Mexiko City WLAN statt Wasserwerk

Der Bürgermeister von Mexiko City hat große Ambitionen. Das gesamte Gebiet der Millionen-Metropole will er mit einem kostenlosen drahtlosen Netzwerk überziehen. Kritiker meinen, er solle stattdessen lieber erst die Wasserversorgung der Stadt auf Trab bringen.


Marcelo Ebrard ist ein ehrgeiziger und offensichtlich technikgläubiger Mann. Erst vor gut einer Woche traf sich der oberste Beamte der von 8,7 Millionen Einwohner bevölkerten Stadt mit dem reichsten Mann der Welt, Bill Gates. Gemeinsam mit dem Microsoft-Mitgründer brachte er ein Projekt an den Start, in dessen Rahmen Schusswaffen gegen Windows-PCs getauscht werden sollen.

Mexico Citys Bürgermeister Marcelo Ebrard: Stadt per WLAN vernetzen und künftig einmal pro Monat mit dem Rad zur Arbeit fahren
AFP

Mexico Citys Bürgermeister Marcelo Ebrard: Stadt per WLAN vernetzen und künftig einmal pro Monat mit dem Rad zur Arbeit fahren

Doch Ebrards neuer Plan ist noch kühner. Bis 2008 will er das gesamte Stadtgebiet in einen einzigen gigantischen Hotspot verwandeln. Den Anfang markiert die drahtlose Vernetzung von Schulen, Behörden und Tausenden über das Stadtgebiet verteilten Überwachungskameras.

WLAN statt Glasfaser

Eben diese Kameras waren der Auslöser, der das WLAN-Projekt ins Rollen brachte. "Warum sollte man 4000 Kameras mit Glasfaserkabeln vernetzen, wenn jedermann WLAN hat?" argumentierte Ebrard. Statt für das Überwachungsprojekt aufwendig die Straßen aufzureißen und Kabel in die Erde zu legen, wollte er lieber ein großes drahtloses Netzwerk aufbauen. Der Riesen-Hotspot werde "die technologische Entwicklung der Stadt beschleunigen", sagte Ebrard.

Die Verträge für die erste Stufe des Netzausbaus wurden am Montag unterzeichnet. Der Auftrag ging an die ZTE Corp, einen chinesischen Telekommunikations- und Netzwerkausrüster. Laut Ebrard genießt das Projekt innerhalb der Stadtverwaltung "höchste Priorität". Zudem hoffe er, den Netzausbau möglichst bald über das gesamte Stadtgebiet vorantreiben zu können.

Smog, Staus und Stromausfälle

Kritiker hingegen bemängeln, der Bürgermeister setze die falschen Prioritäten. Schließlich leide die Mega-Metropole weithin unter mangelhafter Infrastruktur, ständigen Verkehrsstaus sowie heftigem Smog. Die Wasserversorgung der Stadt kranke beispielsweise an vielen lecken Leitungen. Zudem seien zu geringer Wasserdruck sowie überlastete Pumpen dafür verantwortlich, dass einige Stadtteile nur per Tankwagen mit Frischwasser versorgt werden können.

Da zum Teil auch das Stromnetz der Stadt dermaßen veraltet ist, dass es auch in den wohlhabenden Stadtteilen regelmäßig zu Ausfällen kommt, steht aber ohnehin zu vermuten, dass Anwender des von Ebrard so ambitioniert vorangetriebenen Mega-WLANs ebenso regelmäßig aus dem Netz gekickt werden. Aber die so entstehende netzfreie Zeit könnten sie ja nutzen, um Wasser holen zu gehen.

mak/AP/AFP



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