen oder -geburts- bzw. wohnorten werden grundsätzlich erstmal gar nicht hineingelassen. Und das obwohl eigentlich nur Hobbyfotos und keine persönlichen Fotos veröffentlicht werden. Private Fotos veröffentlicht der typische Mexikaner nur noch im kleinsten Bereich und viele Freunde sind kein Zeichen grosser Popularität.
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