Computersicherheit Ist Windows 10 eine Passwortschleuder?

Mit Windows 10 kann man WLAN-Passwörter mit Freunden teilen. Die Funktion soll den Komfort erhöhen - aber ist sie auch sicher?

Von Uli Ries

WLAN-Optimierung auf einem Windows-Handy: Zugang zu fremden Netzwerken öffnen

WLAN-Optimierung auf einem Windows-Handy: Zugang zu fremden Netzwerken öffnen


"Kannst du mir mal euer WLAN-Passwort sagen?" Mit der Windows-10-Funktion WLAN-Optimierung will Microsoft solche Fragen künftig obsolet machen. Statt mündlich sollen die Zugangsdaten künftig automatisch ausgetauscht werden. Mit dem neuen Betriebssystem kann jeder Nutzer eines Windows-Geräts für jedes von ihm genutzte Drahtlosnetzwerk festlegen, ob er seinen Zugang auch Freunden und Bekannten zur Verfügung stellen möchte.

Microsoft hat drei Personengruppen als potenzielle Empfänger dieser Informationen festgelegt: Kontakte aus dem Adressbuch eines Outlook.com-Kontos, Facebook-Freunde sowie Skype-Kontakte. Bei Skype und Facebook muss es sich dabei um Kontakte handeln, die von beiden Partnern bestätigt worden sind.

Unternehmens-WLANs, die den Standard IEEE 802.1x nutzen, um Anwender zu autorisieren, bleiben außen vor, sie werden von der neuen WLAN-Optimierung nicht erfasst.

Ohnehin ist die Funktion nicht wirklich neu. Microsoft hat sie 2014 mit dem Smartphone-Betriebssystem Windows Phone 8.1 eingeführt. Da Windows-Handys aber nicht sehr weit verbreitet sind, blieb der automatische Passwort-Transfer weitgehend unbemerkt. Mit der Einführung von Windows 10 auf Millionen PC wird sich das schlagartig ändern.

Microsoft verspricht Verschlüsselung

Im Prinzip funktioniert die WLAN-Optimierung so: Gibt man sein Passwort für ein bestimmtes WLAN frei, werden die Anmeldedaten auf einem Microsoft-Server gesichert. Nähert sich nun jemand, dem man diese Daten freigegeben hat, dem fraglichen Netzwerk, werden die Zugangsdaten auf sein Gerät übertragen, so dass dieses sich anmelden und den Internetzugang nutzen kann.

Microsoft zufolge erfolgt die Datenübertragung zwischen den Endgeräten und den Servern verschlüsselt. Ebenso sollen die WLAN-Daten verschlüsselt auf den Servern liegen. Welche Techniken und Algorithmen zum Absichern der Daten verwendet werden, erklärte Microsoft auf Nachfrage nicht.

Das Unternehmen verspricht allerdings, dass die Empfänger der Daten die Passwörter nicht im Klartext lesen können. Andernfalls könnten diese die Zugangsdaten ja unkontrolliert verbreiten.

Wie kommen die Daten aufs Notebook?

Welchen Funktionsumfang die WLAN-Optimierung bei Windows 10 haben wird und ob er von den von Smartphones bekannten Details abweicht, wollte Microsoft vor dem für Ende Juli geplanten Marktstart des Systems nicht erläutern. In die aktuelle Vorabversion von Windows 10 ist die Funktion bereits eingebaut.

Microsoft bestätigte aber, dass PC und Notebooks - anders als Smartphones - kein integriertes GPS-Modul benötigen, um die WLAN-Optimierung nutzen zu können.

Wie ein Notebook ohne Mobilfunkzugang - das also offline ist -, an das Passwort eines sich in der Nähe befindlichen Netzwerks kommen soll, ist noch nicht bekannt.

Kritik am Freigabesystem

Unklar ist ebenfalls, wie Microsoft den Zugang zum jeweiligen Netzwerk regeln will. In der Dokumentation zur WLAN-Optimierung heißt es: "Ihre Kontakte erhalten nur Zugriff auf das Internet. Ihre Kontakte können nicht auf Computer, Geräte oder Dateien aus Ihrem Heimnetzwerk zugreifen."

Wie dieser Zugriffsschutz funktioniert, hat Microsoft trotz Nachfrage nicht erklärt. Normalerweise bedarf es einer genauen Konfiguration der im eigenen Netz betriebenen Geräte, um solche Zugriffe zu kontrollieren.

So sieht Windows 10 aus

Bereits mit der Version 10049 wurde der neue Webbrowser Spartan eingeführt. Mit dem Update vom 23. April bekommt er Detailverbesserungen und Fehlerkorrekturen.

