Microblogging-Dienst Twitter: Kanäle von Britney Spears und Barack Obama gehackt

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Pubertäre Botschaften von Britney Spears, Lockwerbung von Barack Obama: Hacker haben den Web-Dienst Twitter angegriffen und damit für Aufsehen gesorgt. Mit geklauten Passwörtern verschickte jemand im Namen von Prominenten Nachrichten - extrem peinlich für Twitter.

Hamburg - Britney Spears prahlt mit ihren Geschlechtsorganen. TV-Bulldogge Bill O'Reilly von Fox News ist schwul. Und CNN-Moderator Rick Sanchez hat Crack geraucht - weshalb er heute lieber mal zu Hause bleibt.

Eigentümliche, teils sehr pubertäre Botschaften von US-Prominenten konnten Nutzer des Social-Networking-Dienstes Twitter an diesem Montag lesen, wenn sie zu den Abonnenten der Promi-Accounts im Angebot gehörten. Denn die Twitter-Meldungen der Stars waren auf einmal in fremder Hand: Hacker hatten sich die Zugangsdaten zu dem Microblogging-Dienst verschafft.

Nun ist die Aufregung groß, nicht nur Blogger wundern sich - sondern auch große Medien von CNN bis zur "New York Times".

Benzingutscheine von Barack Obama?

Twitter erlaubt es den Nutzern, jederzeit 140 Zeichen lange Botschaften ins Netz zu schicken, auch vom Handy aus. Diese Kurznachrichten-Ströme kann man abonnieren und so über die Aktivitäten seines Bekanntenkreises auf dem Laufenden bleiben, aktuelle Nachrichten verfolgen (auch von SPIEGEL ONLINE) oder sich Surftipps von Internet-Scouts schicken lassen. Das Angebot erfreut sich wachsender Beliebtheit. Der designierte US-Präsident Barack Obama nutzte Twitter sogar im Wahlkampf, um seinen Anhängern kurze Botschaften zukommen zu lassen.

Abonnenten der Twitter-Nachrichten von Barack Obama allerdings wurden an diesem Montag von einer neuen Nachricht überrascht: Man solle an einer Umfrage teilnehmen, um "Benzin im Wert von 500 Dollar zu gewinnen", verkündete der designierte Präsident dort angeblich. Es war der erste "Tweet" auf Obamas Kanal seit dem Wahltag - doch wer den Link unter dem Text anklickte, merkte rasch, dass er auf eine Lockwerbung hereingefallen war. Auch Obamas Twitter-Konto war gehackt worden, wie insgesamt 33 Konten bei dem Microblogging-Dienst.

Firmengründer und -chef Biz Stone gab diese Zahl mittlerweile im Unternehmensblog bekannt und sprach von eiligen Gegenmaßnahmen: "Wir haben die Accounts sofort geschlossen und das Problem untersucht. Rick, Barack und die anderen haben jetzt wieder die Kontrolle über ihre Konten."

Mit einigen Promi-Hacks versuchten die Angreifer offenbar, Geld zu verdienen, indem sie Nutzer auf Seiten lotsten, auf denen sogenannte Affiliate-Anzeigen geschaltet waren - jeder Klick bringt Geld. Zumindest die Schuldigen in diesen Fällen sollten zu ermitteln sein, spekuliert "TechCrunch"-Blogger Michael Arrington: "Es sollte einfach sein, an die Leute zu kommen, die Affiliate-Links über gehackte Twitter-Accounts gepostet haben. Man kontaktiert einfach die Affiliate-Firmen und folgt dann der Spur des Geldes."

Werkzeuge des Support-Teams gehackt

Arrington glaubt, die Täter stammen aus einem Hacker-Forum namens "Digital Gangster" - und in der Tat findet sich dort eine Forumsdiskussion, in der von einem großzügigen Hacker die Rede ist, der an dieser Stelle Zugangsdaten zu Twitter-Accounts verschenkt habe. Wenn das stimmt, wenn tatsächlich ein Passwort-Dieb versucht hat, andere zu beeindrucken, indem er die Früchte seiner Arbeit verschenkt - dann würde das erklären, warum die Daten auf so unterschiedliche Weise benutzt wurden: manche für plumpe Scherze, andere mit offenkundigem finanziellen Interesse, gewissermaßen professionell.

