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Milliarden-Deal mit YouTube: "Wir haben einen fairen Preis bezahlt"

Googles Nordeuropa-Chef Philipp Schindler ist von YouTube begeistert. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erklärt er, warum er den Kaufpreis von 1,65 Milliarden Dollar für fair hält, was Google mit gleich zwei Videoplattformen anfangen will - und was deutsche Manager am Netz noch nicht begriffen haben.

SPIEGEL ONLINE: Seit wann wussten Sie, dass Google YouTube kaufen würde?

Schindler: Es ist ein so sinnvoller und nahe liegender Schritt, dass Sie davon ausgehen können, dass wir das Thema natürlich schon eine Weile im Herzen tragen.

Google-Nordeuropa-Chef Schindler: "Für uns hat das Wahren der Urheberrechte von Inhalte-Anbietern höchste Priorität"
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Google-Nordeuropa-Chef Schindler: "Für uns hat das Wahren der Urheberrechte von Inhalte-Anbietern höchste Priorität"

SPIEGEL ONLINE: Die Kaufsumme von 1,65 Milliarden Dollar ist astronomisch - für ein Unternehmen, das nicht einmal Gewinn macht. Außerdem hat Google ja bereits einen eigenen Videodienst. Können Sie uns näherbringen, was an dieser Anschaffung so sinnvoll sein soll?

Schindler: YouTube hat es geschafft, das erfolgreichste Video-Angebot im Web zu etablieren, ein spannendes, hochgradig intensiv angenommenes Produkt. Was spricht dagegen, ein so gutes Produkt mit einer so erfolgreichen Firma wie unserer zu kombinieren?

Wir haben mit Google Video ein ähnliches Produkt, das aber nicht an den Erfolg von YouTube heranreicht - zumal Google Video ja noch ein Beta-Produkt, also noch kein fertiges Produkt ist.

SPIEGEL ONLINE: Wie lange wird es dauern, bis Sie mit YouTube tatsächlich Geld verdienen?

Schindler: Das lässt sich jetzt, einen Tag nach der Bekanntgabe des Deals, natürlich schwer beantworten. Klar ist, dass es interessante Erlösmodelle gibt. Darüber kann ich aber heute noch nichts sagen. Doch wir sind fest davon überzeugt, dass wir YouTube zu einem fairen Preis gekauft haben. Wir haben eine Vielzahl von Analysen gemacht, wir wissen, dass YouTube eine sehr starke Marke ist und eine extrem große Reichweite hat. Und wir glauben, dass wir, wenn wir das mit unseren Stärken kombinieren - nämlich hochvolumig automatisierte Werbesysteme zu betreiben - einen absolut intelligenten Schritt machen. Wir wissen, dass die nächste Evolutionsstufe des Internets auf einer audiovisuellen Basis aufbauen wird.

SPIEGEL ONLINE: Die Werbung über Suchworte funktioniert mit Text - wenn ich nach "Handschuh" suche und dann "Handschuh"-Anzeigen gezeigt bekomme, ist das sicher sinnvoll. Wie soll das mit Videos gehen, in denen etwa ein junges Mädchen von ihrem Liebeskummer erzählt?

Schindler: Ein Ansatz, den wir allerdings bis heute nicht verfolgen, ist das sogenannte flow tracking. Man sieht sich Profile von Konsumenten an - wofür interessieren sich Konsumenten? Nehmen wir mal an, dass Sie sich heute Abend bei YouTube ein Video von "lonelygirl 15" ansehen, aber heute Vormittag sind Sie auf irgendwelchen Finanzseiten unterwegs gewesen und haben sich für ein Girokonto interessiert. Dann könnte es also für Sie relevant sein, wenn zum "lonelygirl-15"-Video eine Anzeige für ein Girokonto eingeblendet wird.

SPIEGEL ONLINE: Sie wollen den Online-Nutzer auf Schritt und Tritt im Auge behalten? Die Datenschützer werden begeistert sein.

Schindler: Wie gesagt, das machen wir bisher noch nicht, weil wir noch besser verstehen wollen, wie Konsumenten das empfinden, wie es mit dem Thema Datenschutz aussieht, und so weiter. Wir beobachten diesen Bereich aber sehr genau.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie vor, bis es soweit ist? Soll YouTube zunächst mal gar kein Geld einbringen?

Schindler: Konkret kann ich noch nicht werden, aber natürlich gibt es wie gesagt Erlösmodelle. Eine Form ist beispielsweise das Sponsoring von bestimmten Inhalten. Eine andere Möglichkeit ist, dass bestimmte Inhalte gegen Gebühr angeboten werden, wie wir das jetzt schon bei Google Video machen. Eine weitere wäre, einen Werbespot vor einem Video zu zeigen. Zum jetzigen Zeitpunkt können wir aber nicht sagen: Das wird der Weg sein. Wir müssen daran arbeiten, unsere Targeting-Systeme, die für textbasierte Inhalte gut funktionieren, auch auf die audiovisuelle Welt zu übertragen.