Neue Vorabversionen von Windows 10 kann man in den Systemeinstellungen, unter Update und Wiederherstellung herunterladen. Ende April stehen dort neben der Vorabversion 10061 diverse Sicherheits-Updates bereit.

Das neue Startmenü: In ähnlicher Form wie hier in der zweiten Windows-10-Vorabversion gab es das auch schon in der ersten Preview-Version. Im Grunde ist es eine Mischung aus altem Startmenü und der Kacheloptik von Windows 8.

Darf es auch ein bisschen mehr sein? Neu ist, dass man das Startmenü per Mausklick jetzt bildschirmfüllend vergrößern kann. Das ähnelt sehr dem Erscheinungsbild von Windows 8 und ist vor allem auf Tablets nützlich. Vom Desktop aus lässt sich die vollflächige Darstellung auch über die Windows-Taste aktivieren.

Settings: In erster Linie heben sich die Systemeinstellungen von Windows 10 optisch durch eine feinere Grafik von denselben Funktionen in Vorversionen ab.

Wo soll es hin? Nutzer von Windows-Smartphones kennen diese Funktion bereits: Per Storage Sense kann man Dateien je nach Dateityp an unterschiedlichen Orten speichern lassen.

Alles auf Anfang! Oder lieber doch nicht? Windows 10 bietet verschiedene Möglichkeiten, das Betriebssystem aufzufrischen oder zu einer vorherigen Version zurückzukehren, ohne dass dabei Daten verloren gehen.

Mehr Privatsphäre: In den Privatsphäre-Einstellungen lässt sich sehr kleinteilig festlegen, welche Apps beispielsweise Mikrofon und Webcam nutzen dürfen und welche die Standortinformationen.

Individualisierung: Für viele Anwendungen lässt sich einstellen, welche App das System als Standard verwenden soll. Ist keine alternative App vorhanden, kann man sich passende Apps im Windows Store anzeigen lassen.

Windows-Explorer: Eine etwas aufgefrischte Optik sorgt für ein moderneres Erscheinungsbild. Zwischen unterschiedlichen Darstellungsgrößen kann man mit der Tastenkombination STRG-SHIFT-Zahl umschalten.

Mittendrin: Microsofts Online-Speicher OneDrive ist in Windows 10 so tief integriert, dass er sich fast wie eine lokale Festplatte nutzen lässt.

Benachrichtigungszentrum: Das sogenannte Notification Center informiert über aktuelle Systemmeldungen, neue Nachrichten und anstehende Termine. Auch Drittanbieter-Apps können diesen Platz nutzen.

Neuer Windows Store: Parallel zu Microsofts etablierten Onlineshop wird in der neuen Windows-10-Version die Betaversion einer überarbeiteten Variante angeboten.

Spielkram: Beim ersten Aufruf der neuen Xbox-App wird man unmissverständlich darauf hingewiesen, dass diese Software noch nicht fertig ist. Updates sollen aber regelmäßig eingespielt werden.

Der Beweis: Schon beim kurzen Ausprobieren der Xbox-App zeigt sich, welche großen Lücken darin noch klaffen. Beim Aufruf vieler Funktionen erscheint nur der Hinweis, diese würden "bald kommen".

Gut synchronisiert: Die Photos-App von Windows 10 erinnert an ihr Pendant auf Windows-Smartphones, mit dem die Bildbestände via Cloud abgeglichen werden. Auch hier klaffen noch viele Funktionslücken.

Da geht schon was: Grundlegende Bildbearbeitungsfunktionen lassen sich mit der Photos-App schon ausprobieren.

Wissen, was geht: Die Karten-App von Windows 10 basiert auf Nokias Here-Maps und zeigt deshalb dieselben Kartendaten und Verkehrsinformationen an, die man auch in den Here-Apps für Smartphones zu sehen bekommt.

Schiefes Bild: Auch eine perspektivische Ansicht bietet die Karten-App. Leider scheinen die Kartendaten nicht überall aktuell zu sein. Die hier eingezeichnete Tankstelle beispielsweise gibt es schon seit Jahren nicht mehr.

Ein bisschen spartanisch: Grundsätzlich wird Windows 10 noch mit dem Internet Explorer ausgeliefert. Indem man in dessen Adresszeile about:flags eintippt und dann die "Experimental Web Platform Features" auf "Enabled" stellt, kann man aber immerhin schon die dem künftigen Microsoft-Browser zugrundeliegende Trident-Engine aktivieren - auf eigene Gefahr.