Bleibt die Frage, wie der Täter an die Passwörter kam. Zunächst wurde vermutet, dass Phishing im Spiel war: also gefälschte Web-Seiten, die nur dem Zweck dienen, Nutzer zur Eingabe ihres Passworts zu bewegen. Phishing-Attacken gegen Twitter-Nutzer hatten sich in der vergangenen Woche gehäuft: Im Unternehmens-Blog wurde davor gewarnt, sich durch zugesandte Links auf gefälschte Twitter-Login-Seiten locken zu lassen.

Doch mit diesen Manövern hat der Obama-Britney-Sanchez-Hack offenbar nichts zu tun. "Die Accounts wurden von jemandem missbraucht, der sich in einige der Werkzeuge eingehackt hatte, die unser Support-Team benutzt, um Leuten zu helfen, die zum Beispiel die E-Mail-Adresse ändern wollen, die an ihren Twitter-Account gekoppelt ist", schrieb Unternehmensgründer Stone in seinem Blogeintrag. Die Werkzeuge seien jetzt nicht mehr verfügbar und würden erst wieder angeboten, wenn sie sicher seien.

Diese Erklärung beruhigt Experten allerdings nicht. Das Problem sei "wesentlich ernster, als wenn Leute und Organisationen nur einer einfachen Phishing-Attacke zum Opfer gefallen wären", sagte ein Sophos-Sicherheitsexperte dem Fachblatt "Computerworld". "Es sieht aus, als ob die Systeme von Twitter alle Accounts zu potentiellen Zielen für Hacker gemacht haben." Ein Experte von Symantec stimmte zu - lobte Twitter aber gleichzeitig für "einen sehr offenen und vorausschauenden Umgang" mit dem Problem.

Der Fall wirft unangenehme Fragen auf - schließlich wird Twitter von diversen Politikern zur Kommunikation benutzt und von manchen inzwischen sogar als Nachrichtenquelle in Krisenzeiten betrachtet, von Mumbai bis Gaza. Michael Arrington, selbst ständiger Twitter-Nutzer, konstatiert nun: "Twitter ist nicht bereit für die Hauptsendezeit - auch wenn sich weiterhin Nutzer in Scharen für den Dienst anmelden."

Marshall Kirkpatrick vom Fachblog "ReadWriteWeb" stimmt zu und verweist auf das nicht unwesentliche Problem, dass der kostenlose Dienst nach wie vor kein Geschäftsmodell vorzuweisen hat: "Das kann für Twitter nicht gut sein. Welche große Marke wird den Dienst nun noch benutzen wollen? Und wer würde dafür bezahlen, sich so einem Risiko auszusetzten?"

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Forum - Liefert das soziale Web die besseren Informationen?
insgesamt 28 Beiträge
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1. Jein
fgranna 27.11.2008
Man muss die Informationen genauso bewerten wie die der traditionellen Medien; nicht alles was in der Zeitung steht oder im ÖR verbreitet wird ist richtig. Filtern muss jeder für sich. Die Warheit liegt wie üblich immer dazwischen.
2.
Juliane Fuchs, 27.11.2008
Wieso das "soziale" Web?
3.
mime 27.11.2008
Zitat von Juliane FuchsWieso das "soziale" Web?
Weil es ein großes kommunikatives Miteinander ist.... Quasi eine Web-Gesellschaft.... und die ist nunmal sozial :)
4. schneller, höher, dümmer
fast:sniper 27.11.2008
Herrgott nochmal! Was nützt es mir denn, wenn ich ein paar Minuten schneller als andere erfahre, dass in irgendeinem Hotel auf der anderen Seite der Welt, durchgeknallte Islamisten ihrem Hobby nachgehen?!! Trägt das irgendwie zu meinem Verständnis vom Weltgeschehen bei? Dieser ganze Hype um schnelle Infos, das ist doch Bockmist, mit Verlaub! Na gut, wenn ich grad zufällig Aktien der Hotelkette besitze, in deren Filiale sich das Ganze abspielt, ist es vielleicht nützlich, von der Sache schnell zu wissen. Aber sonst. Da les ich doch lieber am nächsten Tag eine Analyse über die Hintergründe in der Zeitung.
5.
Fuzzie 27.11.2008
Die Nachrichten in den etablierten Massenmedien sind leider auch nicht mehr glaubwürdiger, als andere. Allen voran hat doch der Spiegel in Deutschland dazu beigetragen, dass grad jüngere Menschen kein Vertrauen mehr in die Medien haben. Da vertraue ich noch eher jemandem, ohne finanziellen Interessen, Werbekunden, etc. Grüße
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