SPIEGEL ONLINE: Viele Videos auf YouTube bestehen aus zusammengeklaubtem Material. Wie wollen Sie Urheberrechts-Verletzungen unterbinden?

Schindler: Für uns hat das Wahren der Urheberrechte von Inhalte-Anbietern höchste Priorität. Zum einen weisen wir unsere Nutzer darauf hin, dass auf den Plattformen kein urheberrechtlich geschütztes Material hochgeladen werden darf. Zum anderen haben Google Video und YouTube beide ein System, das Content-Inhabern ermöglicht, uns mitzuteilen, wenn ihre Rechte verletzt werden, und wir reagieren darauf in kürzester Zeit.

SPIEGEL ONLINE: Sie verfolgen im Moment eine Doppelstrategie: Einerseits Einigungen mit den Rechteinhabern, andererseits das Herausfiltern urheberrechtlich geschützter Inhalte, deren Anbieter die Rechte nicht freigeben wollen. Schadet das dem anarchischen Charme von YouTube?

Schindler: Ich glaube, YouTube ist aus vielerlei Gründen attraktiv, nicht nur wegen urheberrechtlich geschützter Inhalte. Die Strategie muss sein, die Attraktivität zu wahren, und gleichzeitig die Rechte der Inhalte-Anbieter zu wahren. So werden bereits heute automatisierte Systeme getestet, die erkennen sollen, ob Inhalte urheberrechtlich geschützt sind - daran wird mit Hochdruck gearbeitet.

SPIEGEL ONLINE: Jetzt haben sie mit Google Video und YouTube zwei Angebote, die eigentlich dasselbe machen. Wie soll es mit den beiden weitergehen?

Schindler: Der aktuelle Stand ist, dass wir beide Marken und beide Produkte so wie sie sind weiter betreiben wollen. Es ist nicht geplant, YouTube einzustellen oder die Firmen komplett zu fusionieren.

SPIEGEL ONLINE: Der Kurs der Google Chart zeigen-Aktie wächst immer noch zügig - Sie sind heute mehr wert als General Motors Chart zeigen, Ford Chart zeigen, Walt Disney Chart zeigen, Amazon Chart zeigen und die größten US-Zeitungen zusammen. Nun tätigen sie eine Investition von 1,65 Milliarden Dollar - schaffen Sie gerade die nächste Internet-Blase?

Schindler: Wir glauben, dass die aktuelle Entwicklung des Internets und des digitalen Medienkonsums auf einem soliden Fundament steht. Sehen Sie sich Amazon oder eBay an - das sind mittlerweile hoch profitable Geschäftsmodelle. Von einer Blase zu sprechen, ist aus meiner Sicht völlig verfehlt. Das Internet wird ein fundamentaler Bestandteil unseres Lebens werden. Dort werden Kaufentscheidungen vorbereitet und abgeschlossen, dort findet künftig Markenbildung statt, dort werden Medien konsumiert. Im Gegensatz zur sogenannten New Economy von Ende der Neunziger verdienen Firmen im Internet heute gutes Geld.

SPIEGEL ONLINE: In Deutschland ist das Zögern immer noch groß - nicht zuletzt bei Ihren Werbekunden. Haben deutsche Vermarkter das Netz noch nicht begriffen?

Schindler: Das Internet wird von Werbetreibenden als längst nicht so wichtig wahrgenommen, wie es tatsächlich ist. Internetwerbung macht einen sehr geringen Prozentsatz der gesamten Werbeausgaben aus. Den deutschen Marketingchefs mangelt es in erster Linie an Innovationsgeschwindigkeit.

SPIEGEL ONLINE: Woran liegt das?

Schindler: Ein Beispiel: Wir wissen, dass eine Vielzahl von Konsumenten ihre gesamte Kaufvorbereitung online erledigt, dann aber offline den Kauf abschließt. Das ist aber sehr schwer nachzuverfolgen. Ein amerikanischer Manager fragt einmal in seinem Freundeskreis herum "Macht ihr das so?" und geht am nächsten Tag in seine Firma und sagt "Ja, das findet so statt". Der deutsche Manager glaubt auch, dass das so stattfindet, setzt aber erst einmal eine wissenschaftliche Marktforschung auf, die deutschen Standards entspricht. Wir warten erst einmal, bis wir den ultimativen Beweis für etwas haben, von dem wir eigentlich wissen, dass es längst Wirklichkeit ist.

SPIEGEL ONLINE: Die Anzahl der Google-Produkte wird langsam unüberschaubar - welche Strategie verfolgt Google eigentlich?