Zum Plappern: In die US-Variante von Windows 10 ist bereits eine Vorabversion der sprachgesteuerten Assistenzfunktion Cortana integriert.

Verkehrte Wahrnehmung: Bei manchen Fragen, die man an Cortana richtet, merkt man eindeutig, dass die Software sich auf einem Smartphone wähnt. Hier haben wir gefragt: "What's up?" Cortana gab es bisher nur auf Windows-Smartphones.

Basiswissen: Grundsätzlich lässt sich Cortana mit fast beliebigen Fragen testen. Nicht immer aber erhält man so konkrete Antworten wie hier auf die Frage, wie viele Liter eine US-Gallone sind.

Weiterführende Antwort: Bei manchen komplexen Fragen verweist Cortana nur auf eine Websuche per Bing. Das System steckt eben noch in der Entwicklungsphase.

Ein wenig Humor: Auch auf die Frage, wer denn wohl Siri - Apples Gegenstück zu Cortana - ist, hat das System eine Antwort. Wenn auch eine nur teilweise ernst gemeinte.

Außerdem sollte man etwas Geduld mitbringen. Laut Microsoft kann es mehrere Tage dauern, bevor freigegebene WLAN-Zugangsdaten den jeweiligen Kontakten zur Verfügung stehen. Umgekehrt müsse man auch mit mehrtägigen Verzögerungen rechnen, wenn man eine Freigabe zurückzieht.

Die wohl größte Einschränkung des Systems dürfte aber sein, dass man die Netzwerkfreigaben nicht auf einzelne Nutzer begrenzen kann, sondern stets einer kompletten Kontaktgruppe zuordnen muss.

Bis auf Weiteres: selber machen

Solange Microsoft keine feinere Steuerung der WLAN-Freigaben ermöglicht, nicht erläutert, wie das System gesichert wird und wie die Zugangskontrolle in lokalen Netzen funktioniert, sollte man die neue Windows-Funktion mit Vorsicht nutzen.

Geht es darum, Freunden das eigene WLAN zu öffnen, wenn sie zu Besuch kommen, ist es möglicherweise besser, ein Gastnetzwerk einzurichten. Viele moderne WLAN-Router bieten eine solche Funktion, oft lässt sich damit auch der Zugang zum Heimnetz verschließen.

AVMs Fritzboxen konfigurieren dieses Gastnetz beispielsweise ab Werk so, dass Gäste nur ins Internet dürfen. Andere ins Netzwerk eingebundene Geräte - sei es per Kabel oder drahtlos verbunden - bleiben für sie unsichtbar.

Wer die an sich praktische WLAN-Optimierung von Windows und Windows Phone trotz der derzeitigen Unklarheiten nutzen will, sollte sich vorher unbedingt die Frage-Antwort-Sammlung auf Microsofts Webseite durchlesen.

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insgesamt 48 Beiträge
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Seite 1
Frua 07.07.2015
1. Was soll das eigentlich mit immer komplizierteren Passwörtern? Die man sich aufschreiben muss und damit enthüllt.
Andere hingegen sind ganz geil darauf, in jedem sozialen Netzwerken ihre ganzen ungeheuer wichtigen Geheimnisse loszuwerden. Ist das nun zwiespältig oder schon schizophren? Wahrscheinlich nichts als Wichtigtuerei.
Treibsand 07.07.2015
2. Passwörter teilen?
Passwörter teilen? Lese ich das richtig? Von wem kommt der Vorschlag? Von der NSA?
Untertan 2.0 07.07.2015
3. Windows und Sicher?
Microsoft ist eine US-Firma. Dadurch ist sie gesetzlich gezwungen ihre Kunden zu belügen. Wie kann man da noch ernsthaft nach Sicherheit fragen?
SPONU 07.07.2015
4. Mal wieder...
...Bequemlichkeit schlägt Sicherheit.
Mario V. 07.07.2015
5. Ihre Kontakte erhalten nur Zugriff auf das Internet.
"Wie dieser Zugriffsschutz funktioniert, hat Microsoft trotz Nachfrage nicht erklärt." Wahrscheinlich will Windows Zugriff auf den Admin-Account des Routers, um das Gastnetzwerk einzurichten oder dessen Konfiguration abzufragen. Oder man muss Windows die Zugangsdaten zum Gastnetzwerk mitgeben. Wie auch immer, man muss seinem OS ziemlich viele Rechte einräumen für dieses bisschen Bequemlichkeit. Viel zu viele, wie ich meine, in Zeiten wie diesen.
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