Software zur Gefühlserkennung Mr Spock, sind Sie etwa wütend?

Egal ob Freude, Wut oder Angst: Eine neue Microsoft-Software kann angeblich die Gefühle fotografierter Personen bestimmen. Das Programm lässt sich kostenlos im Netz testen - und funktioniert überraschend gut.

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Wie hat sich wohl DFB-Präsident Wolfgang Niersbach gefühlt, als er seinen Rücktritt erklärte und dieses Foto entstand?

Microsoft-Tool/ Foto: Getty Images

Eine mögliche Antwort liefert Microsofts neue Software "Emotion Recognition" - sie soll innerhalb von Sekunden die Gefühle fotografierter Personen bestimmen können. Das Ergebnis: Niersbachs Mimik ist der Software zufolge zu 95 Prozent neutral gewesen. Das Programm will aber auch ein wenig Freude (vier Prozent) und einen Hauch Verachtung (0,5 Prozent) erkannt haben.

Allzu ernst sollte man die Ergebnisse der "Emotion Recognition" vorerst nicht nehmen. "Die Erkennung ist experimentell und nicht immer fehlerfrei", heißt es auf der Website zum Projekt. Mit der nun im Netz veröffentlichten Demo-Version will Microsoft vor allem Entwickler ansprechen, diese können die Software nämlich kostenlos für eigene Produkte weiter verwenden.

Wer will, kann "Emotion Recognition" auch im Browser mit eigenen Schnappschüssen und Bildern aus dem Netz testen. Oft sind die Ergebnisse überraschend gut: Im Gesicht der lächelnden Eiskunstläuferin Aljona Savchenko etwa erkennt die Software zum Beispiel hundertprozentige Freude.

Hier finden Sie einige Beispielergebnisse:

Leonard Nimoy spielte in "Star Trek" die Rolle des Vulkaniers Mr Spock, dessen Spezies ihre Gefühle unterdrückt. Tatsächlich bewertet "Emotion Recognition" Spocks Mimik als vorwiegend neutral. Eine Portion Wut will die Software aber auch erkennen.

Hundert Prozent Freude: Im Lächeln von Eiskunstläuferin Aljona Savchenko sieht Microsofts neue Software zur Gefühlserkennung nicht einen Hauch von schlechter Laune.

Besorgte Miene von EZB-Chef Mario Draghi: Die Microsoft-Software erkennt 50 Prozent Traurigkeit. Eine eigene Kategorie für "Sorge" gibt es nicht - insgesamt kann "Emotion Recognition" derzeit sieben Stimmungen unterscheiden.

Bei seitlich fotografierten Personen hat die Software noch Probleme. Auf dem Beispielfoto hat die Gefühlserkennung bei Angela Merkel geklappt - nicht aber bei Alexis Tsipras. Auch von den beiden unscharfen Gesichtern im Hintergrund kann die Software nur eines erkennen.

Fußballtrainer André Schubert schlägt die Hände überm Kopf zusammen: Laut der Emotionsserkennung überwiegt in seinem Gesicht die Überraschung. Die Software sieht aber auch etwas Wut und Angst.

Eine ungewöhnliche Interpretation: Das Lächeln von Siemens-Chef Joe Kaeser besteht laut "Emotion Recognition" zu 65 Prozent aus Freude und zu 34 Prozent aus Verachtung.

Insgesamt kann das Microsoft-Werkzeug sieben Gefühle unterscheiden: Wut, Verachtung, Ekel, Angst, Freude, Traurigkeit und Überraschung. Eine weitere Kategorie gibt es für einen neutralen Gesichtsausdruck. Die errechneten Werte sind Prozentangaben. Erhält Wolfgang Niersbach beispielsweise in der Kategorie "Freude" den Wert 0,04146, dann entspricht das rund vier Prozent.

Das Onlinemagazin "Watson" hat die Software mit dem Foto einer Person ausgetrickst, die sich als Zombie maskiert hat: "Emotion Recognition" will in der blutigen Fratze einen deutlichen Ausdruck von Freude erkennen. Probleme hat die Software auch mit Personen, die nur schräg oder im Profil zu sehen sind.