Schindler: Wir haben eine ganz einfache Mission: Wir wollen die Information dieser Welt organisieren und den Menschen einfach zur Verfügung stellen. Informationen sind nicht nur textbasiert - da sind wir schon ziemlich weit - sondern auch audiovisuell, in Büchern gespeichert, Geoinformationen spielen eine Rolle, Information, die bei Kommunikation entsteht, und so weiter. Ich finde bei Google kein Produkt, das man nicht dieser Mission zuordnen könnte.

SPIEGEL ONLINE: Kalender, Tabellenkalkulation, Textverarbeitung - das sind ziemlich private Informationen, die man nicht unbedingt der ganzen Welt zur Verfügung stellen möchte ...

Schindler: Das stimmt. Und darum entscheidet der Nutzer bei den angesprochenen Produkten selbst darüber, wer diese Dokumente sehen oder bearbeiten darf. Die Mission von Google schließt natürlich nicht ein, gegen privaten Datenschutz zu verstoßen. Die entscheidende Regel, an die wir uns halten, ist die, dass der Konsument am Ende selbst entscheiden muss, welche Informationen er uns zur Verfügung stellen möchte.

SPIEGEL ONLINE: Wenn ein Unternehmen zu groß wird, ändert sich unter Umständen irgendwann das Bild - wie gehen Sie dagegen an, als mächtiger, skrupelloser Konzern, als mysteriöse Datenkrake wahrgenommen zu werden?

Schindler: Das ist ein Thema, das wir extrem ernst nehmen. Niemand muss Google oder Google Produkte nutzen, alle Nutzer kommen freiwillig. Wir haben keine Leitungen verbuddelt, wir vertreiben keine vorinstallierten Betriebssysteme. Google wird nur deshalb benutzt, weil Konsumenten uns attraktiv finden, wir sind immer nur einen Klick davon entfernt, nicht mehr genutzt zu werden. Wir müssen zurückhaltend und bescheiden auftreten, in all dem was wir tun, gerade weil wir so groß sind. Der Erfolg von Google steht und fällt mit dem Vertrauen der Nutzer.

Ein konkretes Beispiel: Wir sind massiv dabei, in der ganzen Welt lokale Entwicklungsstudios aufzubauen, etwa in Norwegen und in der Schweiz - weil wir festgestellt haben, dass der Konsument ein hohes Maß von Lokalisierung in seinen Produkten wünscht. Wir dürfen keine ausschließlich amerikanische Sichtweise haben, sonst laufen wir in die Richtung, die Sie mit Ihrer Frage andeuten.

Die Fragen stellten Hasnain Kazim und Christian Stöcker

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Forum - Google kauft YouTube - cleverer Schachzug oder Fehlentscheidung?
insgesamt 77 Beiträge
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1.
aloa5, 10.10.2006
Die Zeichen der Zeit erkannt ! Die Musikindustrie kann nicht alles aufhalten - und es lässt sich allemal gut mit Bezahl-Dinensten verknüpfen. Als grosser Werbe-Vermarkter ist Google für die Zukunft gerüstet ----mehr und mehr.
2.
Reziprozität 10.10.2006
Ich wuerde eher zu "cleverer Schachzug" neigen, aber wer weiss das schon heutzutage. Der Preis erscheint mir recht hoch, andererseits werden die Schlachten der Zukunft im Web ueber Inhalte gefochten. Und wer Mitmach-Web 2.0 propagiert braucht sowas wie YouTube. Mal ganz abgesehen von der damit erzielbaren Reichweite fuer die Werbung.
3.
rockbar, 10.10.2006
---Zitat von aloa5--- Die Zeichen der Zeit erkannt ! Die Musikindustrie kann nicht alles aufhalten - und es lässt sich allemal gut mit Bezahl-Dinensten verknüpfen. Als grosser Werbe-Vermarkter ist Google für die Zukunft gerüstet ----mehr und mehr. ---Zitatende--- Dem stimme ich zu. Google hat nach der Erschaffung von Video-Google einen weiteren großen Schritt getan. Youtube aufzukaufen war auf der einen Seite sehr schlau, da viele Jugendliche in Youtube einen kostenlosen Hoster für selber gedrehte Filme sehen. Darüber hinaus präsentiert Youtube - bzw. Google - wie das Internet von Morgen aussehen soll. Geschaffen werden kann dies jedoch nur durch die Menschen hinter den Bildschirmen und nicht durch Google und co.
4.
Sechzehnbittedreizehn, 10.10.2006
Klar, zu Web 2.0 gehört Spekulationsblase 2.0 lol
5. Genialer Schachzug!!!
Shaft13 10.10.2006
Klagen wegen Urheberrechtsverletzungen mal aussen vor gelassen,war dieser Kauf ein Geniestreich nach dem jetzigen Stand der Dinge. Beziehe mich hie rweniger auf den Nutzen usw, sondern das Google youtube mit Googleaktien gekauft hat. Durch den kauf sind die Aktien aber so stark angestiegen,das der Googleaktienwert um mehr als die Kosten von youtube gestiegen sind. Somit quasi youtube geschenkt bekommen^^.
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