Die Software ist Teil von Microsofts sogenanntem Project Oxford. Auf der Website des Projekts lassen sich noch mehr neue Entwicklungen testen. Dazu gehören unter anderem Anwendungen, die das Alter von Personen auf Fotos einschätzen und die gesprochene Sprache in Text umwandeln.

Sammeln privater Daten verboten

Was Entwickler künftig aus Anwendungen wie "Emotion Recognition" machen, ist offen. Lassen sich mit der Software in Zukunft vielleicht Apps entwickeln, die den Nutzer aufmuntern, wenn er auf einem Selfie traurig wirkt? Oder könnten neue Programme die Fotos von sozialen Netzwerken untersuchen, um Werbung gezielt an besonders fröhliche oder grimmige Nutzer anzupassen?

Microsoft betont in einem Verhaltenskodex immerhin, dass die mit Hilfe von "Project Oxford" entwickelten Produkte keine privaten Daten speichern dürfen - jedenfalls nicht ohne Zustimmung der Nutzer. Außerdem sollten Kinder unter 14 Jahren die Software nicht verwenden.

Emojis als Antwort

Neben Microsoft forschen viele weitere Unternehmen an automatischer Gefühlserkennung. So arbeitet zum Beispiel das Fraunhofer-Institut an der Anwendung "Shore", die in Live-Videos die Gefühle, das Alter und das Geschlecht von Personen erkennen soll. Im Netz ist eine Demo-Version für Windows verfügbar, eine Android-App soll nach Angaben der Entwickler noch folgen.

Besonders unterhaltsam ist die Browser-Anwendung "Clmtrackr" des Norwegers Audun Mathias Øygard. Mit "Clmtrackr" können Nutzer in Echtzeit eine Software nach ihren Gefühlen befragen: Das Bild wird via Webcam aufgezeichnet. Die erkannten Gefühle sind dann als Emojis und als Säulendiagramm zu sehen.

Bei vielen Gesichtsausdrücken ist sich "Clmtrackr" aber unsicher, schwankt zwischen zornig, traurig, überrascht und fröhlich. Wer dagegen Grimassen schneidet, erhält meist eindeutige Ergebnisse.

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insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
L!nk 14.11.2015
1. ich bin traurig
Nachdem die Menschen ihre Lebenssituationen, anstatt sie wahrhaft zu erleben nur noch knipsen und 'teilen, ihre Kommunikation mehr und mehr auf 40 Zeichen beschränken, soll jetzt auch das Urteilsvermögen samt dessen Reaktion darauf von den individuellen Menschen an die Softwarefirmen abgetreten werden. Ach ja: Und von allen Seelen, die Kirk auf seinen Reisen begegnet ist, war die von Spok die menschlichste ...
detlef.drimmer 14.11.2015
2.
"Eine neue Microsoft-Software ... und funktioniert überraschend gut." Ah ja, stimmt. Aus dem Hause Microsoft kann im Gegensatz zu Google und Apple ja gewöhnlich nichts kommen, was funktioniert.
Claus S.Schoenleber 14.11.2015
3. Was für eine Entwicklung...
In dem Maße, wie der Mensch seine wichtigste Fähigkeiten verliert, andere Menschen einschätzen zu können, gedeihen zum Scheitern verurteilte Versuche wie Unkraut auf dem digitalen Nährboden, diese eigentlich wichtige menschliche Fähigkeit mit Machinen nachzubilden und dem Menschen dann den Glauben an dieses Goldene Kalb als Kompensation anzubieten. Ein Rätsel zum Knobeln: Wofür wird Ihrer Ansicht nach eine solche Technik schließlich verwendet, wenn sie dann mit halbwegs kleinen Fehlerraten irgendwann endlich Serienfertigungsreife erzielen wird?
galder_wetterwachs 14.11.2015
4. Kombiniere
n mit Gesichtererkennung, Bewegungsmusteranalysen, Onlinedaten, Handydaten - Anschläge wie gestern verhinderbar? Big Brother is watching us!
wanderer777 14.11.2015
5. Aufmunternde App? Hallo?
Ich brauche keine App, die mich aufmuntert, wenn ich auf einem Selfie traurig gucke - denn dafür gibt es MENSCHEN. Der Autor hat wohl zu lange im Facebook Kindergarten gegrast. Alle Facebook Opfer haben eins gemeinsam : nämlich keine Peilung mehr, wie man mit REALEN Menschen umgeht.
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